Verw:ortet 03/2023: Ulla Hahn – Das verborgene Wort

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Wird aus Hilla Ulla – oder umgekehrt?

In vier gewaltigen Bänden beschreibt Ulla Hahn die Lebensgeschichte von Hildegard Palm, genannt Hilla. Im Rheinland wird sie kurz nach dem Ende des II. Weltkrieges geboren, und hier wird sie groß. Ein „Proletarierkind“, wie die Eltern sie und ihre eigene Lebenswirklichkeit beschrieben. Den ortskundigen Lesenden fallen die Ortsnamen auf; leichte Veränderungen lassen doch auf reale Orte rückschließen.

Der rheinische Dialekt ist nicht nur bei den Eltern und Großeltern in der Sprache präsent; das gesamte Lebensumfeld ist durch und durch rheinisch geprägt. Aus diesem Provinziellen will Hildegard ausbrechen, sie beginnt mit einer Änderung des Rufnamens; für Freundinnen und Freunde ist sie nun „Hilla“ – spätestens hier wird die Parallele zu „Ulla“, zu den biographischen Parallelen von Hillas/Ullas Geschichte deutlich. Den stärksten Impuls erhält Hilla durch Bücher, durch Literatur, oft durch bloße Worte oder Sätze. So wie in Worten, in der Zusammensetzung der Buchstaben, auch noch andere Worte verborgen sind, so ist im Leben und Erleben, in den Sachverhalten und Geschehnissen, in den Begegnungen mit den verschiedensten Menschen immer auch anderes „verborgen“ und damit möglich.

Der erste Band dieser Lebensgeschichte von Hilla Palm, so nahe dran an Ulla Hahns Lebensgeschichte, beschreibt Kindheit, Schulzeit, Ausbildung und endet mit dem Entschluss, als Proletarierkind eine Universität zu besuchen.

Einige aussagekräftige Worte von Hilla Palms Exodus-Geschichte aus Kindheit über Schulzeit und Ausbildung bis zum Entschluss zum Studium finden Sie hier. Alle Zitate sind entnommen aus Hahn, Ulla (2006): Das verborgene Wort, München. Die Seitenangaben sind in Klammern gesetzt.

Die Zitate

„Sprache war allmächtig. Allmächtiger als der liebe Gott. Was war die wunderbare Brotvermehrung mit fünftausend Broten aus einem gegen die unendliche Wortvermehrung aus sechsundzwanzig Buchstaben? Jedes Buch ein neues Brot, jedes Wort ein Stück davon.“ (60)

„Ich saß vor meiner Tafel und kratzte aus der ‚Maus‘ einen ‚Saum‘, ein ‚am‘ und ein ‚um‘ und ein ‚aus‘, und als ich schließlich eine ‚Sau‘ rauskriegte, rannte und schrie sie von Sinnen. ‚Sau‘ war ein verbotenes Wort, ein schmutziges Wort, und jetzt steckte es klammheimlich in der harmlosen Maus.“ (61)

„Wörter waren unauslöschlich, sie an die Luft zu setzen musste man vorsichtig sein.“ (66)

„‚Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wer mich isst, wird durch mich leben.‘ […] Später lief alles auf eine markstückgroße Oblate im Mund hinaus; die Wörter sind so viel wunderbarer als die Wirklichkeit.“ (85)

Im Gespräch über die Gräuel der NS-Zeit: „Jut, sagte der Großvater, und nahm den Bruder und mich an die Hand, dat ihr zwei do noch nit op da Welt word. – Das fand ich auch. In den Büchern war das Böse gut aufgehoben .“ (97)

„Mit den Augen sprach sie weiter. Und wie. Erwachsene können mit den Augen gleichzeitig etwas ganz anderes sagen als mit dem Mund.“ (139)

„Die Wörter wollten mehr. Wollten nicht nur richtig geschrieben und gelesen werden. Sie wollten gesprochen sein, richtig gesprochen, schön gesprochen.“ (173)

„Wie immer, wenn ich es mit Geschriebenem zu tun hatte, das ich liebte, wurde mir die Zeit weder kurz noch lang, sie verschwand einfach.“ (209)

„Ein Satz konnte richtig und falsch sein zugleich. Die Katze schreibt ein Kalb. Das war richtig falsch. De Katze fing das Maus. Das war falsch richtig. Wer war mächtiger? Die Grammatik oder die Wirklichkeit? Waren die Dinge nur das, was die Sprache ihnen zustand, oder gaben die Dinge nur das preis, was die Sprache ihnen abzuringen imstande war? Waren die Dinge nur das, was die Sprache ihnen gab? Konnten die Dinge, konnte die Sprache unabhängig voneinander existieren? Trug die Sprache die Welt in sich oder die Welt die Sprache? Wo war die Allmacht der Grammatik geblieben? War das Reich der Grammatik wie das Reich Gottes am Ende nicht von dieser Welt? (216)

„Heisenberg will die Welt erklären, nicht besingen. Nur Zahlen lügen nicht. – Aber Gedichte, beharrte ich. Gedichte lügen auch nicht. Heisenberg hat sicher recht. Aber Eichendorff hat auch recht.“ (288)

„Mein Herz suchte Nahrung, keine Sättigung. Ich wollte träumen, nicht leben, ersehnen, nicht erlangen.“ (314)

„Meine Gedichte waren entbehrlich. Es machte mir nichts. Geschichten und Gedichte wurden nur gebraucht, wenn die Wirklichkeit nicht ausreichte. Wenn man nicht nur sein und haben wollte, was man war und hatte.“ (333)

„Von Anbeginn an war es mir gleichgültig, womit ich schrieb, allein die Bewegung zählte, das Aufspapierbringen der Buchstaben, Wörter und Sätze. Den Körper verlängern in der Schrift; sein Innerstes nach außen kehren. Gedanken sichtbar machen. Mich sichtbar machen. Mich schreiben, mich befestigen. Mich Ding-fest machen. Meine Hand auf dem Papier sagte mir: Du musst nicht weinen. Fürchte dich nicht! Nicht die Hand des Vaters, nicht die Augen der Mutter tun dir weh. Du bist richtig, sagte die Hand. Solange du schreibst, bist du nicht allein. Auf dem Papier bist du nie allein.“ (490f)

Während der Ausbildung zur Bürokauffrau: „Zuerst lebten die Geschichten nicht mehr. Zuletzt starben die Gedichte. Bücher waren Zeilen voller Zeichen. Fäden unterschiedlicher Länge, Wörter genannt. Zeilenhaufen, Buchstabenschnüre. Und das blieben sie auch.“ (516)

„Zuletzt griff ich zur Bibel. Die Heilige Schrift. Gottes Wort contra Wachtels Wort. ‚Im Anfang war das Wort‘, schrie ich. Das Wort! Das Wort! Schrie so laut, dass der Vater im Schuppen sein Hämmern unterbrach und an meine Stalltür klopfte. […] Das Wort war nicht bei Gott. Es war in der Fabrik. In den Aktenordnern. Auf dem Briefpapier. Bei brutto und netto, Kredit und Debet, Devisen und Bilanz.“ (516)

„Freiheit, schrieb Ich, ist das fünfte Element. Feuer, Wasser, Erde, Luft und Freiheit. Dass sie einem nicht in den Schoß fiele, schrieb Ich, davon wollte ich ein Lied singen. Fühlend, wie mein hochgespanntes Ich, mein Ich gegen Tod und Teufel, langsam von mir wich, schloss ich mit der Weisheit von dreiundzwanzig Kräutergeistern. ‚Wer die Freiheit gratis begehrt, verrät, dass er sie nicht verdient.‘ Ein Satz für meine Sammlung.“ (548)

„Sich mit fremdem Leid zu befassen, erleichterte das eigene. War dies am Ende das Geheimnis der Barmherzigkeit, der sieben guten Werke?“ (552)

Köln, 01.03.2023
Harald Klein