Um was es geht
Dieser Beitrag baut auf verw:ortet 02/2026 auf. Der Medienwissenschaftler und Hochschullehrer Bernhard Pörksen veröffentlichte bereits 2018 seinen Essay über die „große Gereiztheit“[1] und beschrieb diese „kollektive Erregung“ als Frucht von fünf aktuellen Krisen. Er benennt und beschreibt in der „großen Gereiztheit“ (1) die Wahrheitskrise, (2) die Diskurskrise, (3) die Autoritätskrise, (4) die Behaglichkeitskrise und (5) die Reputationskrise. Als Antwort auf diese Krisen beschließt Pörksen den Essay mit der „konkreten Utopie der redaktionellen Gesellschaft“.
In verw:ortet 02/2026 findest du erläuternde Zitate zu den fünf Krisen, die im immer weiteren Vormarsch der Digitalisierung und ihrer Konsequenzen wachsen und gedeihen. Sie sind in der Zwischenzeit mehr und mehr belastend für den einzelnen und für die Gesellschaft im medialen, im beruflichen, im gesellschaftlichen, im privaten Umfeld zu entdecken, zu dechiffrieren. Selbst im Raum der Kirche und ihres Verhältnisses zur Öffentlichkeit und deren Institutionen, aber auch innerkirchlich, kannst du sie entdecken und musst sie er- und durchleben.
In diesem Betrag liefere ich als „Worte, die mich bewegen“ ausschließlich Zitate aus dem sechsten und abschließenden Kapitel und versuche so, die konkrete Utopie der redaktionellen Gesellschaft zu fassen. Dabei kommen die sieben Prinzipien der redaktionellen Gesellschaft zu Wort. Mit drei Vorschlägen zur Ausweitung der publizistischen Verantwortungszone und zur Errichtung dieser redaktionellen Gesellschaft endet Pörksens Essay – und dieses verw:ortet 03/2026.
Alle Zitate sind entnommen aus Pörksen, Bernhard (2018): Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung, München. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden. Die innerhalb der Zitate vom Autor benutzten Zitationen aus den Werken anderer Autor:innen sind in der Klammer ebenfalls ausgewiesen.
Die Zitate
Prinzipien der redaktionellen Gesellschaft
„Am Schluss dieses Buches gilt es, bildungspolitisch groß zu träumen. Denn in der gegenwärtigen Situation zeigt sich, davon bin ich überzeugt, eine gesellschaftlich noch unverstandene, noch gar nicht entzifferte Bildungsherausforderung. Wir leben in einer Phase der mentalen Pubertät im Umgang mit neuen Möglichkeiten, erschüttert von Wachstumsschmerzen der Medienevolution, denen wir mit konzeptioneller Klugheit begegnen müssen. […] . Ich selbst will im letzten Kapitel dieses Buches die Utopie einer redaktionellen Gesellschaft zur Diskussion stellen. Es ist eine Gesellschaft reflektierter Publikationsentscheidungen, in der die Grundfragen des Journalismus nach der Glaubwürdigkeit und der Relevanz von Information zu einem Element der Allgemeinbildung geworden sind. Diese Grundfragen nach der Seriosität von Quellen, dem Prozess der Recherche oder den Mechanismen der möglichst unvoreingenommenen Informationsauswahl sind längst kein Spezialproblem von Journalisten mehr. Sie gehen heute alle an, denn jeder Mensch, der ein Smartphone in der Tasche trägt, ist zum Sender geworden. Ebendarin liegt die bildungspolitische Bedeutung eines ideal gedachten Journalismus, er liefert eine Wertegerüst für das öffentliche Sprechen, verknüpft den Akt der Publikation mit der Prüfung von Faktizität und Relevanz, er hat Recherche-Routinen und Formen des Faktcheckings und der Quellenprüfung entwickelt, die einen aus dem Gehäuse eigener Vorannahmen und Vorurteile herauskatapultieren können.“ (21f)
Das erste Prinzip: Wahrheitsorientierung: „Wahrheitsorientierung bedeutet, unabhängig von allen erkenntnistheoretischen Grundsatzfragen, nach bestem Wissen und Gewissen unter Verwendung unterschiedlicher, möglichst vielfältiger, voneinander unabhängiger Quellen zu beschreiben, was man vorfindet, dies in dem Wissen, dass absolute Gewissheit unerreichbar bleiben muss.“ (191)
Das zweite Prinzip: Skepsis: „Guter Journalismus basiert auf einer Haltung prinzipieller Skepsis und Infragestellung des scheinbar Selbstverständlichen, weil man weiß, wie mächtig Paradigmen, Glaubenssätze, Vorurteile, große und kleine Ideologien sind und wie einflussreich Konformitäts- und Gruppendruck, Mechanismen der Manipulation und die allgemein menschliche Beziehungssucht sein können.“ (192)
Das dritte Prinzip: Verständigungs- und Diskursorientierung am Beispiel von Klimakrise und Verschwörungstheoretikern: „Was bedeutet es, wenn Konflikte in einer Gesellschaft nicht mehr aus schlichten Meinungsverschiedenheiten bestehen, sondern darauf basieren, dass man nicht einmal mehr die grundlegenden Standards der Wahrheitsfindung und Argumentation teilt, also eine Art Polarisierung der zweiten Ordnung beherrschend wird? Was heißt es, wenn der Verständigung somit die Basis entzogen wird?“ (194f)
Das vierte Prinzip: Relevanz und Proportionalität: „Guten Journalismus kann man als publizistische Kartografie der aktuellen Lebenswirklichkeit begreifen. Er skizziert jeden Tag und jede Stunde aufs neue eine Landkarte der Geschehnisse für diejenigen, die nach Orientierung über die Ereignisse in der Welt verlangen – nach einer Auswahl und einer möglichst verständlichen Aufarbeitung des Bedeutsamen und Interessanten. Das zentrale Merkmal dieser Form von Kartografie ist, dass man umfassend, differenziert und mit einem Gespür für Relevanz, Proportionalität und Nuancen berichtet.“ (196)
Das fünfte Prinzip: Kritik und Kontrolle: „Es gilt, die eigenen Maßstäbe im Austausch mit anderen zu schulen, die eigene moralische Fantasie vor dem Hintergrund gewaltiger Wirkungsmöglichkeiten auf der Weltbühne des Netzes zu trainieren und ein Gespür für die Angemessenheit und Stichhaltigkeit von kritischen Einlassungen zu entwickeln.“ (198)
Das sechste Prinzip: ethisch-moralische Abwägung: „Im Idealfall heißt journalistisch arbeiten, widersprüchliche Anforderungen und Wertekonflikte auf möglichst reflektierte Weise auszubalancieren -dies mit dem Ziel, auf ethisch-moralisch vertretbare Weise und im Bewusstsein der möglichen Folgen des eigenen Vorgehens zu publizieren.“ (199f)
Das siebte Prinzip: Transparenz: „Transparenz – die Offenlegung der eigenen Vorgehensweisen und Arbeitspraktiken – ist ein Leitwert der redaktionellen Gesellschaft, dies gleich aus drei Gründen: Erstens sichert und signalisiert Transparenz Unabhängigkeit in der Berichterstattung […] . Zweitens minimiert Transparenz Misstrauen und hilft dabei, die Akzeptanz von Medien zu bewahren […]. Drittens eröffnet der Leitwert der Transparenz auch die Möglichkeit, die Bildungsprozesse in der redaktionellen Gesellschaft voranzutreiben.“ (201)
Ausweitung der publizistischen Verantwortungszone
„Journalismus ist, gewiss, ein Beruf und eine Betätigung, aber auch ein Geschäft, überdies jedoch auch Lebensform und Bewusstseinszustand – im Sinne einer skeptischen Wahrheitssuche und einer kritischen Distanz zu Mach und Autorität. Und Journalismus ist im Sinne der hier gewählten Perspektive eine gleichermaßen idealistische wie konkrete Kulturtechnik, die mal organisationsabhängig und mal organisationsunabhängig praktiziert und mal innerhalb und mal außerhalb von klassischen Medienunternehmen ausgeübt werden kann.“ (202)
„Tatsächlich ist es vorstellbar, dass der etablierte Journalismus in einer redaktionellen Gesellschaft mit einem anderen Verständnis betrachtet wird, weil das Publikum die Ökonomie der Qualität genauer durchschaut. […] Der Vorwurf der verborgenen Arroganz und eines heimlichen Paternalismus und der Parteinahme übersieht, dass sich alle Beteiligen an einem Ideal von Journalismus messen lassen müssen und dass es an der Zeit ist, das Verhältnis zwischen den sogenannten Laien und den professionellen Experten neu und weniger asymmetrisch-hierarchisch zu denken – im Sinne einer kollaborativen Intelligenz, wie noch zu zeigen sein wird.“ (203)
Drei Vorschläge, den Vorwurf von der redaktionellen Gesellschaft fernzuhalten, sie sei nur eine normative Überhöhung:[2]
Der erste Vorschlag: ein eigenes Schulfach als Labor der redaktionellen Gesellschaft: es geht um Erziehung zur Medienmündigkeit – Kenntnisvermittlung über den Weg hin zur digitalen Welt und Machtanalyse der digitalen Welt – Irrtumswissenschaft („Vermittelt Wissen, das davon handelt, wie fehlerhaft und manipulationsanfällig die Wahrnehmung des Einzelnen oder auch ganzer Gruppen und Gesellschaften potenziell sein kann.“ – 207) – Praxis des Mediengebrauchs in der digitalen Welt (vgl.203-208).
Der zweite Vorschlag: der dialogische Journalismus: „In der redaktionellen Gesellschaft der Zukunft müssen Journalistinnen und Journalisten ihr Verhältnis zum aktiv und medienmächtig gewordenen Publikum grundsätzlich überdenken, dieses anders entwerfen, sich von der arroganten Simulation von Allwissenheit, der Rolle des Predigers, des Pädagogen und Wahrheitsverkünders verabschieden, zum Zuhörer und Moderator und gleichberechtigten Diskurspartner werden. Die entscheidende Umorientierung besteht darin, dass sich Journalistinnen und Journalisten von der Idee der asymmetrischen Belehrung verbschieden.“ (208f)
„In der redaktionellen Gesellschaft der Zukunft braucht es einen neuen, weniger asymmetrisch organisierten Pakt zwischen den Journalisten und ihrem Publikum, ein großes Gespräch auf Augenhöhe, das die Uralt-Tugenden des Dialogs – Nahbarkeit und Berührbarkeit, echtes und nicht bloß strategisch bzw. geschäftlich motiviertes Interesse und wirkliches Zuhören, die Bereitschaft zum Perspektivwechsel – in moderne Formen überträgt.“ (209)
Zur Rolle des Publikums – es entwickelt sich ein „dialogischer Journalismus“: „Das Publikum ist aus der Sicht des dialogischen Journalismus nicht mehr passiv, sondern Teilnehmer eines großen, niemals abgeschlossenen Gesprächs auf der Suche nach Wahrheit, Relevanz und Sinn. Es bestimmt die Agenda der Themen in direkter und unmittelbarer Weise mit, wird mitunter in Rechercheprozesse durch Crowdsourcing involviert […] Das Publikum wird zum Dialog- und Diskurspartner in einem Klima wechselseitiger Inspiration. Information gilt aus dieser Perspektive nicht mehr als statisch, Wissensentstehung wird prozesshaft gedacht, nicht als Ergebnis abschließender und ausschließender Verkündigung.“ (210f)
„Die Souveränität erster Ordnung (der Überlegenheit auf der Grundlage des Wissensvorsprungs und der eigenen Wahrheitsgewissheit) verwandelt sich allmählich in die Souveränität zweiter Ordnung, die in der Virtuosität besteht, mit der Prozesse der Wissensentstehung angestoßen und kollaborative Intelligenzleistungen ermöglicht werden.“ (211)
„Gatekeeping betreiben heißt, Informationen auszuwählen, sie überhaupt als relevant auszuzeichnen. Das ist die klassische, nach wie vor unverzichtbare Kernkompetenz in einer Zeit, in der Gerüchte und gefährlicher Nonsens blitzschnell zirkulieren. Gatereportingbetreiben hingegen bedeutet, die eigenen Auswahlkriterien und Quellen, wann immer möglich, offenzulegen und sich um die Begründung von Relevanz, Stichhaltigkeit und Wahrheitsanspruch zu bemühen.“ (211f)
Der dritte Vorschlag: die Diskurs- und Transparenzpflichten der Plattform-Monopolisten: „Medien [… müssen] verfügbar und einschätzbar sein. Wir müssen wissen, wer auf welche Weise und mit welcher Agenda Informationen ausgewählt, personalisiert und gewichtet, womöglich Relevanz- und Realitätsverzerrungen programmiert, um dann zu entscheiden, wie wir diese Informationen einschätzen und ob wir und ihnen aussetzen wollen. Im Bereich der klassischen Massenmedien ist die Einschätzbarkeit in sehr viel stärkerem Maß gegeben.“ (214f)
„Wie könnte der Einzelne lernen, die Plattform als Medium zu begreifen? Der Vorschlag, der hier unterbreitet wird, lautet: Plattformen müssen sich eigene, detailliert ausbuchstabierte Richtlinien und Ethikkodizes geben, die der öffentlichen Diskussion zugänglich sind. Sie brauchen in jedem einzelnen Land Ombudsgremien des Publikums. Damit würde die inzwischen gefährlich normal scheinende und seltsam natürliche wirkende Intransparenz der publizistischen Vorentscheidungen durch Plattform-Betreiber der allgemeinen Analyse und der öffentlichen Kritik zugänglich.“ (215-217)
Schlusssatz: „Ein solches Plädoyer, das nicht auf ein statisches System aus Normen und Regeln zielt, weist ins Offene und will und braucht die Debatte, nicht die Ruhebank fester Wahrheiten und vermeintlich zeitloser Gewissheiten. Es setzt, eben darin besteht seine Stärke und Attraktivität, schon in der Wahl der Mittel voraus, was es als Ziel zu erreichen gilt: die Autonomie und Selbstverantwortung des Menschen und seine Fähigkeit, mit anderen auf gute Weise in Freiheit zu leben.“ (218)
Köln, 01.03.2026
Harald Klein
[1] vgl. Pörksen, Bernhard (2018): Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung, München.
[2] Die sehr komplexen Begründungen gebe ich hier teilweise nur stichpunktartig wieder.