Um was es geht
Mit „Wie schön es heute war!“ beginnt die Novelle des französieren Schriftstellers und Journalisten Guy de Maupassant (1850-1893), und mit den Worten „Er ist nicht tot … Aber dann … Aber dann … muss ich mich töten … muss ich mich töten!“ schließt sie. Sie beginnt am 08. Mai eines nicht näher bezeichneten Jahres und endet im selben Jahr am 10. September.
Die von den Mailänder Zwillingsschwestern Anna und Elena Balbusso bibliophil gestaltete Ausgabe des Reclam-Verlages (der mehr kann als kleine gelbe Taschenbücher) hat einen Textkorpus von 69 Seiten, denen ein achtseitiges Nachwort des Schriftstellers Ernst Sander (1898-1976) angefügt ist. Hier, in der Weise der Illustration und im Nachwort, erfahren Autor und Werk eine hohe Würdigung.
In und zwischen den Zeilen wird deutlich, dass die Zeit des Schreibens von Guy de Maupassant die der großen französischen Erzähler war, etwa Alexandre Dumas (1802-1870), Victor Hugo (1802-1885), Gustave Flaubert (1821-1880) oder Emile Zola (1840-1902). Ein Jugendfreund seiner Mutter , der Lyriker Louis Bouilhet (1822-1869) nahm sich Guy de Maupassants ersten Schreibversuchen an. Nach Bouilhets Tod über nahm diese Aufgabe dessen bester Freund, der Schriftsteller Gustave Flaubert. Er wurde ihm zum Mentor!
Guy de Maupassant ließ sie alle ihre umfangreichen Romane und Erzählungen schreiben – sein Thema war die Novelle. Ernst Sander schreibt über diese Zeit und über den gerade mal dreißigjährigen Maupassant: „Er war der reife, seines Könnens und seiner Leserschaft sichere Meister der Erzählkunst, der in beispielloser Fruchtbarkeit Werk um Werk gestaltete. Das Halbjahrzehnt von 1880-1885 ist das reichste seines Schaffens; er brachte, nach dem Worte eines Zeitgenossen, Novellen hervor ‚wie ein Apfelbaum Früchte‘. Es entstanden die normannischen Bauern-, Guts- und Jägergeschichten, die Ruderer- und Beamtennovellen, die eleganten Erzählungen, die das Pariser Leben zum Gegenstand haben und nach denen man ihn früher einseitig gewertet hat, sowie die Novellen mit phantastischem Einschlag. Als er sich danach der Abfassung seiner Romane zuzuwenden begann, nahm die Zahl der entstehenden Novellen ab.“[1]
Maupassants Novelle „Der Horla“ ist 1886, als Buchausgabe 1887 erschienen. Die letzten fünf Monate im Leben des Erzählers stellt er in Tagebuchform vor. Die Spanne reicht vom „schönen Tag“ im Mai bis zum zwanghaften Entschluss zum Freitod im September eines unbestimmten Jahres. Die Schönheit des Tages, der Zeiten, seines Lebens nimmt für den Erzählenden rapide ab, weil in ihm das Gefühl stark und immer stärker wird, ein unsichtbares Wesen mit hypnotischen Fähigkeiten würde seinen Willen steuern und ihm nächtens im Schlaf alle Lebenskraft aussagen. Der Erzähler versucht, diesem Wesen mit Fallen und Tricks auf die Spur zu kommen, es gelingt ihm jedoch nicht. Wie im Märchen von Rumpelstilzchen sucht er nach einem Namen für die numinose Kraft, er entschließt, sie „Horla“ zu nennen (franz. hors-là heißt „da draußen“). Aber jede angewandte Rationalität unterliegt der Gefühlwelt und den Emotionen. Gehetztheit, Seelennot, die Erfahrung von Ausweglosigkeit und Selbstzweifel sind meisterhaft beschrieben; die Novelle endet mit dem Zusammenbruch der autonomen Persönlichkeit des Erzählenden. Um nicht zu sehr zu spoilern, verweise ich auf die letzten Worte der Novelle, die oben angeführt sind.
Für Maupassant wird die Qual der Kreatur zu einem Kernthema – so kennzeichnet es zumindest der Wikipedia-Eintrag. Sechs Jahre nach Erscheinen der Novelle unternahm der an Syphilis leidende Maupassant einen Selbstmordversuch seiner Villa in Cannes. „Kurz darauf brachten sein Diener und ein Krankenwärter ihn nach Paris, wo er in der Privatheilanstalt des Dr. Blanche in Passy Aufnahme fand, der gleichen, die auch Gerard de Nerval (1808-1855) und Vincent van Gogh (1853-1890) beherbergt hat. Dort hat er noch a18 Monate als Umnachteter gelebt. Am 6. Juni 1893 ist er gestorben. Er wurde auf dem Friedhof von Montparnasse bestattet; die Grabrede hielt Émile Zola (1840-1902).“[2]
Die Wiener Allgemeine Zeitung vom 08. Januar 1892 schrieb über die kurze Novelle Maupassants: „Ein hervorragender Parisen Psychiater Dr. Paul Garnier erklärte, da? In dem vor einigen Jahren von Maupassant veröffentlichten unheimlichen Buche ‚Le Horla‘ bereits Spuren der Geisteszerrüttung des Dichters zutage treten. Dieses Werk, welches die Psychologie und Physiologie des Wahnsinns schildert, erregte seinerzeit großes Befremden im literarischen Frankreich, wurde aber bald von neuen meisterhaften Schöpfungen Maupassant’s in den Hintergrund gedrängt.“[3]
Da schreibt einer auf wenigen Zeilen und auf einen kurzen Zeitraum hin die „Psychologie und Physiologie des Wahnsinns“ nieder, ohne einen Vorrat an Begrifflichkeiten oder Kenntnisse dieser Phänomene zu kennen, sie waren noch nicht oder nur ansatzweise, phänomenologisch entwickelt. Und der, der erzählt, trifft in der Beschreibung das, was heute immer noch sich zeigt und sichtbar ist.
Nicht, dass ich, wie der Untertitel dieser Rubrik lautet, „auf den Worten des Werkes stünde“. Dafür sind sie zu gruselig. Ich habe aber tiefe Hochachtung vor der Verbalisierung des inneren entsetzlichen Geschehens des Erzählenden, dem er diese Worte verleiht.
Alle Zitate sind entnommen aus Maupassant, Guy de: (2023): Der Horla, Illustriert von Anna und Elena Balbusso. Mit einem Nachwort von Ernst Sander, Stuttgart. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden. Die innerhalb der Zitate vom Autor benutzten Zitationen aus den Werken anderer Autor:innen sind in der Klammer ebenfalls ausgewiesen.
Die Zitate
„Wie schön es heute war! Den ganzen Morgen habe ich im Grase gelegen, vor meinem Hause, unter der riesigen Platane, die es völlig überdacht, schirmt und beschattet.“ (5 – die ersten Sätze der Novelle)
„Woher rühren jene geheimnisvollen Einflüsse, die unser Glück in Mutlosigkeit und unsere Zuversicht in Verzweiflung wandeln? Man könnte meinen, die Luft, die unsichtbare Luft, sei erfüllt von unbegreiflichen Mächten, deren geheimnisvoller Nähe wir uns beugen müssen. (7)
„Ach! Hätten wir doch andere Organe, die neue Wunder für uns erschüfen; wir vieles vermöchten wir dann rings um uns wahrzunehmen!“ (8)
„Ich schlafe – lange – zwei oder drei Stunden – dann ein Traum, nein – ein Nachtmahr erdrosselt mich. Dabei fühle ich ganz genau, dass ich im Bette liege und schlafe … Ich fühle es und ich sehe es … und dabei fühle ich zugleich, wie jemand auf mich zukommt, mich anstarrt, mich betastet, auf mein Bett steigt, auf meiner Brust kauert, meinen Hals mit seinen Händen umspannt und mich würgt … würgt … mit aller Kraft, und mich erdrosseln will.“ (11)
„Ich sprach weiter: ‚Wenn es auf Erden noch andere Wesen außer uns gäbe, wie kommt es dann, dass wir sie nicht schon seit langem erkannt haben? Wie kommt es dann, dass Sie sie noch nicht gesehen haben? Warum habe ich sie noch nicht gesehen?‘ Er antwortete: ‚Sehen wir denn auch nur den hunderttausendsten Teil von dem, was ist? Denken Sie doch an den Wind, der die gewaltigste Naturkraft ist, der Menschen zu Boden schleudert, Gebäude umstürzt, Bäume entwurzelt, das Meer zu Wassergebirgen aufwühlt und auftürmt, Küsten zerstört und große Schiffe in dien Brandung schmettert, den Wind, der da mordet, pfeift, seufzt, brüllt – aber haben Sie ihn je gesehen, und vermag man ihn zu sehen? Und dennoch ist er.‘“ (22 – im Gespräch mit einem Mönch in der Abtei Mont St. Michel)
„Wir müssen denkende und sprechende Menschen um uns haben. Wenn wir lange allein sind, bevölkern wir die Leere mit Phantomen. […] Wie schwach und zerstört ist doch unser Sinn, wie leicht geht er in die Irre, wenn nur ein winziges unbegreifliches Ereignis uns verblüfft. Anstatt mit simplen Worten den Schluss zu ziehen: ‚Ich verstehe es nicht, weil sich die Ursache meiner Kenntnis entzieht‘, phantasieren wir sogleich von entsetzlichen Geheimnissen und übernatürlichen Kräften.“ (29f)
„Seit der Mensch zu denken und seinen Gedanken durch Wort und Schrift Ausdruck zu geben vermag, fühlt er sich von einem Geheimnis umgeben, das seine plumpen und unvollkommenen Sinneswerkezuge nicht durchdringen können. Solange der Verstand noch sozusagen in den Kinderschuhen steckte, hat die Qual, welche jene unsichtbaren Phänomene auslösten, wahrhaft erschreckende Formen angenommen. So entstand der Volksglaube an die übernatürlichen Dinge, so entstanden die Märchen von schweifenden Geistern, Feen, Gnomen, Wiedergängern oder Gongern, ja ich möchte sagen: So entstand das Märchen von Gott; denn unsere Begriffe vom Weltenschöpfer, mögen sie stammen aus welcher Religion sie wollen, sind nichts als höchst armselige, höchst törichte und unzulängliche Ausgeburten schreckgeschlagener Menschenhirne. Voltaires Wort ist nur zu wahr: ‚Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, aber der Mensch hat es ihm heimgezahlt.‘“ (31)
„Der gestrige Abend war fürchterlich. Es manifestiert sich nicht mehr; aber ich fühle es neben mir, wie es mich ausspioniert, mich anblickt, mich durchdringt, über mich Gewalt gewinnt, was, da es im Verborgenen geschieht, noch weit grauenhafter ist, als wenn es durch übernatürliche Phänomene seine unsichtbare, beständige Gegenwart ankündigte.
Aber dennoch habe ich geschlafen.“(47)
„Wenn man an gewissen Krankheiten leidet, scheinen alle Hilfsmittel unseres Körpers erschöpft, alle Energien gelähmt, alle Muskeln erschlafft, alle Knochen weich wie Fleisch und das Fleisch flüssig wie Wasser. In meinem moralischen Sein vollzieht sich das Nämliche in seltsamer und trostloser Weise. Ich habe keine Kraft, keinen Mut, keine Selbstbeherrschung mehr, nicht einmal die Fähigkeit, meinen Willen zu betätigen. Ich kann nicht mehr wollen; aber irgendetwas in mir will statt meiner; und ich gehorche.“ (50)
„Nun weiß ich es, errate ich es. Mit der Herrschaft des Menschen ist es vorbei!
Er ist gekommen. Er, den schon die ersten Schreckensregungen naiver Völker fürchteten. Er, den besorgte Priester als Teufel austrieben, Er , den Zauberer in düsteren Nächten beschworen, ohne dass er ihnen bislang jemals erschienenen wäre; Er, dem die Menschen, die vorübergehend die Welt beherrschten, ungeheuerliche oder liebliche Gestalten als Gnom, Luftgeist, Genius, Fee oder Kobold liehen. Nach solcherlei plumpen Ausgeburten primitiver Furcht haben Menschen mit klarerem Blick ihn deutlicher vorgeahnt. Mesmer hat ihn erraten, und bereits seit zehn Jahren haben die Ärzte mittels exakter Methoden seine Macht und deren Natur festgestellt, noch ehe Er selbst sich ihrer bedient hat.“ (58 – angespielt wird auf Magnetismus, Hypnotismus, Suggestion)
„Es gibt auf dieser Welt im Grunde nur ein paar Geschöpfe, allzu wenige, zwischen Auster und Mensch.“ (61)
„Was habe ich nur? Er ist es, er, der Horla; er sucht mich heim; er gibt mir diese Wahngedanken ein! Er ist in mir, er wird zu meiner Seele! Ich muss ihn töten!“ (62)
„Wenn er nun nicht tot wäre…? […] Nein … nein … auf keinen Fall, auf keinen Fall ,,, Er ist nicht tot … Aber dann … aber dann … muss ich mich töten … muss ich mich töten…!“ (69 – mit diesen Worten endet die Novelle; vorher verschließt der Erzähler sein Haus, vergittert Fenster und Türen, zündet sein Haus an, vergisst dabei die Dienerschaft, die ums Leben kommt).
Aus dem Nachwort von Ernst Sander: „Für die Öffentlichkeit, für seine Leser und zumal seine Leserinnen, war Maupassant der ruhmgekrönte junge Autor, der , von Frauen umgeben, auf weißem Schiff mit geschwellten Segeln durch das blaue Mittelmeer glitt, eine schier legendäre Verkörperung aller Helle des Daseins. Man liebte ihn, weil man ihn stark und glücklich glaubte.
In Wirklichkeit aber war Maupassant ein Kranker, der den Gesunden spielte, und sein sinnenfreudiges Werk ist auf einem Grund von Körperqual, Unlust, Müdigkeit, Unglauben und Angstzuständen gediehen, zu denen sich Abnahme der Sehkraft, qualvolle Migränen und schließlich Wahnvorstellungen gesellten. Aber selbst dies machte er seinem Werk dienstbar: So entstand eine seiner mächtigsten Novellen, Le Horla (1886, dt. Der Horla).“ (76f)
Köln, 01.07.2026
Harald Klein
[1] Sander, Ernst (2023): Nachwort zu Maupassant, Guy de, Der Horla, Stuttgart, 77.
[2] a.a.O., 78.
[3] vgl. [online] https://de.wikipedia.org/wiki/Guy_de_Maupassant[16.06.2026]