Verw:ortet 09/2025: Natalie Knapp – Kompass neues Denken, Kap. 8-10

  • Worte, auf denen ich stehe
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Um was es geht

Auf verw:ortet 08/2025 wurde das Buch der in Berlin lebenden Philosophin Natalie Knapp kurz vorgestellt, zeitgleich habe ich zu diesem ebenso leicht zu lesenden wie erhellenden Buch eine Rezension verfasst.

Im ersten Teil des „Kompass neues Denken“ ging es darum, Komplexität im Leben, im Erleben und in der Welt um mich herum samt ihren Risiken und Nebenwirkungen zu verstehen. Natalie Knapp beschrieb in phänomenologischer Manier, wie Geist und Materie sich beeinflussen, wie wirklich Neues seinen Weg in die Welt findet und wie die Angst vor dem Neuen überwunden werden kann.

Der zweite Teil des Buches trägt die Überschrift „Eine Haltung finden“. Der erste Teil  – und damit auch verw:ortet 08/2025 – endete mit dem Aufweis der Unberechenbarkeit des Lebens. In den drei folgenden Kapiteln beschreibt Natalie Knapp die Notwendigkeit, zu dieser Unberechenbarkeit eine Haltung – und dann auch einen Halt – zu finden. Das „Ich“ wird für sie zu einem Ort der Ruhe, indem Halt und Orientierung gefunden werden können. Geformt durch unsere Beziehungen – zu anderen wie zu uns selbst – braucht es den ersten Schritt ins Tun mehr als alles Abwägen und Überlegen. Es gilt, die mir gegebenen Handlungsspielräume zu nutzen oder sie mir zu schaffen. Das sei, so Natalie Knapp, der „Stoff, aus dem die Helden sind“.

Der dritte Teil des Buches zeigt die Zielrichtung des Ganzen auf: „Zukunft gestalten“. Wichtiger als das einzelne Genie in seiner Einmaligkeit sei die Gruppenintelligenz und deren kreativer Fluss der Gedanken sowie dadurch initiierte Selbstorganisationsprozesse. Das mag für Institutionen wie Schulen oder Behörden gelten, aber ebenso für BürgerInnen-Räte und Politik vor Ort. Zukunft gestalte n gelingt nur noch als gemeinsames Projekt, nicht als Tun oder Lassen von gewählten Stellvertretungen. Es braucht das Entwerfen neuer Ideen – und dann die Umsetzung des Entwurfs. Und das Ziel des „Kompass neues Denken“ scheint mir, Mut zu machen zum Entwerfen neuer Ideen, und gleichzeitig auch, für diese neuen Ideen einzustehen als lebendiges Beispiel.

Die Begegnung mit dem Buch und mehr noch mit der Autorin gehören für mich zu den wirklich Mut machenden und frohen Begegnungen dieses Jahres.

Alle Zitate sind entnommen aus Knapp, Natalie (2013): Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, 3. Aufl., Reinbek. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden.

» Gemeinsam nachzudenken ist in einer Kultur von Sonnenköniginnen und Sonnenkönigen kaum noch möglich. Die meisten Menschen kennen noch nicht einmal mehr den Unterschied zwischen einer Diskussion und einem Dialog. Bei einer Diskussion schleudert man sich Argumente entgegen und kämpft mit Worten darum, Recht zu behalten. Bei einem Dialog geht es darum, gemeinsam nachzudenken. «
Knapp, Natalie (2013): Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, 3. Aufl., Reinbek, 270.

Die Zitate

ZWEITER TEIL: EINE HALTUNG FINDEN

Kapitel 8: Halt finden im Wandel

„Inmitten der Unsicherheit des komplexen Lebens kann es auch einen Ort der Ruhe geben. Diesen Ort nennen wir ‚Ich‘. Ob er uns Halt und Orientierung bietet oder uns ratlos im Chaos zurücklässt, hängt allerdings zu einem großen Teil davon ab, wie wir ihm begegnen und wie wir ihn pflegen. Denn das ist das größte Paradox unserer Zeit: Obwohl wir dieses ‚Ich‘ in unserer westlichen Kultur für überaus bedeutend halten, kümmern wir uns darum am allerwenigsten. Zumindest nicht um den Teil, der es wirklich einzigartig macht.“ (213)

„Das Wort ‚Sinn‘ meinte aber ursprünglich gar nicht Ziel oder Zweck, sondern Richtung und Bewegung. Ein Leben muss also keinen Zweck verfolgen, um sich ‚sinn-voll‘ anzufühlen, aber es muss in eine bestimmte Richtung unterwegs sein. Ob wir die richtige Richtung einschlagen, lässt sich an einfachen Zeichen ablesen: ‚Sinnvoll‘ ist, was uns wirklich berührt. Wenn wir uns selbst als ‚Beziehungsereignis‘ mehr Platz einräumen, können wir uns als Teil des Lebensnetzwerkes erfahren, das uns sehr viel mehr anzubieten hat als Arbeit, Autos und Urlaubsreisen.“ (224)

Definition ‚Werte‘: „Damit meine ich Haltungen, Stimmungen oder Verhaltensweisen, die uns einerseits so wertvoll erscheinen, dass wir Lust haben, sie dem Leben zur Verfügung zu stellen, und die gleichzeitig so zu uns gehören, dass wir sie teilen können, ohne etwas dabei zu verlieren.“ (229)

„Jede und jeder von uns bildet im komplexen Netzwerk des Lebens einen Ausgangspunkt für zahlreiche Begegnungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Jede unserer Handlungen gibt der Welt einen Impuls. Wenn wir nicht nur unbewusst teilhaben, sondern bewusst mitgestalten wollen, gilt es, darüber nachzudenken, welche Impulse wir gerne setzen möchten. Und das hängt davon ab, was wir dem Leben von unseren Haltungen, von unserer Konstitution und unseren Fähigkeiten anzubieten haben. Kurzum: von unserem inneren Besitz, den ich hier mit dem Sammelbegriff Werte benennen.“ (230)

„Die inneren Werte haben gegenüber den Interessen einen riesigen Vorteil: Sie vermehren sich, wenn man sie teilt. Werte bereichern sowohl uns selbst als auch den anderen, während Interessen eher auf einen Mangelzustand hinweisen. […] Nicht die Freiheit, die ich mir nehme, sondern die Freiheit, die ich gewähren kann, trägt dazu bei, den Wert der Freiheit zu verbreiten; nicht die Gerechtigkeit, die ich einfordere, sondern die Gerechtigkeit, für die ich einstehe, signalisiert, dass es sich dabei um eine nachahmenswerte Haltung handelt. Mein Signal führt dazu, dass sich das, was mir wertvoll ist, weiter vermehrt.“ (231f)

„Ob sich eine Entscheidung als ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ erweist, ob ihre Folgen angenehm oder unangenehm sei werden, ist im Augenblick der Entscheidung oft nicht absehbar. Ihre Entscheidungen bestimmen nicht über das Ende, sondern nur über den Beginn einer Entwicklung.“ (241)

Kapitel 9: Der Stoff, aus dem die Helden sind

„Die Handlungsmöglichkeiten erweitern sich Stück für Stück. Und nicht der frommste Wunsch zu helfen bringt den Stein ins Rollen, sondern der erste Schritt.“ (255)

„Die erste wichtige Erkenntnis haben wir bereits angesprochen: Wir werden durch unsere Beziehungen geformt und orientieren uns in unseren Entscheidungen meistens an den Entscheidungen anderer. […] Die zweite wichtige Erkenntnis aus den Forschungsarbeiten lautet: Es kommt darauf an, in scheinbar alternativlosen Szenarien Handlungsspielräume zu erkennen. […] Damit wären wir bei der dritten wesentlichen Erkenntnis angelangt: Alles beginnt mit dem ersten Schritt. Wenn Sie den gemacht haben, werden sich nach und nach Ihre Handlungsmöglichkeiten von selbst erweitern. Wenn Sie diese drei Erkenntnisse in die Tat umsetzen, werden Sie sich schon bald sicherer und handlungsfähiger fühlen.“ (256-258)

DRITTER TEIL: ZUKUNFT GESTALTEN

Kapitel 10: Vom Geniekult zur Gruppenintelligenz

„[…] Jim Roughs Methode setzt nicht auf […] vorgefertigte Lösungen, sondern auf den kreativen Fluss der Gedanken: Das Nachdenken der Gruppe soll zu einem gemeinsamen Selbstorganisationsprozess führen, der die größtegemeinsame Möglichkeit zutage fördert und nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner.“ (270)

„Gemeinsam nachzudenken ist in einer Kultur von Sonnenköniginnen und Sonnenkönigen kaum noch möglich. Die meisten Menschen kennen noch nicht einmal mehr den Unterschied zwischen einer Diskussion und einem Dialog. Bei einer Diskussion schleudert man sich Argumente entgegen und kämpft mit Worten darum, Recht zu behalten. Bei einem Dialog geht es darum, gemeinsam nachzudenken.“ (270)

„Man brauche einfach eine die richtige Atmosphäre, damit eine Gruppe nach Lösungsmöglichkeiten suchen könne.“ (274)

Kapitel 11: Gemeinsam die Zukunft gestalten

„Wir stützen uns mit der größten Selbstverständlichkeit auf die abstraktesten symbolischen Systeme, haben aber vergessen, dass diese Systeme durch ein ‚Wir-Bewusstsein‘ getragen werden, durch die immaterielle, geistige Verbindung, die uns – sollte Tomasello recht haben – erst zu Menschen macht. Wir halten uns für unabhängige eigenständige Individuen, doch nur weil wir in der Lage sind, unsere Aufmerksamkeit miteinander zu teilen, können wir komplexe geistige Systeme nutzen und dadurch auch komplexe Ideen entwickeln und Probleme lösen, die wir als Einzelne weder verursachen noch bewältigen können. Nicht nur unsere Kultur, sondern auch unser Geist ist und bleibt also ein soziales Gut.“ (290)

„Wir alle haben ähnliche Grundbedürfnisse, aber auch einzigartige Eigenschaften und Fähigkeiten, aus deren Verbindung immer wieder neue kulturelle Errungenschaften entstehen können. Sie können allerdings nur entstehen, wenn wir uns das ‚Wir-Bewusstsein‘ als geistigen Ursprung kultureller Entwicklung wieder ins Bewusstsein rufen, wenn wir uns das einfache Wissen zurückerobern, das wir aufeinander angewiesen sind. Uns fehlen weder die Ressourcen noch die Möglichkeiten noch die Ideen, uns fehlt häufig schlicht und einfach die Motivation zum gemeinschaftlichen Handeln, weil wir uns gar nicht als Weltgemeinschaft fühlen.“ (291)

„Wenn wir nicht bewusst entscheiden, auf welche Wechselwirkungen wir uns einlassen wollen, in welche Umgebungen wir hineinwachsen, mit welchen Menschen, Gedanken, Filmen oder Büchern wir Zeit verbringen und welche Ideen wir unterstützen wollen, werden wir eben unbewusst von der dynamischen Komplexität unserer Beziehungen gestaltet. Wir liefern uns gedankenlos aus, anstatt uns schöpferisch mit dem Zufall zu verbinden und im Netzwerk des Lebens unseren Platz einzunehmen.“ (295)

„Die Philosophin Hannah Ahrendt hat darauf hingewiesen, dass es im Griechischen ursprünglich zwei verschiedene Worte gab für das, was wir heute ‚handeln‘ nennen, nämlich ‚archein‘ und ‚prattein‘. Unser Wort ‚Praxis‘ kommt vom griechischen prattein und meint ‚durchführen‘ oder ‚zu einem sichtbaren Ergebnis führen‘. Prattein war für die Griechen eine Art Abarbeiten von Ideen, die technische Umsetzung eines Entwurfs, der durch eine andere Art des Handelns gewonnen wurde. Das Entwerfen von Ideen nannten sie archein. Archein ist ein ‚anfangendes Handeln‘, das die Gestalt der Dinge vorausahnt, bevor sie handwerklich bearbeitet und materiell sichtbar werden. Dass wir für diese Art des geistigen Handelns kein eigenes Wort mehr besitzen, zeigt, dass wir das Bewusstsein dafür verloren haben, dass alles praktische Handeln in einer unsichtbaren Geisteshandlung vorgeformt wird. Für den Ursprung unserer Demokratie in der griechischen Politik war es entscheidend, das Handeln von seinem Anfang her zu denken. Denn alles Neue konstelliert sich im Unsichtbaren, dort entstehen die Verbindungen, die Gesellschaft oder Materie formen können. Bei der Verschiebung des Blicks ging es mir also auch darum, die Bedeutung des Unsichtbaren wieder hervorzuheben.“ (299)

Köln, 01.09.2025
Harald Klein