Warum das und nichts anderes? (in max. 1000Zeichen)
Wann hätte man mehr Anlass gehabt, das andere bekannte Herbstgedicht Rilkes hier heranzuziehen: „Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß?“ Mich reizt hier aber – mehr als der „Herbst“ – das „Fallen“ , und dann die „haltende Hand“.
Immer ist’s die Frage nach dem Motiv, die die Interpretation lenkt. Es sind oft die Seiten von Kirchengemeinden, die das „Fallen“ ausmalen, und dann noch mehr die „Hand Gottes“, die das „Fallen unendlich sanft in seinen Händen halt“. Nur: Du findest das Wort „Gott“ nicht. Und der „Eine“, den Rilke hier vorstellt, den legt er nicht fest. Wer „Gott“ lesen mag, möge das tun; wer „Menschen“ im (Lebens-) Herbst lesen mag, hat auch recht.
Menschen im Herbst ihres Lebens sind gut aufgestellt, wenn sie das „Fallen“ der anderen „unendlich sanft“ in ihren Händen halten; und wenn sie in ihrem eigenen Fallen sich den unendlich sanften Händen anderer anvertrauen. Das darf Gott sein, klar – aber vielleicht ist dessen Hand ja die Hand des Menschen neben dir? Oder gar deine eigene?
Köln, 02.09.2026
Harald Klein
Rainer Maria Rilke – Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
aus: Rilke, Rainer Maria (1982): Werke in sechs Bänden, Bd. 1: Gedicht-Zyklen, Frankfurt/Main, 156.