Sonntag nach Weihnachten – Fest der Heiligen Familie, was auch immer das sei!

  • Predigten
  • –   
  • –   

Was feierst Du, wenn Du die Heilige Familie feierst?

Es ist nichts, was einen Liturgen oder Historiker aufhorchen lässt, dass das „Fest der Heiligen Familie“ im 19. Jahrhundert seine Wurzeln hat. Papst Benedikt XV. führte das Fest 1920 als verbindlich für die gesamte lateinische Kirche ein. Mit der Reform des Kirchenkalenders nach dem II. Vatikanum erhielt das Kirchenfest seinen Termin am Sonntag nach Weihnachten.

In einem kleinen Artikel zeigt Manuel Uder, Referent des Liturgischen Institutes in Trier, auf, um was die liturgischen Texte an diesem Fest bitten. Das Tagesgebet hofft, dass unsere Familien „in Frömmigkeit und Eintracht leben und einander in Liebe verbunden bleiben.“ Das Gabengebet bittet darum, dass Gott die Familien in seiner Gnade und seinem Frieden erhalte, das Schlussgebet ermutigt, dass wir das „Vorbild der Heiligen Familie nachahmen.“[1]

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sahen die Kirchenvertreter in der Familie aus Nazareth ein Vorbild für das als gesellschaftlich gefährdet verstandene christliche Familienleben, schreibt Uder. Und jedes Jahr aufs Neue wird das „Vorbild“ der biblischen Heiligen Familie den Christen an diesem Sonntag vor Augen gestellt. Mitten in eine Epoche der Postmoderne hinein, in der sich nicht nur bisher selbstverständliche Lebensformen auflösen, sondern auch ganz neue Lebensformen formieren und gelebt werden.

Nur mal zur Übung: Was zeigt sich Dir, wenn Du „Heilige Familie“ heute, jenseits vormoderner Ressentiments, anschauen willst? Was passiert, wenn Du Deine Augen schließt und so die bzw. eine „Heilige Familie“ betrachtest?

» Sieh zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn Du sie zählen kannst. «
Gen 15,5

„Zähl die Sterne, wenn Du sie zählen kannst!“ (Gen 15,5)

Ich weiß nicht, wie alt es ist, das Bewegungslied von Stephen Janetzko, zu dem die Kleinen im Kreise stehen und mit Bewegungen den Text umsetzen, sich dann an die Hände greifen und ein Stück im Kreis gehen. Der Text, um den es geht, lautet schlicht und einfach: „Nach oben, nach unten, nach links, nach rechts! Nach oben, nach unten, nach links, nach rechts! Nach vorne, nach hinten, und wieder zurück! Nach vorne, nach hinten und wieder zurück! So gehen wir weiter im Kreise ein Stück. La la la…“. Mittlerweile ist das Lied aus den Kitas eher in die Karnevalssessionen eingezogen.

Schau mal im Haus, in dem Du lebst, in der Stadt, aus der Du kommst nach oben, nach unten, nach links nach rechts, oder nach vorne, nach hinten, und wieder zurück. Und zähle mal die „Heiligen Familien“, die Dir da augenfällig sind. „Sieh zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn Du sie zählen kannst“, sagt Gott zu Abraham. Abraham kann sie nicht zählen, weil es so viele Sterne sind. Bei „Zähle die Heiligen Familien, wenn Du sie zählen kannst“ komme zumindest ich nicht ans Zählen, weil es – meine Vermutung – keine gibt!

» ... dass nämlich Eigenschaften,die, darin sind wir uns einige, zu den Tugenden zählen, je nach Blickwinkel und Auswirkung auf die reale Welt zu Lastern werden können. «
Rushdie, Salman (2023): Wäre der Frieden ein Preis. Dankesrede anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Text und Seitenzahlen beziehen sich auf den Sonderdruck des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/Main, 31.

Familie als Beziehungsgeflecht – Heiligkeit als Prozess auf den Frieden hin

In seiner Rede zum Empfang des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 22.10.2023 in der Frankfurter Paulskirche illustriert Salman Rushdie das Bild einiger Menschen, die auf dem Markt kleine Fläschchen mit der Aufschrift „Wahrheit“, „Schönheit“, „Freiheit“, „Güte“ und „Frieden“ verkaufen. Einmal getrunken, wirken diese Inhalte, auf eine Weise, die alle anderen Dorfbewohner verwirren. Der „Wahrheit“ getrunken hat, erzählt allen, was er wirklich von ihnen hält; die „Schönheit“ getrunken hat, wird unerträglich eitel.[2] Was, wenn es ein Fläschchen mit der Aufschrift „Heiligkeit“ gegeben hätte? Welches Verhalten hätte der, der die Flasche trinkt an den Tag gelegt? Salman Rushdie endet seine Geschichte mit einer zutiefst wahren Bewertung, „dass nämlich Eigenschaften, die, darin sind wir uns einig, zu den Tugenden zählen, je nach Blickwinkel und Auswirkung auf die reale Welt zu Lastern werden können.“[3] Ich glaube, das gilt auch für Heiligkeit!

In Zeiten der Postmoderne wird „Familie“ als Beziehungsgeflecht verstanden. Die Bundeszentrale für politische Bildung weist auf den Aspekt der freiwilligen Entscheidung hin, wie Menschen ihr Zusammenleben gestalten wollen: „Der größte Unterschied zwischen historischen und aktuellen Familienformen ist daher nicht ihr Vorkommen, sondern dass die heutige familiale Vielfalt zu großen Teilen auf freiwilligen Entscheidungen beruht. Nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern existieren nicht aufgrund von Heiratsbeschränkungen, sondern weil die Eltern nicht heiraten wollen.“[4] Dieses Beziehungsgeflecht geht über die Kernfamilien gleich welcher Couleur hinaus. „Familiär“ kann als „verbindlich“ verstanden werden, es geht bei Erwachsenen um Verbindlichkeit, die von beiden Seiten geäußert und gelebt wird. Und Heiligkeit kann nicht mehr als „Status“ verstanden werden, der durch Heilige Mahle mit Brot und Wein gesichert wird, sondern als ein „Prozess, der auf den Frieden zielt“. Den Frieden mit Dir selbst, mit denen um Dich herum mit und in der Welt. Christus hat uns den Frieden hiterlassen, kein Vorbild einer Heiligen Familie.

» Ich habe verstanden, dass man von Gott nichts weiß, wenn man nur übernommene Antworten hat, ohne eigene Erfahrung und Sprache. «
Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf, 80.

Keine übernommenen Antworten

Nach den Mythen der Hl. Schrift und der Rede Salman Rushdies soll der Dritte im Bunde der Deutungsgeber für die Advents- und Weihnachtszeit zu Wort kommen, der Religionspädagoge Hubertus Halbfas. Was, wenn Du ihn befragtest, wie er die „Heilige Familie“ verstehe.

In seiner Gebetsschule“[5] findest du einen ersten Dialog zur Frage nach Gott, den der Lehrer und sein Schüler führen. Er beginnt mit Frage des Lehrers, was der Schüler verstanden habe. Der Schüler antwortet: „Ich habe verstanden, dass man von Gott nichts weiß, wenn man nur übernommene Antworten hat, ohne eigene Erfahrung und Sprache.“[6]

„Übernommene Antworten“ in der Frage nach Gott, nach der Heiligkeit des Lebens, nach dem Beziehungsgeflecht des Familiären sind wie die kleinen Fläschchen in Salman Rushdies Rede. Eigenschaften, die in diesen Antworten gelehrt werden, können je nach Blickwinkel und Auswirkung auf die reale Welt zu Lastern werden. Es gilt, sie zu würdigen, zu reflektieren, zu prüfen – um sie dann ggf. auch zu Deiner Antwort werden zu lassen. Das ist dann aber etwas völlig anderen als die “Übernahme“ der Antwort.

» Beten ist, in der Gegenwart Gottes leben. «
Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf, 126.

Noch einmal: Was feierst Du…?

Vielleicht ist dieses Reflektieren übernommener Antworten und das Wählen der eigenen Position das, was wir in der Tat von der Heiligen Familie heute übernehmen können. Die Legenden zu Beginn des Matthäus- und des Lukasevangeliums sind voll von solchen Reflexionen. In der Geschichte der Spiritualität ist diese Reflexion gleichzusetzen mit dem Begriff „Beten“. Noch einmal Halbfas: „Beten ist, in der Gegenwart Gottes leben.“[7]

Was feiere ich am Fest der Heiligen Familie? Mein Beziehungsgeflecht, als Ort, in der ich in der Gegenwart Gottes lebe, die Verbindlichkeiten darin, den Versuch des Prozesses auf den Frieden hin, mit mir selbst, mit Dir, mit der Welt, die Überprüfung der Antworten, die zur Übernahme mit Nachdruck angeboten werden, und die Freiheit der Wahl, meiner Form der Nachfolge Jesu Ausdruck zu verleihen. So kann ich mit dem Fest gut leben. Amen.

Köln, 29.12.2023
Harald Klein

[1] vgl. [online] https://www.herder.de/gd/lexikon/heilige-familie-fest]/ [29.12.2023]

[2] Rushdie, Salman (2023): Wäre der Frieden ein Preis. Dankesrede anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Text und Seitenzahlen beziehen sich auf den Sonderdruck des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/Main, hier 30f.

[3] a.a.O., 31.

[4] vgl. [online] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/252649/mutter-vater-kind-was-heisst-familie-heute-essay/#:~:text=Das%20heißt%2C%20neben%20der%20Kernfamilie,gleichgeschlechtliche%20Familien%2C%20Adoptivfamilien%20und%20Pflegefamilien. [29.12.2023]

[5] Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf.

[6] a.a.O., 80.

[7] a.a.O., 126.