Um was es geht
Die dritte und abschließende kleine Sammlung mit Zitaten aus dem Büchlein Byung-Chul Hans: Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil“ liefert Belege zu den Annäherungen an Gott, die Han von Simone Weil übernimmt. In verw:ortet 11/2025 galt der Fokus dem grundlegenden Stichwort „Aufmerksamkeit“. Verw:ortet 12/2025 griff die Themen „Dekreation“, „Leere“ und „Stille“ auf. Den noch ausstehenden Themen „Schönheit“, „Schmerz“ und Untätigkeit“ gilt diese kleine Sammlung.
Grundlegend für das Sprechen über Gott ist die Haltung der Aufmerksamkeit, nicht umsonst gilt ihr das lange erste Kapitel in Hans Büchlein. Wenn aus der Aufmerksamkeit auf das Leben in mir und das Leben um mich herum ein Entschluss wächst, mich mehr formen zu lassen denn mich selbst zu formen, wenn ich die Leere aushalte in der Hoffnung, dass Gott sie fülle, die Stille in der Hoffnung, dass ich so auf Gottes Stimme höre und sie wahr, für wahr nehme, wenn ich der Schönheit und dem Schmerz im Leben begegnen kann, ohne die eine vereinnahmen, mir einverleiben zu wollen und ohne dem anderen auszuweichen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, Gott begegnen zu können. Letztlich sind es Allerweltswahrheiten, die Byung-Chul Han im Dialog mit seiner „Mitbewohnerin“ Simone Weil hier anbietet. Aber dieses Angebot wird umso dringlicher, je mehr diese Haltungen in den Hintergrund rücken oder gar verloren gehen. Vielleicht können die drei Teile der Zitate in verw:ortet 11/2025-01/2026 die Erinnerung wachhalten und die Sehnsucht neu wecken.
Alle Zitate sind entnommen aus Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden. Die innerhalb der Zitate vom Autor benutzten Zitationen aus den Werken Simone Weils und anderer Autor:innen sind der Klammer ebenfalls nach der Seitenangabe genannt.
Die Zitate
„Schönheit“
„Dem Schönen fehlt heute jede Weihe, jede Spiritualität. Es wird zum Gegenstand des Konsums entweiht. Die Immanenz des Konsums beraubt es jeder Transzendenz, jeder Tiefe und Untiefe. Like ist seine Devise. Das Schöne darf weder erschüttern noch schmerzen.“ (80)
„Die Schönheit hat einen zwingenden Bezug zur Transzendenz. Sonst verkümmert sie zum Objekt des Konsums.“ (81)
„Die Errettung des Schönen bestünde darin, es dem konsumistischen Zwang zu entziehen und wieder zu spiritualisieren.“ (82)
„Sie (i.e. die Schönheit, H.K.) ist die einzige von allen Eigenschaften Gottes, die im Universum inkarniert ist. Der Anblick des Schönen vermittelt uns die Gewissheit, dass Gott existiert. Dass es Schönheit gibt, ist ein Gottesbeweis.“ (82)
„Das Schöne sorgt dafür, dass die Seele keine Adipositas entwickelt, denn es fordert den Betrachter dazu auf, auf das ‚Essen‘ zu verzichten. Die Betrachtung des Schönen setzt die Einbildung als Instanz der Einverleibung außer Kraft. Angesichts des Schönen hat die Seele zu fasten.“ (84)
„Das Schöne als Inkarnation Gottes verleiht der Wissenschaft eine Weihe. Demnach wäre jede Wissenschaft letztlich eine Theologie. Sie studiert die göttliche Ordnung des Universums. Die Schönheit der Inkarnation Gottes spiritualisiert die Wissenschaft. Sie erhöht das Studium zu einem Gebet. Studieren und beten fallen in eins.“ (87)
„Die digitale Kommunikation erzeugt besonders viel Lärm. Sie ist am weitesten vom Schweigen der Natur, von der gehorchenden Materie entfernt. Sie verkörpert den menschlichen Willen , die menschliche Verfügungsmacht in Reinform. Die digitalisierte Welt ist eine ganz vermenschlichte Welt, eine Welt, die wir gleichsam mit unserer eigenen Netzhaut überzogen haben. Sie ist dadurch komplett abgeschirmt vom Blick Gottes. […] Im Digitalen begegnet der Mensch nur noch sich selbst. Der digitale Imperativ gebietet eine Totalverfügbarmachung der Wirklichkeit. (92f)
„Schmerz“
„Allein über Schmerz haben wir Zugang zur Welt, zur Schönheit und auch zur Liebe. Durch den Schmerz dringt die Schönheit der Welt in den Körper ein. Ohne Schmerz sind wir weltlos und seinsvergessen. Der Schmerz ist das Mittel, mit dem sich die Wirklichkeit uns ankündigt und einschreibt.“ (96)
„Weils Gedanken zum Schmerz befremden uns. Wir sind heute geradezu feindselig gegenüber dem Schmerz oder schmerzblind. Wir lehnen jede Form von Schmerz ab. Die Algophobie beherrscht die Gesellschaft. Selbst die Liebe darf nicht schmerzen. Auch Kunst und Musik verfallen dem Gefälligkeitswahn. Alles wird zum Konsum- und Erlebnisformat geglättet. Jede Intensität wird gemieden, weil sie schmerzt. Das Gefällt-mir als Analgetikum der Gegenwart beherrscht nicht nur die sozialen Medien, sondern auch alle Bereiche der Kultur. Nichts soll wehtun. Dadurch wird das Leben selbst konsumförmig und verliert jede Tiefe, jede Intensität. Konsum und Religion vertragen sich nicht. Die Algophobie versperrt den Weg zu Gott.“ (100f)
„Das tiefe Glück ist nur gebrochen möglich.“ (101)
„Digitalisierung ist Anästhetisierung. Das Wesentliche wird aber im Schmerz geboren. Der Schmerz ist auch die Hebamme des Neuen. Ohne ihn sind wir in der Hölle des Gleichen gefangen.“ (102)
„Untätigkeit“
„Wir leben nicht mehr in der Disziplinargesellschaft. Das Disziplinarregime weicht dem neoliberalen Regime, das nicht von Befehlen und Gehorsam bestimmt ist, sondern die Freiheit selbst ausbeutet. In der neoliberalen Leistungsgesellschaft fallen der Sklave und der Herr in eins. Der Sklave ist nur scheinbar befreit zum Herrn, nämlich zum Unternehmer seiner selbst. Er glaubt zwar, keinem fremden Willen mehr unterworfen zu sein, frei, authentisch und kreativ zu sein, aber in Wirklichkeit ist er der Sklave seiner selbst.“ (106)
„Die Digitalisierung der Lebenswelt zeigt ebenfalls, dass der Mensch zum Sklaven seiner eigenen Hervorbringung wird. Die digitale Schlinge ist beklemmender als jene maschinelle Schlinge, in der sich Simone Weil zu befinden glaubte. Die Digitalisierung, die uns mehr Freiheit verspricht, bringt letztlich ein panoptisches Gefängnis hervor. Wir verkommen zu einem Datenpaket, zu einem Datenvieh, das sich überwachen und steuern lässt. Wir werden abhängig vom digitalen Stoff. So sind wir süchtig nach Reizen, die unsere Aufmerksamkeit zertrümmern. Die Suchtgesellschaft ist die Folge. Die Freiheit weicht der Sucht. Wir glauben zwar, frei zu sein, in Wirklichkeit aber taumeln wir von einer Sucht zur anderen, von einer Abhängigkeit zur anderen.“ (106f)
„Wir bewohnen ein digitales Gehege, das uns in ein Informations-, Kommunikations- und Konsumvieh verwandelt. In der Immanenz des Konsums und der Kommunikation sind wir von jeder Transzendenz abgeschnitten. Der Konsum macht Gott überflüssig.“ (108)
„Im Zuge der Digitalisierung verliert die Welt jene stofflich-körperliche Präsenz, die uns anspricht und anweht. Das Quantum berührt uns nicht. Die Welt löst sich in Daten und Informationen auf. Die Präsenzerfahrung ist dadurch kaum mehr möglich. Die Gotteserfahrung ist schließlich selbst eine intensive Präsenzerfahrung.“ (110)
„Die Schönheit entzieht sich jeder Form von Effizienz und Wirksamkeit. Sie ist eine Qualität ohne Quantität. Sie ist vor allem etwas, bei dem wir verweilen können. Nur die kontemplative Untätigkeit, die nichts einem Zweck unterwirft, die nicht arbeitet oder produziert, eröffnet den Zugang zur Welt als Schönheit.“ (111)
„Die drei Ungeheuer der gegenwärtigen Zivilisation sind Kapital, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Sie erniedrigen den Menschen, den Geist zum Sklaven des Quantums und der Effizienz. Erneut werden wir zum Sklaven unserer eigenen Hervorbringung.“ (111f)
„Simone Weil setzt der Maßlosigkeit die Form entgegen. Die Form lebt von der Begrenzung. Nachdem sie die Maßlosigkeit des modernen Lebens beklagt hat, hebt sie interessanterweise die Bedeutung der katholischen Zeremonien hervor. […] Rituale und Zeremonien verkörpern das Maß, das der Seele Form verleiht. Als Wiederholungen haben sie zudem nichts mit Effizienz und Quantität zu tun. Sie produzieren nichts.“ (112f)
„Der Verstand erfasst letztlich wie die Intelligenz nur das Quantum. Er besitzt kein Sensorium für das Schöne. Darin unterscheidet er sich vom Geist.“ (113)
„Rituale und Zeremonien sind narrative, das heißt sinnstiftende Praktiken, die dem menschlichen Leben, das so instabil, fragil und vergänglich ist, eine stabile Form, eine strukturierende Ordnung, einen festen Halt geben. Als Sinngebilde machen sie die Einhausung möglich. Sie bilden narrative Räume, die wir bewohnen können.“ (114)
„Simone Weil ahnte zumindest, was Untätigkeit sein könnte. So spricht sie von der ‚Mühe ohne Zielgerichtetheit‘ oder vom ‚nicht-handelnden Handeln.‘ Die poetisierte, spiritualisierte Arbeit nähert sich der Untätigkeit. Poetisch ist allein das zwecklose Tun, das Tun ohne Um-zu. Die Untätigkeit produziert nichts. Sie entzieht sich der Leistung und Effizienz. Das Quantum ist ihr fremd. Jede Tätigkeit, die in ihrer Mitte keine kontemplative Stille bewahrt, gleicht der Sklaverei. Es ist die Stille, die das menschliche Tun spiritualisiert. Sie stillt die Tätigkeit zur Untätigkeit.“ (116 – Schlussabsatz des Buches; die genannten Zitationen von Simone Weil finden sich in: dies.: <2020>. Schwerkraft und Gnade, Berlin, 194 bzw. 130.)
Köln, 01.01.2026
Harald Klein