Warum das und nichts anderes? (in max. 1000Zeichen)
Es gibt oberflächliche Weisen, vom Herbst zu reden: messerscharfer Wind, rostige rollende Blätter, Frost, der wie Nadeln sticht, nicht nur die Haut. Oberflächlich auch die Weisen, die ein Ende in den Blick nehmen – oder ein letztes Aufbäumen, etwa in der Rede vom Herbst des Lebens. Oder die das Leben vergleichen mit der Erde; sie „rostet und rollt mondab in die Schlucht“.
Tiefergehend ist bei Rose Ausländer das Auflehnen gegen dieses „Rollen“ der Zeit auf ihr Ende hin. „Herbst“ ist „nicht Oktober nicht November“, Herbst ist die Zeit, „einen neuen Kalender (zu) erfinden“ und „ein andres Alphabet eine Sprache, die Einhalt gebietet, diesem trögen und trüben Nacheinander, wo eines – warum auch immer – dem anderen folgt. Die Gegenwart mit dir selbst und mit anderen, die Begegnung, das Lachen und auch das Weinen gegenwärtig zu halten und zu schätzen, lässt die Zeit und lässt dich und mich – für einen Moment innehalten, lässt den Moment und uns nicht ins Unabsehbare fallen.
Köln, 02.10.2026
Harald Klein
Rose Ausländer – Nicht Oktober nicht November
Herbst sagst du
und meinst den Wind er schärft
sein Messer an deiner Stirn
meinst rostige Blätter sie rollen
deinem Schritt voran
meinst Frostnadeln sie stechen
die Luft den Baum die Haut
Herbst herber Laut
brauner Geschmack
Die Freunde an der Front
werden bitter und braun
nicht von Sonne gebräunt
Die Erde rostet und rollt
mondab
in die Schlucht
wo die
Geschichte Burgen baut
Schuldtürme Falltüren
Herbst sagst du
aber ich sage dir
nicht Oktober nicht November
du musst einen neuen Kalender erfinden
ein andres Alphabet
eine Sprache die Einhalt gebietet
denn die Zeit fällt ins Unabsehbare
und wir fallen mit ihr
aus: Ausländer, Rose (1987): Blinder Sommer. Gedichte, Frankfurt/Main, 77.