Verw:ortet 08/2023: Julian Barnes – Vom Ende einer Geschichte, München

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Ein Dank der Telefonzelle

Fußläufig habe ich zwei sog. „Öffentliche Bücherschränke“, die eine am Altenberger Hof, die andere in der Blücherstraße – beide gerade mal 10 min weg von meiner Wohnung. Ich gebe zu, dass ich nicht an ihnen vorbeikann! Manches aussortierte Buch habe ich hier zur Mitnahme eingestellt, aber deutlich mehr habe ich von dort schon mitgenommen, gelesen, oft wieder zurückgegeben oder weiterverschenkt. Und einige mir lieb gewordene Autor*innen habe ich auf diesem Wege kennengelernt. Dafür erst einmal ein Dank an die Bücher-Telefonzellen oder Bücherschränke, die zum Mitnehmen und zum Einstellen einladen, und an die, die sie im Geben und Nehmen benutzen!

» Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen. «
Barnes, Jason (2013): Vom Ende einer Geschichte, München, 25.

Vom Ende einer Geschichte

Den britischen Autor Julian Barnes, geb. 1946, habe ich auf diese Weise kennengelernt. Er ist der Autor dieses des Nach-Denkens werten Romans „Vom Ende einer Geschichte“. Oder anders gesagt: Es geht im Roman um das Nach-Denken von Geschichte, von Lebensgeschichte und -geschichten der Akteur*innen. „Vom Ende einer Geschichte“ spielt in zwei Teilen. Teil Eins schildert die Schulzeit der Protagonisten, vornweg Tony Webster, in dessen Klasse ein „Neuer“ kommt, Adrian Finn. Wenn Barnes als „Autor der Postmoderne“ gelten darf, ist Finn deren Vertreter im Klassenzimmer. Besonders im Geschichtsunterricht von „Old Joe Hunt“ argumentiert Finn gerne mit sog. „philosophischer Evidenz“, mit der er Geschichtskonstrukte wie die Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges genauso dekonstruiert (ohne den Begriff zu benutzen, man kannte ihn noch nicht) wie Rückblicke auf persönliche Lebensgeschichten, sei es die eigene Geschichte, sei es die Lebensgeschichte anderer in ihren Verflechtungen. Das Erleben der Pubertät, des frühen Erwachsenendaseins, der Freundschaften und des Sich-Ausprobierens in Partnerschaften mit allem, was dazugehört, wird von Barnes im ersten Teil wenn nicht dargestellt, so doch zumindest kurz angerissen.

Teil Zwei spielt Jahre später und erzählt, dass Tony von einem Anwalt die Nachricht bekommt, Finn sein verstorben und habe ihn in seinem Testament bedacht. Wie der Roman für die Lesenden, ist diese Nachricht für Tony Webster des Nach-Denkens wert. Im Mühen um das Testament können die Ereignisse der gemeinsamen Zeit als junge Erwachsene auf der Schule neu gedeutet werden – und sie werden neu gedeutet, und wie! Auf der Suche nach diesem Testament, nach einem Tagebuch und nach Briefen von Finn erlebt die bisher gültige und verständliche Geschichte der Protagonist*innen ihr Ende. Und doch bleiben Tatsachen und Fakten, die einer neuen Deutung entgegensehen. Diese Deutung lässt Barnes offen, überlässt sie den Lesenden.

Da es mir hier vor allem um die Frage danach geht, was Geschichte (und Geschichten) leisten und ob sie objektiv gedeutet werden können, sind hier nur die entsprechenden „Geschichts“-Stellen aus dem Roman aufgeführt. Sie genügen, um für sich oder im Gespräch der Frage nachzugehen, wie Geschichte (im Sinne von Historie) einfach übernommen bzw. vom Subjekt (oder der Masse) konstruiert wird; gleichermaßen geht es darum, diese Frage an die eigene Lebensgeschichte oder die Lebensgeschichte anderer zu stellen. Wer hat das Recht, Geschichte(n) zu schreiben, zu deuten, zu interpretieren? Barnes zeigt, dass die Antwort auf diese Fragen alles andere als beiläufig sind und sogar über Leben und Tod zu entscheiden vermögen.

Alle Zitate sind entnommen aus Barnes, Julian (2013): Vom Ende einer Geschichte, München. In Klammern sind die Seitenzahlen angegeben.

» Wie oft erzählen wir unsere eigene Lebensgeschichte? Wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlene Schnitte vor? Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung infrage stellen, uns daran erinnern können, dass unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben. Anderen, aber - vor allem - uns selbst erzählt haben. «
Barnes, Jason (2013): Vom Ende einer Geschichte, München, 117.

Die Zitate

„Allerdings gibt es eine Denkrichtung, der zufolge man über jedes historische Ereignis – selbst den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, zum Beispiel – im Grunde nur sagen kann, es sei etwas geschehen.“ (12)

„Wären Sie so freundlich, uns an Ihren Gedanken teilhaben zu lassen?“ – „Ich weiß nicht, Sir.“ – „Was wissen Sie nicht?“ – „Nun, streng genommen kann ich nicht wissen, was es ist, das ich nicht weiß. Das ist philosophisch evident.“ (19)

„Wir wollen einem einzelnen die Schuld geben, um damit alle anderen reinzuwaschen. Oder wir geben einer historischen Entwicklung die Schuld, um damit einzelne freizusprechen. Oder alles ist ein einziges anarchisches Chaos, mit denselben Konsequenzen. Mir scheint, es gibt – gab – da eine Kette individueller Verantwortlichkeiten, die samt und sonders notwendig waren, aber die Kette ist nicht so lang, dass jeder einfach die Schuld auf den anderen schieben kann.“ (19)

„Nun könnte mein Bestreben, etwas oder jemanden zur Verantwortung zu ziehen, natürlich eher Zeugnis meiner eigenen Denkungsart als einer unvoreingenommenen Analyse des Geschehens sein. Das ist doch ein Kernproblem der Geschichtsschreibung, nicht wahr, Sir? Die Frage der subjektiven gegenüber der objektiven Interpretation, die Notwendigkeit, die Geschichte des Geschichtenschreibers zu kennen, damit wir verstehen, warum uns gerade diese Version unterbreitet wird.“ (19f)

„‚‘Was ist Geschichte? Fällt Ihnen dazu etwas ein, Webster?‘ – ‚Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger‘, antwortete ich etwas zu rasch. ‚Ja, ich habe befürchtet, dass Sie das sagen würden, Nun gut, solange Sie im Auge behalten, dass sie auch die Summe der Selbsttäuschungen der Besiegten ist.‘“ (24)

„‘Simpson?’ Colin war besser vorbereitet als ich. ‚Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln, Sir.‘ – ‚Warum das?‘ – Sie stößt einem immer wieder auf, Sir. Sie rülpst. Das haben wir in diesem Jahr andauernd gesehen. Immer dieselbe Geschichte, immer dasselbe Schillern zwischen Tyrannei und Rebellion, Krieg und Frieden, Wohlstand und Verarmung. ’ – ‚Muss ja ein ziemlich dickes Sandwich sein, meinen Sie nicht auch?‘ Wir lachten viel länger als nötig, ein Anfall von Schuljahresendhysterie.“ (24f)

 „‚Finn?‘ – ‚Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen.’“ (25)

„Ich erinnere mich an die Bemerkung von Old Joe Hunt bei einer Auseinandersetzung mit Adrian: dass man aus Handlungen auf die geistige Verfassung schließen könne. Das bezog sich auf die Geschichte – Heinrich den Achten und so weiter. Im Privatleben trifft meiner Meinung nach das Gegenteil zu: dass man aus der jeweiligen geistigen Verfassung auf frühere Handlungen schließen kann.“ (57)

„Unwillkürlich verglich ich mein Leben mit dem Adrians. Die Fähigkeit, sich selbst zu sehen und prüfend zu betrachten; die Fähigkeit, moralische Entscheidungen zu treffen und danach zu handeln; der geistige und körperliche Mut seines Selbstmords, ‚Er hat sich das Leben genommen‘ lautet die gängige Formel, aber Adrian hatte auch die Verantwortung für sein Leben, die Herrschaft über sein Leben übernommen, er hatte es selbst in die Hand genommen – und dann fallen lassen. Wer von uns – von uns, die wir geblieben sind – kann das von sich behaupten? Wir wursteln so vor uns hin, wir lassen das Leben geschehen, wir legen uns nach und nach einen Vorrat an Erinnerungen zu. Hier stellt sich die Frage der Akkumulation, aber nicht in dem von Adrian gemeinten Sinn, sondern die Frage der einfachen Addition und Vermehrung des Lebens. Und wie schon der Dichter sagt, ist vermehren nicht dasselbe wie steigern. Hatte mein Leben sich gesteigert oder nur vermehrt? Das war die Frage, die Adrians Fragment für mich aufwarf. In meinem Leben hatte es Addition – und Subtraktion – gegeben, aber wieviel Multiplikation? Und bei diesen Fragen überfiel mich ein Unbehagen, eine Unruhe.“ (109)

„Ich erinnere mich an eine Zeit gegen Ende der Pubertät, als ich mich innerlich an Bildern von Kühnheit und Abenteuerlust berauschte. so wird es sein, wenn ich mal erwachsen bin. Dort werde ich hingehen, das werde ich tun, jenes entdecken, diese Frau lieben und dann die und die und die. Ich werde leben, wie die Menschen in Romanen leben und gelebt haben. In welchen genau, wusste ich nicht, nur dass es darin Leidenschaft und Gefahr, Verzückung und Verzweiflung (aber dann noch mehr Verzückung) geben würde. Indes … von wem stammt dieser Satz von der ‚Nichtigkeit des Lebens, die die Kunst überhöht‘? Als ich Ende zwanzig war, kam ein Moment, in dem ich mir eingestand, dass meine Abenteuerlust längst im Sande verlaufen war. Ich würde nie tun, was die Jugend sich erträumt hatte. Stattdessen mähte ich den Rasen, ich machte Urlaub, ich hatte mein Leben. Aber die Zeit … die Zeit, die uns erst lähmt und dann beschämt. Wir hielten uns für reif, dabei gingen wir nur auf Nummer sicher. Wir hielten uns für verantwortungsbewusst, dabei waren wir nur feige. Was wir Realismus nannten, erwies sich als eine Manier, den Dingen aus dem Weg zu gehen, statt ihnen ins Auge zu sehen. Zeit … man gebe uns genügend Zeit, und unsere fundiertesten Entscheidungen scheinen wackelig, unsere Gewissheiten bloße Schrullen.“ (115)

„Wie oft erzählen wir unsere eigene Lebensgeschichte? Wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlene Schnitte vor? Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung infrage stellen, uns daran erinnern können, dass unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben. Anderen, aber – vor allem – uns selbst erzählt haben.“ (117)

„Entwickelt sich ein Charakter im Laufe der Zeit? In Romanen natürlich schon: sonst würde die Geschichte ja nicht viel hergeben. Aber im richtigen Leben? Manchmal frage ich mich das. Unsere Einstellungen und Ansichten ändern sich, wir entwickeln neue Gewohnheiten und Marotten; aber das ist etwas anderes, eher eine Art Dekoration. Vielleicht ist es mit dem Charakter so ähnlich wie mit der Intelligenz, nur dass der Charakter seinen Höhepunkt etwas später erreicht: sagen wir zwischen zwanzig und dreißig. Und danach müssen wir uns einfach mit dem begnügen, was wir haben. Wir sind auf uns selbst gestellt. Wenn das stimmt, würde es einige Lebensgeschichten erklären. Und auch – falls das Wort nicht zu hochgestochen ist – unsere Tragödie.“ (127)

„Jemand hat mal gesagt, seine Lieblingsphasen in der Geschichte seien die, in denen alles zusammenbrach, weil dann etwas Neues geboren wurde. Ergibt das irgendeinen Sinn, wenn wir es auf unser persönliches Leben übertragen?“ (129)

Köln, 01.08.2023
Harald Klein