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Ferdinand von Schirach/Alexander Kluge – Die Herzlichkeit der Vernunft

  • Worte, auf denen ich stehe
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Um was es geht

Jetzt sei er „nur“ noch Schriftsteller, nicht mehr Anwalt, sagt Ferdinand von Schirach im Interview des Deutschlandfunks von 2017[1]. Und als solcher protokolliert das kleine Büchlein „Die Herzlichkeit der Vernunft“ in fünf Kapiteln Gespräche, die Ferdinand von Schirach mit dem Filmemacher, Autoren und Juristen Alexander Kluge führte. Beide sind (oder waren) Juristen, und in den Gesprächen geht es augenscheinlich mehr um Gerechtigkeit als um Recht, es geht um die Philosophen Sokrates, Voltaire und Kleist und dabei immer wieder um die Frage, inwieweit „Vernunft“ und „Herzlichkeit“ – ein anders Wort für „Menschlichkeit“, so scheint mir – zusammengedacht werden kann. Ich wage zu behaupten, dass in den Dialogen aufscheint, Vernunft sei nur wirkliche Vernunft, wenn sie in ihren Entscheidungen die Menschlichkeit mitdenkt und mit bedient; darin unterscheide sich „herzliche“ Vernunft eben von Vernunft, die Unmenschlichkeit und Terror zum Ziel hat. Kein Wunder, dass dieses Theaterstück  Schirachs, das „Terror“ auch ein eigenes Kapitel auf diesen gerade mal 188 Seiten im Postkartenformt bekommt. Es geht um ein Attentat mit einem Flugzeug auf ein Fußballstadion und um die Frage, welches Urteil der Vernunft hier angemessen ist.

Die drei ersten Themen sind die „großen Themen“: SOKRATES oder das Glück der Bescheidenheit, VOLTAIRE oder die Freiheit durch Toleranz, KLEIST oder das Wissen um den Menschen sind die historisch aufgehängten Dialoge. Alle drei seien verbunden durch eine Freundlichkeit dem Leben gegenüber – eine Grundhaltung, auf der ihre Philosophie, ihr Nachdenken über das Leben aufbaut. Wohlgemerkt: die Haltung der Freundlichkeit dem Leben gegenüber ist der Ausgangspunkt, nicht erst das Ergebnis ihrer Philosophie.

Wer meint, die Vernunft sei das Organ, das den Menschen immer wieder in die Mitte ruft und die Extreme ausklammert, eben weil sie extrem sind, der wird von Schirach und Kluge eines Besseren belehrt. Aus der Langeweile der bleibenden und bleiernen Mitte sind Eskapaden möglich, sofern sie in der menschenfreundlichen, herzlichen Vernunft verankert sind, zumindest möchte ich die beiden Autoren so verstehen.

Man muss die Gespräche zweimal lesen und nachempfinden , um in deren Tiefe zu entdecken: Vernunft ist genau dann und nur dann wirkliche Vernunft, wenn sie wertebezogen auf Herzlichkeit und Menschlichkeit ausgerichtet ist. Vielleicht unterscheidet sie das von anderen Verstandesleistungen, die sich auch dem Bösen, dem Ungerechten widmen können. Ein Gedanke, der mir sehr sympathisch ist. Selbst Kants Definition der Aufklärung als dem Auszug der Vernunft aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit bekommt so eine Richtung, ein Ziel: Herzlichkeit und Menschlichkeit.

Aber lies selbst und freue dich an den „Vernunft -Wort-Spielen“ von Ferdinand von Schirach und Aleander Kluge, was nur gelingt, wenn du den Ernst des Spieles annimmst, aber auch seine Menschenfreundlichkeit und seine Herzlichkeit.

Alle Zitate sind entnommen aus Schirach, Ferdinand von/Kluge, Alexander (2017): Die Herzlichkeit der Vernunft, 6. Aufl., München. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden.

» Wenn ich sage, alle Schwäne sind weiß, ist das eine Hypothese. Hypothesen lassen sich nicht beweisen, sondern nur widerlegen. Sobald ein schwarzer Schwan auftaucht, stimmt mein Satz nicht mehr. Aber, und das ist entscheidend, auch wenn ich nie im Leben einen schwarzen Schwan sehe, ist damit nicht bewiesen, dass es ausschließlich weiße Schwäne gibt. Ich muss begreifen, dass ich an der Erfahrung scheitern kann. Wenn ich das verstanden habe, werde ich tolerant. «
Schirach, Ferdinand von/Kluge, Alexander (2017): Die Herzlichkeit der Vernunft, 6. Aufl., München, 145f.

Die Zitate

SOKRATES oder das Glück der Bescheidenheit

„KLUGE: Seine (i.e. des Sokrates‘, H.K.) Frau, Xanthippe, ist mehr als anstrengend. Einer seiner Freunde frage Sokrates, warum er ausgerechnet eine Frau geheiratet habe, die – so der Freund wörtlich – ‚unter allen lebenden, ja unter allen, die jemals gelebt haben und noch künftig leben werden, die Unerträglichste ist.‘ Sokrates antwortet, wie wohl nur ein sehr ausgeglichener Philosoph antworten kann. Er habe sich gedacht: ‚wenn ich sie ertrage, werde ich mich leicht in alle anderen Menschen finden können. Das ist seine grundsätzliche Einstellung zur Ehe. An anderer Stelle sagt er: ‚Heirate auf jeden Fall! Kriegst du eine gute Frau, wirst du glücklich. Kriegst du eine böse, dann wirst du ein Philosoph.‘“ (11f)

„KLUGE: Es geht um den zweiten Vorwurf, das Verderben der Jugend. Wissen wir, was damit gemeint ist?
SCHIRACH: Auch das scheint nicht ganz klar zu sein. Die Erziehung zum Ungehorsam vielleicht. Oder den Familienverband aufzulösen. Oder die Jugend von der Arbeit abzuhalten, weil nach Wahrheit zu forschen wichtiger sei, als Geld zu verdienen.“ (18f)

„SCHIRACH: Wenn Demokratie die friedliche Ablösung einer Regierung ist, dann ist es nicht mehr so bedeutend, wer regiert. Seine Zeit ist begrenzt, seine Macht wird durch die Institutionen beschränkt. Er kann Schaden anrichten, aber der ist nicht endgültig. Die Institutionen sind die Wächter der Demokratie.
KLUGE: Vielleicht ist der Idiot die Schutzimpfung gegen schlimmere Politiker.“ (31)

„KLUGE: Es gibt eine Notwendigkeit der Phantasietätigkeit. Wenn die Welt in die Funktionale rutscht, geht mein Sinn in die Imaginäre. Das ist eine natürliche Zweiteilung, die im Menschengeschlecht angelegt ist.“ (34)

„KLUGE: Niemand hält es bloß im Realismus aus.“ (36)

„SCHIRACH: Es ist immer das Gleiche: Wir sehnen uns nach einfachen Wahrheiten, nach jemandem, der das alles ordnet, einem, der endlich mal ‚durchregiert‘. Das ist der Nährboden für Verschwörungstheorien und für radikale politische Kräfte.“ (39)

„SCHIRACH: […] Er (i.e. Sokrates, H.K.) sagte, es sei besser, Unrecht zu erdulden, als Unrecht zu tun. Das klingt wie ein Kalenderspruch, aber tatsächlich ist es – etwas pathetisch gesagt – weise. Unrecht zu tun, beschädigt nämlich unser Inneres, wir verletzen uns damit immer selbst. Unrecht zu erdulden, trifft uns aber nur äußerlich. Wir bleiben heil, wir leben – und existieren nicht nur.“ (44)

„SCHIRACH: […] Wir können unser Leben ja immer nur mit unserem Verstand begreifen, etwas anderes haben wir nicht. Aber der Natur, dem Leben, dem All bedeuten diese Begriffe nichts. Die Gravitationswellen sind weder gut noch böse, die Photosynthese hat kein Gewissen und wir können auch nicht für oder gegen die Schwerkraft sein. Das alles ist einfach nur da.“ (49)

„SCHIRACH: […] Hamlet will sterben, aber seine Angst vor dem Tod ist zu groß. Er ist der moderne Mensch, für ihn gibt es keine Lösung, jede Entscheidung trifft er aus Furcht und Verzweiflung. Vielleicht sind die Dinge für uns zu kompliziert, ohne Götter können wir sie nicht lösen. Und es stimmt ja: Unser Leben lässt sich nur vom Tode aus verstehen. Aber das Eigentliche, lieber Herr Kluge, das Eigentliche ist das Trotzdem. Trotz irdischer Verstrickung, trotz Sterblichkeit, trotz aller Bösartigkeit – wir können lieben. Ich meine nicht den Freund oder die Geliebte oder unsere Kinder, sondern den Nebenmenschen. Und nur darum geht es.“ (51f)

VOLTAIRE oder die Freiheit durch Toleranz

„SCHIRACH: Wir haben über Sokrates gesprochen, und hier ist Voltaires Verbindung zu ihm. Wir können dem anderen unsere Meinung nicht aufzwingen, weil wir uns nicht sicher sind, dass sie die Richtige ist.“ (70)

„SCHIRACH: Wir sind vergänglich, wir haben keine Gewalt über unser Leben. Marc Aurel schrieb, Alexander der Große und sein Maultiertreiber haben am Ende den gleichen Weg genommen. Es bleibt uns nichts übrig, wir müssen zusammenhalten.“ (71)

KLEIST oder das Wissen um den Menschen

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BERLINER ABENDBLÄTTER

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TERROR oder die Klugheit des Rechts

„KLUGE: Beim Buch können Sie relativ intim sein. Nicht der Text ist die Intimität, sondern das, was Ihnen dazu einfällt.
SCHIRACH: Deshalb sind Bücher ja oft klüger als ihre Autoren. Der Leser macht etwas mit dem Buch, was weit über den Text hinausgeht.“ (112)

„KLUGE: Sie kennen die aggressive menschliche Natur, die, wenn sie überschwappt und durch keine Institutionen gebremst wird, auch heutzutage so gewaltig ist wie vor Äonen. Außerdem haben wir die Phantasie. Wie würden Sie die bezeichnen? Für uns Autoren ist sie unser Arbeitswerkzeug.
SCHIRACH: Die Phantasie – wie das Recht – wendet sich gegen die Natur. So erschafft sie das Menschliche. Das andere, das Tierische, ist mitleidslos, unberührbar. Die Phantasie, so gesehen, ist ein Kind der Vernunft.
KLUGE: Jetzt wird Vernunft angereichert. Ich könnte mir vorstellen, dass die Vernunft ein Himmelskörper ist, Monde und Sterne um sich herum hat.
SCHIRACH: Um sie schweben die Kunst, das Recht, die Toleranz, die Empathie und so weiter.“ (119

POLITIK oder das Lob der Langsamkeit

„SCHIRACH: ‚Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.‘ Der Satz wird Voltaire zugeschrieben, er stammt von Tallentyre, seiner Biographin. Wir können aus Empathie oder aus Angst tolerant sein. Wir können Toleranz aber auch ganz anders begründen. Wenn ich sage, alle Schwäne sind weiß, ist das eine Hypothese. Hypothesen lassen sich nicht beweisen, sondern nur widerlegen. Sobald ein schwarzer Schwan auftaucht, stimmt mein Satz nicht mehr. Aber, und das ist entscheidend, auch wenn ich nie im Leben einen schwarzen Schwan sehe, ist damit nicht bewiesen, dass es ausschließlich weiße Schwäne gibt. Ich muss begreifen, dass ich an der Erfahrung scheitern kann. Wenn ich das verstanden habe, werde ich tolerant.“ (145f)

„SCHIRACH: 1651 veröffentlich Thomas Hobbes den ‚Leviathan‘. In England herrscht damals Chaos, ein schrecklicher Bürgerkrieg. Hobbes sagt im ‚Leviathan‘, die Menschen geben ihre Freiheit freiwillig auf, um Sicherheit zu gewinnen. Deshalb ordnen sie sich einem starken Souverän unter. Und er sagt, es gebe drei Ursachen für jeden Konflikt: Konkurrenz, Angst und Stolz. Die Konkurrenz führe zu Neid, die Angst zur Gefahrenabwehr und der Stolz zur Kränkung. Das ist eine gute Beschreibung, auch wenn ich glaube, dass all diese Motive sich in einem Menschen fast immer bündeln.“ (176)

Köln, 01.10.2026
Harald Klein

[1] „Die Vernunft ist vor allen Dingen menschenfreundlich“ – Ferdinand von Schirach exklusiv; vgl. [online] https://www.deutschlandfunk.de/ferdinand-von-schirach-exklusiv-die-vernunft-ist-vor-allen-100.html [13.09.2026]