Um was es geht
Das Geheimnis der Zufälle – ich bin mir sicher, du wirst sie kennen. Das schmale Büchlein, um das es hier geht, ist mir im wahrsten Sinne des Wortes zugefallen. Weder kannte ich den Titel noch den Autoren, ich bin in der philosophisch-praktischen Abteilung in unserer Kölner Zentralbibliothek darauf gestoßen
Zuerst war es nicht so sehr der Titel „Gelassenheit“ – den könntest du einreihen in den Reigen der 1000 Bücher, die mehr oder weniger Kluges, Hilfreiches oder Vernünftiges zum Thema „Lebenshilfe“ einen Beitrag leisten wollen. .Doch das gerade mal 142 Seiten starke Buch stand nicht bei „Lebenshilfe“, sondern bei „Praktischer Philosophie“.
Sein Untertitel unterstützt das: „Über eine andere Haltung zur Welt“. Kein Rezeptebuch, dass durch Listen, Haken setzen, Aufgaben ein- oder aussortieren Lösungen verspricht. Keine angebliche Hilfe, die auf „Wegatmen“ beruht, wie sie Jean Philippe Kindler in „Scheiß auf Selflove. Gib mir Klassenkampf“ zu Recht verärgert auf die Schippe nimmt.[1]„Haltung“ ist eines meiner liebsten Worte, wenn es um eine phänomenologische Wahrnehmung der Welt geht. Wie stellt sich einer oder eine dar? Wie wird ein Begriff, eine Handlung, eine Idee „vor-gestellt“? Welchen „Stand“ nimmt jemand ein, und wie legitimiert er oder sie diese „Haltung?“ Und eine einzige Frage reizt mich: Wie steht einer oder eine da, der oder die diese „Gelassenheit“ als Haltung hat, und welche „Haltung“ drückt diese „Gelassenheit“ wahrnehmbar für andere und adäquat aus?
Ich suche im Internet den Autor. Thomas Strässle (*1972) ist Schweizer und einer, der mehrspurig fährt. Studiert hat er zum einen Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft, parallel dazu absolvierte er zum anderen daneben ein Musikstudium im Fach Querflöte. Neben dem Konzertdiplom steht die literaturwissenschaftliche Promotion zu Grimmelshausens „Simplicissimus“. Die Intermedialität, ein Leben und Arbeiten im „Inter…“ durchzieht sein Wirken. Ich bin gespannt, wie sich in Strässles Buch diese Inter- und Transdisziplinarität im Blick auf „Gelassenheit als Haltung“ durchzieht.
Dass sein erstes Kapitel Thomas Manns „Tod in Venedig“ aufgreift, entzückt mich. Auch dass die Mystiker einen breiten Raum einnehmen, spricht mich an. Bevor Peter Sloterdijk den Schlusspunkt setzt, werden die Epoche des „Sturm und Drang“ – als epochales Gegenstück zur erhofften Gelassenheit – oder Johann Peter Hebels „listiger Quäker“ (1812) oder Lyrik von Eduard Mörike und Robert Walser sowie die Literatur des fin de siècle, des Zeitalters der Nervosität, „eingespielt“, – die Lektüre reißt mit wie der Beat einer Diskothek, auch dort geht es um Musik und Tanz im Rhythmus, aber jedes Kapitel, jeder Titel hat seinen eigenen Rhythmus. Das Schlusskapitel, Gelassenheit angesichts der Technik, ist zwar schon 12 Jahre alt, passt aber mit seinen Thesen immer noch!
Wie gesagt bzw. geschrieben: Das Geheimnis der Zufälle! Ich würde gerne sagen, das Buch und sein Autor haben mich zu einer für mich passenden Zeit gefunden, sind mir „recht-zeitig“ zugefallen. Da wäre aber ein Fehler drin! Denn diese Zeit ist einfach jetzt, es ist überzeitlich und immer wahr. Ich wünsche dir, dass es dir zufällig, also zur rechten Zeit eben zufällt. Die vielen Haltungen zur Welt, die aus der Gelassenheit entspringen, sind ansprechend beschrieben. Das Schlusswort im Buch drückt es passend aus: „Wenn also das zeitgenössische Subjekt sich eingespannt fühlt in permanente Zwänge des Etwas-mit-sich-machen-Lassens, muss es seine Aktivitäts-Passivitäts-Bilanzen individuell neu berechnen. Dazu kann es auf das gesamte Repertoire an Haltungen und Handlungen zurückgreifen, das hier vorgeführt wurde.“ (125)
Alle Zitate sind entnommen aus Strässle, Thomas (2013): Gelassenheit. Über eine andere Haltung zur Welt, München. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden.
Die Zitate
„Wenn heute von Gelassenheit die Rede ist – und es ist viel davon die Rede: in der Alltagssprache, in den Medien, in Yoga-Seminaren, auf Grußkarten usw. – ,so geschieht dies meist in dreierlei Sprachgebrauch: (1) Gelassen wäre man gern. (2) Gelassen nimmt man etwas. (3) Gelassen gibt man sich.“ (13)
„Sobald wir aber erklären sollen, was die Gelassenheit denn eigentlich ausmacht, wird es schwierig. Diese Schwierigkeit entsteht nicht zuletzt daraus, dass die Gelassenheit ein ebenso ereignisarmer wie unbildlicher Zustand ist. Sie zeichnet sich zunächst einmal durch diverse Abwesenheiten aus: durch die Abwesenheit von Unruhe, Erregung, Überforderung, Stress. Daraus speist sie sich als Sehnsucht und Strategie. Doch nur wer auch weiß, was an die Stelle dieser Abwesenheiten tritt, kennt die Gelassenheit.“ (15f)
„[…] zugleich als Adjektiv (ein gelassener Mensch) und als Adverb (sie reagierte gelassen) verwenden lässt. Das Schöne daran ist, dass gelassen als Adverb beides sein kann, aktiv und passiv: Man kann gelassen haben und gelassen werden – eine grammatikalische Ambivalenz, die für die Gelassenheit auch konzeptueller Ebene höchst bedeutsam ist.“ (19)
„Gelassenheit […] bewegt sich im Spannungsfeld von erstrebenswertem Gleichmut und bedenklicher Gleichgültigkeit.“ (24)
Drei Begriffe beschreiben einen Gegensatz zur Gelassenheit und sind strukturell mit ihr verwandt: Besessenheit, Verbissenheit und Zerstreuung. (vgl. S. 27)
„Wer sich selber lässt, gewinnt Distanz zum Hier und Jetzt und zum Dies und Das seiner Kreatürlichkeit. Er befreit sich aus allem, was ihn bindet und beirrt.“ (38f)
„Meister Eckhart denkt den Gedanken des Lassens bis an sein äußertes spekulatives Ende, wo es theologisch heikel wird. Nicht nur das Ich und die Welt muss gelâzen hân, sondern auch Gott selbst. Eckhart schreibt: „Das Höchste und das Äußerste, was der Mensch lassen kann, das ist, dass er Gott um Gottes willen lasse. […] Gott um Gottes willen lassen: Man lässt Gott, indem man ihn – wie er selbst es ja vorschreibt – von allen Begriffen, von allen Vorstellungen, von allen Bildern befreit, die zwangsläufig doch nur aus der geschaffenen Welt stammen können und Gott daher fundamental inadäquat sein müssen. Um die höchste Stufe der Gelassenheit, die wesenhafte Vereinigung mit Gott, zu erlangen, muss man selbst denjenigen lassen, dem man sich überlässt.“ (39)
„Einen immerwährenden Zustand der Gelassenheit, der ohne fortdauerndes Lassen auskäme, gibt es nicht – zumindest nicht in diesem irdischen Leben.“ (43)
„Zusammenfassend gefragt: Wie sieht der äußere Lebenswandel des wahrhaft gelassenen Menschen aus? Die Wahrheit rundet ihr Portrait wie folgt ab: ‚Er hat nicht viele Eigenschaften und Worte, und die sind aufrichtig und einfach, und er hat einen ruhigen Lebenswandel, in dem die Dinge ohne sein Zutun durch ihn fließen, und er ist ruhig in seinen Gedanken.‘ Ein solches Verständnis der Gelassenheit kommt dem modernen schon erstaunlich nahe: Ruhe im Lebenswandel und Ruhe in den Gedanken. Vor allem aber ist die Gelassenheit ein Zustand, in dem man sich im strömenden Leben bewegt, in dem man das Leben durch sich hindurchströmen lässt. Der wahrhaft gelassene Mensch setzt das Sein über das geschäftige Tun.“ (49f) – zitiert wird Han, Byung Chul (2002): Philosophie des Zen-Buddhismus, Stuttgart, 112.
Antriebslosigkeit/Teilnahmslosigkeit: „Metaphorisch ausgedrückt sind sie Verhaltensformen der Kälte: In ihnen ist entweder das innere Feuer erloschen oder die Wärme des Mitgefühls abgekühlt. Man kann sie deshalb Formen der ‚kalten Gelassenheit‘ nennen.“ (57f)
„Der Mensch beisitzt immerhin die Gabe der Reflexion. Sie vermag ihn zwar nicht der Allmacht des Willens zu entreißen, doch kann sie ihn zumindest zum Zuschauer dessen machen, was mit ihm geschieht.“ (75)
„Die Gelassenheit ist in jedem Fall von ihrer Absetzung her zu begreifen, als ein dauerndes Jenseits ‚von etwas‘.“ (89)
„Der vornehme Geist lässt sich keine Werte vorschreiben und übernimmt auch keine von anderen. Vielmehr beansprucht er für sich das Recht, seine Werte selbst zu schaffen.“ (93)
„In eine ähnliche Richtung geht auch Heidegger, wenn er davon spricht, ‚die Mächte, die den Menschen überall und stündlich in irgendeiner Gestalt von technischen Anlagen und Einrichtungen beanspruchen, fesseln, fortziehen und bedrängen‘, seien längst ‚über den Willen und die Entscheidungsfähigkeit des Menschen hinausgewachsen, weil sie nicht vom Menschen gemacht sind.‘ Nicht vom Menschen gemacht will heißen: Der Mensch erschafft zwar die Technik, aber die Technik ihrerseits übersteigt ihn, indem sie sich zum geschichtlichen Subjekt aufschwingt und Abhängigkeiten und Bedürfnisse erzeugt, deren sich weder der einzelne Mensch noch die Menschheit als Ganze mehr zu entziehen vermögen.“ (111 – der Mensch als technisches Produkt: vgl. Jünger, Friedrich Georg <1953>: Die Perfektion der Technik, Frankfurt/Main, 313.)
„Was aber heißt Denken? Heidegger unterscheidet zwei Arten des Denkens: das ‚rechnende‘ Denken des technischen Verstandes, ein planendes und forschendes Denken, das doch dann kalkuliert, wenn es mit Zahlen operiert, da es immerzu mit gegebenen Umständen rechnet und auf bestimmte Ziele ausgerichtet ist, und das ‚besinnliche‘ Denken der philosophischen Vernunft, das einhält und ‚dem Sinn nachdenkt, der in allem waltet, was ist‘ – ein Denken also, das über den Rahmen selbst nachdenkt. Beide sind auf ihre Weise nötig und berechtigt, jedoch, so Heidegger etwas düster, verdrängt das eine immer mehr das andere: das rechnende Denken das besinnliche Nachdenken.“ (112 – zitiert wird Heidegger, Martin <1959>: Gelassenheit, Stuttgart, 10.)
„Das Gespräch kommt an einen Punkt, an dem es um die entscheidende Frage geht, wie man denn in den Zustand der Gelassenheit gelange. Kann man die Gelassenheit ‚wollen‘? Kann man sie ‚erwirken‘? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sie sich nicht erzwingen lässt? Erlangt man sie dann umgekehrt dadurch, dass man sich ‚des Wollens entwöhnt‘? Durch ein, wie es bei Heidegger heißt, ‚kraftloses Gleiten- und Treibenlassen der Dinge‘?
Weder noch. Als Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein ist die Gelassenheit in solchen Begriffen nicht zu fassen.
Vielmehr liegt sie (Heidegger erwähnt ausdrücklich Meister Eckhart) gerade ‚außerhalb der Unterscheidung von Aktivität und Passivität‘: Wir können die Gelassenheit weder von uns aus bei uns erwirken, noch wird sie ohne unser Zutun anderswoher bewirkt.
Dieses Außerhalb der Unterscheidung von Aktivität und Passivität kann indes nicht einfach somit einem Wort belegt werden – es sei denn, man nennt es ein Zwischen: ein Zwischen, das man sich als Zueinander oder gar als ineinander von Aktivität und Passivität, von Wollen und Nicht-Wollen, von Ja und Nein vorstellen muss. Dieses Zwischen eilt nicht ruhelos von einem Pol zum anderen, sondern es ‚hängt gleichsam zwischen beiden#, wie Heidegger sagt, es hält die Schwebe.“ (115 – zitiert wird Heidegger, Martin <1959>: Gelassenheit, Stuttgart, 33.)
„Die Entschlossenheit ist das ‚existenzielle Wählen der Wahl eines Selbstseins“, die Wahl der eigenen Wahlfreiheit.“ (116 – zitiert wird Heidegger, Martin <1993>: Sein und Zeit, Tübingen, 270.)
„Die Entschlossenheit ist ‚das eigens übernommene Sichöffnen des Daseins für das Offene.‘“ (117 – zitiert wird Heidegger, Martin <1993>: Sein und Zeit, Tübingen, 307.)
„Heideggers Technikkritik liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück und geht von Voraussetzungen aus, die inzwischen historisch geworden sind. Und dennoch lohnt sich die Frage, welche Relevanz sine Konzeption der Gelassenheit heute noch besitzt. Der Druck auf das Individuum, und zugleich dessen Bereitschaft und Bedürfnis, sich als soziales und professionelles Wesen in technischen Netzwerken zu bewegen, sind unablässig gestiegen. Die Entwicklung geht dahin, diese Netze in ihrer Präsenz und Potenz ständig zu optimieren. Als Gegenreaktion erzeugt diese Entwicklung eine Sehnsucht nach Muße. Was aber ist Muße anders als ein Zustand, der nicht auf Zwecke ausgerichtet ist und nicht auf Ergebnisse schielt? Der weder rechnet noch plant und dabei nicht einfach untätig ist, sondern sich offenhält für etwas, was nicht kalkulierbar ist? Und der also letztlich der Gelassenheit entspringt?
Ein gleichzeitiges Ja und Nein, das sich der technischen Welt ebensowenig ausliefert wie verweigert und das empfänglich bleibt für die Unberechenbarkeiten und Unverfügbarkeit: Es hat nichts an Attraktivität eingebüßt.“ (118f)
„Diese ‚Passivitätskompetenz‘ ist eine bewusste und bestimmte Teilhabe an Fremdkompetenz. Sie kann sich in vielen Varianten ausprägen. Sloterdijk gibt eine ganze Liste von Praktiken des Etwas-mit-sich-machen-Lassens: ‚Sich Informieren-Lassen, Sich-Unterhalten-Lassen, Sich-Bedienen-Lassen, Sich-Beliefern-Lassen, Sich-Erregen-Lassen, Sich-Heilen-Lassen, Sich-Erbauen-Lassen, Sich-Versichern-Lassen, Sich-Transportieren-Lassen, Sich-Vertreten-Lassen, Sich ‚Beraten-Lassen, Sich-Korrigieren-Lassen.‘ Neben diesen Formen der Gelassenheit, die Sloterdijk zu den willkommenen Passivitäten zählt, gibt es allerdings auch unwillkommene Passivitäten: so zum Beispiel das Sich-Ausbeuten-Lassen, Sich-Erpressen-Lassen oder das Sich Betrügen-lassen.“ (122 – zitiert wird Sloterdijk, Peter <2009>: Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt/Main, 591.)
Köln, 01.10.2025
Harald Klein
[1] vgl. verw:ortet 06/2025 [online] https://www.harald-klein.koeln/verwortet-06-2025-jean-philippe-kindler-scheiss-auf-selflove-gib-mir-klassenkampf/ [30092025]