Sonntag in der Weihnachtsoktav:
Vom Traum geführt

  • Auf Links gedreht - Das Evangelium
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Ein „Fest“ der Heiligen Familie?

Noch liegen die Zahlen von 2025 nicht vor, und so kann ich hier nur auf die Darstellung des „Bundeslagebildes Häusliche Gewalt“ von 2024 zurückgreifen, die das Bundeskriminalamt am 21.11.2025 veröffentlichte.[1] Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt ist seit 2000 – hier beginnt das Diagramm – stetig am Steigen. Im Jahr 2024 wurden 265.942 Opfer  häuslicher Gewalt gezählt (+3,8% zum Vorjahr), davon waren 171.069 Menschen (+1,9% zum Vorjahr) Opfer von Partnerschaftsgewalt und 94.873 Menschen (+7,3% zum Vorjahr) Opfer innerfamiliärer Gewalt. Ausgehend von einer Bevölkerungszahl von 83,6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik zum Ende 2024 komme ich auf einen Prozentsatz von 0,3 % an Menschen, die innerhalb der Familie und wirkursächlich durch die Familie Gewalt erleiden. Statistisch mag 0,3% ein geringer Wert sein. Aber statistisch ist nun absolut kein Wert, der Leben, Lebensqualität und heiles, geschweige denn heiliges Leben beschreibt.

Und so bewegt sich und bewegt dich und mich dieses „Fest der heiligen Familie“ zum einen in die Richtung der verklärten Romantik von „früher“ (wann immer das auch gewesen sein soll), als dem „konservativen Pol“. Oder in die Richtung der nicht mehr fassbaren und subjektiven Form dessen, wie Menschen ihre „Familie“ beschreiben (wer und was auch immer wie lange dazugehören soll) als dem „linksliberalen“ Pol. Und schließlich einschwingend in die Mitte der beiden Pole, in der die „Institution“ Familie anerkannt oder abgelehnt wird, in der „Verbindlichkeit“ und „Verlässlichkeit“ ganz ohne oder doch mit Standesamt, ohne oder mit Kirche einander mit oder ohne Worte zugesprochen wird.

Allemal ist klar: weder die „Familie“ noch die „Heilige Familie“ braucht einen Staat oder eine Kirche, um als „Familie“ zu leben. Familie hat sich längst zur – sowohl beglückenden als auch bedrohten, wenn nicht gar bedrohlichen – Lebensform emanzipiert[2].

» Ich glaube, wenn wir uns gemeinsam mit anderen auf die Suche nach Orientierung, nach Zielen machen, können wir viel gewinnen. Wenn wir dabei andere mit echtem Interesse zu Wort kommen lassen und sie nicht nur mit dem behelligen, was wir selber schon immer für richtig halten. Orientierung gewinnen durch echtes Fragen, durch Offenheit, durch Gespräch und durch gemeinsames Tun: Das kann den vor uns liegenden Weg erhellen und ihm Richtung geben. «
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Weihnachtsansprache Schloss Bellevue, 25.12.2025, [online]https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2025/12/251225-Weihnachtsansprache.html [28.12.2925]

„Heilige“ Familie – oder: was allen Familienformen „heilig“ sei

Lass mich dir erklären, warum mir dieses „Fest der Heiligen Familie“ am Sonntag nach Weihnachten dennoch so lieb ist. Ich mache es dir an vier Punkten aus dem Evangelium fest:

… da erschien Josef im Traum ein Engel des Herrn…

Der erste Punkt: dreimal klopft der Engel Gottes bei Josef im „Traum“ an: in der Ankündigung der Geburt Jesu, als Aufforderung zur Flucht nach Ägypten wegen des geplanten Kindermordes des Herodes, und dann als Aufforderung zur Rückkehr aus Ägypten nach Nazareth. Wie lange braucht es bei einem Menschen, wie lange brauchte es bei dir oder bei mir, bis wir zumindest die Ahnung des „Traumes“ von Familie hatten, wie wir sie leben wollten? Wir wurde dir, wie wurde mir das „So!“ und das „So nicht!“ klar? Mit welchem Bild von „Familie“ bist du, bin ich gestartet – und, viel spannender, woher bzw. von wem kamen diese „Bilder“, wer oder was hat sie motiviert? Und wo, wie stehe ich, stehen wir jetzt da? Man muss schon mal fragen, ob die angebliche Freiheit, heiraten zu dürfen, wen ich will oder Familie zu gründen, wie auch immer sie aussehen mag, wirklich so frei ist! Kann heiraten heute überhaupt noch mit dem alten Wort „einen anderen freien“ gleichgesetzt werden? Und war da jemals so? Sei es, wie es will, mir ist der „Traum“ und der „Tagtraum“ des gemeinsamen Lebens wichtig, und dazu wenigstens die Unterscheidung, wo er herkommt, und was er für mich und für alle, die ein Rolle in diesem Traum spielen, bedeutet.

.. und sagte: Steh auf und flieh…

Der zweite Punkt: „Steh auf und flieh“, sagt der Engel zu Josef, um all dem und allen denen den Rücken zuzukehren, die sich zwischen Josefs Traum von „Leben“, von „Lebendigkeit“ und von „Familie“ drängen. Mir fällt Frank Goosens Roman „Liegen lernen“[3] ein, er zeigt überzeugend, wie es ist, wenn ein Mensch sich der Verantwortung entzieht, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, und der seinen Ausweg darin sucht, ständig von hier nach dort, von der zu dieser zu ziehen. Solange du alleine lebst, solange ich alleine lebe, mag das gehen. Ich wage dennoch zu bezweifeln, ob jemand in dieser Form des Lebens, die Beweglichkeit vorgaukelt, aber dennoch eher ein „Liegen bleiben“ ist, Verheißung, Erfüllung, Wachstum für alle Beteiligten bringt – wenn es überhaupt Verheißung, Erfüllung und Wachstum für den „Liegengebliebenen“ gibt.

… steh auf und zieh…

Der dritte Punkt: Das ist des Engels zweiter Imperativ, jetzt am Fluchtort, in Ägypten. Des Engels „Steh auf und zieh“klingt so ganz anders. Es ist nicht viel an Buchstaben, was „ziehen“ und „fliehen“ unterscheidet. Und dennoch: „fliehen“ hat eine Angst im Rücken, „ziehen“ hat eine Verheißung vor sich. Beides braucht Mut zum Aufbruch, braucht Umsicht und Vorsicht hat, braucht Gestaltung. Bei „Familie“ ist das ähnlich. Manch einer oder eine wird die Herkunftsfamilie „fliehen“ und in eine eigene Form, die sie vor sich sehen. Andre zaudern mit dem „Steh auf!“ und kommen gar nicht zu dem Zieh weg!“. Und wieder andere ziehen weg, ganz ohne Verheißung, die sie auf dem Weg zu finden hoffen.

…und ließ sich in einer Stadt namens Nazareth nieder.

Und der vierte Punkt: das Sich-niederlassen. Bei Josef und Maria mit dem Kind war es die Stadt Nazareth. Matthäus schreibt: „Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden“ (Mt 2,23). Um die Suche nach Heimat geht es, und Heimat ist nichts, mit dem du mit „Wo?“ fragen kannst, kein Ort. Heimat ist nichts, was du dir bauen kannst, wie der Vogel sein Nest. Heimat sind die, die du dir zur Heimat wählst, denen du Heimat anbietest, mit denen du Heimat lebst. Heimat, heilige Familie, das sind die Menschen, bei denen du dich niederlassen kannst, die sich bei dir niedergelassen haben, mit denen du einen gemeinsamen Traum von Familie hast, für den du, für den ihr bereit seid aufzustehen Dinge, Verhältnisse, auch Menschen hinter euch zu lassen und wegzuziehen, wenn dieser Traum bedroht zu platzen droht.

» Weihnachten heißt auch Schenken und Beschenktwerden. Wir leben in großem Maße doch von dem, was wir uns nicht selber geben können. Das macht uns dankbar – und großzügig. Wir werden so selber Gebende, Helfende, Unterstützende. Wir wissen, wir werden gebraucht. Und wir wissen auch: Für andere da zu sein, das gibt unserem Leben Erfüllung und Sinn. «
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Weihnachtsansprache Schloss Bellevue, 25.12.2025, [online]https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2025/12/251225-Weihnachtsansprache.html [28.12.2925]

„Halte deine Träume fest“ (Eugen Eckert)

Der Frankfurter Pfarrer, Liedertexter und Dozent Eugen Eckert hat 1980 ein Lied mit dem Titel „Halte deine Träume fest“ veröffentlicht. Ich glaube nicht, dass er den Josef aus der Weihnachtsgeschichte dabei vor Augen hatte. Aber der Text des Liedes mag gelten, mag dir und mir bei unserem Suchen nach Familie und bei der Weise, sie zu leben, helfen. Das Lied kannst du hier hören. Der Text:

„Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben.
Gegen zu viel Sicherheit, gegen Ausweglosigkeit halte deine Träume fest.
Halte deine Freiheit fest, lerne sie zu leben.
Fürchte dich vor keinem Streit, finde zur Versöhnung Zeit,
halte deine Freiheit fest.
Halte deine Liebe fest, lerne sie zu leben.
Brich mit ihr die Einsamkeit, übe Menschenfreundlichkeit,
halte deine Liebe fest.“

Das wäre mal was, wenn das Zahlenmaterial des „Bundeslagebildes Träume – Freiheit – Liebe festhalten“ die Zahlen des „ Bundeslagebildes Häusliche Gewalt“ überträfe.

So viel für heute, und für diese Woche.

Köln, 28.12.2025
Harald Klein

[1] vgl. [online] https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_HaeuslicheGewalt2024.html [28.12.2025]

[2] vgl. zu dieser Thematik Jurczyk, Karin u.a. (2014): Doing Family. Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist, Weinheim.

[3] vgl. Frank Goosen (2001): Liegen lernen, Frankfurt/Main.