Um was es geht
In meiner Rezension des Buches von Sam Harris, gerade einmal 123 Seiten in einem nur unwesentlich größeren Postkartenformat , stelle ich nicht nur den Weg des Buches vor, den es genommen hat, um mich zu finden. Über Dan Browns Roman „Origin“ fand mich das Buch, Brown zitierte daraus in der – im Roman fiktiven – Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Gruppierungen des Christentums, genauer, mit den Kreationisten, die u.a. in der wörtlichen „Annahme“ der biblischen Schöpfungsgeschichte die Herkunft des Menschen wiederfinden und alle anderen Deutungs- und Erklärungsmuster als Werk des Teufels ansehen.
Für westeuropäische Christen, insbesondere Katholiken, scheint das weit weg; der eine oder die andere mag schon mal von fundamentalistischen Christen gehört haben, aber kennst du einen oder eine, oder gar eine Gruppe, die in deiner Nähe ist? Oder christliche-fundamentalistische Gruppen, die in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft oder anders: in der Legislative, der Exekutive und der Judikativen – samt der vierten Macht, den Medien – eine die Gesellschaft wirkmächtig prägende Kraft darstellen? Vielleicht kennst du keine oder keinen, weil du sie nicht kennen willst?
Für Harris stellt sich das anders dar. Das „christliche Land“, der Adressat seines Briefes, den er öffentlich als Essay schreibt, sind die Vereinigten Staaten, und darin besonders die Kreationisten und sind andere fundamentalistische Gruppierungen von Christen, die in den USA zwischen 40-47 % eine der größten Gruppierungen innerhalb der christlichen Kirchen –die Quelle dieser Zahlen stammt aus dem Jahr 2016![1] M.a.W. beinahe jeder zweite Christ – gleich welchen Geschlechtes – ist Teil einer religiösen Strömung, die eine wörtliche, irrtumslose Auslegung der Bibel, der Heiligen Schrift, als absolute Wahrheit fordert und glaubt. Die Errungenschaften der Moderne, die meisten Formen von Pluralismus sowie die Trennung von Kirche und Staat lehnt dieser religiöse Fundamentalismus ab bzw. präferiert er die Vorrangstellung des Glaubens und der Religion vor der politischen Macht. Religiöse Gesetze sollen zur gesellschaftlichen Norm werden. Neuerungen, säkulare Ideen und liberale Werte werden abgelehnt.
Mit diesem Wissen, das in den USA beinahe die Hälfte der Christen einen fundamentalistischen Hintergrund hat, stellt sich die Frage nach der (religiösen) Überzeugung derer, die in Legislative, Exekutive, Judikative und den Medien, aber auch in Schulen und Einrichtungen der Jugenderziehung, der Heime und Krankenhäuser u.v.m. ganz anders, oder?
Inhaltlich mag die Rezension mehr hergeben. Hier sind einige Zitate gesammelt, die in der drastischen Sprache zum einen den Sachverhalt schildern, zum anderen fundamentalistische Verengungen anklagen und zum dritten nach Alternativen oder Lösungen fragen. Die Komplexität des Inhalts erfordert längere Zitate als gewöhnlich, ich bitte um dein Verständnis.
Alle Zitate sind entnommen aus Harris, Sam (2006): Brief an ein christliches Land. Eine Abrechnung mit dem religiösen Fundamentalismus, München. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden. Die innerhalb der Zitate vom Autor benutzten Zitationen aus den Werken anderer Autor:innen sind in der Klammer ebenfalls ausgewiesen.
Die Zitate
Darstellung des Befundes
„Dass die Glaubensvorstellungen konservativer Christen mittlerweile einen außerordentlichen Einfluss auf die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten ausüben, ob in unseren Gerichten, unseren Schulen oder in irgendeiner Regierungsgruppe, ist allseits bekannt. Im Allgemeinen versuche ich mit meinen Beiträgen, Säkulare aller Gesellschaften mit Argumenten gegen ihre immer lauter eifernden Gegner zu bewaffnen; in diesem Buch geht es mir jedoch explizit darum, den geistigen und moralischen Anmaßungen des Christentums in seiner pflichtversessensten Ausprägung den Boden zu entziehen. Liberale und moderate Christen werden sich nicht immer in ‚dem Christen‘ wiederfinden, den ich hier anspreche, dafür dürften sich viele ihrer Nachbarn wiedererkennen – und mehr als hundertfünfzig Millionen Amerikaner.“ (17)
„Menschen, denen die Macht gegeben ist, Präsidenten und Kongressabgeordnete zu wählen – aber auch viele von denen, die sich zur Wahl stellen – , glauben, dass die Dinosaurier paarweise auf Noahs Arche gerettet worden seien, dass das Licht ferner Galaxien auf seinem Weg zur Erde erzeugt worden sei oder dass die ersten Vertreter unserer Spezies mit dem Odem eines unsichtbaren Gottes aus dem Staub eines Gartens erschaffen worden seien, in dem eine sprechende Schlange hauste.“ (19)
„Wir sind uns einig, was es bedeutet, ein wahrer Christ zu sein: Man muss überzeugt sein, dass alle anderen Religionen falschliegen, und zwar ganz grundlegend falsch.“ (25)
„Wenn du glaubst, es sei unmöglich, den moralischen Gehalt der Zehn Gebote zu verbessern, dann bis du es dir wirklich selbst schuldig, noch einige andere heiligen Schriften zu lesen. Auch hier brauchen wir nicht weiter als bis zu den Jaina zurückblicken, denn ihr Religionsstifter Mahavira übertraf die Ethik der Bibel mit nur einem einzigen Satz: ‚Du sollst keine Kreatur und kein lebendes Geschöpf verletzen, missbrauchen, unterdrücken, versklaven, kränken, quälen, foltern oder töten.‘ Überlege dir einmal, wie anders unsere Welt aussehen könnte, wenn dies das zentrale Gebot der Bibel wäre. Christen haben Menschen jahrhundertelang im Namen Gottes und aufgrund von Bibelauslegungen, die den Theologen völlig vertretbar erschienen, verletzt, missbraucht, unterdrückt, versklavt, gekränkt, gequält, gefoltert und getötet. Würde man den Leitsätzen des Jainismus folgen, so wäre solches Verhalten unmöglich. Wie kannst du dann aber behaupten, dass die Bibel die einzigartigste und eindeutigste Aussage über Moralität weit und breit sei?“ (44f)
„Einer der verderblichsten Einflüsse von Religion ist, dass sie Moral tendenziell von der Realität des menschlichen und tierischen Leids trennt. Religion ermöglicht dem Menschen zu glauben, dass sein Handeln moralisch sei, auch wenn es das nicht ist – das heißt, wenn es nichts mit dem Leid oder vielmehr mit dessen Linderung zu tun hat. Religion ermöglicht es dem Menschen sogar dann noch zu glauben, dass sein Handeln moralisch sei, wenn es ganz und gar unmoralisch ist – das heißt, wenn es unschuldigen Menschen unnötigerweise schreckliches Leid bereitet.“ (47)
„Was ist nun mit all dem Guten, das Menschen im Namen Gottes tun? Unbestreitbar opfern sich viele Menschen hingebungsvoll auf, um das Leid anderer Menschen zu lindern. Doch muss man an etwas glauben, das letztlich völlig unbewiesen ist, um sich so zu verhalten? Wenn unser Mitgefühl wirklich vom religiösen Leben abhinge, wie ließe sich dann die Arbeit von säkularen Ärzten erklären, die in fast allen Entwicklungsländern tätig sind, die vom Krieg verwüstet wurden? Viele Ärzte fühlen sich schlicht und einfach dazu bewegt, dem menschlichen Elend abzuhelfen. Sie denken dabei nicht an Gott.“ (56)
„Selbst wenn es so wäre, dass der Glaube an Gott einen verlässlich positiven Effekt auf das menschliche Verhalten ausübte, wäre das noch kein Grund, an Gott zu glauben. An Gott kann nur glauben, wer glaubt, dass es Gott wirklich gibt. Sogar wenn bewiesen wäre, dass der Atheismus direkt ins moralische Chaos führt, wäre damit noch nicht gesagt, dass die christliche Lehre wahr ist. In diesem Fall könnte auch der Islam die Wahrheit sein, oder es könnte sich herausstellen, dass sämtliche Religionen einen Placeboeffekt haben. Sie könnten als Beschreibungen des Universums allesamt völlig falschliegen, aber dennoch sinnvoll sein. Nun liegen allerdings die Nachweise nahe, dass sie sowohl falschliegen als auch gefährlich sind.“ (69f)
„Nach dem Tsunami in Asien ermahnten sich Liberale und Moderate gegenseitig, Gott ‚nicht in der Kraft, die die Welle bewegte, sondern in der Reaktion der Menschen auf die Welle‘ zu suchen.“ (71)
„Der Atheismus ist keine Philosophie, ja nicht einmal eine Weltanschauung. Er ist schlicht und einfach das Eingeständnis des Offensichtlichen. Letztendlich dürfte es nicht einmal den Begriff ‚Atheismus‘ geben. Es gibt auch niemanden, der sich als ‚Nichtastrologe‘ ausweisen müsste oder als ein ‚Nichtalchemist‘. Wir haben keine Worte für Menschen, die bezweifeln, dass Elvis nicht mehr lebt oder dass Aliens durch die Galaxie gereist sind, nur um Rancher und ihr Vieh auf Erden zu belästigen. Atheismus ist nichts anderes als das Geräusch, das vernünftige Menschen angesichts ungerechtfertigte religiöser Glaubenspostulate von sich geben. Ein Atheist ist einfach nur ein Mensch, der findet, dass die 260 Millionen Amerikaner (87 Prozent der Bevölkerung) , die angeben ‚niemals‘ an der Existenz Gottes zu zweifeln, verpflichtet werden müssten, Beweise für seine Existenz vorzulegen. Und nicht nur das – angesichts der unbarmherzigen Vernichtung unschuldiger Menschen, die wir tagtäglich zu bezeugen haben, sollten sie auch Beweise für seine Güte vorlegen müssen. Ein Atheist ist ein Mensch , der findet, dass der Mord an einem einzigen kleinen Mädchen selbst dann, wenn er nur einmal alle Millionen Jahre geschähe, Zweifel an der Vorstellung von einem gütigen Gott rechtfertigt.“ (74f)
„Religion ist das Gebiet im Diskurs der Menschen, auf dem es als edel gilt, vorzugeben, sich über Dinge gewiss zu sein, die kein Mensch je mit Gewissheit wissen kann. Bezeichnenderweise erstreckt sich diese Aura des Edelmuts jedoch nur auf Glaubensweisen, denen sich gegenwärtig viele Menschen verschrieben haben. Jeder Mensch, der dabei ertappt würde, wie er Poseidon verehrt – und sei es, er täte es auf hoher See – würde für verrückt erklärt.“ (92)
„Die Religion erhöht das Risiko von Streit unter den Menschen um ein Vielfaches mehr, als Stammeskonflikte, Rassismus oder Politik es jemals könnten. Religion ist die einzige Art von Denken, die das Gruppenspezifische dem Gruppenfremden gegenüberstellt und die Unterschiede im Lichte eines ewigen Lohnes versus einer ewigen Strafe betrachtet.“ (105f)
Zu den Schlussbemerkungen und Ausblicken von Sam Harris:
„Eine der größten Herausforderungen, vor denen die Zivilisation im 21. Jahrhundert steht, ist, dass die Menschen lernen müssen, ihre tiefsten inneren Sorgen auszusprechen, dass sie Fragen zur Ethik, zur Spiritualität oder zur Unausweichlichkeit des menschlichen Leids auf eine Weise ansprechen, die nicht derart eklatant irrational ist. Wir brauchen dringend einen öffentlichen Diskurs, der zu kritischem Denken und intellektueller Redlichkeit anregt. Nichts steht diesem Projekt mehr im Weg als die Ehrerbietung, die wir Religionen erweisen.“ (112f)
„Es ist eindeutig an der Zeit, dass wir lernen, unsere emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne uns dem Absurden hinzugeben. Wir müssen Mittel und Wege finden, uns auf die Kraft des Rituals zu berufen und die Übergänge, die in jedem Menschenleben nach Tiefgründigkeit verlangen – Geburt, Hochzeit, Tod –, so zu vollziehen, dass wir uns dabei nicht mehr über die wahre Natur der Dinge in die eigene Tasche lügen.“ (114)
„Als ein biologisches Phänomen betrachtet, ist Religion das Produkt kognitiver Prozesse, die tief in unserer evolutionären Vergangenheit wurzeln. Einige Forscher vermuten, dass der Religion eine wichtige Rolle in dem Prozess zugekommen sein könnte, welcher große Gruppen von Urmenschen dazu brachte, soziale Zusammenhänge herzustellen. Wenn das stimmt, dann können wir zumindest feststellen, dass Religion einmal einem bedeutenden Zweck gedient hat. Das heißt jedoch nicht, dass sie auch heute noch einem bedeutenden Zweck dient. […] Dass Religion in der Vergangenheit vielleicht irgendeine notwendige Funktion hatte, schließt nicht aus, dass sie den Aufbau einer globalen Zivilisation gegenwärtig vor die höchste Hürde stellt.“ (116f)
Köln, 01.04.2026
Harald Klein
[1] vgl. [online] https://fowid.de/meldung/kreationismus-den-usa-gleichbleibend-ausgepraegt [12.03.2026]