Sechster Sonntag der Osterzeit: Leben und Lieben

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Aus dem heutigen Evangelium

An jenem Tag werdet ihr erkennen:
Ich bin in meinem Vater,
ihr seid in mir
und ich bin in euch.
Wer meine Gebote hat und sie hält,
der ist es, der mich liebt;
wer mich aber liebt,
wird von meinem Vater geliebt werden
und auch ich werde ihn lieben
und mich ihm offenbaren.
(Joh 14,20f)

Das ganze Evangelium dieses Tages findest du hier – am Ende der Seite nach den beiden ersten Lesungen.

Ein wenig Tugend- und Lasterlehre

„Menschliche Weisheit liegt weder jenseits der Klugheit noch der Dummheit, aber sie macht sich weder mit dieser noch mit jener gemein. Sie verhält sich begriffsstutzig, wo andere nur allzu schnell zu begreifen glauben. Sie hebt die Beschränktheit des eigenen Wissens und Wollens auf, indem sie erkennt und anerkennt. Sie überwindet den Widerstand gegen die Grenzen des Verstandes, indem sie den Widerstand aufgibt. Weise sind weder die, die alles durchschauen, noch die, die alles gesehen haben, so viel sie auch wissen und gesehen haben mögen. Sie kennen die ungeraden Linien des Lebens, die sich nur durch andere Ungeraden begradigen lassen. Sie denken und handeln im Bewusstsein der Unwägbarkeiten des Denkens und Handelns. Dies macht sie zaudern, ob es eher ihr Denken oder ihr Handeln sein soll, durch das sie anderen das Bild eines illusionslosen Wandelns auf Erden geben. Halten sie sich an das Allgemeine ihrer flackernden Einsichten, so lassen sie den Irrtümern des Strebens nach Glück, Glanz und Ruhm gleichmütig ihren Lauf.“ Halten sie sich an das Besondere ihres Sinns für die Nöte und Leiden ihrer Mitmenschen, so verlieren sie jene Unerschütterlichkeit, mit der sie ihre überlegene Einsicht belohnt. Auch sie entkommen der Zerrissenheit nicht.“

aus: Seel, Martin (2012): 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue, Stichwort „Weisheit“, 3. Aufl., Frankfurt/Main, 64f.

Vademecum durch die Fasten- und Osterzeit

wie oft
steht dein denken
deinem handeln entgegen
oft unwägbar ist die spanne
zwischen dem was du dir denkend ausmalst
und dem welche schritten du handelnd vollziehst
dir gleiche spanne findest du
zwischen denken und fühlen
und zwischen fühlen und handeln

jede verbindung
zu dir zu anderen
auch die spirituelle
ist kein erfüllen und abarbeiten von geboten
seien es die die jemand oder etwas anderes dir vorgeben
oder seien es die du
deinem leben form gebend
dir selbst gibst

gebote kannst du erfühlen und erfüllen
aber sie schenken deinem leben keine erfüllung
sie erfüllen dich nicht

gebote haben ihre wurzeln
in der wahrnehmung der beobachtung dem bewerten
denken und handeln sind die beiden pole
zwischen denen du nach dem suchst und ausprobierst
was dir und deinem leben geboten scheint

gönne dir zwischen den polen
begriffsstutzigkeit
glaube nicht du könntest
allzu schnell begreifen

das ist der weg der weisheit
der denen die glauben einfordern
ein gräuel ist

wenn du in der wahrheit bist
und die wahrheit in dir
wirst du leben um zu lieben
und lieben um zu leben
du magst der zerrissenheit so nicht entkommen
aber leben kannst du sie – und vielleicht auch lieben

Köln, 05.05.2026
Harald Klein