Um was es geht
Der Autor, Prof DDr. Franz Gmainer-Pranzl, lebt in Salzburg und ist Fachbereichsleiter am Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der dortigen Universität. In seinem Statement „Alleine leben – andere begleiten“ kritisiert die theologisch-praktische Unterteilung der Stände in der Kirche in verheiratet/nicht verheiratet.
Er führt den Begriff der „Gefährtenschaft“ als dritte Lebensform neben der Lebensform der (exklusiven) Partnerschaft und der Lebensform der (inklusiven) Gemeinschaft als mögliche, aus Glauben gewählte Lebensform ein. Sein Ziel ist die Beschreibung einer Theologie der Lebensformen, die er in sieben Thesen zusammenfasst.
Im Blick auf die gewählte Lebensform sind der Selbststand und die Begleitung die Kennzeichen der Gefährtenschaft der allein lebenden Menschen neben den in exklusiver (Paarbeziehung) und inklusiver Gemeinschaft (z.B. Ordensgemeinschaften) lebenden Menschen. Ihm gelingt das Beschreiben dreier Lebensentwürfe (exklusive bzw. inklusive Partnerschaft sowie Gefährtenschaft), die sich nicht vom Verzicht oder vom „Fehlenden“, sondern ausdrücklich vom „Gewinn“, der in ihnen liegt definiert.
Alle Zitate sind entnommen aus: Gmainer-Pranzl, Franz (2011): Alleine leben – andere begleiten, in: ders. (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg. Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben.
Die Zitate
„Was heißt es, aus christlicher Motivation heraus als Gefährte/Gefährtin zu leben? Was bedeutet es, den eigenen Weg alleine zu gehen und dabei auch andere Menschen zu begleiten?“ (72f)
„Eine Theologie christlicher Lebensformen […] leitet Menschen dazu an, den Fragen ihres Lebens und dem Anspruch ihrer Berufung gerecht zu werden.“ (73)
„Erstens: […] Alleine zu leben […], und zwar bewusst und ohne ein kirchliches Amt, ist eine Lebensform, die immer wieder der Erklärung bedarf.“ (73)
„Zweitens ist festzuhalten, dass es hier um eine bewusste Entscheidung geht, alleine, aber nicht beziehungslos zu leben.“ (74)
„Daraus ergibt sich drittens, dass eine positive Explikation der Lebensform der Gefährtenschaft gefragt ist. Es ist wenig attraktiv, immer nur zu erklären, was man im Gegensatz zu anderen ‚nicht darf‘; demgegenüber ist es viel spannender, Sinn und Ziel der Entscheidung, alleine zu leben, angeben zu können.“ (75)
„Nicht das Ausgrenzen von Sexualität, sondern das Dasein-Wollen für andere Menschen charakterisiert die Gefährtenschaft; nicht darum geht es, ‚besser‘ als andere sein zu wollen, sondern die allen geschenkte Berufung zum Christsein in einer bestimmten – zu Ehe und Gemeinschaft alternativen – Weise zu leben.“ (75f)
„Gefährtenschaft heißt […] nicht, isoliert oder asexuell zu leben, sondern das, was Menschsein und Christsein ausmacht, in einer anderen Lebenskonstellation zu verwirklichen.“ (76)
„Diese Lebenskonstellation – und das ist der vierte Punkt – möchte ich als partizipative Weggemeinschaft charakterisieren. Dieser Begriff meint, dass die Teilnahme an der ‚Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art‘, das Prinzip dieser Lebensform darstellt. Gefährtenschaft ist eine zutiefst partizipative Art und Weise zu leben.“ (76)
Fünftens: „Als Gefährte/Gefährtin zu leben bedeutet, geistig und geistlich auf dem Weg zu bleiben und von daher immer wieder aus Sicherheiten und Geborgenheit aufzubrechen. Die Gefährtenschaft ist die am wenigsten gesicherte Lebensform. Sie kennt weder eine exklusive (Partnerschaft) noch eine inklusive Bindung (Gemeinschaft), sondern versteht sich als partizipativ, als Wegbegleitung anderer durch Menschen, als selbst-ständige bzw. allein-stehende Form christlicher Existenz.“ (78)
„Die Fähigkeit, in einer guten Weise alleine zu leben, selbstständig und beziehungsfreudig zu sein und sich in allem eine echte innere Freiheit zu bewahren, stellt zweifellos das Schlüsselkriterium authentischer Gefährtenschaft dar.“ (78)
Sechstens: „Markiert das Leben in einer Beziehung vor allem das Verbundensein und das Leben in Gemeinschaft das Solidarischsein, bezeichnet die Gefährtenschaft das Unterwegssein. […] In der vielfältigen Vernetzung mit unterschiedlichen Menschen, in einer gewissen Distanz zu Traditionen und kulturellen/gesellschaftlichen/religiösen Plausibilitäten sowie in der Bereitschaft, immer wieder neu aufzubrechen, erschließen Gefährten und Gefährtinnen noch unentdeckt Lebens- und Glaubensräume.“ (80)
„Wenn das Christsein im Allgemeinen und die Gefährtenschaft im Besonderen zur bloßen Bestätigung des gesellschaftlich Selbstverständlichen wird, wenn Christen in der Weise ‚sesshaft‘ geworden sind, dass ihr Glaube nicht mehr ‚unterwegs‘, zu neuen Aufbrüchen fähig ist, dann ist etwas Entscheidendes verloren gegangen und die Gefährtenschaft zum Junggesellentum mutiert.“ (80)
Siebtens: „Was hier auf dem Spiel steht, […] ist jene innere Dynamik, die Christen zu ‚neuen Menschen‘ macht: die Freiheit, die Christus schenkt (2 Kor 3,17; Gal 5,1.13). Diese bestürzende und beglückende Erfahrung versetzt Menschen nicht in eine religiöse Sonderwelt, sondern befähigt sie zu einer ungeheuren Hoffnung: ‚Freiheit heißt sich an die Geschichte zu binden, um sie zu retten‘[1], wie Jon Sobrino SJ betont; und er unterstreicht: ‚Die christliche Freiheit ist im Letzten die Freiheit zu lieben.‘[2]“ (79f)
„Wenn die Lebensform der Gefährtenschaft diese christliche Freiheit nicht auf existenzielle Weise verkörpert, wenn Menschen, die als Gefährten/Gefährtinnen leben, nicht für die Radikalität einer größeren Hoffnung und Liebe stehen, ist es um das Zeugnis des Glaubens geschehen.“ (80)
[1] Sobrino, Jon (2008): Der Glaube an Jesus Christus. Eine Christologie aus der Perspektive der Opfer, Ostfildern 2008, 134.
[2] ebd.
Köln, 01.05.2020
Harald Klein