Verw:ortet 03/2024: Michael Ende: Die unendliche Geschichte

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Um was es geht

Im Juli 2023 waren es auf dieser Seite die Worte von Thomas Melle (2016): Die Welt im Rücken, die „Grund“ waren, Worte, die Halt geben konnten. In einer Art Tagebuch beschreibt Melle drei monatelang anhaltende Schübe der bipolaren Störung, auch bekannt als manisch-depressive Erkrankung. Etwas mehr als ein halbes Jahr später greife ich das Erleben manisch-depressiver Schübe noch einmal auf. Hintergrund ist der Besuch im Kölner „Theater am Bauturm“, wo Michael Endes „Unendliche Geschichte. Auf der Bühne zu sehen ist. Diesen Besuch vorbereitend, habe ich die „Unendliche Geschichte“ noch einmal nach langer Zeit gelesen. Für diesen Beitrag halte ich die These vor, dass das Michael Endes Buch auch als Spiegel für eine bipolare Erkrankung gelesen werden kann und vermute, dass der Autor zumindest Kenntnisse über die Phänomene dieser Erkrankung hatte.

Die Handlung auf ganz knappem Raum: Bastian Balthasar Bux, ein zehnjähriger Nerd, klaut aus einem ‚buchladen ein Buch, das den Titel „Die Unendliche Geschichte“ trägt. Das Buch hat zwei Teile, ist in zwei Farben gedruckt. Im erstenTeil – er steht für die depressive Episode – liest Bastian vom Land Phantásien, das durch einen Schatten bedroht ist, der alles verschluckt; das verschluckt werden oder verletzt werden schmerzt nicht, aber ein Teil der Wirklichkeit oder ganze Wirklichkeiten sind auf einmal weg, verschwunden. Die Kindliche Kaiserin schickt den Knaben Atréju aus, der mit Hilfe des Glücksdrachen Fuchur den Retter suchen soll. Dieser Retter soll ihr einen neuen Namen geben. Mehr und mehr merkt Bastian, dass er gemeint ist, dass er in die „Unendliche Geschichte“ einsteigen muss, um Phantásien zu retten. Sein Wunsch; sich mit Hilfe von Atréju und Fuchur in den Dienst der Kindlichen Kaiserin stellen, ihr einen neuen Namen – Mondenkind – geben und so die Prinzessin und ihr ganzes Land zu retten.

Im zweiten Teil – er steht für die manische Episode – dreht Bastian auf! Er merkt, dass in Erfüllung geht, was er sich wünscht, allerdings um den Preis, dass ihm Erinnerungen an sein Leben in der Welt neben und vor Phantásien, der Äußeren Welt, verloren gehen. Er glaubt der Einrede einer Hexe und will jetzt selbst Herrscher werden. Es kommt zu Auseinandersetzungen, Verrat und Kampf zwischen Atréju und Bastian, den Atréju verliert. Bastian trifft auf Menschen, die alle wahnsinnig sind, und erfährt, das seien alles Menschen der Äußeren Welt, die in Phantásien Kaiser werden wollten und nicht mehr zurück in ihre Welt fänden, weil sie ihre Wünsche aufgebraucht haben. Jetzt wird Bastian klar, dass er den Rückweg finden muss. Ein langer Weg, auf dem ihm dann Atréju und Fuchur noch einmal beistehen. Bastian übergibt Auryn, das Zeichen der Herrschaft , an Atréju – und dann geht der Weg zurück, nach Hause, in die Äußere Welt.[1]

Das zweifarbige Schriftbild – in meiner Ausgabe grün und rot – steht für die Handlung in der „Äußeren Welt“ (grün) und in „Phantásien“ (rot) und lässt sich als Farben der Realität bzw. der manisch-depressiven Episoden deuten. Alle Zitate sind entnommen aus Ende, Michael (1979): Die unendliche Geschichte, Stuttgart. Die Ziffern in der Klammer am Ende des Zitats verweisen auf die Seitenzahl.

» Es ist der magische Bereich des Imaginären. Das ist eben Phantásien, in das man ab und zu reisen muss, um sich dort ... um dort sehend zu werden, und dann zurückkehren in die äußere Realität, in die alltägliche Realität, und nun versuchen, das umzusetzen. Natürlich kann Bastian alles das, was er in Phantásien erlebt hat und was er nun an Erfahrungen mitbringt, nicht ohne weiteres umsetzen, wenn er in seine Realität zurückkommt, und die zwei kleinen ersten Schwellen, die er am Schluss überschreitet, wenn er zurückkommt, sind natürlich im Vergleich zu den wunderbaren Abenteuern, die er in Phantásien erlebt hat, kümmerlich, winzig, aber sie sind schon ein Anfang. «
Ende, Michael: O-Ton "Über Phantásien" [online] https://michaelende.de/zitate [28.02.2024]

Die Zitate

Zitate aus dem ersten Teil:

„‘Es begann also damit, dass der See Brodelbrüh eines Tages nicht mehr da war – einfach weg, versteht ihr?‘ –‚Wollen Sie sagen‘, erkundigte sich Ückück, ‚er sei ausgetrocknet?‘- ‚Nein‘, versetzte das Irrlicht, ‚dann wäre eben dort jetzt ein ausgetrockneter See. Aber das ist nicht der Fall. Dort, wo der See war, ist jetzt gar nichts mehr – einfach gar nichts, verstehen Sie?‘ – ‚Ein Loch‘, grunzte der Felsenbeißer. ‚Nein, auch kein Loch‘, – das Irrlicht wirkte zunehmend hilfloser – ‚ein Loch ist ja irgendetwas. Aber dort ist nichts.‘“ (23)

„‘Irgendwie fehlt immer mehr von der Gegend.‘“ (24)

„‘Manchmal war es anfangs nur ganz klein, ein Nichts, so groß wie ein Sumpfhuhn-Ei. Aber diese Stellen machten sich breit. Wenn jemand aus Versehen mit dem Fuß hineintrat, dann war auch der Fuß weg, oder die Hand – oder was eben sonst hineingeraten war. Es tut übrigens nicht weh – nur dass dem Betreffenden dann eben ein Stück fehlt. Manche haben sich sogar absichtlich hineinfallen lassen, wenn sie dem Nichts zu nahe gekommen sind. Es übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die umso stärker wird, je größer die Stelle ist.‘“ (24)

„‘AURYN wird dich schützen und führen, aber du darfst niemals eingreifen, was auch immer du sehen wirst, denn deine eigene Meinung zählt von diesem Augenblick an nicht mehr. Darum musst du ohne Waffen ausziehen. Du musst geschehen lassen, was geschieht.‘“ (43)

„‘Die Vernichtung breitet sich aus‘, stöhnte der Erste, ‚wächst und wächst und wird jeden Tag mehr – falls man überhaupt von nichts sagen kann, dass es mehr wird.‘“ (52)

„Atréju dachte an die wahnsinnigen Tänzer, die er draußen vor der Stadt im Nebel beobachtet hatte. ‚Warum?‘, murmelte er. ‚Warum sind sie nicht geflohen?‘ – ‚Sie hatten keine Hoffnung mehr. Das macht euereins schwach. Das Nichts zieht euch mächtig an und keines von euch wird ihm mehr lang widerstehen.‘“ (140)

„‘Nun weiß ich, warum du grau geworden bist‘, sagte die Kindliche Kaiserin. ‚Du bist dem Nichts zu nahe gekommen.‘“ (168)

Die Kindliche Kaiserin: „‘Es gibt zwei Wege, die Grenze zwischen Phantásien und der Menschenwelt zu überschreiten, einen richtigen und einen falschen. Wenn die Wesen Phantásiens auf diese grausige Art hinübergezerrt werden, so ist es der falsche. Wenn aber Menschenkinder in unsere Welt kommen, so ist es der richtige. Alle, die bei uns waren, haben etwas erfahren, was sie nur hier erfahren konnten und was sie verändert zurückkehren ließ in ihre Welt. Sie waren sehend geworden, weil sie euch in eurer wahren Gestalt gesehen hatten. Darum konnten sie auch ihre eigene Welt und ihre Mitmenschen mit anderen Augen sehen. Wo sie vorher nur Alltäglichkeit gefunden hatten, entdeckten sie plötzlich Wunder und Geheimnisse. Deshalb kamen sie gerne zu uns nach Phantásien. Und je reicher und blühender unsere Welt dadurch wurde, desto weniger Lügen gab es in der ihren und desto vollkommener war also auch sie. So wie unsere beiden Welten sich gegenseitig zerstören, so können sie sich auch gegenseitig gesund machen.“ (168)

„‘Darf ich dich noch etwas fragen?‘, nahm Atréju das Gespräch wieder auf. Sie nickte lächelnd. ‚Warum kannst du nur gesund werden, wenn du einen neuen Namen bekommst?‘ – ‚Nur der richtige Name gibt allen Wesen und Dingen ihre Wirklichkeit‘, sagte sie. ‚Der falsche Name macht alles unwirklich. Das ist es, was die Lüge tut.‘“ (169f)

Zitate aus dem zweiten Teil:

„‘Die Wege Phantásiens‘, sagte Graógramán, ‘kannst du nur durch deine Wünsche finden. Und du kannst immer nur von einem Wunsch zum nächsten gehen. Was du nicht wünscht, ist für dich unerreichbar. Das bedeuten hier die Worte ‚nah‘ und ‚fern‘. Und es genügt auch nicht, nur von einem Ort fortgehen zu wollen. Du musst zu einem anderen hinstreben. Du musst dich von deinen Wünschen führen lassen.‘“ (226)

„Sonderbar, dass man nicht einfach wünschen kann, was man will. Wo kommen die Wünsche in uns eigentlich her? Und was ist überhaupt ein Wunsch?“ (227)

„Bastian hatte dem Löwen die Inschrift auf der Rückseite des Kleinodes gezeigt. ‚Was mag das bedeuten‘, fragte er. ‚TU WAS DU WILLST, das bedeutet doch, dass ich alles tun darf, wozu ich Lust habe, meinst du nicht?‘ Graógramáns Gesicht sah plötzlich erschreckend ernst aus, und seine Augen begannen zu glühen. ‚Nein‘, sagte er mit jener tiefen, grollenden Stimme, ‚es heißt, dass du deinen wahren Willen tun sollst. Und nichts ist schwerer.‘“ (227f)

„‘Oh, niemand ist dir gewachsen‘, flüstert Xayíde, ‚nicht, wenn du weise bist. Die Gefahr liegt in dir selbst und deshalb ist es schwer, dich vor ihr zu schützen.‘ – ‚Was meinst du damit – in mir selbst?‘, wollte Bastian wissen. ‚Weise ist es, über den Dingen zu stehen, niemanden zu hassen und niemanden zu lieben. Aber dir, Herr, liegt noch immer an Freundschaft. Dein Herz ist nicht kühl und teilnahmslos wie ein schneeiger Berggipfel – und so kann einer dir Schaden zufügen.‘ – „Und wer sollte das sein?‘ – ‚Der, dem du trotz seiner Anmaßung noch immer zugetan bist, Herr.‘ –‚Drück dich deutlicher aus!‘ – ‚Der freche und ehrfurchtslose kleine Wilde aus dem Stamm der Grünhäute, Herr.‘“ (326)

„Er wusste auch, dass ihm nur noch wenig Wünsche blieben, deshalb achtete er sorgfältig darauf, keinen Gebrauch von AURYN zu machen. Die wenigen Erinnerungen, die ihm noch verblieben waren, durfte er nur opfern, wenn er dadurch seiner Welt näher kam, und nur dann, wenn es unbedingt nötig war.“ (371)

„Doch tief auf dem Grunde seines Herzens lebte noch ein anderer Wunsch als der, nicht mehr allein zu sein. Und dieser andere Wunsch begann sich nun leise zu regen. Das geschah an dem Tag, als er zum ersten Mal bemerkte, dass die Yskálnari ihre Gemeinsamkeit nicht dadurch erlangten, dass sie ganz verschieden geartete Vorstellungsweisen zusammenklingen ließen, sondern weil sie einander so völlig gleichen, dass es sie keine Anstrengung kostete, sich als Gemeinschaft zu fühlen. Im Gegenteil, es gab für sie gar nicht die Möglichkeit, miteinander zu streiten oder uneins zu sein, denn keiner von ihnen fühlte sich als Einzelner. […] Der Einzelne zählte bei ihnen nichts. Und da sie sich nicht unterschieden, war keiner unersetzlich. Aber Bastian wollte ein Einzelner sein, ein Jemand, nicht bloß einer wie die anderen. Er wollte dafür geliebt werden, dass er so war, wie er war. In dieser Gemeinschaft der Yskálnari gab es Harmonie, aber keine Liebe.“ (377)

„‘Ich habe alles falsch gemacht‘, sagte er, ‚ich habe alles missverstanden. Mondenkind hat mir so viel geschenkt und ich habe damit nur Unheil angerichtet, für mich und für Phantásien.‘ Dame Aíuóla sah ihn lange an. ‚Nein‘, antwortete sie, ‚das glaube ich nicht. Du bist den Weg der Wünsche gegangen und der ist nie gerade. Du hast einen großen Umweg gemacht, aber es war dein Weg. Und weißt du, warum? Du gehörst zu denen, die erst zurückkehren können, wenn sie Quelle finden, wo das Wasser des Lebens entspringt. Und das ist der geheimste Ort Phantásiens. Dorthin gibt es keinen einfachen Weg.‘ Und nach einer kleinen Stille fügte sie hinzu: ‚Jeder Weg, der dorthin führt, war am Ende der richtige.‘“ (392)

„‘Muss es denn so sein, dass ich alles verliere?‘- ‚Nichts geht verloren‘, sagte sie, ‚alles verwandelt sich.‘“ (393)

„‘Was sind das für Bilder?‘ – ‚Es sind die vergessenen Träume aus der Menschenwelt‘, erklärte Yor. ‚Ein Traum kann nicht zu nichts werden, wenn er einmal geträumt wurde. Aber wenn der Mensch, der ihn geträumt hat, ihn nicht behält – wo bleibt er dann? Hier bei uns in Phantásien, dort unten in der Tiefe unserer Erde. Dort lagern sich die vergessenen Träume ab in feinen, feinen Schichten, eine über der anderen. Je tiefer man hinuntergräbt, desto dichter liegen sie. Ganz Phantásien steht auf Grundfesten aus vergessenen Träumen.‘“ (401)

„Denn jetzt wusste er wieder, wer er war und wohin er gehörte. Er war neu geboren. Und das Schönste war, dass er jetzt genau der sein wollte, der er war. Wenn er sich unter allen Möglichkeiten eine hätte aussuchen dürfen, er hätte keine andere gewählt. Denn jetzt wusste er: Es gab in der Welt tausend und tausend Formen der Freude, aber im Grunde waren sie alle eine einzige, die Freude lieben zu können. Beides war ein und dasselbe.“ (416)

„‘Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen‘, sagte Herr Koreander, ‚und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. So wie du. Und die machen beide Welten gesund.‘“ (426)

Köln, 29.02.2024
Harald Klein

[1] Eine sehr gute Zusammenfassung von Michael Ende: „Unendliche Geschichte“ finden Sie auf [online] https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/die-unendliche-geschichte/6988 [28.02.2024]