Verw:ortet 01/2024: Roger Willemsen: Wer wir waren

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Um was es geht

Meine – ich würde beinahe sagen – brüderliche Gesinnung auf Roger Willemsen hin habe ich an anderer Stelle Ausdruck verliehen, zum einen beim Besuch seines Grabes, zum anderen in der Niederschrift des Zwiegespräches, das ich dort auf der kleinen Ruhebank mit ihm führen konnte. Nach meiner Beschäftigung mit seinen unglaublich vielfältigen Themen, seinen Werken und seinem Leben war es ein beinahe familiärer, brüderlicher Besuch, dort am Grab am Ohlsdorfer Friedhof im Hamburg.

Zum Jahresbeginn soll seine letzte öffentlich gehaltene Rede Thema bei verw:ortet sein. Mit „Zukunftsrede“ das Büchlein untertitelt. Aus der Perspektive der erdachten Zukunft schaut Roger Willemsen zurück auf die Gegenwart und stellt sich von der Zukunft her die Frage, wer wir waren bzw. wer wir gewesen sein werden. Ganz ähnlich ist das Vorgehen Harald Welzers in seinem Buch „Nachruf auf mich selbst“[1], dessen letztes Kapitel mit 12 Merksätzen betitelt ist mit „Wer will ich gewesen sein?“ Eine Rezension zu Welzers „Nachruf“ findest Du hier. Eine Sammlung einiger Zitate ist unter verw:ortet 06/2022 zu finden.

Insa Wilke, Roger Willemsens Nachlassverwalterin, schreibt in der Editorischen Notiz am Ende des Buches, dass diese Rede am 24. Juli 2015 im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern auf dem Gutshof Landsdorf Roger Willemsens letzter öffentlicher Auftritt gewesen sei.[2] Knappe 58 Seiten als das Vermächtnis eines Menschen, das ich Dir in einigen Zitaten weitergeben möchte. Möge es in Dir Neugier auf die Begegnung mit dem Autoren wecken, und möge es in Dir die Frage offen halten, wer Du gewesen sein möchtest – um von daher den ersten Schritt daraufhin heute schon zu tun.

Die Seitenzahlen (in Klammern nach den folgenden Zitaten) beziehen sich auf Willemsen, Roger (2016): Wer wir waren. Zukunftsrede, 4. Aufl., Frankfurt/Main. Diesen Beitrag zu „verw:ortet im Januar 2024“ kannst Du hier downloaden.

» Heute sind die Konsequenzen unseres Lebens und Handelns so dramatisch, dass man uns, anders als die Menschen des 19. Jahrhunderts, an unseren globalen Wirkungen wird erkennen müssen, und es ist signifikant: Die Welten der Zeitung, der Wissenschaft, der Literatur und Fotografie, des Films, des Fernsehens sind geradezu kontaminiert von den Bildern des Unheils - Bildern, die vom Sterben und Aussterben, Verkümmern, Verdursten, Ersticken, Schmelzen, Ertrinken oder Verbrennen sprechen. «
Willemsen, Roger (2016): Wer wir waren. Zukunftsrede, 4. Aufl., Frankfurt/Main, 9.

Die Zitate

„Heute sind die Konsequenzen unseres Lebens und Handelns so dramatisch, dass man uns, anders als die Menschen des 19. Jahrhunderts, an unseren globalen Wirkungen wird erkennen müssen, und es ist signifikant: Die Welten der Zeitung, der Wissenschaft, der Literatur und Fotografie, des Films, des Fernsehens sind geradezu kontaminiert von den Bildern des Unheils – Bildern, die vom Sterben und Aussterben, Verkümmern, Verdursten, Ersticken, Schmelzen, Ertrinken oder Verbrennen sprechen.“ (9)

„Wessen Himmel bevölkern schon die Sachwalter der Pragmatisten?“ (11)

„Erspare ich mir die müßige Frage danach, wie wir wohl künftig sein werden, und nutze die Zukunft vielmehr als die Perspektive meiner Betrachtung der Gegenwart, dann werde ich nicht mehr fragen, wer wir sind, sondern wer wir gewesen sein werden.“ (24)

„Ja, wir wussten viel und fühlten wenig. Wir durften es nicht fühlen und hörten doch T.S. Eliot fragen: ‚Where is the wisdom we lost in Knowledge? Where is the knowledgs we lost in information?‘ Hörten es und häuften noch mehr Informationen auf. Als brauchten wir einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aber aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen, die auf der Höhe der drohenden Zukunft wäre.“ (26

„Bewusstzuwerden hieße, in der Gegenwart anzukommen, die einmal die unsere gewesen sein wird.“ (31)

„Viele von uns konnte nach einiger Zeit nur noch die Großstadt mit ausreichend Reizen ernähren. Das Dorf machte Angst wie der Wald oder das Funkloch. Denn dort trat ein Lärm hervor, der hinter dem Lärm der Metropolen unüberhörbar geworden war: die Stille, das Schweigen zwischen denen, die sich nichts zu sagen hatten, Floskeln hervorbrachten, Effekte an die Stelle von Wirkung setzten und die Spuren persönlicher Erfahrung aus der Sprache abzogen.“ (36)

„Wir waren Hochempfindlichkeitsmaschinen und reagierten auf jeden sprachlichen Verstoß mit einem Alarmsignal – das was anzeigen sollte? Reizbar waren wir durch die Vorstellung, dass da unter dem Gesagten etwas Gemeintes sei, etwas Unbearbeitetes, Übles, das sich aus der Masse des Vorbewussten und Verdrängten eines Tages emanzipieren und brisant werden könnte. All das fand mehr in die Sprache als in der Welt der politischen Tatsachen, der Konsumentscheidungen, der Akte kollektiver Zerstörung statt, die wir schmerzloser quittieren.“ (38f)

„Damit etwas in die Öffentlichkeit trete, brauchen wir kein Epos mehr und keine Idee, keine Legitimität und keine Relevanz, keine Vermittler mehr, keine Journalisten oder Biographen. Wir waren uns selbst genug. Eine riesige autobiographische Welt entstand, ein Konfettiregen der Bilder, Daten, ‚Affekte. Wir wurden ja nicht allein von außen durchsichtig, wir machten uns auch selbst transparent.“ (41f)

„Wenn es also wahr ist, dass wir atomisiert leben, in kurzen Etappen der Präsenz, getrieben vom Etcetera, in einer impulsiven Kultur, aufgelöst in Zonen der peripheren Wahrnehmung, des dezentralen Blickens, dann wäre es eine Voraussetzung für alle Botschaften von verallgemeinerbarem Gehalt, im Sinne Nietzsches dem Auge die Geduld anzugewöhnen, den Impuls zu korrigieren.“ (47)

„Vergangene Jahrhunderte erdachten einen Imperativ mit dem Wortlaut „Mensch, werde wesentlich“ und instrumentierten ihn mit immer neuen Vorstellungen dessen, was ein vollständiges Individuum, eine symmetrische Persönlichkeit, ein schöner Mensch oder Wilder sei. Unser Beitrag zu dieser Geschichte ist der Begriff ‚Selbstoptimierung‘. Ihn behaupten wir gegen die Vorstellung vom altmodischen, strapazierten, unpraktischen, heimgesuchten Menschen, dessen Individualität Schmerz, Krankheit, Melancholie, Ermüdung, Schwärmerei ist und sich Mangelerscheinungen verdankt, Anomalien, fixen Ideen, lauter Hindernissen im Prozess effektiver Selbstausbeutung.“ (48f)

„Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat. Wir agierten auf der Schwelle – von der Macht des Einzelmenschen zur Macht der Verhältnisse. Von der Macht der Verhältnisse in die Entmündigung durch Dinge, denen wir Namen gaben wie ‚System‘, ‚Ordnung‘, ‚Marktsituation‘, ‚Wettbewerbsfähigkeit‘. Ihnen zu genügen, nannten wir ‚Realismus‘ oder ‚politische Vernunft‘. Auf unserem Überleben bestanden wir nicht. Denn unser Kapitulieren war auch ein ‚Mit-der-Zeit-Gehen‘.“ (51f)

„Es gab Kosmonauten, die auf ihre Reise Musik mitnahmen, aber zuletzt fast nur noch Kassetten mit Naturgeräuschen hörten: Donnergrollen, Regen, Vogelgesang. Andere hatten ein Gemüsebeet im All und züchteten Hafer, Erbse, Rüben, Radieschen und Gurken, strichen mit der Handfläche beseligt über die frischen Pflänzchen oder empfanden tiefe Trauer, als Fische in einem Becken die Reise nicht überstanden. Am äußeren Ende der Exkursion zu den Grenzen des Erreichbaren, die technische Rationalität mit der Meisterleistung krönend, entdeckten sie das Kreatürliche, das Spirituelle und das Moralische und kehrten zurück zum Anfang, zum Kind, zum Säugling, der da liegt wie der zusammengekauerte Todesschläfer, der letzte komplette Mensch. Seine Zukunft muss ihm unvorstellbar gewesen sein. Sie ist es noch.“ (54f – Abschluss der Rede)

Köln, 28.12.2023
Harald Klein

[1] Welzer, Harald (2021): Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens, Frankfurt/Main.

[2] Vgl. Willemsen, Roger (2016): Wer wir waren. Zukunftsrede, 4. Aufl., Frankfurt/Main.