Ein Buch findet mich…
Mit einem Um-, besser: einem Hinweg will ich beginnen. In seinem 2017 erschienenen Roman „Origin“ stellt der amerikanische Autor Dan Brown in spannender und zeitlich rasanter Weise (man ist es ja genauso aus früheren Büchern von ihm gewohnt) die Auseinandersetzung über den Ursprung der Welt in seiner jüdisch-christlich-religiösen und in seiner naturwissenschaftlichenDeutung vor. Der Roman spielt in Spanien, genauer in Barcelona und dort zu großen Teilen in Gaudís Kathedrale Sagrada Familia bzw. deren Krypta[1]. Edmond Kirsch, ein gleichermaßen reicher wie charismatischer Naturwissenschaftler wird vor großer Kulisse im Guggenheim-Museum zu Bilbao ermordet, seine alles belegene Präsentation ist verloren gegangen. In dieser Präsentation wollte Edmond Kirsch eine endgültige und „end-gültige“ Antwort auf eine von Religion und Mythen befreite Herkunft der Welt (von „Schöpfung“ braucht nicht mehr gesprochen zu werden) vorstellen. „Origin“ erzählt die Geschichte der Suche nach dieser Präsentation
Noch bevor Dan Browns Roman beginnt, nehmen mich zwei beinahe unbeschriebene Seiten in Beschlag. Einem Motto, einem Leitwort gleich findet sich nach Browns Hinweis „Dem Gedenken an meine Mutter“ als zweite Seite ein Zitat eines der bedeutendsten Mythenforschers des 20. Jahrhunderts, Joseph Campbell (1904-1987): „Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, um das Leben führen zu können, das uns erwartet.“ Für mich eine Leseanleitung, eine Haltung, in der Dan Brown seinen Roman verfasst und die er sich für und von seinen Lesenden wünscht und erhofft.
Ein weiteres Umblättern, und „Origin“ liefert eine weitere Überschrift und fünf bedruckte Zeilen. Die Überschrift: „Fakten“. Die fünf Zeilen: „Sämtliche Werke der Kunst und der Architektur, alle Orte, Straßen und Bauwerke, jede wissenschaftliche Disziplin in diesem Roman und jede religiöse Organisation, die in Origin eine Rolle spielen, gibt es tatsächlich.“ Dan Brown führt die Lesenden nicht nur durch das Museum Guggenheim in Bilbao, durch ein verwinkeltes Barcelona oder durch deren berühmteste Kathedrale, Gaudís Sagrada Familia, sondern auch durch eine zeitliche und inhaltliche Auseinandersetzung zwischen fundamentalistisch-christlichen und naturwissenschaftlichen Antwortversuchen auf die Frage des „Woher“ und auch des „Wohin“ der Schöpfung und allen Lebens.
Harris‘ „Brief an ein christliches Land“
„Origin“ lebt von Dialogen und Positionen. Hier werden Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler genannt und in ihren Positionen vorgestellt. Einer von ihnen ist Sam Harris (*1967), in den USA ein populärer Philosoph, Neurowissenschaftler und Schriftsteller. Auf sein aufsehenerregendes Buch „Das Ende des Glaubens: Religion, Terror und das Licht der Vernunft“ (Winterthur 2007) folgte sein „Brief an ein christliches Land“ (Gütersloh 2006)
Ein Bild einer Brücke hat mir geholfen, diesen „Brief“ – ein wenig mehr als postkartengroßes Büchlein mit 123 Seiten – einzuordnen. Über den Fluss des Atheismus führt eine Brücke, auf deren einen Seite – vermutlich der rechten – die christlich-religiösen Fundamentalisten stehen. Harris schreibt in Du-Form an die Vertreter des Kreationismus[2], an Christen und christliche Gruppen, die die biblische Schöpfungsgeschichte, darin deren Jahres- und Altersangaben wörtlich nehmen und zum Schluss kommen, dass die Welt in etwa 6000 Jahre alt sei. Die Evolutionstheorie und die Theorie vom Urknall werden von ihnen folgerichtig abgelehnt. Generell gilt die wörtliche Bibelauslegung. Das führt dann zu Überzeugungen wie die, die ich in einem Podcast „gelernt“ habe, dass Jesus nämlich das Brot für die Speisung der 5000 mit dem Gold bezahlt habe, dass die Sterndeuter ihm neben Weihrauch und Myrrhe an die Krippe gebracht haben und das seine Mutter Maria für ihn verwahrte.
Auf der anderen Seite – vermutlich der linken – stehen die Wissenschaftler, die keinen Fundamentalismus gelten lassen. Sie stehen werbend für das ein, was Joseph Campbells Zitat aussagt: „Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, um das Leben führen zu können, das uns erwartet.“ Fundamentalismus, egal in welchem Zusammenhang, wird dieses erwartete Loslösen niemals zugeben und zulassen, und an der Stelle des Lebens, das uns erwartet, steht ein Leben, das wir aufgrund der Tradition des Althergebrachten, führen müssen. Jede Form von Vielfalt und Diversität ist dem Fundamentalismus ein Gräuel und gehört um der Einheit, oft um der Einfalt willen bekämpft.
Sowohl Dan Browns „Origin“ als auch Sam Harris‘ „Brief an ein christliches Land“ verlangt den Lesenden eine Position auf dieser Brücke ab.
Harris‘ Positionen
Wenn Harris das „christliche Land“ als Adressaten seines Briefes wählt, sind damit die USA, ist sein Herkunftsland gemeint. Hier, wie auch in anderen vor allem europäischen Ländern, gibt es die schützende „Bastion der Aufklärung“[3], die zwischen Kirche und Staat steht. Was aber, wenn die Gruppe der Kreationisten auch in Demokratien zur Regierungsmacht kommt? Ich male mir meine Stadt und mein Land aus mit christlichen Fundamentalisten – und ahne nur von dem her, was kirchenintern „abgeht“, wie es um eine liberale Demokratie stehen würde.
Harris sagt einen Kampf voraus, in dem „Säkulare aller Gesellschaften mit Argumenten gegen ihre immer lauter eifernden Gegner zu bewaffnen“[4] seien. Ziel dieses „Brief“ sei es, so Harris, „den geistigen und moralischen Anmaßungen des Christentums in seiner pflichtversessensten Ausprägung den Boden zu entziehen. Liberale und moderate Christen werden sich nicht immer in ‚dem Christen‘ wiederfinden, den ich hier anspreche, dafür dürften sie viele ihrer Nachbarn wiedererkennen – und mehr als hundertfünfzig Millionen Amerikaner.“[5]
Im ersten Kapitel des Briefes betrachtet Harris die Weisheit der Bibel, geht hier auf die von Gott persönlich in Stein gemeißelte Gültigkeit der Zehn Gebote ein – um dann mit einem Seitenblick auf den Jainismus in Indien zu zeigen, das deren Religion mit einem einzigen Satz die Ethik der Zehn Gebote schlicht übertrifft: „Du sollst keine Kreatur und kein lebendes Geschöpf verletzen, missbrauchen, unterdrücken, versklaven, kränken, quälen, foltern oder töten.“[6] Man muss es sich als Christ sagen lassen: Ethik können auch andere, und im Lebensvollzug vielleicht sogar besser!
In der Berufung auf die wahre Moral verweist Harris im zweiten Kapitel auf die Religion und ihre „gottgegebenen Regeln“, die es dem Christen sogar dann noch ermöglichen „zu glauben, dass sein Handeln moralisch sei, wenn es ganz und gar unmoralisch ist – das heißt, wenn es unschuldigen Menschen unnötigerweise schreckliches Leid bereitet.“ [7] Harris verdeutlicht das am Kondom-Verbot der christlichen Kirchen in den Ländern südlich der Sahara und dem dadurch nicht verhinderten Infizieren an Aids.
Im dritten Kapitel fragt Harris nach dem Tun des Guten für Gott. Das geschehe unbestreitbar, so Harris, doch hänge unser Mitgefühl nicht vom religiösen Leben ab, das in einem Gebot eines völlig u bewiesenen Gottes gründet. Ein großer Teil der NGOs und politisch-Gesellschaftlicher Einrichtungen ei weder von Religion initiiert noch auf sie ausgerichtet.
Die Frage des vierten Kapitels, ob Atheisten böse seien – zumindest „mehr“ böse als fundamentalistische Christen, beantwortetet bzw. widerlegt Harris mit Statistik. Dennoch hat es in einer von fundamentalistischen Strömungen geprägten Gesellschaft den Anschein, man glaube dieser Unterstellung. Das Bekenntnis zu Atheismus gebe immerhin in den USA einen höheren Ausschlag als die Zurückweisung für die Übernahme eines hohen öffentlichen Amtes als die Tatsache, schwarz, muslimisch oder homosexuell zu sein.[8]
Im fünften Kapitel frage Harris, wer denn das Gute in der guten Botschaft definiere. Harris mahnt hier vor dem Gehorsam den „guten Geboten“ gegenüber oder dem, was an „guten Folgen“ – bis hin zum ewigen Leben – verheißen wird. Er verweist auf die liberalen und moderaten Christen, die ihren Glauben nicht an Prophezeiungen und Wunder anhängen, sondern schlicht daran, dass sie an Gott glauben, weil das ihrem Leben einen Sinn gebe.[9] Es braucht eine Verwurzelung im Fundamentalismus, damit diese auf ein Jenseits bezogenen „guten Folgen“ als extrinsische Motivation die intrinsischen Motivationen des sinnerfüllten, guten Lebens „schlagen“ können. M.a.W.: Das Gute an der guten Botschaft beziehst sich mehr auf die Erde als auf den Himmel; an ihr kann ich wirken, in ihm – so es ihn gibt – eher nicht.
Wenn Harris dann im sechsten Kapitel auf die verkündete Güte Gottes eingeht, ist fast ein wenig Mitleid zu hören. Was würde geschehen, wenn die 87 % er Amerikaner, die angeben, niemals an der Existenz Gottes zu zweifeln, verpflichtet werden, Beweise für seine Existenz vorzulegen – gerade angesichts der Vernichtung unschuldiger Menschen?[10] Was bedeutet das für die Güte der Menschen, die im Glauben an Gott leben? Und was heißt das für die Güte eines Gottes, der das Leben der Menschen führt und begleitet?
Und wie steht es, so im siebten Kapitel, um die Macht der Prophetie? Menschen konstruieren ihre Wirklichkeit, ihre Wahrheit. Die einen – Harris gehört zu ihnen – sagen, es sei nicht schwierig, die Geschichte von Jesus so zu erzählen, dass die Prophezeiungen des Alten Testamentes, die den Evangelisten bekannt sind, von ihnen in sein Leben hinein zugeschrieben zu werden und so in seinem Leben „erfüllt“ zu sein scheinen. Etwa in dem Sinne: Was sagen die Propheten? Und wie lege ich das ins Leben Jesu? – Die anderen, die fundamentalistischen Gruppen, blicken genau andersherum auf das Lebens Jesu. Sie fragen nach dem (von den Evangelisten beschriebenen und „gefüllten“) Leben Jesu, entdecken jetzt die Prophezeiungen des Alten Bundes im Lebe Jesu und finden ihn so als „bestätigt“ vor.[11]
Die abschließenden Kapitel behandeln den Kampf zwischen Wissenschaft und Religion, gehen auf die Fakten des Lebens ein und sprechen vom Zusammenhang zwischen Religion, Gewalt und der Zukunft der Zivilisation. Zum Ende hin mahnt Harris vor einer fundamentalistischen Religion egal welcher Herkunft: „Die Religion erhöht das Risiko von Streit unter den Menschen um ein Vielfaches mehr, als Stammeskonflikte, Rassismus oder Politik es jemals könnten. Religion ist die einzige Art von Denken, die das Gruppenspezifische dem Gruppenfremden gegenüberstellt und die Unterschiede im Lichte eines ewigen Lohnes versus einer ewigen Strafe betrachtet.“[12]
Wie ich das Buch finde…
Es macht die Lektüre des „Briefes an ein christliches Land“ erträglich, dass ich mit nur wenigen Menschen aus der Zielgruppe, mit nur wenigen fundamentalistischen Christinnen und Christen, verkehren muss. Ich erinnere mich, als ich vor drei Jahren das Buch von Tobias Ginsburg las und rezensierte, das den Titel „Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats“ trägt. Damals waren mein Gefühl und meine Verstörung, was es doch bei den „Männern“ so alles gibt; heute, nach der Lektüre von Harris, ist mein Gefühl und meine Verstörung, was es doch bei den „Christen“ so alles gibt. Ich bin Mann, ich bin Christ, aber ich finde mich weder in dem einen noch in dem anderen wieder, und ich weiß nicht, soll ich „Gott sei Dank“ sagen oder meinem Elternhaus, meinem doch oft gewechselten Umfeld, meinen Freundinnen und Freunden, meinen Anlagen und Sichtweisen danken.
Erschreckend kommt für mich hinzu, dass sowohl diejenigen, die Tobias Ginsburgs „Die letzten Männer des Westens“ als auch die, die Sam Harris‘ „Brief an ein christliches Land“ lesen, dieselbe Frage mir gegenüber haben dürfen und werden. Ihre Überzeugung ist eben ihre, und meine ist meine. Der Unterschied: Ich muss den anderen nicht ausmerzen, überzeugen, zum Schweigen bringen.
Prinzipiell kann ich allen Rückschlüssen des Autors auf seine Beobachtungen zustimmen, schlimm genug – und gleichzeitig treffen diese Beobachtungen m.E. nicht die Wirklichkeit der Großzahl von Christen zumindest in meinem Umfeld. Mich versöhnt die Bandbreite, die Harris aufweist: „Da ich in diesem Buch jedoch ausschließlich das Christentum in seiner entzweiendsten, schädlichsten und rückschrittlichsten Form aufs Korn nehme, werden Liberale, Moderate oder Ungläubige gewiss erkennen, dass es hier um eine Sache geht, der sie sich gemeinsam annehmen können.“[13]
In meinem Umfeld spielt Glaube keine oder kaum noch eine Rolle mehr. Und wenn, dann in liberaler und moderater Form, die wenigsten bezeichnen sich als ungläubig, eher als kirchenfern. Und all das, was Harris anfragt, die Suche nach Weisheit und Lebensklugheit, eine Moral für das eigene Leben, das Tun des Guten, eine Güte im Miteinander und Füreinander – und zu sich selbst –, all das finde ich oder vereinbaren wir im Miteinander, beim Essen, beim Wandern, im Diskutieren. Da haben wir unsere Formen.
Hier liegt meine Kritik an Harris. Im Zentrum seiner Kritik liegen die Kreationisten. Seine „Religionskritik“ ist zuerst eine „Lehrkritik“. Religion ist immer Lehre, ist der Glaube, der geglaubt wird („fides quae creditur“). Hier gibt es so etwas wie ein 1:1, geglaubt wird, was in der Schrift steht. Fertig. Für Kreationisten scheint es da keinen Spielraum zu geben. Alle Abweichung ist vom Bösen. Wenn das so ist, ist kein Dialog mit anderen, liberaleren oder moderateren oder anders Glaubenden, möglich. Hier tritt neben ein Unverständnis auch Sorge und Angst.
Kritisch werde ich Harris gegenüber dann, wenn es um Religion geht, die in Riten und Gebeten ihren Ausdruck findet, wenn es also um Frömmigkeit geht, um den Glauben, wie er geglaubt wird. („fides qua creditur“). Da mag jede Gruppierung und jede Richtung „ihre“ Form finden; in diesen Formen finden sich Menschen zusammen, bildet sich eine Glaubensidentität, erwächst ein Gefühl von Zugehörigkeit. Wer lateinische Messe feiern will, soll sie feiern, und wer liturgische Tänze als einen Weg zu Gott erlebt, mag tanzen. Sofern es fundamentalistische Gruppen gibt, die die „Authentizität“ der Formen aber für sich allein beanspruchen, kann das noch ausgehalten werden. Wenn sie aber aus ihrer fundamentalistischen Sicht andere Gruppen angreifen und ihnen Zugänge zu Ämtern, Diensten, sogar zum „Heiligen“ verwehren, ist die Notwendigkeit zum Wehren und der Verweis in die Schranken gekommen. Innerkirchlich liegt hier auch meine Anfrage an die „Ämtertheologie“ der katholischen Kirche: Wer darf warum sagen, welche Form von Frömmigkeit ein „Muss“, ein „Kann“ ein „Darf nicht“ ist. Was heißt es für das Gesamt der Kirche, was heißt es für einen demokratischen Staat oder was heißt es für die Frage nach einem gelebten Mannsein, wenn fundamentalistische Glaubensgruppen, wenn neofaschistische Parteien oder wenn rechte Männerbünde, Antifaschisten und Krieger des Patriarchats das Sagen haben, an „die Macht kommen“? Die Alternative kann nur sein: Kämpfen – Lassen – Gehen.
Bleibt ein letztes, neben der „Religion“ als Glaube, der geglaubt wird, und der „Frömmigkeit“ als Glaube, wie er geglaubt wird, die „Spiritualität“, (1) als Geist, aus dem heraus ich mein alltägliches Leben gestalte. Hier geht es (2) um Haltungen, die ich auf Anfrage eines anderen erklären kann und die (Dank der „Bastion der Aufklärung“, s.o.) verstanden und nachvollzogen werden können, ohne dass sie übernommen werden müssen, und die (3) mir Richtschnur sind in Anfragen, die das Leben an mich stellt. Spiritualität erfüllt dann ihren Dienst, wenn sie mir (4) bei meiner eigenen „Menschwerdung“ hilft, mich wachsen lässt im Humanum. Und wenn sie (5) Maß nimmt am Leben Jesu, an seiner Weise des Wirkens und an seiner Predigt, dann ist sie christliche Spiritualität
Das ist kein Abgleiten ins Individuelle. Diese Suche nach Spiritualität hat mit Religion und Frömmigkeit insofern zu tun, als sowohl die Lehre als auch die Weise, wie sie gelebt wird, Angebote sind, einen Sinn in dem, was ich tue oder lasse, zu finden. Von daher finde ich mich in Harris‘ Brief am ehesten in einer späten Vorbemerkung wider, die ich zum Abschluss zitiere:
„Natürlich gibt es Christen, die weder mit dir noch mit mir konform gehen. Es gibt solche, die andere Religionen für ebenso gültige Erlösungswege halten, und es gibt solche, die sich weder vor der Hölle fürchten noch an die physische Auferstehung Jesu glauben. Oft bezeichnen sie sich selbst als ‚Liberale‘ oder ‚moderat‘ Gläubige. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet, haben du und ich nicht verstanden, was es heißt, ein gläubiger Mensch zu sein. Sie versichern uns, dass es ein weites und schönes Feld zwischen Atheismus und religiösem Fundamentalismus gebe, das schon Generationen bedächtiger Christen friedlich beackert hätten. Diesen freiheitlich denkenden oder gemäßigt gläubigen Christen zufolge geht es beim Glauben um das Mysterium und um den tieferen Sinn, um Gemeinschaft und Liebe. Menschen entwickeln Religionen aus der Fülle ihres Lebens heraus und nicht aus sicherem Glauben.“[14]
Aber Achtung, möchte ich Sam Harris gerne sagen: Erst geht es um die Erfahrung des tieferen Sinnes, um Gemeinschaft, um Liebe. Und dann kommt die Frage nach dem Mysterium, das sich aus Sinn, Gemeinschaft, Liebe entwickelt. Und als Drittes, vielleicht als Drittes, kommt die Frage nach dem Glauben.
Köln, 14.04.2026
Harald Klein
[1] Nebenbei werden die Lesenden in der Lektüre des Buches hineingeführt in Gaudís Bilder- und Symbolwelten, was einer Vorbereitung des Besuches dieses Wahnsinns-Bauwerks ebenso zugutekommt wie einer Nachbereitung!
[2] Wiederkehrende Statistiken besagen, dass der Anteil der Kreationisten in den USA bei relativ stabilen 40 % liegt.
[3] So bemerkt es Richard Dawkins, Verfasser des „Gotteswahns“ (7. Aufl. Berlin 2007) in seinem Vorwort zum Brief an ein christliches Land.
[4] Harris, Sam (2006): Brief an ein christliches Land, Gütersloh, 17.
[5] ebd.
[6] a.a.O., 45.
[7] a.a.O., 47.
[8] vgl. a.a.O., 61, die drastische Wortwahl ist von Harris übernommen.
[9] a.a.O., 70.
[10] a.a.O., 74f.
[11] vgl. a.a.O., 81.
[12] a.a.O., 105f.
[13] a.a.O., 17f.
[14] a.a.O., 26.