Noch einmal: Im Großen erahnen, im Kleinen entdecken
Zumindest im katholischen Jahreskreis, in der Einteilung der Festzeiten, der Gedenktage der Heiligen und des „Alltäglichen“ beschließt der Sonntag nach dem „Dreikönigstag“ den Weihnachtsfestkreis. Das Evangelium erzählt von der Taufe Jesu als erwachsenem Mann, die er sich von Johannes dem Täufer erbittet.
Der Dialog am Jordan im Rahmen dieser Taufe berührt mich sehr. Johannes sieht Jesus auf sich zukommen, versucht sich der Taufe Jesu zu erwehren mit den Worten: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Jesus antwortet ihm: „Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“ Johannes gibt nach, und Jesus taucht ein in die Lebenswirklichkeit der Menschen. Es geht noch weiter im Evangelium, aber diese kleine Szene, dieser kleine Wortwechsel mag genügen. Am Ende komme ich auf den Schluss des Evangeliums zurück.
Es geschieht bei Matthäus hier nach dem Erleben der drei Sterndeuter zum zweiten Mal, dass Menschen – zuerst die Sterndeuter, jetzt Johannes – Großes erwarten, dass sie aber dann im Kleinen entdecken. Die einen den neugeborenen König von Israel, und sie werden zum Kind geführt. Der andere das Lamm Gottes, der die Sünde der Welt hinwegnimmt, und just dieses Lamm Gottes kommt auf ihn zu, bittet ihn um die Taufe, geht in die Knie und überlässt sich, sich klein machend, dem, der so große Erwartungen an ihn hat, eben dem Johannes – beachte bitte das Jesu „wir“, mit dem er Johannes (und uns) ins Boot holt!
aber am Ende steht das Vertrauen auf Gott.«
Die Grabesinschrift des Ignatius von Loyola
Die Grabesinschrift des Ignatius von Loyola (1491-1556) zeigt auf, wie es sich mit der Begrenzung des Großen und der Reaktion darauf im Kleinen leben lässt. Sie mahnt, dass du dich vom Großen, dass du erwartest, nicht klein machen lässt. Und umgekehrt, dass du dich selbst in die Lage versetzen kannst, Größe in das Kleine zu legen, das du lebst.
Die Grabinschrift in der Kirche Il Gesù in Rom lautet: „Non coerceri a maximo, tarnen contineri a minimo hoc divinum est“ – „Nicht begrenzt werden vom Größten und dennoch einbeschlossen im Kleinsten, das ist göttlich“.[1]
und leistet ihr Genüge,
sondern das innere Fühlen und Verkosten der Dinge. «
„Nicht begrenzt werden vom Größten…“
Für einen spirituellen Weg, der im Neuen Testament mit der Begegnung mit dem göttlichen Kind beginnt und sich bis heute in der Begegnung mit dem, der aus diesem Kind geworden ist, fortsetzt, gilt das, was Johannes erst lernen musste: Lasse dich nicht begrenzen, nicht einschränken von deinen Vorstellungen des Größten, des Unendlichen – denn meist ist es ja genau deine Vorstellung, deine Idee, dein Bild, deine Einbildung von diesem Größten, von diesem Unendlichen, was dir die Luft zum Atmen und zum Leben nimmt. Johannes erhofft, erwartet den, der „die Sünde der Welt hinwegnimmt“, die Sterndeuter erwarten den „neugeborenen König der Juden“ – was erwartest und erhoffst du im Leben, vom Leben, von Gott, von Jesus? Und anstatt dich aufatmen zu lassen, nimmt es dir die Luft, weil deine Erwartungen, deine Bilder zu groß, zu hoch sind.
Es könnte sein, dass dein Mut, die Realität anzunehmen, wie sie ist, deswegen schwindet, weil du mehr deinen Erwartungen an bzw. deinen Bildern von dieser Realität mehr Wirklichkeit zusprichst als deiner Realität, wie sie wirklichist. Das wirklich Große kommt auf dich zu, es geht nicht von dir aus. Der wirklich Große ruft dich aus dir heraus, du wirst nicht begrenzt werden vom Größten!
„… und dennoch einbeschlossen im Kleinsten…“
Den Sterndeutern ist an der Krippe, beim kleinen Jesus, ein Licht aufgegangen. Vermutlich ist es das gleiche Licht, das Johannes bei der Taufe Jesu aufgegangen ist. Matthäus drückt dieses „Licht“ mit dem Bild des Geistes Gottes aus, der als Taube auf Jesus herabkommt, und mit der Stimme aus dem Himmel, die spricht: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Der Größte, der Umfassende und Unendliche verweist auf den, der vor Johannes – und so stellvertretend vor der ganzen Menschheit – auf die Knie geht, sich taufen lässt, eintaucht in die Lebenswirklichkeit der Menschen, einer von uns wird. Das Größte, der Größte begrenzt nicht, sondern ist eingeschlossen im Kleinsten zu finden.
„… das ist göttlich.“
Dieser Brückenschlag aus der Advents- und Weihnachtszeit heraus in den Alltag, in den Jahreskreis ist nahezu unglaublich. In drei Punkten möchte ich ihn für dich fassen:
Zunächst die Begrenzungen des Größten, des Unendlichen, die von innen kommend du in deiner Fantasie, in deiner Angst voraussetzt – die aber bei Gott unnötig, sogar unwahr sind; Gott kommt in Jesus, einem einfachen Menschen, auf Johannes wie auf dich zu
Dann das Einbeschlossensein im Kleinsten, denn in der Gabe, in der Haltung dir und den deinen gegenüber kann das Größte zum Ausdruck kommen; ein Wort ist oft mehr als eine Information, ein Blick mehr als Wahrnehmung. Sternstunden des Lebens können das sein.
Und als Drittes das, was mich seit Jahren fasziniert: Das erste Wort, das Jesus im Evangelium nach Matthäus spricht, die Ouvertüre seiner Predigten, seiner Wunder- und Heilungssprüche und seiner Gleichnisse ist: „Lass es nur zu!“
Dieses Wort steht für mich wie eine Aufforderung, ein Angebot, eine Einladung, das, was ist, zuzulassen und anzunehmen. Wirklichkeit ist das, was wirkt. Daher muss Wirklichkeit nicht zwingend wahr, nicht Wahrheit sein! Wirklichkeit kann begrenzen, Wahrheit macht frei.
Der Übergang von der Advents- und Weihnachtzeit hinein in die Alltäglichkeit des Jahreskreises nimmt zum einem dadurch Fleisch an, dass der Sohn Gottes Fleisch angenommen hat, nicht als Unendlicher oder Übergroßer, sondern als Kind, als Mensch; dieser Übergang nimmt Fleisch an dann, wenn du ihn auf dich zukommen siehst in dem, wer und was wahrhaftig um dich herum ist, und dieser Wahrhaftigkeit mehr traust als der Wirklichkeit, die du hineinliest. Oft ist in der Wirklichkeit die Wahrhaftigkeit einbeschlossen, die es „herauszuholen“, zu „offenbaren“ gilt. So ist „das Wort Fleisch geworden“, so lebte Jesus seinen Alltag, und so sieht Nachfolge aus. Nicht nur an Weihnachten, sondern gerade im Alltag des Jahreskreises. Das ist dann göttlich und menschlich zugleich, in eins. Das Kleinste kann göttlich sein, das Größte hat die Tendenz zu begrenzen. Traue dem Kleinsten, und finde das Göttliche darin.
So viel für heute, und für diese Woche.
Köln, 10.01.2026
Harald Klein
[1] vgl. Hugo Rahner, Die Grabschrift des Ignatius von Loyola, in: Ignatius von Loyola als Mensch und Theologe, Freiburg 1964, 435.