Um was es geht
Im vergangenen Jahr 2025 veröffentliche der Medienwissenschaftler und Hochschullehrer Bernhard Pörksen seinen Essay über das Zuhören. Der Titel des in München erschienenen Buches lautet “Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen.“ Heute weiß ich, dass ich es zu sehr aus meiner Filterblase, meiner „Bubble“ gelesen habe, als Lehr- und Begleitbuch auf der Ich-Du-Ebene, und dass den Hinweis im Titel „…sich der Welt zu öffnen“ nicht ernst genug genommen habe.
Sieben Jahre zuvor erschien Pörksens Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“, ebenfalls in München. Hier wird deutlich, dass das spätere beschriebene Zuhören unter den Bedingungen einer Gereiztheit versucht werden muss, die die Ich-Du-Ebene u Längen überschreitet und zur Gesamtstimmung der Gesamtgesellschaft geworden ist.
In einem Seminar würde ich die Teilnehmenden jetzt fragen, an welchen Phänomenen sie die Gereiztheit in der Gesamtgesellschaft festmachen würden – die Liste wäre vermutlich lang.
Pörksens „Ordnungsversuch“ der kollektiven Erregung unterscheidet fünf „Krisen“ die er in Fallbeispielen und aus den Erkenntnissen der Sozialforschung heraus belegt. Sie alle wurzeln – ich sage es einmal umgangssprachlich, mir fehlen die Begriffe – im „Netz“ und darin, was im „Netz“ geschieht, wie es auf den einzelnen, auf Gruppen wirkt und wie die einzelnen, die Gruppen in das Netz hinein wirken. Pörksen spricht von der Wahrheitskrise, der Diskurskrise, der Autoritätskrise, der Behaglichkeitskrise und der Reputationskrise. In verw:ortet 02/2026 werde ich mich auf Zitate aus den Darstellungen der fünf Krisen beschränken. In verw:ortet 03/2026 stelle ich dann in einigen Zitaten Pörksens Vorschläge zum Überleben in bzw. zum Handhaben der großen Gereiztheit vor.
Da Bernhard Pörksen immer wieder sehr komplexe Zusammenhänge schildert, ist es kaum möglich, kurze Zitate sinnzusammenhängend zu wählen und hier wiederzugeben. Ich werde mich in der Zitation aus den fünf Krisen auf einige wenige Aussagen beschränken, die für mich Kernaussagen des Kapitels sind. Das mag den leider fehlenden roten Faden oder Kontext erklären. Aber wir sind es ja schon gewohnt – mit den Informationen im „Netz“ geht es uns oft nicht anders!
Alle Zitate sind entnommen aus Pörksen, Bernhard (2018): Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung, München. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden. Die innerhalb der Zitate vom Autor benutzten Zitationen aus den Werken anderer Autor: innen sind in der Klammer ebenfalls ausgewiesen.
Die Zitate
Vorbemerkung: Clash der Codes – oder das Zeitalter der indiskreten Medien
„Alles, was geschieht, was das Nervenkostüm anderer Menschen an irgendeinem Ort der Welt erreicht, was sie bewegt, verstört, ängstigt, vermag auch uns zu erreichen und zu verstören. Es ist eine Zeit der Empörungskybernetik, in der miteinander verschlungene, sich wechselseitig befeuernde Impulse einen Zustand der Dauerirritation und der großen Gereiztheit erzeugen. Jeder, der postet und kommentiert, Nachrichten und Geschichten teilt, ein Handyvideo online stellt, leistet seinen Beitrag, wirkt daran mit, die Erregungszonen der vernetzten Welt endgültig zu entgrenzen.“ (7)
„Im Hintergrund der Ereignisgeschichte wirken – als alles verändernde Einstrahlung – Effekte digitaler, vernetzter Medien, ebendiese Effekte sind das Thema dieses Essays. Sie verändern, wie zu zeigen sein wird, den Charakter dessen, was wir Öffentlichkeit nennen. Sie schließen das private und das öffentliche Bewusstsein kurz. Sie erzeugen eine eigene Dynamik und Dramatik der Enthüllungen. Sie treiben ganze Gesellschaften in Phasen rauschhafter Nervosität und der Verunsicherung hinein. Sie lassen Konflikte in Hochgeschwindigkeit eskalieren und erhalten sie am Leben, weil auf einmal alle ohne größere Schwierigkeiten mitzündeln und die einmal entstandene Aufregung immer wieder neu entfachen können.“ (8f)
„Man hat nicht mehr oder minder strikt getrennte Informationssphären für Junge und Alte, Kinder und Erwachsene, sondern alle können potentiell alles sehen. […] Es sind also – einerseits – die Ereignisse, die uns beunruhigen, die Kriege und Krisen, die schmutzigen Wahlkämpfe, die Wiederkehr des Autoritarismus, die eskalierenden Konflikte. Und es ist – andererseits – die plötzliche Sichtbarkeit des Schreckens, die eine Stimmung der großen Gereiztheit forciert.“ (13)
„Alles, was digital vorliegt, lässt sich blitzschnell und ohne Rücksicht auf Ursprungskontexte für ein Riesenpublikum zugänglich machen. Im Extremfall entsteht so eine deterritorialsierte Simultanität in der Ereigniswahrnehmung: Millionen von über den Erdball verstreuten Menschen befassen sich dann mit ein und demselben Thema, setzten sich mit ein und demselben Inhalt – nur eben unvermeidlich aus ihrer jeweiligen Perspektive, vor dem Hintergrund ihrer je besonderen Kultur oder auch Ideologie – auseinander.“ (16)
Erstes Kapitel: Die Wahrheitskrise – oder die gefühlte Manipulation
„Wahrheit ist ein intersubjektiv gültiges, jedoch vielfältig bedingtes, unvermeidlich zeitspezifisches, deswegen jedoch keineswegs beliebiges Konstrukt. […] Man kann nicht nicht konstruieren, aber es gibt selbstverständlich Wahrheits- und Wirklichkeitsentwürfe sehr unterschiedlicher Qualität und Glaubwürdigkeit.“ (41f)
„Damit stellt sich die Frage, warum dieser in der digitalen Sphäre so leicht herstellbare Zustand der Ungewissheit kognitiv so schwer aushaltbar ist. Die Antwort ist anthropologischer Pessimismus pur, sie lautet: Menschen sind in hohem Maße sinn- und sicherheitsbedürftige Wesen, eingehüllt in ihre Sehnsucht nach Bestätigung, verkapselt im Kokon ihrer Urteile und Vorurteile, äußerst energisch in dem Versuch, eigene Überzeugungen und auch bloß gefühlte Gewissheiten (der amerikanische Comedian Stephen Colberg nennt dieses Wahrheitsgefühlerhellend ‚truthiness‘) zu verteidigen.“ (51)
Zum Begriff der „Filter Bubble“ (Eli Pariser): „Sie besteht darin, dass sich der Einzelne – weitgehend ohne Korrektiv, ohne die Irritation durch andere Perspektiven – in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogelt. Man muss diesem Szenario, das Pariser beschreibt und das er zu dem Schreckensbild einer lernunwillig und irritationsunfähig gewordenen Gesellschaft verdichtet, nicht in allen Dingen folgen; denn das würde voraussetzen, dass die Algorithmen nur Bekanntes bestätigen, nicht jedoch auch den Lockruf in Richtung des Unbekannten und des Überraschenden programmieren, der schon aus ökonomischen Gründen – neue Bedürfnisse, neue Produkte, neue Märkte – attraktiv ist. […] Die eigentliche Gefahr besteht nicht in einer algorithmisch determinierten Filter Bubble, sondern in der Entfesselung des Bestätigungsdenkens in den gatekeeperfreien Zonen des Netzes. Das Problem ist nicht rein technischer, sondern technischer und sozialer Natur. Es geht nicht ausschließlich oder primär um die algorithmische Determinierung des Weltbildes, sondern um die selbstverschuldete kognitive Schließung mit Hilfe der neuen Medientechnologien.“ (56)
„Das also ist das eigentümliche Paradox der digitalen Wahrheitsordnung, ihre ambivalente Gestalt. Sie erlaubt die kognitive Schließung und eine höchst wirksame Selbstdogmatisierung eben aufgrund ihrer Offenheit und einfachen Formbarkeit.“ (61)
Zweites Kapitel: Die Diskurskrise- oder die Schwächung der Gatekeeper
„Das Gesetz der neuartigen Asymmetrie von Anlass und Effekt, von Ursache und Wirkung: […] Minimale kommunikative Anstöße können maximale Wirkungen entfalten.“ (vgl. 63)
„Jeder ist heute zum Sender geworden und kann barrierefrei öffentlich machen, was ihn bewegt. Die Medienwissenschaft bezeichnet dieses Phänomen als Disintermediation; gemeint ist, dass sich die Gatekeeper alten Typs, die Wächter am Tor zur öffentlichen Welt in Gestalt von Journalistinnen und Journalisten, unter den aktuellen Kommunikationsbedingungen umgehen lassen und dass sie an Bedeutung verlieren. Man kann nun, einen Netzzugang vorausgesetzt, sein eigenes Thema bekannt machen und auf ein Publikum hoffen, das sich interessiert.“ (63f)
„Gleichzeitig aber ist die Welt durchdrungen von Medien- und Netzwerkeffekten und neuen intransparent agierenden Gatekeepern, die als weitgehend unsichtbare Instanzen der Vorfilterung, der Auswahl und Gewichtung sowie der potentiell epidemischen Verbreitung wirken – in Phänomen, das sich mit dem nicht minder sperrigen Begriff Hyperintermediation bezeichnen lässt. Es sind Suchmaschinen und soziale Netzwerke, die es überhaupt erst ermöglichen, all die Ideen und Einfälle, all die Daten und Dokumente ausfindig zu machen und dann zu verbreiten. Sie werden von Milliarden von Menschen täglich genutzt. Und sie organisieren das, was öffentlich wirksam wird, mit Hilfe von Algorithmen und wirken als Weltbildmaschinen eigener Art, als globale Monopole der Wirklichkeitskonstruktion, die längst mächtiger sind als die klassischen Nachrichtenmacher und die traditionellen Massenmedien.“ (64)
„Es heißt, dass im digitalen Universum ein offener, von kaum steuerbaren Netzwerkeffekten geprägter Raum entstanden ist, in dem die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, die Unterschiedlichkeit der Stimmungen und Stimmen unmittelbar zugänglich und unmittelbar erlebbar geworden ist. […] Die Möglichkeit der Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation hat überdies zur Folge, dass sich allmählich eine neue Form und Formation der Diskursöffentlichkeit herausbildet, die hier Empörungsdemokratiegenannt werden soll.“ (65).
„Es ist nicht erstaunlich, dass der vernetzte Mensch auch deshalb nervös wird, auch deshalb so angestrengt und aufgeregt agiert, weil etablierte, Berechenbarkeit stiftende rituale und traditionelle Grenzziehungen der Kommunikation unterminiert und geschleift werden. Die Horrorvision einer Diskursanarchie durch den Verlust zivilisierender Filter verunsichert und erzeugt Angst.“ (75)
„Man muss […] einerseits die Anzeichen der Verwahrlosung kritisieren, aber andererseits betonen, dass das medienmächtig gewordene Publikum und all diejenigen, die mit einem Mal im Netz eine Stimme haben, äußert unterschiedlich sind. Eine Diskursdiagnose, die sich um eine solche Haltung bemüht, enthält daher sinn vollerweise das Eingeständnis: Es handelt sich um eine radikal pluralistische Macht- und Einflusssphäre, eine fünfte Gewalt, die sich nun – als Publikative eigenen Rechts – neben die Exekutive, die Judikative, die Legislative und die vierte Gewalt des traditionellen Journalismus schiebt.“ (83)
„Ein anderes, ebenso diskursveränderndes Aktions- und Rollenmuster der fünften Gewalt ist die Recherche und die gezielte Fahndung. Man trägt dann gemeinsam nach dem Prinzip des Crowdsourcing – der Sammelarbeit im Schwarm – detektivisch Bruchstücke eines Informationspuzzles zusammen, organisiert sich blitzschnell um ein Erkenntnis- und Enthüllungsziel. Das gerade interessiert.“ (86)
„Unabweisbar ist in all diesen Prozessen der Beeinflussung des Diskurses jedoch, dass das einst gesichtslose, zur Passivität verdammte Heer der Medienkonsumenten eine aktive Rolle übernommen hat und dass der Homogenität suggerierende Gebrauch des Kollektivsingulars – das Publikum – sinnlos geworden ist im Übergang von der Mediendemokratie zur Empörungsdemokratie. Es sind Leute, die ‚früher Publikum genannt wurden‘, wie der Journalist Jay Rosen formuliert. Sie prägen mit unterschiedlichen Absichten und Anliegen, mal gelassen und mal wütende, mal konstruktiv und mal destruktiv, das große, öffentliche Gespräch, das die Gesellschaft über sich selbst führt.“ (91)
Drittes Kapitel: Die Autoritätskrise – oder die Schmerzen der Sichtbarkeit
Denkmodell des Philosophen Jeremy Bentham: „Bentham hat, um den Strafvollzug zu optimieren und zu perfektionieren, das Konzept des Panoptikums entwickelt, dessen wesentliches Merkmal darin besteht, dass die Gefangenen nie sicher wissen können, ob sie nicht gerade in ihrer Zelle beobachtet werden. Das Grundprinzip seiner Überwachungsarchitektur: Der Wächter ist für die Gefangenen unsichtbar, die Zellen sind ringförmig um einen in der Mitte platzierten Wachturm angeordnet. Es ist die potenzielleSichtbarkeit, die kontrollierend und disziplinierend wirkt, einfach weil man die Fremdbeobachtung stets einkalkulieren muss.“ (99f)
„Das wir zu viel wissen, ist das Resultat der Tatsache, dass unter den Bedingungen der Digitalisierung ein Absolutismus der Transparenz regiert, der die Akzeptanz von Autoritäten nicht nur im konkreten Fall, sondern auch in grundsätzlicher Weise unterminiert. Was immer gesagt oder getan wird, vermag in neuer Leichtigkeit öffentlich zu werden, lässt sich, einmal digitalisiert und im Netz leichthändig zu durchsuchen, kaum noch zensieren und kontrollieren.“ (103)
„Wird es also, so lässt sich fragen, künftig elastischere, von Nachsicht geprägte Rollenmodelle geben, fehlbare, offensichtlich gebrochene Helden und verwundete Idole, die trotz ihrer ganz normalen Erscheinung und vielleicht sogar aufgrund ihrer Fehltritte bewundert werden? Oder wird das breite Publikum die großen Ideale weiter hochhalten, gleichzeitig aber Nahbarkeit, Offenheit und Transparenz fordern, also kaum miteinander vereinbare Ansprüche formulieren, die jeden Politiker in ein Dilemma manövrieren?“ (114f)
Viertes Kapitel: Die Behaglichkeitskrise – oder der Kollaps der Kontexte
„Vernetzung heißt Verstörung […]. Es ist eine allgemeine Zeit und Medienerfahrung, die hier greifbar wird. Sie soll hier in Analogie zum Konzept der Filter Bubble […] als Filter Clash bezeichnet werde. Gemeint ist mit der Rede vom Filter Clash, dass unterschiedlichste Varianten der Wahrnehmung in radikaler Unmittelbarkeit aufeinanderprallen, verursacht und forciert durch intensiv vernetzte Kommunikation.“ (118f)
„Der elementare Effekt der Vernetzung besteht eben gerade darin, dass die Idylle der Unerreichbarkeit geschleift wird und sich der Terror des Augenblicks mit aller Macht durchdrückt. Man wird auch im eigenen, von algorithmischer Vorfilterung geprägten Informationsuniversum erreicht und behelligt, ob man dies will oder nicht.“ (120)
„Wie aber kann man die Idee der Filterblase mit der Erfahrung der konstanten Konfrontation verbinden? […] Eine Antwort, die erklärt, warum Öffnung und Schließung gleichermaßen nachweisbar sind, liefert eine erhellende Unterscheidung des Netztheoretikers Michael Seemann, der von positiver und negativer Filtersourveränität spricht. Damit ist gemeint, dass man sich zwar selbständiger und leichter denn je in eigene Weltbildblasen hineingoogeln kann, für die eigenen Vorannahmen und Vorurteile Plausibilität zu erzeugen vermag. Das ist die positive Filtersouveränität, die einen in den Regisseur der eigenen Wirklichkeitserfahrung und den Konstrukteur persönlich-privater Öffentlichkeiten verwandelt. Negative Filtersouveränität würde hingegen bedeuten: Man kann sich auch gegen unerwünschte Informationen effektiv abschotten und sich im eigenen Informationskokon mehr oder minder vollständig isolieren. Aber genau dies ist nicht möglich, zumal im Falle von Extremereignissen , über die global berichtet wird. Zum einen erreichen einen die hereinströmenden Nachrichten über die klassischen Medien, die längst auch im öffentlichen Raum präsent sind; man denke nur an die Fernsehschirme im Bahnhof, an Flughäfen oder in der Kneipe, Nachrichtensendungen in der S-Bahn. Zum anderen erreichen sie einen per Mail, übe Facebook, Twitter, WhatsApp. Sie kommen zu einem in Gestalt von Push-Nachrichten oder Breaking-News-Schlagzeilen und dringen in jedem Fall durch.“ (120f)
„Information […] ist das, was man permanent zu verpassen droht.“ (122)
„Ebendiese Erfahrung von der schockierenden Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren ist im Zeitalter kollabierender Kontexte zum alltäglichen Erleben geworden und verändert die die soziale Temperatur vernetzter Gesellschaften, sie provoziert Disharmonie durch Sofort-Konfrontation mit anderen Lebenswelten und Lebensmöglichkeiten.“(124)
„Rüdiger Safranski empfiehlt- zwischen der Diagnose sinnloser Verstörung und der Betonung der Informationspflicht schwankend – eine Art Immunschutz für den Geist, ein individuell bestimmtes Gleichgewicht aus Zuwendung und Abwendung, selbstbewusstem Autismus und sensibler Wahrnehmung; diese Balance soll helfen, die Selbstüberforderung und das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht zu vermeiden.“ (154)
„Vielleicht gibt es […] – jenseits der Ego-Rezepte, die ohnehin immer nur eine Option für wenige sind, – noch eine andere Möglichkeit. Vielleicht müssen der Einzelne und die Gesellschaft eine Emotions- und Erregungsdidaktik erfinden, die einen klügeren, sorgfältigeren Umgang mit den eigenen Affekten gestattet. Die Leitfragen einer solchen Emotions- und Erregungsdidaktik könnten heißen: Was müssen wir wissen? Was ist im Sinne engagierter Zeitgenossenschaft und in dem Bewusstsein, dass eine Demokratie von Einmischung lebt, wirklich wichtig? Wie verknüpft man Aufregung mit Relevanz? Und wie verbindet man die Reflexe menschlicher Wahrnehmung und Aufmerksamkeitsteuerung (die Orientierung am Konkreten, Anschaulichen, Emotionalen) mit einer Agenda, die eine allgemeinere Bedeutung besitzt?“ (155)
Fünftes Kapitel: Die Reputationskrise – oder die Allgegenwart des Skandals
„Das Spektakel einer Menschenjagd und des Mobbings auf der Weltbühne des Netzes ist ein robustes Indiz dafür, dass der Skandal im digitalen Zeitalter eine neue Eskalationsstufe erreicht hat. […] Nur wer sich bereits an der Spitze etabliert hat, muss den Angriff fürchten, denn nur er erfüllt das mediendramaturgisch bedeutsame Kriterium der Fallhöhe.“ (158)
„In der allmählich entstehenden Empörungsdemokratie werden auch Unbekannte, Ohnmächtige und gänzlich einflusslose Menschen, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status, an den Pranger gestellt. Prominenz ist dann nicht die Voraussetzung und die Bedingung der Möglichkeit der Skandalisierung, sondern deren Folge.“ (159)
„Man weiß nie so genau, was andere über einen wissen, wie sie zu diesem Wissen gelangt sind und was sich von alldem dann eines Tages, womöglich nach dem Muster der Epidemie, verbreitet.“ (167)
Anm.: In verw:ortet 03/2026 werden Zitate aus dem letzten Kapitel des Essays vorgestellt, hier geht es dann um „die konkrete Utopie der redaktionellen Gesellschaft“.
Köln, 01.02.2026
Harald Klein