Verw:ortet im Juli 2022: Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart, 2. Aufl., Berlin

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Wenn symbolische Formen verschwinden…

Ein Freund aus dem Gefährtenkreis schenkte mir ein kleines Reclam-Bändchen, nach wie vor gelb und handlich. Er praktiziert Zen, oft sind wir im Gespräch über diese Sichtweise auf das Leben, auf das Einüben des Menschseins, auf den Menschen, auf sich selbst und die Welt. Der Autor dieser „Philosophie des Zen-Buddhismus“ ist Byung-Chul Han. Völlig unbekümmert ordnete ich den Autoren in die Reihen der buddhistischen Theologen ein – bis ich ihn als scharfsinnigen und mit der Sprache herrlich spielenden Soziologen sowohl in Hartmut Rosas „Resonanz“ als auch in Harald Welzers „Nachruf auf mich selbst“ mit scharf ausformulierten Zitaten zur Lage der Welt, der Gesellschaft, der Menschen wiederfand.

Drei kleine Schriften, keine mehr als 120 Seiten lang, in Essayform gehalten, nahm ich aus der Zentralbibliothek mit: „Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute“ (2016), „Agonie des Eros“ (2012) und „Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart“ (2. Aufl., 2019).

» Rituale lassen sich als symbolische Techniken der Einhausung definieren. Sie verwandeln das In-der-Welt-sein in ein Zu-Hause-sein. Sie machen aus der Welt einen verlässlichen Ort. Sie sind in der Zeit das, was im Raum eine Wohnung ist. Sie machen die Zeit bewohnbar. Ja, sie machen sie begehbar wie ein Haus. Sie ordnen die Zeit, richten sie ein. «
Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart, 2. Aufl., Berlin, 10.

Mit dem dritten Buch fing ich an, und war vom Feuerwerk der Sprache regelrecht erschlagen. „Topologie“ meint in der Philosophie eine Beschreibung von Orten und Feldern im Raum und deren Sphäre als Außenwelt. Topologien haben einen phänomenologischen Hintergrund. Die „Außenwelt“ die Byung-Chul Han topologisch / phänomenologisch beschreibt, soll dem Titel nach die „Gegenwart“ sein. Und das, was er beschreibt, sind Rituale in den verschiedensten Feldern, mehr noch: sind das Verschwinden der Rituale, die Konsequenzen, die er daraus beobachtet und das, was sich an die Stelle der Rituale setzt. Es sei vor allem der „Zwang zur Produktion“ (1. Kapitel) und der „Zwang zur Authentizität“ (2. Kapitel), die Rituale und Formen verdrängen. Und es sei das Übermaß an Produktion und das Diktat zur Authentizität, die eine Gesellschaft krank macht.

Byung-Chul Hans kurze Kapitel haben eine sehr verdichtete Sprache. Die unter „verw:ortet“ vorgestellten Zitate für den Juli 2022 sind oft nur im Kontext verständlich, glänzen aber in ihrer Sprache. Ich wünsche sehr, dass sie Neugier erwecken auf den Essay vom Verschwinden der Rituale.

Die Seitenzahlen (in Klammern nach den folgenden Zitaten) beziehen sich auf das oben angegebene Buch. Diesen Beitrag zu „verw:ortet im Juli 2022“ können Sie hier herunterladen.

Köln, 29.06.2022
Harald Klein