Verw:ortet im Juni 2022: Welzer, Harald (2021): Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens, 6. Aufl., Frankfurt/Main

  • Verw:ortet
  • –   
  • –   

Zwischen Ansporn zum Mitmachen und schamhaftem Belächeln

Ein mir lieber Freund sprach mich vor zwei Monaten auf das Buch und auf Harald Welzer an, den ich bislang nicht kannte. Weniger wegen des Stilmittels eines „Nachrufes auf mich selbst“ als wegen des im Untertitel aufgeführten Begriffs der „Kultur des Aufhörens“ griff ich zum Buch.

» Mitgefühl ist kostenlos, nützt aber nichts, wenn es ohne Handlungsfolgen bleibt. Erst Engagement verändert die Dinge. «
Welzer, Harald (2021): Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens, 6. Aufl., Frankfurt/Main, 234.

Kein Wunder, dass der 28jährige Freund mir dieses Buch empfahl: In der Generation der 20-30jährigen zeichnet sich nicht nur ab, dass Vertagen, Konferieren, Versuche einer Beschlussfassung nicht mehr in der Lage sind, die bedrängenden Fragen der Zeit zu beantworten, geschweigen denn, sie zu lösen. Es gilt in Vielem, einfach aufzuhören – was eben nicht „einfach“ ist. Diese Generation beginnt es meiner Generation vorzumachen – und irgendwo zwischen Ansporn zum Mitmachen und schamhaftem Belächeln ordne ich mich ein, haben wir uns einzuordnen.

» Aufhören braucht einen Grund, aber aufhören zu können braucht Können.«
Welzer, Harald (2021): Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens, 6. Aufl., Frankfurt/Main, 265.

Es war ein Herzinfarkt und die damit verbundene Neudeutung des Faktischen, dass den 1958 geborenen Soziologen, Sozialpsychologen und Publizisten Harald Welzer nach einer „Kultur des Aufhörens“ fragen ließ. Mit dem Mittel eines „Nachrufs auf sich selbst“ stellte er die grammatisch schwierige Frage nach einem Entwurf dessen, wie man sich entwickelt haben werden wolle. Dieser „Nachruf auf sich selbst“ bildet eine Rückschau aus einer imaginierten Zukunft – und bricht so die Diktatur der Gegenwart.

» Ich glaube ohnehin nicht, dass Einsicht der entscheidende Faktor ist. Praxis ist der entscheidende Faktor. Deshalb ist der Kulturbegriff für mich auch so wichtig. Es geht darum, diese Kultur auch zu leben, nicht nur auf einer kognitiven Ebene zur Kenntnis zu nehmen. Deshalb kann die aus meiner Sicht notwendige Veränderung nur aus einer Veränderung der Praxis heraus entstehen. «
Harald Welzer im Gespräch mit Rebekka Reinhard und Thomas Vasék, in: Hohe Luft 03/2022, Hamburg, 61.

Eine ausführliche Rezension des „Nachruf auf mich selbst“ von Harald Welzer finden Sie hier. Seine „Zwölf Merksätze zur Beantwortung der Frage: Wer will ich gewesen sein?“ finden Sie ebenfalls in der Rezension. – Auf der „Verw:ortet“-Seite verweisen die Seitenzahlen (in Klammern nach den dort gelisteten Zitaten) auf das oben angegebene Buch. Diesen Beitrag zu „verw:ortet im Juni 2022“ können Sie hier herunterladen

Köln, 01.06.2022
Harald klein