Verw:ortet 12/2023: Rüdiger Safranski: Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung

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Um was es geht

Rüdiger Safranski (*1945) ist Literaturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller. Alle drei Professionen wirken in seinen Schriften zusammen, sei es in seinen – trotz der Figuren und Themen durchaus verständlichen und nachvollziehbaren – Darstellungen von Arthur Schopenhauer (1986), Martin Heidegger und seiner Zeit (1994) oder Friedrich Nietzsche (2000). Er schrieb eine gewaltige Biografie zu Johann Wolfgang von Goethe (2013), der er eine Biografie von Friedrich Schiller (2005) und die Beschreibung der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller (2009) voranstellte. Eine Hölderlin-Biografie erschien 2019. Philosophisch fragt er nach dem Maß der Wahrheit, die der Mensch brauche (1990), nach dem Bösen und seinem Zusammenhang mit der Freiheit (1997), nach einem dem Menschen gemäßen Maß an Globalisierung (2003), nach der Zeit und dem, was sie aus uns und was wir Menschen aus ihr machen (2015). Sein zuletzt erschienenes Werk beschäftigte sich mit der Frage nach dem „Einzeln sein“. Safranski nennt dieses Buch und sein Nachdenken darin eine „philosophische Herausforderung“.

Für mich die Lektüre wie ein Ritt auf einem feurigen Ross durch die Philosophiegeschichte. Das selbst verantwortete Heraustreten aus der Masse, der von anderer Seite initiierte Herauswurf aus der Masse, die philosophische Notwendigkeit, sich selbst und einsam gegenüberzutreten hat eine Geschichte, entwickelt sich durch Jahrhunderte hindurch. In einer Rezension des Buches habe ich versucht, diesen Weg nachzuzeichnen.

Hier werde ich einzelne Zitate aus Safranskis Buch wiedergeben, die markante Wegzeichen auf dem Weg zum „Einzeln sein“ darstellen. Alle Zitate sind entnommen aus Safranski, Rüdiger (2021): Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung, München. In Klammern sind hier die Seiten aus diesem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden. Eventuelle  Querverweise auf andere Autoren sind hier nicht genannt, jedoch mit den angegebenen Stellen in Safranskis Buch zu finden.

» Die Uneigentlichkeit ist das Gewöhnliche. Man ist zumeist nicht bei sich selbst, beim Eigenen, sondern dort draußen bei den Dingen, Beschäftigungen, bei den Meinungen, bei den Anderen. Das gewöhnliche Leben wird von diesen Üblichkeiten bestimmt. Das ist die Welt des Jedermanns, man selbst ist auch dieser Jedermann. Jeder ist wie der andere, und keiner ist er selbst. Die Welt des Man eben. «
Safranski, Rüdiger (2021) Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung, München, 206.

Die Zitate

„Selbstüberwindung galt früher als ein Weg, zu sich selbst zu kommen. Es ging immer auch um Arbeit an sich selbst, um Überwindung von Hemmnissen, Illusionen, Gewohnheiten, es ging auch um Bändigung des Triebhaften, um Aufhellung des Dunklen. Keinesfalls genügte es, sich gehen zu lassen.
Für die Menschen, die hier vorgestellt werden, ist solche Selbstüberwindung immer auch ein Spiel beim Versuch, ein Einzelner zu sein und darüber nachzudenken.“ (9)

„Wer als Einzelner seine Eigenheit entdeckt und annimmt, möchte zwar sich selbst gehören, aber doch auch zugehörig bleiben. Diese Spannung bleibt.“ (11)

„Der Einzelne, der auf seine Eigenheit besteht, begnügt sich nicht mit dem einfachen Dazugehören, er will vielmehr in dem anerkannt werden, was ihn von andren unterscheidet. Nicht das Gleichsein, sondern der Unterschied soll anerkannt werden.“ (11)

„Es gilt nicht die Intention, sondern nur das, was wirklich Gestalt geworden ist. Das erst ist Schöpfung, wenn man aus dem bloß Möglichen das Wirkliche wird.“ (18)

„Wo ist man eigentlich, wenn man bei sich ist?“ (48)

„Wohin kommt man, wenn man zu sich kommt? (68)

„Wohin kommt man, wenn man zu seiner Existenz kommt, was hat man verloren, wenn man von ihr abgeschnitten wird?“ (197)

„Er (i.e. der Mensch, H.K.) erfährt sich als dieser Einzelne. Er ist nicht nur, wie alles andere, jeweils unterschieden, sondern er unterscheidet sich aktiv und in absichtsvoller Weise. Er erfährt sich passiv als unterschieden, und er unterscheidet aktiv, indem er sich abgrenzt und in seiner Einzelheit zur Geltung bringt.“ (50)

„Das Wunder der Gewöhnung! Sie wird mit allem fertig, auch mit Angst vor dem Tod. Es ist unglaublich, woran man sich alles gewöhnen kann. Kein Schmerz, aber auch keine Freude kann der mildernden, mäßigenderen, herabstimmenden Kraft der Gewohnheit widerstehen.“ (53)

„Das Leben ist eben anders, als es sich die Theorie vorstellt.“ (57)

„Henri Bergson hat einmal diese beiden Quellen der Religion einprägsam unterschieden: Die eine Quelle ist die menschliche Gemeinschaft, die um der allgemeinen Ordnung willen den Zusammenhalt zu fördern versucht und deshalb Druck auf den Einzelnen ausübt, der im Gegenzug dafür das Gefühl von Sicherheit und Stabilität erhält. Das ist das Betriebsgeheimnis der Stammesreligion. Die andere Quelle ist das schöpferische Individuum, das imstande ist, Weltabstand oder sogar Weltüberwindung zu erfahren, also eine ekstatische und mystische Dimension, die weit über die kollektive Selbsterhaltungslogik hinausgeht. Sie drückt sich aus in der Botschaft Jesu: „Das Himmelreich ist in dir“ – Das Christentum, besonders in einer paulinischen Version, ist Überwindung der gesetzesfrommen Stammesreligion. Es ist eine Art Ekstatik für das Volk, jeder Einzelne darf sich als Einzelner gemeint fühlen, erhoben und verwandelt.“ (61)

„Die meisten suchen nur den Weg zu den Meinungen der anderen, nicht aber den Weg zu sich selbst, […] Gegen die Verlockung zur Nachahmung muss das eigene Denken und Empfinden erst erkämpft werden.“ (64)

Nach der Aufhebung der Verlobung mit der wesentlich jüngeren Regine: „Das Verlieben war ein Kinderspiel, das Entlieben verlangt Meisterschaft.“ (107)

„Wer sich ausdauernd in der Gesellschaft bewegt, der hat von sich lange nichts mehr gehört, sagte Thoreau, und brachte damit das Unbehagen, das alle drei empfanden, auf den Punkt.“ (145)

„Man muss dem Leben zeitweilig fremd gegenüberstehen, um es in seiner Tiefe zu erfassen. Das geschieht in der Dichtung. So viel Entfremdung vom Leben – durch Dichtung – ist erforderlich, um sich recht mit ihm verknüpfen zu können.“ (154)

„Das individuelle Gesetz müsste ja etwas sein, das nur für den Einzelnen gilt; etwas, an dem sich der Einzelne orientiert, um das Eigene hervorzubringen, der innere Kompass, das innere Telos, das den Einzelnen leitet. Der bloße Wille, sich zu unterscheiden, genügt nicht, denn damit bleibt man negativ fixiert auf die anderen.“ (156)

„Glaube, den sie (i.e. Ricarda Huch) in dieser Krisenzeit neu entdeckt, liegt überhaupt nicht auf dieser kognitiven Ebene, ist nicht eine mit Phantasien und Einbildungen durchsetzte Art des Wissens, also letztlich ein vermindertes Wissen; Glaube ist vielmehr die Erfahrung, an einer ganz eigenen und zugleich universellen Kraftqualle teilzuhaben; die Erfahrung der Umwandlung des inneren Menschen in der Folge des Einströmens einer universellen Kraft.“ (166)

„Das Erlebnis der Masse lockt mit fieberschweren Genüssen, vor denen zurückschreckt, wer unbedingt seine Nüchternheit bewahren möchte.“ (176)

„Was in der Natur die Gene sind, das sind in der Kultur die Meme – Ideen, Stile, Verhaltensarten, Bauweisen, Melodien und so weiter -, die sich auf dem Weg der Nachahmung replizieren. Neues entsteht, wie bei den Genen, durch Replikationsfehler, also Abweichungen, die sich dann durchsetzen, wenn sie Fitness genug haben, hinreichend viele Nachahmungen auszulösen. Für Dawkins ist zum Beispiel ‚Gott‘ ein zeitweilig höchst populäres Mem, das sich in je verschiedener Gestalt in den Kulturregionen durchgesetzt hat, wie ein Virus, sagt er. Aufklärung, selbst ein durch hinreichende Nachahmung erstarktes Mem, wäre dementsprechend eine Art Immunsystem gegen das Gottes-Virus. Auch zwischen den Memen, das lehrt Dawkins, findet ein Kampf ums Überleben statt; es gewinnt, wer die größte Zahl von Nachahmungen hat.“ (180)

„Die Masse enthemmt, doch sie macht nicht frei, denn in ihr ist jeder wie der andere und keiner ist er selbst (Heidegger).“ (193)

„Die ‚Psychologie der Weltanschauungen‘ ist für Jaspers im Rückblick bereits durch und durch ein existenzphilosophisches Werk, weil das Sichkümmern des Denkenden um sich selbst darin maßgebend sei. Auch würden die verschiedenen Denkweisen jeweils als Existenzentwurf gedeutet und stellten den, der sich damit beschäftigt, vor die Entscheidung, wie man denn selbst sein Leben zu führen gedenke.“ (195)

„Nur der Einzelne kann im eigenen Vollzug das Wahre an der Existenzphilosophie bestätigen oder auch nicht. Entscheidend ist, ob im Einzelnen die Existenz wachgerufen wird.“ (198)

„In jedem Augenblick können wir die Bühne drehen und auch erfahren, dass wir frei sind, dass wir uns zu einem unvorhergesehenen Handeln entscheiden können. Kausalität aus Freiheit, nennt das Kant. Freiheit ist: eine neue Reihe anfangen können, Spontaneität. Man ist ins Gewebe der Welt und ihrer Kausalitäten verstrickt, ist aber frei genug, um einen neuen Anfang zu machen, mit sich selbst anzufangen.“ (199f)

„Die Uneigentlichkeit ist das Gewöhnliche. Man ist zumeist nicht bei sich selbst, beim Eigenen, sondern dort draußen bei den Dingen, Beschäftigungen, bei den Meinungen, bei den Anderen. Das gewöhnliche Leben wird von diesen Üblichkeiten bestimmt. Das ist die Welt des Jedermanns, man selbst ist auch dieser Jedermann. Jeder ist wie der andere, und keiner ist er selbst. Die Welt des Man eben.“ (206)

„Hannah Ahrendt gibt dem Gedanken der Geburtlichkeit eine originelle Wendung. Denn zunächst einmal bedeutet ja, geboren worden zu sein, dass man zuerst angefangen worden ist, ehe man selbst etwas anfängt. Deshalb spricht Heidegger ja auch von der Geburt als Geworfenheit. Dieses passive Moment gesteht Hannah Ahrendt selbstverständlich zu. Doch betont sie im Gegenzug das Chancen-Eröffnende einer jeden Geburt. Geboren werden Anfänger, die für jede Überraschung gut sind, solange ihnen nicht das Vielversprechende ausgetrieben wird.“ (216)

„Der Denkende ist zwar vereinzelt, aber nicht einsam, denn er bleibt in Gesellschaft – mit sich selbst. Denken, so Hannah Ahrendt, ist mit der Erfahrung des Innern Gesprächs mit sich selbst verbunden. Das Denken ist, existentiell gesehen, etwas, was man alleine tut, aber nicht einsam; allein sein heißt mit sich selbst umgehen; einsam sein heißt alleine sein, ohne sich in das Zwei-in-einem aufspalten zu können, ohne sich selbst Gesellschaft leisten zu können.“ (222)

„Die Idee der Existenz war verbunden mit der Idee der Kontingenz. Der einzelne Mensch erfährt sich als Verkörperung des Zufalls – im wörtlichen Sinne. Ihm sind ein bestimmter Körper und eine bestimmte Raum- und Zeitstelle zugefallen. Darüber verfügt er nicht, und somit verfügt er über das meiste nicht. Es hat immer schon, für ihn unverfügbar, mit ihm angefangen, ehe er selbst etwas mit sich anfangen kann. Kontingenz bedeutet: Was es gibt, könnte es auch nicht geben. Der Mensch kann sich keiner höheren Absicht mehr gewiss sein.“ (226f)

„Eigentum ist das im An-sich erstarrte Für-sich. Es ist das Lebendige, die Freiheit, die da erstarrt.“ (232)

„Es geht um die Seinsverdichtung, die dann erfahrbar wird, wenn jemand sich entschließt, aus der Statistik herauszutreten und seine unverwechselbare, eigene Existenz zu ergreifen. Dabei entscheidet sich dann, ob er sein So-sein höher als sein Da-sein schätzt. Das beschreibt ganz gut, worum es eigentlich geht beim Versuch, ein Einzelner zu sein.“ (249)

Köln, 30.11.2023
Harald Klein