Roger Willemsen: 10 Regeln für Leserinnen und Leser

  • Anstößig - Darüber lohnt es zu reden
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Um was es geht

„Liegen Sie bequem?“ Diese Frage stellt Roger Willemsen in einem vom Frankfurter Fischer-Verlag posthum im September 2025 erscheinenden Buch, das die Liebe zwischen dem Verfasser und seinen Büchern in den Blick nimmt.

Bereits 2019 gab Insa Wilke, die den künstlerischen Nachlass Willemsens verwaltet, eine 512seitige Sammlung mit Willemsens Notizen zu „Musik. Über ein Lebensgefühl“ heraus. Jetzt folgt, ebenfalls im S. Fischer-Verlag, Frankfurt/Main, eine zweite Sammlung: „Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Büchern.“

Im Klappentext des 448seitigen Werkes heißt es – übrigens wirklich treffend! – „Roger Willemsen und die Bücher – das war eine mitreißende Liebe, übermütig und intensiv. Kaum einer redet heute so lustig, offen und zugleich tiefernst vom Lesen, wie er es tat, ganz gleich, ob er kritisiert oder schwärmt, huldigt oder durchleuchtet. Klug wie kein Zweiter porträtiert Willemsen große Autorinnen und Autoren, erzählt von Märchen und analysiert das Obszöne in einem Essay von hoher Aktualität. Er stellt ‚10 Regeln für Leserinnen und Leser‘ auf, gibt mehr als siebzig ganz konkrete Buchempfehlungen und verspottet nach durchlebten Buchmessenächten den Literaturbetrieb. Sprühend von Witz und Geist unterzieht er die Literaturwissenschaft einer Fundamentalkritik und formuliert zum Thema »Literatur und Menschenrechte« das Notwendige. Dieses einzigartige Buch zeigt Willemsen in seinen Büchern. Es ist die Summe eines Leselebens und lebendige Bibliothek.“[1]

Diese „10 Regeln für Leserinnen und Leser“ gebe ich unter der Rubrik „Anstößig“ weiter – sind sie doch zutiefst wert, dass wir über sie reden. Und sei es „nur“, um einen Anstoß, eine Ahnung davon zu bekommen, was Lesen und was ein gutes Buch zu bewirken vermag, wenn du es ihm erlaubst und dich diesem Buch mit der ihm gemäßen Einstellung begegnest. Aber lies am ehesten selbst!

10  Regeln für Leserinnen und Leser[2]

  1. Sitzen Sie gerade. Liegen Sie bequem. Lungern Sie rum. Nichts soll Sie stören. Sie und das Buch, das ist gerade die einzige Beziehung, die zählt. Am besten, Sie suchen auch innerlich nach einer Haltung, die Sie aufnahmefähig macht, bereitwillig, andere Menschen, anderer Menschen Probleme in Ihr Leben zu lassen. Sie werden sich am Ende selbst in diesen finden.
  2. Überlegen Sie sich gut, welches Buch es wert ist, Ihnen Gesellschaft zu leisten. Aber dann gewähren Sie ihm einen Vorschuss, ein vorauseilendes Wohlwollen. Es soll sich zeigen, ausbreiten, erklären dürfen. Räumen Sie ihm Rederecht ein.
  3. Etwas gut Geschriebenes ist etwas anderes als etwas flott Geschriebenes. Entscheiden Sie sich. Ist es die Rasanz der Sprache, der Reiz des Stoffs, der Sog der Spannung, die Wiedererkennung Ihrer Gegenwart, die Beantwortung Ihrer Fragen, das sinnliche Erkennen, die Beunruhigung, die Kritik, der Trost – identifizieren Sie, was Sie von Ihrem Buch erwarten. Bekennen Sie sich zu Ihren Ansprüchen.
  4. Lassen Sie sich ruhig überfordern. Bücher müssen nämlich nicht sofort und auf Anhieb komplett und erschöpfend verstanden werden. Von Jean Paul stammt der Satz: ‚Ein Buch, das es nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist es auch nicht wert, einmal gelesen zu werden.‘ Gut sind oft Bücher, die nach der ersten Lektüre immer noch den Charakter des Versprechens besitzen.
  5. Leisten Sie sich eine hohe Meinung vom Umgang mit Ideen. Alles wird besser, wenn es gut gedacht ist, und selbst das Bauchgefühl braucht einen guten Kopf.
  6. Im Lesen verfolgen Sie eine Organisation von Informationen. Deshalb ist oft nicht vor allem der Stoff entscheidend, sondern die Form, die er annimmt. Diese schwingt selbst im Klang der Stimme, die da spricht, in den Pausen, den Sprüngen, die sie sich erlaubt, dem Swing. Die Schönheit eines Buches verpasst, wer nur seinen Informationen, nicht seinen Unterströmungen und Subtexten folgt.
  7. Wenn Ihnen Genauigkeit nichts bedeutet, werden Ihnen viele Bücher bloß umständlich, weitschweifig oder sprachverliebt erscheinen. Am ergiebigsten erscheint einem das Sprechen der Bücher, wenn man ihr Drängen nach Exaktheit teilt.
  8. Autoren verbringen weit mehr Zeit mit ihrem Stoff als Leser oder Kritiker. Urteilen Sie behutsam, machen Sie den Autor nicht dummer, als er ist. Vor dem Urteil muss die präzise Anschauung stehen. Wenn Sie sich langweilen, muss es nicht am Buch liegen.
  9. Prüfen Sie inständig die Wirkung, nicht die Effekte eines Buchs. Kein Text taugt, der nicht an der Erfindung Ihres Innenlebens teilnimmt.
  10. Ein Buch ist auf keiner Seite abgeschlossen. Es wird erst in der Lektüre fertig und will eigentlich immer weiter werden. Anders gesagt, das Buch vollendet sich, indem es die Leserin, den Leser selbst produktiv werden lasst. Das Buch ist, so betrachtet, nicht das Hervorgebrachte, sondern das Hervorbringende, und das Unglaubliche ist: Es bringt seine Leser, es bringt Sie hervor!

Impulse für den Austausch

Im Durchgehen der einzelnen „Regeln“: Welcher Begriff, welche Redewendung lockt, tröstet, kannst du mit eigenem Erleben oder Wiedererkennen füllen? Und umgekehrt: was ruft Widerstand, Trostlosigkeit, Fremdheit hervor? Was mag beides für dich bedeuten?

Suche dir fünf Aussagen aus Willemsens „10 Regeln“, die du – aus welchem Grund auch immer – in der Runde vertiefen und besprechen möchtest.

Wenn du magst, stelle uns ein Buch vor, die dir beim Lesen der „10 Regeln“ gekommen sind, so, als wollest du Roger Willemsen sagen, du wüsstest, was er meine!

Köln, 09.09.2025
Harald Klein

[1] vgl. [online] https://www.fischerverlage.de/buch/roger-willemsen-liegen-sie-bequem-vom-lesen-und-von-buechern-9783103976021 [09.09.2025]

[2] Ein Vorabdruck aus: Roger Willemsen: Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Büchern. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2025; 448 S., 28,- €, in: ZEIT Nr. 38/2025 vom 03.09.2025.