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Piet van Breemen – Alt werden als geistlicher Weg

  • Worte, auf denen ich stehe
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Um was es geht

Im Juni feierte ich meinen 65. Geburtstag. Bis dahin bezeichnete mein ich mich als einen, der im Laufe der Zeit halt älter wird. Im Zugehen auf en Geburtstag änderte sich das. Plötzlich war mein Selbstbild das eines Menschen, der jetzt alt ist. Entsprechend stellte ich die Feier meines Geburtstages unter das Motto „älter werden – alt sein“. Für den Abend und für einen kleinen philosophischen Exkurs zu diesem Thema bat ich eine 75jährige, einen 60jährigen, eine 27- und eine 28jährige aus dem Kreis der Gäste um ein dem Motto der Feier gemäßes Zitat, das sie doch mitbringen mögen. Den philosophischen Austausch gewohnt, haben wir uns dann dem Thema „älter werden – alt sein“ anhand der Zitate genähert.

Die Zitate werde ich an anderer Stelle als Gesprächsimpuls zu eben dem Thema eigens veröffentlichen. Hier geht es mir weniger um ein Diskutieren, sondern um ein Zuhören auf einen mittlerweile verstorbenen Jesuiten, der sich mit derselben Frage in ignatianischer Perspektive herumgeschlagen hat. Piet van Breemen (1927-2021) gehört zu den großen spirituellen Lehrenden des Jesuitenordens sowohl innerhalb der Jesuiten als auch nach außen. Als Exerzitienbegleiter war er sehr gefragt. Stationen seines Lebens waren Nijmegen, Maastricht, Amsterdam, New York, Brüssel, Berlin und dann bis zu seinem Tode wieder Nijmegen.

Sein Nachsinnen über das Alt werden als geistlicher Weg“ gehört als Nr. 3 zu den ersten sechs Bändchen der Reihe „Ignatianische Impulse“, die 2004 ins Leben gerufen wurden. Das Bändchen mit seinen 90 Seiten diente mir weniger als LESE-Buch denn als MEDITATIONS-Buch. In der Spannung zwischen „älter werden“ und „alt sein“ erhoffte ich mir den einen oder anderen Impuls zur Beachtung, zur Umsetzung, zum Tun ebenso wie zum Lassen.

Und ich bin fündig geworden!

Alt werden ist nicht nur Aufgabe, sondern vielmehr Gabe. Diese Haltung eröffnet schon andere Blickwinkel und Deutungen. Auch die Unterscheidung von „Fruchtbarkeit“ und „Leistung“, dann von „Wert“ und „Würde“ erschließt mir ein weites Feld. Die Annahme der wachsenden Hilfsbedürftigkeit und gleichzeitig ein Beibehalten eines spielerischen und humorvollen Umgangs mit dem Leben auf der einen Seite, dann das Erkennen, dass man am meisten an dem leidet, was man fürchtet (obwohl es noch nicht eingetreten ist, vielleicht nie eintreten wird) stellt wiederum eine Spannung da, in der ich mich als alter Mensch positionieren will. Dieses Positionieren geht über das Loslassen – für Piet van Breemen ein Tätigkeitswort.

Letztlich geht es um ein frei gewähltes Sich-Lassen in Gottes Hand, aus der ich mich empfangen und in die ich mich zurückgeben kann. Hier ist der Punkt, wo der Jesuit Piet van Breemen am deutlichsten seinen geistlichen weg als christlich-geistlichen Weg beschreibt. Alle Haltungen, die er ab jetzt auf dem geistlichen Weg des Altwerdens  hier beschreibt, haben ein religiöses Fundament – und dennoch glaube ich, dass dieses Fundament nicht zwingend notwendig ist, um diese Haltungen einzuüben. Es geht jetzt um Hingabe, um Vergebung, um das Einbeziehen des Todes in das Leben, um die Unterscheidung von Alleinsein und Einsamkeit, schließlich um das, was ich mit Gefährtenschaft zu umschreiben versuche: Die Annahme – in der doppelten Bedeutung des Wortes –, dass wir einander anvertraut sind, auf der horizontalen Ebene der Alten, und auf der vertikalen Achse derer, die sich um die Alten sorgen, und umgekehrt!

Alle Zitate sind entnommen aus van Breemen, Piet (2004):Alt werden als geistlicher weg, Würzburg. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden. Die innerhalb der Zitate vom Autor benutzten Zitationen aus den Werken anderer Autor:innen sind in der Klammer ebenfalls ausgewiesen.

Köln, 01.08.2026
Harald Klein

» Als ich mit einer 89jährigen Frau über mein Vorhaben, dieses Buch zu schreiben sprach und ihr den ursprünglich vorgesehen Titel ‚Alt werden als geistliche Aufgabe‘ nannte, reagierte sie spontan: ‚Aber alt werden ist nicht nur eine Aufgabe, es ist vor allem eine Gabe.‘ Sie hat recht. Man kann Gabe und Aufgabe nicht voneinander trennen, doch es ist gut, die Gabe zu betonen; das hilft, die Aufgabe besser zu erledigen. «
van Breemen, Piet (2004): Alt werden als geistlicher Weg, Würzburg,

Die Zitate

„Als ich mit einer 89jährigen Frau über mein Vorhaben, dieses Buch zu schreiben sprach und ihr den ursprünglich vorgesehen Titel ‚Alt werden als geistliche Aufgabe‘ nannte, reagierte sie spontan: ‚Aber alt werden ist nicht nur eine Aufgabe, es ist vor allem eine Gabe.‘ Sie hat recht. Man kann Gabe und Aufgabe nicht voneinander trennen, doch es ist gut, die Gabe zu betonen; das hilft, die Aufgabe besser zu erledigen.“ (16)

„In der Bibel kommt das Wort Leistung nicht vor; sie spricht immer von ‚Fruchtbarkeit‘“ (22)

„Für die Leistung ist entscheidend, dass man alle Fäden in der Hand und alles unter Kontrolle hält. Für das Reich Gottes ist es wesentlich, dass man sich einem Geheimnis anvertraut und dieses Geheimnis wirken lässt. Das ist das Grundgesetz der Frohbotschaft und damit des Lebens jedes Christen. Wenn in der letzten Lebensphase die Energie und die Initiative abnehmen, gilt es, mit größerer Hingabe aus dieser Grundhaltung des Glaubens zu leben. Das , was immer galt, kommt jetzt mehr und mehr zum Zug und wirkt befreiend. Es schenkt uns einen Frieden, den die Welt nicht geben kann.“ (22)

Für einige alte Menschen führt die Phase der Hilfsbedürftigkeit zu einem solchen körperlichen  und geistigen Abbau, dass ihre Persönlichkeit sich grundlegend verändert. […] Es stellt sich leicht die Frage – und immer häufiger wird sie auch ausgesprochen – was denn wohl der Wert eines solchen Lebens sei. Wie sehr sich diese Frage aufdrängen mag, sie ist doch falsch gestellt und verrät eine besorgniserregende Grundeinstellung. Ein Wert hängt von einem Wertesystem ab und wird in diesem System nach Bewertungsgrundlagen gemessen. Der Wert kann schwanken, kann sogar gegen Null gehen oder zum Unwert werden. Die Würde eines Menschen ist jedoch in keinem Fall antastbar, weil sie ihm von Gott selbst zugesprochen wird: Gott hat den Menschen nach seinem eigenen Abbild erschaffen. ‚Die Würde sprechen wir uns nicht zu, darum können wir sie einander auch nicht absprechen. Sie ist vorgegeben, sie darf nicht angetastet werden‘, so sagt Bischof Franz Kamphaus.[1] Der schwer kranke Mensch weist über sich selbst hinaus, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das ist ein Dienst, dessen Wert nicht gemessen werden kann.“ (23-25)

„Es kommt jedoch eine Zeit, eine Zeit, in der der ältere Mensch nicht mehr viel helfen kann, sondern selbst mehr und mehr Hilfe braucht. Oft fällt es nicht leicht, diese Rolle zu akzeptieren. Hilfsbedürftigkeit gehört jedoch zum Leben, insbesondere zum Lebensanfang und zum Lebensende. Das grundsätzlich anzunehmen, ist für mich ein wichtiger christlicher Wert.“(30)

„Glücklich ist er Mensch, der etwas Spielerisches behält und gelegentlich über sich selbst lachen kann. […] Vielleicht ist das kostbarste Geschenk des Humors, dass er uns hilft zu relativieren, das heißt  die Dinge zueinander in Beziehung zu setzen und ihnen so den richtigen Platz zu geben. Auf diese Weise kann man besser annehmen und integrieren, was das Leben beschert hat. Und genau das ist doch eine der wichtigsten Aufgaben des Alters: alles annehmen und verarbeiten, was man in seinem Leben erlebt hat.“ (34f)

„Der Mensch leidet manchmal am meisten an dem Leiden, das er fürchtet und das nie eintritt. Wenn man diese Neigung in sich spürt, soll man bewusst und gezielt gegensteuern. Ignatius nennt das agere contra: genau gegen die Versuchung handeln (z.B. GÜ 351). So ist es in solchen Stimmungen und Ängsten sehr nützlich, sich ganz einfach Gott anzuvertrauen, sich in Gottes Hand zu begeben, ein Gebet der Hingabe zu sprechen, das man vielleicht auswendig kennt. Derartige Akte des Gottvertrauens sind Gold wert.“ (35)

„‘Loslassen‘ ist ein Tätigkeitswort!“ (48)

„Gott ist eine immerwährende Dynamik des Sich-Schenkens. Des Menschen wichtigste Eigenschaft ist folglich die Empfänglichkeit. Das Loslassen, das im Alter mehr und mehr geschieht, ist eine Einübung des endgültigen Loslassens in der letzten Stunde hier auf der Erde. Im Sterben muss ja jeder alles zurücklassen, Menschen und Dinge, und allein in den Tod gehen. Aber das Loslassen ist nicht das Ende, sondern es bereitet uns auf das große Empfangen vor, wenn wir von Gott ganz erfüllt werden.“ (50f)

„Die vielleicht wichtigste Aufgabe des Alterns ist die Hingabe. […] Die Hingabe ist ein Prozess. Sie muss wachsen und immer neu erbeten werden. Sie ist nicht passiv, sondern eine Hochform und die Krönung der Aktivität, und doch gilt, dass Gott sie in uns wirkt.“ (51f)

„Hingabe setzt voraus, dass man sein Leben aus Gottes Hand empfangen und angenommen hat. Weil man der Hand vertraut, die uns das Dasein geschenkt hat, kann man es auch in diese Hand zurückgeben. Je mehr Geborgenheit man erfahren hat, desto leichter kann man loslassen. Man klammert sich nicht krampfhaft an dem fest, was man erworben hat.“ (53)

„Auf zwei Punkte möchte ich etwas näher eingehen, nämlich auf die Vergebung, die wir andern schulden, und auf die Vergebung, die wir selbst brauchen.“ (55)

„Es klingt fast paradox: Wenn man den Tod aus seinem Leben verdrängt, ist das Leben niemals vollständig, und indem man den Tod in sein Leben einbezieht, erweitert und bereichert man sein Leben.“ (66)

„Vorsichtig möchte ich sagen, dass Alleinsein nicht nur schlecht ist. Wer das Alleinsein gut zu füllen vermag, dem kann es zu einem Segen werden; wem das jedoch nicht gelingt, erfährt das Alleinsein als Einsamkeit, unter der er leidet. Darum wäre es falsch, das Alleinsein mit allen möglichen Mitteln zu bekämpfen, und noch falscher, sich vorschnell darüber zu beklagen. Man muss sich erst dem Alleinsein stellen und ihm ins Auge schauen. Auch wenn es hart ist und weh tut, kann das Alleinsein fruchtbar und segensreich werden, aber eben nur, wenn man es annimmt.“ (72)

„Manchmal ist nicht das Alleinsein das Problem, sondern die Unfähigkeit, dem Alleinsein einen sinnvollen Inhalt zu geben.“ (73)

„Man kann […] versuchen, das Alleinsein zu nutzen und es so fruchtbar wie möglich zu gestalten. So kann man selbst entdecken, welche Möglichkeiten man in der persönlichen, immer einmaligen Lage und Veranlagung hat, um das Alleinsein positiv zu erleben. Zugleich muss man aber auch realistisch einzuschätzen versuchen, welches Maß an Kontakten man braucht, und darauf hinwirken, dass man diese Kontakte behält und pflegt oder eben zu knüpfen versucht. Wenn irgendwie möglich, empfiehlt es sich dabei, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und nicht nur passiv abzuwarten.“ (74)

„Wenn dieses Büchlein den geistlichen Weg im Altwerden hervorheben will, dann gilt diese Betonung auch für diejenigen, die mit alten Menschen den Weg mitgehen. Gott hat uns einander anvertraut, und in den letzten Phasen unseres Lebens wird diese Verbundenheit besonders notwendig sein. Wir bilden alle einen Leib, sagt Paulus, und Gott hat den Leib so zusammengefügt, dass alle Glieder einträchtig füreinander sorgen (vgl. 1 Kor 12,24f). Auf diese Weise will Gott – auch durch uns – alles zum Guten führen.“ (79 – Schlusssatz des Buches).

[1] vgl. Kamphaus, Franz: Der neue Mensch, in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.10.2002, S. 10.