Um was es geht
Wenn die in Berlin lebende Philosophin Nathalie Knapp von Orientierung in einer unübersichtlichen (oder unübersichtlich gewordenen bzw. scheinenden) Welt schreibt, gibt sie einen ersten Einblick i das, was mit „Komplexität“ gemeint ist: der Verlust des Überblicks, das Zuviel an Möglichkeiten, die Hilflosigkeit gegenüber der für dich passenden Entscheidung, gegenüber des für dich passenden nächsten Schrittes, sei es beruflich, sei es privat, sei es im persönlichen Wachstum.
In einer ausführlichen Rezension haben ich das Buch vorgestellt, hier sind wie in allen Beiträgen unter „verw:ortet“ Zitate und Gedanken aus dem ersten „phänomenologischen“ Teil des Buches gesammelt. Was meint Komplexität, welche „Risiken und Nebenwirkungen“ gehen Hand in Hand mit der Komplexität der Welt, welche Formen der Rückkopplung zwischen Geist (Bewertung) und Materie (Weltgeschehen) spielen eine Rolle? Oder wie kann es gelingen, Hand in Hand mit denen zu gehen, über das „Neue“, gar mit dem „Neuen“ zu kommunizieren, wenn die Worte und Begriffe noch fehlen oder unklar sind. Allemal ist klar: je komplexer die Welt wird, um so mehr bin ich entweder aus der Komfortzone des Lebens herausgerufen – oder um so mehr halte ich an dieser Zone fest, um mich nicht den Unberechenbarkeiten des Lebens auszusetzen, von ihnen nicht überrollt zu werden – und doch bleibt die Alternative, mit ihnen zu leben und sie sogar zu gestalten.
Im August wird ausschließlich der erste Teil berücksichtigt, in dem wes um ein Verständnis der Komplexität geht. Die beiden anderen und wesentlich kürzeren Teile „Eine Haltung finden“ und „Zukunft gestalten“ fließen dann im September in „verw:ortet“ ein.
Alle Zitate sind entnommen aus Knapp, Natalie (2013): Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, 3. Aufl., Reinbek. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden.
Die Zitate
ERSTER TEIL: KOMPLEXITÄT VERSTEHEN
Kapitel 1: Das Gehirn auf die Zukunft einstimmen
„Das ist die Kernthese dieses Buches, die in einem Satz zusammengefasst lautet: Wenn wir alle unsere Fähigkeiten zur Verfügung stellen und mehr Gewicht auf die Gestaltung unserer Beziehungen legen, finden wir uns in einer unübersichtlichen Welt besser zurecht.“ (15)
Beispiel des Fußballspieles: „Worum es hier geht, ist also der Unterschied zwischen anspruchsvollen, aber kalkulierbaren Abläufen (kompliziert) und unberechenbaren Entwicklungen (komplex).
Während die Abseitsregel auf überschaubare Art kompliziert bleibt, entwickelt das Spiel seine eigene Dynamik und wird dadurch unberechenbar. Durch diese Eigendynamik wird die in der Theorie lediglich komplizierte Angelegenheit komplex. Sie beinhaltet stets neue Abfolgen von Wirkungen, Gegenwirkungen und Rückkopplungen, auf die sich die Spieler zwar im Training vorbreiten können, deren Ergebnis aber trotzdem ungewiss bleibt. Sie üben sich in Situationsmuster ein, die jedoch nie auf exakt gleiche Weise wiederkehren. Je offener und flexibler sie daher damit umgehen können, desto besser.“ (25)
„Der Grad der Komplexität unseres Lebens hat mit der Anzahl der Menschen zu tun, die auf vielfältige Weise mit uns in Beziehung stehen. Je großflächiger die Beziehungsgeflechte, desto unvorhersehbarer werden einzelne Bewegungen und deren Auswirkungen.“ (27)
„Ob wir unser Leben als erfülltes und geglücktes wahrnehmen oder ob wir uns als Verlierer fühlen, hängt oft davon ab, ob wir unseren Blick weiten und größere Zusammenhänge erkennen können, Zusammenhänge, die unser Leben in einem anderen Licht erscheinen lassen. Unsere Fähigkeit nachzudenken kann letztlich darüber entscheiden, ob wir glücklich oder unglücklich sind.“ (30)
Kapitel 2: Zu Risiken und Nebenwirkungen der Komplexität
„Ein einzelnes Haus ist kein Gebäudekomplex. Sobald das Wort Komplex auftaucht, müssen wir davon ausgehen, dass vom delikaten Zusammenspiel voneinander abhängiger Einzelteile die Rede ist. Dabei kann es sich um Aspekte von Ökosystemen, Wirtschaftssystemen, Bauwerken oder Menschengruppen handeln.“ (44)
„Je größer das Projekt, desto ungewisser die Planung.“ (48)
„Hier scheint es zunächst wichtig, zwischen ‚Werten‘ und ‚Interessen‘ zu unterscheiden. Das ist nicht immer leicht, denn beides sind Kriterien, an denen wir Entscheidungen ausrichten. Während ein Wert die Haltung eines Menschen gegenüber dem Leben zum Ausdruck bringt, richtet sich ein Interesse darauf aus, etwas zu bekommen. […] Der Unterschied zwischen Werten (im Sinne der Tugenden) und Interessen ist wie der Unterschied zwischen Geben und Nehmen. Gemeinsame Werte zu haben bedeutet für eine Gesellschaft eine Haltung zu finden, mit der man sich trotz unterschiedlicher Interessen auf einer sehr grundlegenden Ebene von Mensch zu Mensch begegnen kann, eine Note anzuschlagen, die unsere gemeinsamen menschlichen Grundbedürfnisse nicht in Vergessenheit geraten lässt.“ (49f)
„Auch wenn es zunächst seltsam klingen mag: Je komplexer und unüberschaubarer das Geschehen, desto größer muss das Bewusstsein für die ganz einfachen und grundlegenden Prinzipien des menschlichen Miteinanders werden: Respekt vor der Würde jedes einzelnen Menschen, alltägliche Verbundenheit oder einfache Hilfsbereitschaft.“ (50)
„Wann immer jemand behauptet, er wisse genau, wo es langgeht, sollten wir vorsichtig sein, weil eine komplexe Welt eben aus Beziehungen und Bewegungen besteht, die absolute Sicherheit und völlige Klarheit unmöglich machen.“ (58)
„Niemand ist in der Lage, alle Perspektiven gleichzeitig im Blick zu haben. Komplexität kann also nur mit einer Pluralität von Ansichten bewältigt werden.“ (68)
Kapitel 3: Rückkopplung zwischen Geist und Materie
„Das Gesetz der Rückkopplung sagt uns, dass Ursachen ihre Wirkungen in mindesten zwei entgegengesetzte Richtungen gleichzeitig entfalten. Nicht nur Eltern beeinflussen ihre Kinder, sondern auch Kinder ihre Eltern, nicht nur Chefinnen ihre Angestellten, sondern auch Angestellte ihre Chefinnen, nicht nur der Mensch die Natur, sondern auch die Natur den Menschen. Jede Handlung, die wir vollziehen, wirkt auf uns zurück, sie verändert uns selbst und en Verlauf des Lebens.“ (81)
„Es gibt noch eine weitere Klasse von Rückkopplungsphänomenen, die ganz wesentlich ist, aber oft nicht beachtet wird. Das sind die immensen Rückkopplungen zwischen Geist und Materie, zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, zwischen Gedankengebäuden und Realität.“ (81) – Natalie Knapp spricht hier beispielhaft vom Placebo-Effekt!
„Was, wenn all unsere Sorgen nichts weiter wären als negative Rückkopplungseffekte einer schlechten Geschichte, die wir uns oft genug erzählt haben, um schließlich selbst daran zu glauben?“ (85f)
„Weil die Überredungskraft der Darwin’schen Theorie so groß war, wurde erst spät erkannt, dass seine Analyse der Grundprinzipien der Evolution zumindest um eine wesentliche Komponente ergänzt werden sollte: den Aspekt der Kooperation. Erst vor wenigen Jahren kam der Gedanke auf, dass nicht der Kampf ums Überleben, sondern die Fähigkeit zu Mitgefühl und konstruktiver Zusammenarbeit die Entwicklung der menschlichen Spezies ermöglich hat.“ (92)
„[…] ‚‘Koevolution‘. Die Lebewesen dieser Welt können sich nur in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander entwickeln.“ (94)
„Wir haben uns angewöhnt, in Einzelteilen zu denken und diese Einzelteile im Nachhinein miteinander in Verbindung zu setzen. Aber eigentlich verhält es sich umgekehrt: Beziehung ist der Ursprung, und alle Einzelteile gehen daraus hervor. Wir regeln nicht unsere Beziehungen, sondern unsere Beziehungen regeln uns.“ (96)
„Es ist nicht nur legitim, sondern zuweilen sogar lebensnotwendig, sich ein paar Überzeugungen oder Glaubenssätze auszusuchen, die wir als Lebensgrundlage anerkennen, denn ganz ohne das kommt niemand aus. Doch wenn wir sie nicht ab und zu überprüfen, werden wir zu Sklaven unserer eigenen Vorstellungen. Je mehr wir von einer Angelegenheit überzeugt sind, desto wahrscheinlicher finden wir immer neue Beweise dafür. Betrachten Sie es einfach als Spiel. Suchen Sie nicht mehr wie bisher nach Bestätigung, sondern suchen Sie nach Irritation. Beginnen Sie einfach bei der nächsten Meinungsverschiedenheit und stellen Sie Ihre Ansicht auf den Prüfstand. Was, wenn alles ganz anders wäre, Sie das aber gar nicht bemerkten, weil Sie Ihren Blick gar nicht offen durch die Gegend schweifen ließen?“ (104)
Kapitel 4: Hand in Hand mit dem Neuen
„In diesem Kapitel machen wir uns mit dem zweiten Grundgesetz der Komplexität vertraut; dem Prinzip der Selbstorganisation. Das Verständnis für dieses Grundprinzip wird uns dabei helfen, dem Chaos des Lebens entspannter zu begegnen. Denn das Leben organsiert sich auf eine Art und Weise selbst, die wir uns gar nicht ausdenken können.“ (122)
„Wenn das Leben ohne Plan und allein durch das Zusammenspiel verschiedener Elemente ein exquisites Rezept hervorbringt, oder auch unerwartete Fähigkeiten, neue Lebensformen, eine andere Art von Licht oder clevere Ideen, dann nennt man das ‚Emergenz‘.“ (115)
„Der Begriff der Selbstorganisation ist der Versuch einer Erklärung für eine Form der Organisation, die von niemandem gesteuert wird, sich aber trotzdem regelmäßig ereignet. In der Natur gibt es eine ganze Reihe von Selbstorganisationsvorgängen, die uns immer wieder zum Staunen ringen: vom zyklischen Wachstum der Pflanzen über die Jahreszeiten, die Formationen der Zugvögel, die wohlgeformten Sanddünen am Meeresstrand bis hin zu en spiralförmigen Mustern, die zuweilen beim Erhitzen von Flüssigkeiten entstehen.“ (118)
„Während Physiker nach präzisen intellektuellen Entsprechungen in vergleichbaren Theorien suchen, verhelfen uns Schriftsteller oft durch Gleichnisse und Geschichten zu neuen Einsichten. Wir entdecken Analogien in unserer eigenen Geschichte und lassen uns von Lösungsmöglichkeiten inspirieren. Ich bezeichne diese Fähigkeit der geistigen und emotionalen Kontaktaufnahme als ‚analoges Denken‘. Wir lernen durch Ähnlichkeiten und Resonanz: zwischen Menschen, Pflanzen und Tieren, zwischen inneren Stimmungen und äußeren Ereignissen, zwischen Theorien, Ideen, uns selbst und dem Rest der Welt.“ (131f)
„Das Neue kommt in die Welt, indem sich bereits Bestehendes auf Beziehungen einlässt. Wenn diese Beziehungen ein neues Ganzes hervorbringen, das mehr kann als die Summe seiner Teile, spricht man von ‚Emergenz‘“ (133)
Kapitel 5: Alles eine Frage der Kommunikation
„Dieses Kapitel erklärt, dass Kommunikation nicht nur Informationen übermittelt, sondern auch Gemeinschaft stiftet. Der bloße Austausch von Informationen genügt nicht, um neue Formen des Lebens hervorzubringen oder bestehende zu erhalten. Erst Gemeinschaft ermöglicht, dass das Leben fruchtbare Beziehungen und sich auf diese Weise selbst organisieren kann.“ (134)
„Um Beziehungen zu etablieren, die eine stabile Form der Selbstorganisation und damit das Entstehen neuer Fähigkeiten ermöglichen, müssen sowohl auf molekularer Ebene als auch im sozialen Bereich bestimmte Vernetzungen gegeben sein. Gibt es beispielsweise zu viele Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Elementen eines Systems, so entsteht Chaos, gibt es zu wenige Wechselwirkungen, ist das Ergebnis Stillstand. Nur das richtige Maß an Austausch führt zu Stabilität, Selbstorganisation und damit neuen Formen von Gemeinschaft. Das gilt für Netzwerke von Glühbirnen ebenso wie für molekulare Verbände, Familien oder politische Systeme.“ (138)
„Kreativität schafft Veränderungen und nötigt uns immer wieder, unser ‚Blinkmuster‘ mit allen anderen ‚Blinkmustern‘ abzugleichen.“ (142)
Die kreative Kraft des Zufalls: „Die Evolution ist kein Optimierungsprozess, sondern ein neugieriger Erkundungsgang, bei dem die Landschaft, die erkundet werden soll, erst entsteht. Genau das macht die Zukunft unvorhersehbar. Aber genau das macht das Leben gerade lebenswert.“ (147)
„Das Leben findet nur dann zu neuen Formen, wenn es Gelegenheit bekommt, durch Raum und Zeit kreative Beziehungen zu knüpfen, in der Natur, in unserem Geist und in der offenen Erzählung, die wir Leben nennen.“ (153)
„Wir werden von den zufälligen spielerischen Begegnungen der Natur geformt und halten zugleich den Faden der Geschichte in unseren Händen. Beides zusammen prägt unser Leben.“ (154)
Kapitel 6: Die Überwindung der Angst
„Den Zeitpunkt der Emergenz, also das plötzliche Auftauchen neuer Fähigkeiten, können wir nicht bestimmen, aber wir wissen aus Erfahrung, dass es sich lohnt, Geduld zu haben.“ (156)
„Durch Reflexion verwandeln wir die instinktive Sicherheit, die wir durch Erfahrung gewonnen haben, in ein Bewusstsein für den dynamischen Prozess der Selbstorganisation. Dieses Bewusstsein ermöglicht es, Vertrauen zu entwickeln, und unser Vertrauen befähigt dann auch zur Selbstermutigung und zur Ermutigung von anderen.“ (159)
„Kann Selbstorganisation wirklich so einfach sein? Die Frage ist berechtigt, denn Selbstorganisation klingt müheloser als sie ist. Tatsächlich fordert sie nämlich von allen Beteiligten eine große menschliche Reife, gedankliches Differenzierungsvermögen und die Fähigkeit, die eigenen Vorstellungen von Erfolg zugunsten der Entwicklung des Ganzen zur Disposition zu stellen. Sie fordert die Fähigkeit zuzuhören, zu reflektieren und sich möglicherweise umstimmen zu lassen. Sie verlangt von allen, dass sie lernen, ihre eigene Arbeit richtig einzuschätzen oder sich gegenseitig bei dieser Einschätzung zu helfen.“ (163)
„Gerade dort, wo Sozialkultur groß geschrieben wird, gilt es also, Augen und Ohren offenzuhalten und die eigene Wahrnehmung ernst zu abnehmen. Achten Sie weniger darauf, was jemand zu predigen versucht, sondern vielmehr, wieer oder sie sich dabei verhält und welche Atmosphäre sich ausbreitet. Fühlen Sie sich wirklich angesprochen und einbezogen?“ (172)
„Man kann sein Personal durchaus zum Wettrüsten animieren, aber gelingende Beziehungen erzwingen kann man nicht. Denn der Stein der Weisen ist, aus der Perspektive der Evolution betrachtet, ein lebendiges Gemeinschaftswerk. Wer versucht, ihn mit Gewalt in seine Hände zu bekommen, wird lediglich feststellen, dass er zerbrochen ist.“ (173)
Kapitel 7: Die Unberechenbarkeit des Lebens
„In diesem Kapitel geht es darum, den Zufall als bedeutende Gestaltungkraft anzuerkennen und die belebenden Aspekte der Unberechenbarkeit schätzen zu lernen.“ (175)
„Wie der Begriff Zufall, so stammt auch das deutsche Wort Gelassenheit aus den Predigten von Meister Eckhart. Für den christlichen Mystiker bedeutete Gelassenheit, von einem persönlichen Willen abzulassen, um sich auf den göttlichen Willen einzulassen.“ (186)
Köln, 01.08.2025
Harald Klein