Verw:ortet 12/2025: Byung-Chul Han: Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil (II)

  • Worte, auf denen ich stehe
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Um was es geht

Den kleinen Essay des in Berlin dozierenden Philosophen, Kultur- und Literaturwissenschaftler und Theologen Byung-Chul Han (*1959 in Seoul/Südkorea) zum Thema „Sprechen über Gott“ habe ich bereits in verw:ortet 11/2025 vorgestellt. Byung-Chul Han notiert – wie in den meisten seiner Essays – in kurzen Abschnitten wesentliche Inhalte zu dem, was im jeweiligen Kapitel vorgestellt werden soll. Im vorliegenden Büchlein geht es um einen inneren Dialog, den er mit der französischen Mystikerin und Sozialrevolutionären Simon Weil (1909-1943) führt.

„Sprechen über Gott“ liefert keine Aussagen über Gott, dafür aber Wege, wie Gott erfahren, gehört und auch angesprochen werden kann. Die Kapitelüberschriften des Büchleins sind so etwas wie Fächer eines Werkzeugkastens, die diesem Ansinnen dienen. Jedes „Werkzeug“ für sich erfüllt eine bestimmte Aufgabe, ist in sich schon hilfreich, aber das „Ganze“ wird nur im Zusammenspiel und im sinnvollen und zielgerichteten Einsatz aller „Werkzeuge“ erreicht.

In verw:ortet 11/2025 habe ich Hans Ansinnen und das erste dieser „Werkzeuge“, die Aufmerksamkeit, in Zitaten vorgestellt. Drei weitere, die Han von Simone Weil übernimmt und in einen Gegenwartsbezug hineinholt, sollen hier kurz in Zitaten angedeutet werden. Es geht um dem Begriff der „Dekreation“ – die Rede vom Aufhören, sich selbst zu erschaffen, kann ein Zugang zu dieser Wortschöpfung Simone Weils sein – sowie um die Begriffe der „Leere“ und der „Stille“, die zwar hinsichtlich in den Einführungen zur Meditation allerorts bekannt sind, aber bei Simone Weil eine ihr eigene Färbung bekommen.

Alle Zitate sind entnommen aus Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin. In Klammern sind hier die Seiten aus dem Buch genannt, auf denen sich die Zitate finden. Die innerhalb der Zitate vom Autor benutzten Zitationen aus den Werken Simone Weils und anderer Autor:innen sind der Klammer ebenfalls nach der Seitenangabe genannt.

» Aus Liebe einwilligen, Nichts zu sein, ist keine Zerstörung, sondern ein Überstieg in eine höhere Wirklichkeit. «
Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin, 42.

Die Zitate

„Dekreation“

„Die Entschöpfung bringt uns über das Erschaffene hinaus in die Nähe des göttlichen Schöpfungsaktes. Wer sich hingegen am Erschaffenen festklammert, entfernt sich von der göttlichen Schöpfung. Wenn wir uns als Kreatur aus Liebe zu Gott entschaffen, das heißt aufs Ich verzichten und Nichts werden, nehmen wir an der absoluten Potenz Gottes teil. Wir werden Mit-Schöpfer. Es ist aber nicht die Macht, sondern die Liebe, die uns zur Setzung, zur Schöpfung befähigt.“ (41f)

„Die Schöpfung vollendet sich, indem wir unser Ich aus Liebe zu Gott abgeben.“ (42)

„Aus Liebe einwilligen, Nichts zu sein, ist keine Zerstörung, sondern ein Überstieg in eine höhere Wirklichkeit.“ (42)

„Unter dem Zwang der Authentizität versuchen wir heute verzweifelt, etwas, jemand zu sein. Die Authentizität ist der Dekreation entgegengesetzt, die uns auffordert, nichts, niemand zu sein, sich im Selbstverzicht zu üben. Und der Imperativ der Kreativität, der der neoliberalen Produktionslogik gehorcht, macht uns blind gegenüber der wahren Schöpfung. Erbärmlich ist der neoliberale Kreativitätsrausch angesichts der Herrlichkeit der göttlichen Schöpfung, angesichts der Schönheit des Universums, die ein Sakrament darstellt. Jede menschliche Hervorbringung, die sich Schöpfung nennen darf, setzt den Selbstverzicht voraus. Das Genie der Aufmerksamkeit ist ohne Selbst.“(43f)

„Zu den strukturellen Gründen für die Krise der Religion gehört neben dem Verfall der Aufmerksamkeit das massiv erstarkende Ich. Unsere Aufmerksamkeit kreist heute nur noch ums Ich. Wir huldigen dem Kult , dem Gottesdienst des Selbst, in dem jeder der Priester seiner selbst ist. Der Priester seiner selbst heißt im Vokabular des neoliberalen Regimes der Unternehmer seiner selbst. Er produziert sich und performt sich. Das lärmende Ich hält Gott von uns fern. (44)

„Der Aneignungswille zerstört die Schönheit.“ (46)

„Die Zukunft äußert sich als Sorge. Daher räumt Heidegger, der die Sorge zum Wesenszug der menschlichen Existenz erhebt, der Zukunft einen Vorrang ein. Die Freude aber hat keinen Platz in Heideggers Sein und Zeit, denn Zeit ist Sorge. Die reine Freude bestünde darin, die Zeit zu entsorgen. Es ist gerade die Sorglosigkeit, die die reine Freude ausmacht. Die Freude erwacht in dem Moment, in dem wir uns ganz ohne Begehren dem Augenblick hingeben und uns ihm im Gehorsam fügen.“ (51)

„Wir haben hier mit einem absoluten Gehorsam zu tun. Aus Liebe zu Gott entleeren wir uns. Diese Leere aber wird mit göttlichem Licht erfüllt. Wer für Gott sein Ich aufgibt, sich entschafft, wird durchsichtig wie das ungetrübte Fensterglas, durch das Gottes Licht ungehindert strömt.“ (52)

» Die Leere entsteht, wo auf den Willen verzichtet wird. Der Wille lässt die Dinge nicht so sein, wie sie sind. Er zwingt ihnen sein Gepräge auf. Die Theodynamik der Leere unterbricht diesen Prozess.«
Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin, 68.

„Leere“

„‘Nicht alle Macht ausüben, die einem zu Gebot steht, heißt die Leere ertragen. Das widerspricht allen Naturgesetzen: die Gnade allein vermag es. Die Gnade ist Erfüllung, aber sie findet nur dort Zutritt, wo eine Leere ist, sie zu empfangen, und es ist die Gnade selbst, die diese Leere schafft.‘“ (53f – Weil, Simone <2020>. Schwerkraft und Gnade, Berlin, 16f.)

„Der Machthaber lässt keine Leere zu, weil er bestrebt ist, sich maximal auszudehnen.“ (54)

„Das Bibelwort ‚Liebet einander‘ begreift Simone Weil von der Freundschaft her. ‚Es gibt eine Form der persönlichen Liebe zwischen Menschen, die rein ist und die eine Vorahnung und einen Abglanz der göttlichen Liebe in sich trägt. Das ist die Freundschaft.‘ Die Freundschaft ist insofern übernatürlich, als sie auf jede Einverleibung des anderen verzichtet. Sie isst nicht, sondern schaut. […] Die Freundschaft entzieht sich sowohl dem Bedürfnis als auch der Notwendigkeit. Sie beruht auf dem Respekt für den Anderen, der Distanz gebietet. Die Nähe der Ferne beseelt sie.“ (58f – zitiert wird: Weil Simone <2024>: Das Unglück und die Gottesliebe, Berlin, 241.)

„Wenn ein Mensch an einen anderen durch eine Zuneigung gebunden ist, in der ein beliebiger Grad von Notwendigkeit enthalten bleibt, so ist es unmöglich, dass er zugleich seine eigene Autonomie und die des anderen zu wahren wünscht. Unmöglich kraft des Mechanismus der Natur. Möglich jedoch durch die wunderbare Dazwischenkunft des Übernatürlichen. Dieses Wunder ist die Freundschaft. (59 – Weil Simone <2024>: Das Unglück und die Gottesliebe, Berlin, 248.)

„‘Man muss katholisch sein, das heißt durch keinen Faden an irgendetwas Erschaffenes gebunden sein, außer an die Gesamtheit der Schöpfung.‘“ (61 – Weil Simone <2024>: Das Unglück und die Gottesliebe, Berlin, 80.)

„‘Wer einen Augenblick lang die Leere erträgt, der empfängt entweder das übernatürliche Brot, oder er fällt.‘“ 68 – Weil, Simone <2020>. Schwerkraft und Gnade, Berlin, 18.)

„Die Leere entsteht, wo auf den Willen verzichtet wird. Der Wille lässt die Dinge nicht so sein, wie sie sind. Er zwingt ihnen sein Gepräge auf. Die Theodynamik der Leere unterbricht diesen Prozess.“ (68)

„Leere heißt letztlich sterben lernen, sich den Tod geben.“ (69)

» Die Stille ist die Hebamme des Neuen. «
Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin, 73.

„Stille“

„Auf der strukturellen Ebene bedingt auch der Verlust der Stille die Krise der Religion. Die Moderne ist eine Epoche des Lärms. Nietzsche hätte auch sagen können: Der Lärm hat Gott getötet. Er macht den anschwellenden Lärm auch für die Krise des Denkens verantwortlich. Das Genie der Aufmerksamkeit bedarf der Stille.“ (70)

„Die ganze Welt verwandelt sich in einen lärmenden Markt. Alles ist nun Ware. So lärmt und schreit alles um Aufmerksamkeit. Das Leben wird selbst markt- und warenförmig. Jeder ist nun ein Unternehmer seiner selbst, der permanent sich produziert und sich performt. So gleicht jeder einem Marktschreier. Der Kapitalismus liebt die Stille nicht.“ (71)

„Der Geist bedarf der Stille, um etwas ganz Anderes hervorzubringen oder zu empfangen. Am Ort der Schöpfung herrscht Stille. Der kontemplative Zustand des Geistes ist ein Schwebezustand, ein Schwellenzustand, in dem das bereits Bekannte oder Ausgeformte zeitweise ausgesetzt wird und Platz macht fürs ganz Andere. So versetzt die Dichtung die Sprache in einen kontemplativen Zustand, ‚in dem die Sprache ihre kommunikative und informative Funktion desaktviert hat – oder […] in dem die Sprache in sich selbst ruht, ihr Sprachvermögen betrachtet und sich auf diese Weise neuen Möglichkeiten des Gebrauchs öffnet‘. Erschöpft sich die Sprache hingegen in ihrer Funktion als Information und Kommunikation, ist keine Dichtung, keine Erneuerung der Sprache möglich.“ (72 – zitiert wird Agamben, Giorgio <2010>: Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung, Berlin, 300.)

„Die Stille ist die Hebamme des Neuen. So führt der Verlust der Stille nicht nur zur Krise der Religion, sondern auch zur Krise des Denkens, das heißt zur Krise des Denkens und des Dichtens.“ (73)

„Wir können Geräusche gleichsam auf ihr Schweigen hin wahrnehmen, wobei wir jede Form von Bedeutung ausklammern. Wir können sie durch die Stille, durch die Leere hindurch wahrnehmen, quasi absichtslos wie im Gebet, in der Aufmerksamkeit als negativer Anstrengung. Das Ich hält still. In der Stille kehren die Dinge oder die Geräusche gleichsam zu sich selbst zurück, kehren in der Stille ein, ohne vom Ich, von seiner Einbildungskraft gestört zu werden.“ (74)

„Allein die intensive Präsenzerfahrung als Erfahrung der Stille führt uns zu Gott. Das Schweigen der Dinge, das Schweigen der Geräusche ist ein Abglanz von Gottes Schweigen. […] Wir können heute nicht mehr beten, weil wir uns permanent dem Informations- und Kommunikationslärm aussetzen. Wir können nicht die Augen schließen, weil sie zu ständiger Gefräßigkeit, zum ‚Essen‘ gezwungen sind. Augen schließen bedeutet, in Stille verharren. […] Die Adipositas der Seele, die deren übernatürlichen Teil verkümmern lässt, verhindert, dass sich in ihr die Stille ausbreitet. Das Ich mit seiner Einbildungskraft lärmt und verstopft alle Leerräume.“ (76f)

„Im Zeitalter des maßlos erstarkenden Ego haben wir keinen Zugang zu Gott.“ (77)

„Wo die große Stille herrscht, weicht jeder Wille zurück. Das Ich stirbt. Nicht einmal der eigene Herzschlag stört die göttliche Stille. Jene wachen Augen sind vollkommen leer. Sie sind, so würde Simone Weil sagen, mit dem Schweigen Gottes erfüllt.“ (79)

Köln, 01.12.2025
Harald Klein