Taufe des Herrn – Auftauchen, Eintauchen, Untertauchen, Abtauchen

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Der Schlusspunkt

Das ist heute die neunte Predigt, die die mythischen Bilder der Prophetenlesungen des Alten Testaments in der Advents- und Weihnachtszeit in Beziehung setzt, einmal zur Rede Salman Rushdies „Wenn der Friede ein Preis wäre“ anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 22.10.2023 in der Paulskirche zu Frankfurt/Main, und dann zur Gebetsschule des 2016 verstorbenen Religionspädagogen Hubertus Halbfas, die 1981 in Düsseldorf unter dem Titel „Der Sprung in den Brunnen“ erschienen ist.

Und es ist die letzte Predigt unter diesen Vorzeichen. Die Weihnachtszeit, die mit dem 1. Advent beginnt und „vorbreitet“ wird, die ihren Höhepunkt am Weihnachtsfest hat und dann „nachklingt“ bis zum Sonntag nach Epiphanie, nach „Dreikönig“, sie endet heute. So gilt es, einen Schlusspunkt zu setzen.

Mythen moralisieren nicht, es geht nicht um Gut oder Böse, um erlaubt oder unerlaubt, es geht um das, was niemals war und immer ist. Oft genug wurde der Satz des römischen Geschichtsschreibers Sallust hier genannt. Und alles, was in den prophetischen Schriften auf die Geburt Christi historisierend zu lesen aufgetragen scheint, sollte hier eben mythischbeschrieben werden. So wird aus dem Volk, das im Dunkeln geht, nicht primär und historisch das unterdrückte Judentum zur Zeit der Geburt Jesu, sondern jedes Volk und alle Angehörigen der Völker, die zu jeder Zeit unter Unterdrückung leiden. Und so wird das Leben jedes einzelnen zu einem Bethlehem, das Herz eines jeden und einer jeden zur Krippe, und die Gottesgeburt vollzieht sich nicht historisch, sondern mythisch in jedem Menschen, der sie ersehnt und sich dieser Gottesgeburt öffnet. In diesem Sinne wollen die neun Predigten gehört, gelesen, verstanden, gelebt werden.

» Wir sind nicht berufen, Kinder von Menschen zu sein und zu bleiben; wir besitzen die Fähigkeit, Kinder Gottes zu werden. «
Drewermann, Eugen (5. Aufl. 1989): Das Markusevangelium. 1. Teil. Bilder von Erlösung, Freiburg, 168.

Die Taufe Jesu

Markus schreibt über die Taufe Jesu: „In jenen Tagen kam Jesus aus Nazareth in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ (Mk 1,9-11).

Weder Johannes der Täufer noch Jesus sprechen auch nur ein Wort, und es wird dieser staunenden, meditativen Stille zu verdanken sein, dass die Stimme aus dem Himmel vernehmbar ist. Wer mit einer Unbefangenheit an den vorgelegten Text herangeht, der mag sich fragen, wem die Stimme eigentlich gilt, wen sie anspricht – Jesus oder Johannes! Beides mag stimmen. Auf Jesus hin – Markus besiegelt mit der Stimme vom Himmel die „Sohnschaft“ Jesu, was auch immer das heißen mag. Auf Johannes hin – er übernimmt den Part, den er angesichts des ihm erscheinenden Jesus zu tun als richtig erkennt; er wirkt angesichts des von ihm erkannten Gottes als dessen Werkzeug und erweist sich so als „Gottes Sohn“, und wäre es eine Johanna, die Täuferin gewesen, erwiese sie sich als „Gottes Tochter“, keine Frage!

» Die erste Frage unseres Lebens ist nicht, was wir gelernt haben, als wir noch Kinder waren; die Frage ist, wie wir es wagen, selber zu denken und einander so offen zu begegnen, wie es der Augenblick erfordert. «
Drewermann, Eugen (5. Aufl. 1989): Das Markusevangelium. 1. Teil. Bilder von Erlösung, Freiburg, 168f.

Gottesbegegnung in vier Worten

Mythos – was niemals war und immer ist! Das mythische Element in der Erzählung der Taufe Jesu, wie sie das Matthäus-Evangelium anbietet, lässt sich mit vier Worten umschreiben und verstehen.

Auftauchen – „In jenen Tagen kam Jesus aus Nazareth in Galiläa…“ Du kennst das, dass unerwartet und erwartet zugleich etwas oder jemand in Dein Leben eintritt und es irgendwie prägt? Du ahnst den Geist, der hinter diesem Prägen steht, und es öffnen sich Dir entweder Horizonte, oder Du kehrst Dich ab. Wer/was ist da in Deinem Leben in dieser Weise aufgetaucht?

Eintauchen – „… und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.“ Du kannst diese Taufstelle heute noch besuchen. Menschen tauchen dort häufig ganz unter die Wasseroberfläche ein. Anders: Du lässt es zu, dass andere Menschen in Dein Leben eintauchen, dass sie Teilnehmende sind an dem, was Dir Leben bedeutet. Wer durfte auf diese Weise in Dein Leben eintauchen, in wessen Leben durftest Du eintauchen?

Untertauchen – Hier geht es darum, dass der Blick sich trübt, dass die Luft zum Atmen wegbleibt, dass Du um den Atem ringen musst und die Oberfläche, den offenen Himmel ersehnst. Oder ganz anders: dass Du vor Glück untertauchenmöchtest, nur mit dem oder mit der anderen, nur an diesem Ort bleiben, der so verheißungsvoll ist; untertauchen, um bloß nicht gestört, herausgerissen zu werden. Kennst Du diese Momente, diese Menschen, diese Orte, an denen Du untertauchen möchtest, oder an denen bzw. bei denen Dir die Luft wegbleibt?

Abtauchen – Markus, der Evangelist, verliert kein Wort zuviel. Nach der Taufe setzt er an mit „Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.“ (Mk 1,12f) Jesus taucht – zumindest für Johannes den Täufer – ab. Er macht etwas völlig anderes und bleibt sich doch treu. Das sind schwere Momente, in denen die, die in Deinem Leben aufgetaucht sind, die eingetaucht sind in das, was Du tust und bist, und die untergetaucht sind in Deine Tiefe hinab (und umgekehrt gilt das Gleiche von Dir auf diese Menschen hin), dann abtauchen, nicht mehr da sind. Ich bin sicher, Du kennst das. Das kann Dich zerreißen, das kann alles auf den Kopf stellen.

» Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan das tun, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann. «
Rushdie, Salman (2023): Wäre der Frieden ein Preis. Dankesrede anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Text und Seitenzahlen beziehen sich auf den Sonderdruck des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/Main, 32.

Nach Frieden fragen

Heute sind wir beim Schlusspunkt der Predigten angelangt. Es ging immer wieder um die Frage nach dem Frieden, der sich zeigt, der sich finden lässt, in dem Du leben und den Du weitergeben kannst. Frieden durch die und Frieden mit denen, die in Deinem Leben auf-, ein-, unter- und vielleicht auch wieder abgetaucht sind. Die Wahrheit der Mythen zeigt, dass „Frieden […] schwer zu schaffen und schwer zu finden“[1] ist. Frieden, vielleicht besser, ein Mensch des Friedens, taucht auf, taucht ein, taucht unter, und taucht ab. Salman Rushdie sagt: „Frieden will mir im Augenblick wie ein dem Rauch der Opiumpfeife entsprungenes Hirngespinst vorkommen.“[2]

Wenn Rushdie in seiner Rede von der „Meinungsfreiheit“ spricht, ist die der freien Rede gemeint. Wenn in dieser Predigt die „Meinungsfreiheit“ angesprochen ist, geht es um die Deutungshoheit des Auftauchens, Eintauchens, Untertauchensund des Abtauchens. Und was Rushdie von der freien Rede sagt, gilt auch für diese Art der Deutung: „Was aber tun wir in Sachen Meinungsfreiheit, wenn sie auf derart vielfältige Weise missbraucht wird? Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan das tun, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann.“[3]

Welches Argument, welches Narrativ, welcher Hintergrund der Deutung verspricht mehr Lebendigkeit? In der Predigt zum ersten Advent findet sich ein Wort von Florian Illies, das mich seit Wochen begleitet: „Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Versionen.“[4] Die bessere Rede, das bessere Narrativ, vielleicht auch die bessere Frage kann über die bessere Version des Auftauchens, Eintauchens, Untertauchens und Abtauchens entscheiden.

In der heutigen Lesung fragt der Prophet Jesaja: Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen. Neigt euer Ohr und kommt zu mir, hört, und ihr werdet aufleben!“ (Jes 55,2-3a) Und beim Propheten Micha heißt es: „Und er wird der Friede sein“ (Mi 5,4). Gott wird als Labsal für den Menschen und als Frieden personalisiert, Gott ist als Frieden erfahrbar. In diesem Sinne bleibt das letzte Wort im Schlusspunkt dem Religionspädagogen Hubertus Halbfas, der seinem Schüler in der Gebetsschule Hinweise zur Frage nach Gott und dessen Präsenz im eigenen Leben mitgibt. Halbfas schreibt: „Wenn Du nach Gott fragen willst, lerne zu fragen. […] Vertrau auf Dich und wage zu fragen. Das führt Dich ins Weite. Religion ist eine Straße zu Gott. Eine Straße ist kein Haus. […] Wenn Du nach Gott fragen willst, lerne mit Händen und Füßen, mit Herz und Hirn zu fragen. […] Wenn Du nach Gott fragen willst, richte die Ohren. […] Wenn Du nach Gott fragen willst, öffne die inneren Augen. […] Wenn Du nach Gott fragen willst, übe Dich, Nein zu sagen. […] Gott ist ein Wort für den Brunnengrund, in den Du springen musst, wenn Du Dich selbst finden willst. […] Wenn Du nach Gott fragen willst, liebe die Welt.“ (74-78)

„Wenn der Friede ein Preis wäre“, so lautete der Titel der Rede von Salman Rushdie. Vielleicht ist das Leben in Frieden eine Folge, dass der Friede schon lange aufgetaucht ist unter uns, dass er eingetaucht ist in unsere Wirklichkeit, dass er untergetaucht ist, kaum sichtbar, aber umso besser spürbar – und dass es in unserer Macht, in unseren Worten, in unseren Taten liegt, dass er nicht abtaucht. Das könnte man dann „Nachfolge“ nennen.

Amen.

Köln, 06.01.2024
Harald Klein

[1] Rushdie, Salman (2023): Wäre der Frieden ein Preis. Dankesrede anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Text und Seitenzahlen beziehen sich auf den Sonderdruck des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/Main, 29.

[2] a.a.O., 28.

[3] a.a.O., 32.

[4] Illies, Florian (2021): Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939, Frankfurt/Main, 131.