Palmsonntag: Die Komfortzone verlassen – oder: (Sich) Ermutigen

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Das 3-Zonen-Modell im Leben und im Geschick Jesu

Theologisch oder für sehr kirchenfromme Ohren und Geister mag es ein wenig zu „weltlich“ sein, das Geschehen um Jesus und sein Geschick in der Karwoche aus dem sog. „3-Zonen-Modell“ und anhand der Beschreibungen zur Komfortzone, zur Wachstumszone und zur Panikzone zu deuten. Für eine „Spiritualität für Soziale Berufe“ bietet sich das allerdings geradezu an.[1]

» Ich glaube ohnehin nicht, dass Einsicht der entscheidende Faktor ist. Praxis ist der entscheidende Faktor. Deshalb ist der Kulturbegriff für mich auch so wichtig. Es geht darum, diese Kultur auch zu leben, nicht nur auf einer kognitiven Ebene zur Kenntnis zu nehmen. Deshalb kann die aus meiner Sicht notwendige Veränderung nur aus einer Veränderung der Praxis heraus entstehen. «
Harald Welzer im Gespräch mit Rebekka Reinhard und Thomas Vasék, in: Hohe Luft 03/2022, Hamburg, 61.

Die Komfortzone verlassen

Die „Komfortzone“ Jesu: Nach der Kindheitsgeschichte und den Vorbereitungen des öffentlichen Wirkens Jesu beschreibt das Lukasevangelium von der zweiten Hälfte des vierten Kapitels bis gegen Ende des neunten Kapitels Jesu Wirken in Galiläa. Hier ist Jesu „Komfortzone“! Die Komfortzone eines Menschen kann mit den Begriffen „Wohlbefinden“ und „Sicherheit“ umschrieben werden. Routinen, Gewohnheiten, Selbstsicherheiten sind hier zu Hause. Im Falle Jesu spricht die Exegese vom „Galiläischen Frühling“, von der Zeit der Berufungen, der Nachfolge, der Heilungen, der Wunder überhaupt – die Botschaft Jesu und Jesus selbst: beides kommt bei den Menschen an. Man könnte sagen, er wird in seiner Kompetenz anerkannt und findet mehr und mehr zu sich selbst, zu seiner Rolle, in seine Sendung hinein.

Offen bleibt die Frage, was Jesus angetrieben oder gelockt hat, seine Komfortzone zu verlassen. Vielleicht spielt hier – im Sinne einer Eigeninitiative – der Begriff der Sendung oder der Berufung eine Rolle. Oder ein anderer Zugang: auf andere Weise spirituell treibt Jesus die Reinigung, die Reformation seiner eigenen Religion voran, um mehr Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe spürbar werden zu lassen. Äußere Zwänge, seine Komfortzone zu verlassen, sind in der Geschichte Jesu eher nicht erkennbar.

» Ist eine Person in ihrem Glauben an eine Lehre gefangen, so verliert sie all ihre Freiheit. Wird man dogmatisch, so glaubt man, nur die eigene Lehre sei wahr und alle anderen seien Irrlehren. Streitigkeiten und Konflikte erwachsen alle aus beschränkten Sichtweisen. «
Thich Nhat Hanh (2020) Wie Siddartha zum Buddha wurde. Eine Einführung in den Buddhismus, 201.

Die Lernzone erleben

Vom neunten bis ins 19. Kapitel hinein erzählt Lukas die Geschehnisse auf seinen Weg nach Jerusalem. Der Ton, die Begegnungen und die Ereignisse ändern sich im Vergleich zur Komfortzone in Galiläa. Begegnungen mit den fremden Samaritern werden geschildert. Vor allem kommen Schriftgelehrte, Hohepriester und Pharisäer als Gegner Jesu ins Spiel, werden sogar spielführend. Auch der König Herodes entpuppt sich als Gegner. Es kommt zu neuen Herausforderungen, zu Unsicherheiten und Risiken. Denken Sie nur an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und die Kritik am Priester und am Leviten (Lk10,29-37), denken Sie an die Weherufe über Pharisäer und Gesetzeslehrer (Lk 11,37-54), denken Sie an die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig, in dem da Kleine das Große verändern will (Lk 13,18-21), und denken Sie an das Gleichnis vom verlorenen Sohn und der Rolle der Barmherzigkeit, die dem Umkehrenden geschenkt wird, die nicht erwerbbar oder anderweitig herzustellen ist (Lk 15,11-32). Jesus muss sich, vor allem angesichts seiner Gegner, neu erfinden, und neue Antworten sind auf die alten Fragen für ihn notwendend, notwendig geworden.

» Wenn der oder die Einzelne handelt, dann gibt er oder sie einen Impuls ins System. Und wenn es gut läuft, verändert sich dieses System aufgrund dieses Impulses. Wenn es nicht so gut läuft, verändert sich zwar nicht das ganze System, aber trotzdem hat es in diesem kleinen Punkt eine Veränderung gegeben. Und das ist mehr als nichts. «
Harald Welzer im Gespräch mit Rebekka Reinhard und Thomas Vasék, in: Hohe Luft 03/2022, Hamburg, 61.

Die Grenze zur Panikzone überschreiten

Mit Lk 19,28 beginnt die Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem, beginnt das, was im 3-Zonen-Modell die „Panikzone“ genannt wird. Trotz des überschwänglichen Empfanges in der Stadt – nein: wegen dieses Empfangs Jesu durch das Volk – ist Jesus den Mächtigen ausgeliefert. Jerusalem ist nicht nur „neues Terrain“, hier wird der Statthalter und die anderen Mächtigen von einer Priesterkaste und von Schriftgelehrten beherrscht und instrumentalisiert. Jesus ist ausgeliefert – zunächst den Umständen und den Abläufen, später den Mächtigen. Am Horizont – das Kreuz.

Mit diesem Tag, mit diesem Einzug Jesu in Jerusalem beginnt die „Heilige Woche“. Es ist, als wolle sie uns sagen, dass nicht die „Komfortzone“ das letzte Ziel ist, auch nicht die „Lernzone“, in der wir Gewohntes und Alltägliches neu bedenken und dann verändern können. Die Heilige Woche nimmt die „Panikzone“ in Jesu Leben in den Blick.

Zum Leben auferstehen – und das feiern wir Ostern – meint, sich den Umständen, den Abläufen, den Mächtigen auszusetzen, um neu, um anders, um mehr der Realität des Lebens gehorchend und den Menschen, uns selbst und somit Gott zu dienen und zu leben.

» Niemand betrüge oder verachte einen anderen. «
Khema, Ayya (2014): Nicht so viel denken, mehr lieben, Buddha und Jesus im Dialog, Uttenbühl, 4. Aufl., 11.

(Sich) Ermutigen – Den Esel losbinden (wollen)?

Ein kleines Detail ist mir lieb: In Lk 19,30 sagt Jesus den Jüngern zur Vorbereitung seines Einzugs in Jerusalem, sie würden im Dorf ein Fohlen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen habe. Und er gibt ihnen mit: „Bindet es los und bringt es her! Und wenn jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann antwortet: Der Herr braucht es.“ Und genau so geschieht es. Schade ist, dass die neue Einheitsübersetzung in diesem Vers jetzt von einem Fohlen spricht – die vorige Ausgabe sprach noch von einem Esel und demzufolge hieß es“ „Bindet den Esel los, der Herr braucht ihn!“

Für heute mag es genügen, die eigene Komfortzone gut zu betrachten und zu würdigen. Gehen Sie innerlich ruhig bis an Ihre selbstgesteckten Grenzen, bis dorthin, wo der Komfort nachtlässt – und wagen Sie ein Gespräch mit Jesus, was ihn hat aufbrechen lassen. „Niemand betrüge oder verachte einen anderen“, heißt es in der Lehrrede des Buddha zur Liebenden Güte, die bis zum Ende der Osterzeit bei diesen Predigten immer mitläuft. Das gilt auch für jeden Mitspieler Ihres Inneren Teams! Kein Teil in Ihnen betrüge oder verachte einen anderen Teil in Ihnen!

Nicht gesagt ist, dass jeder und jede sich selbst ermutigen oder ein Wort der Ermutigung weitergeben möge. Das gilt wiederum auch in Ihrem Inneren Team! Entwicklung und Wachstum hat mit Aufbruch aus der Komfortzone zu tun – und jetzt das Bild: Sie brauchen nicht viel für diesen „Aufbruch“. Binden Sie den Esel in Ihnen los, den Störrischen, den scheinbar einfachen Unscheinbaren (er ist mit Sicherheit Teil Ihres Inneren Teams!). Trauen Sie ihm zu, dass er Sie trägt. Schauen Sie, wer und was Ihnen dabei (erst einmal in Gedanken) begegnet. Betrügen oder verachten Sie weder sich noch einen anderen in Ihnen oder um Sie herum. Vertrauen Sie darauf, dass Sie den Herrn an Ihrer Seite haben! Vielleicht brechen Sie dann auch wirklich aus Ihrer Komfortzone auf, vielleicht auch nicht, wer weiß.

Amen.

Köln 06.04.2022
Harald Klein

[1] In den Begriffsdefinitionen und den Zusammenhängen der drei Zonen zueinander beziehe ich mich auf [online] https://karrierebibel.de/3-zonen-modell/ [06.04.2022]