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Worte, die Grund sind

Um was es auf dieser Seite geht…

Das Grundprojekt dieser Seite ist die Suche nach und sind die Hinweise auf eine Spiritualität, die alltagstauglich ist, die dialogfähig ist, die hinführt zu einem Mehr an Liebes- und Leidensfähigkeit und die sich erst dann christliche Spiritualität nennen will, wenn sie Maß nimmt am Handeln und Reden Jesu Christi und seinem Geschick.

Ich habe Freude an der Begegnung mit vielen Autorinnen und Autoren aus der theologisch-spirituellen Literatur. Gleichzeitig finde ich  in der Lyrik immer wieder Worte, die mir Halt und Orientierung geben und auf denen ich stehe. Die Verbindung von „Wort“ und „Verortung“ will das Kunstwort „verw:ortet“ ausdrücken.

Auf der Startseite werden diese Worte in unregelmäßigen Abständen verändert, auf dieser Seite werden sie gesammelt und aufgehoben. Es ist mir eine Freude, sie Ihnen hier zur Verfügung zu stellen.

Köln, 03.10.2019
Harald Klein

» Wenn ich gelegentlich die Worte von Jesus oder Buddha aus ‚Ein Kurs in Wundern‘ oder aus anderen Lehren zitiere, dann tue ich das nicht, um zu vergleichen, sondern um deine Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass es in Essenz immer nur eine Lehre gibt und gegeben hat, obwohl sie in mehreren Formen erscheint. Einige dieser Formen, wie z.B. die alten Religionen, sind so überlagert mit fremden Inhalten, dass ihre spirituelle Essenz fast vollkommen verdeckt ist. Ihre tiefere Bedeutung ist dadurch fast nicht mehr zu erkennen und sie haben ihre transformative Kraft verloren. «
Tolle, Eckhart (2008): Jetzt. Die Kraft der Gegenwart, Bielefeld, 20. Aufl., 26.

Verw:ortet im August 2022: Tolle, Eckart (182022): Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, Bielefeld.

Sich mit Eckhart Tolle auseinandersetzen ist eine doppelte Herausforderung. Für einen Christen eher traditioneller Prägung kann es schwer sein, die Deutungen und Hinweise Tolles als „spirituell“ zu verstehen, sind sie doch losgelöst von jeder Religion, geschweige denn Konfession, von Praktiken irgendeiner Frömmigkeit und nur auf dem Weg als „spirituell“ zu verstehen, wenn Spiritualität (1) als Suche nach einem Geist gesehen wird, aus dem heraus das alltägliche Leben und Erleben in der Gegenwart nach „hinten“ gedeutet und nach „vorne“ geführt wird, (2) als eine Deutungsweise, die dialogisch ist, d.h. über die vernunftgemäß und nachvollziehbar Auskunft gegeben werden kann und die von sich aus Antworten auf Herausforderungen des Lebens anbietet, und die (3) in ein erlebbares Mehr i.S.v. „magis“, nicht von „multum“ an Lebendigkeit und Menschsein, Menschwerdung führt. Sofern dies alles in Kontakt und unter Berufung auf Jesus Christus geschieht, ist Spiritualität „christlich“, geschieht dies nicht, ist sie aber aufgrund der Erfüllung der ersten drei Punkte nicht christlich, aber doch immer noch „Spiritualität“!

Eckart Tolles Impuls, sein angebotener spiritueller Weg ist leicht verständlich und gleichzeitig herausfordernd, weil er die Lebens-, Denk- und Verhaltensweisen einer ganzen Kultur so, wie sie über Jahrzehnte hinweg gewachsen ist, in Frage stellt. Sein Verlag fasst auf der Homepage des Verlages die „Drei-Komponenten-Strategie Tolles für ein sinnvolleres und erfüllteres Leben“ knapp zusammen .

Im ersten Schritt geht es darum, die eigene Geschichte bis zum gegenwärtigen Moment zu erkennen. Die Frage nach der Rolle der Vergangenheit und ihrer Präsenz im Jetzt ist dabei genauso wichtig wie die Rolle der Zukunft und der Angst, die oft Hand in Hand mit ihr geht. Es ist der Verstand, der sowohl die Erfahrungen aus der Vergangenheit als auch die Angs vor der Zukunft gegenwärtig macht oder erscheinen lässt, sodass sie Kraft über das Jetzt haben.

Im zweiten Schritt wird deutlich, dass die eigenen Gedankenströme ein Gefängnis sind, in dem das vom Verstand erschaffene Ich in der Zelle der Vergangenheit und der Zukunft sitzt und die Gegenwart, den gegenwärtigen Moment nicht zu sehen und zu würdigen in der Lage ist. Im Nachsinnen oder im Griff der Vergangenheit und der Zukunft sind Menschen dem „Waren“ oder dem „Werden“ verhaftet und haben keinen Raum mehr für das Sein.

Im dritten Schritt geht es um die Motivation, um den Versuch, um den Anfang, das eigene Bewusstsein – den Ort meines Seins – von den Gedankenströmen – dem Ort der Wertungen, der Erinnerungen und der Ängste des Ichs – zu lösen. Leben geschieht ausschließlich im jetzt, im Moment, und den gilt es wahrzunehmen. Die Freuden und Ängste der Vergangenheit, die Sorgen und Hoffnungen der Zukunft können immer nur im Jetzt erlebt werden, nur hier haben sie Realität.

Tolles Idee und sein Hinführen zu diesem fordern heraus und verheißen viel! Für die, denen an christlicher Spiritualität liegt, kann ich sagen, dass Ihnen nichts genommen wird – im Gegenteil: viele der Worte Jesu im neuen Testament und manches seiner Handlungen erscheint im neuen Licht, ich erinnern nur an das „Sorgt Euch nicht um Euer Leben. Seht die Vögel des Himmels. Lernt von den Lilien auf dem Feld. Sorgt euch nicht um das Morgen!“ (vgl. Mt 6, 26-29). Es ist leichter, sein Stundengebet zu beten oder die Messe zu besuchen, als sich von Eckart Tolle mitnehmen zu lassen. Was letztlich dem Leben hier und jetzt mehr Nahrung gibt, das ist dann jedem selbst überlassen.

Die Seitenzahlen (in Klammern nach den folgenden Zitaten) beziehen sich auf das erste Drittel des oben angegebene Buch. Diesen Beitrag zu „verw:ortet im August 2022“ können Sie hier herunterladen.

„Wenn ich nicht mit mir selbst leben kann, dann muss es zwei von mir geben: das ‚ich‘ und das ‚Selbst‘, mit dem ich nicht mehr leben kann. ‚Vielleicht‘, dachte ich, ‚ist nur eins von beiden wirklich.‘“ (20)

„Da außerdem jeder Mensch den Samen der Erleuchtung in sich trägt, wende ich mich oft an den Wissenden in dir, der hinter dem Denker wohnt, an das tiefe Selbst, welches spirituelle Wahrheit sofort erkennt, in Resonanz damit geht und Stärke daraus gewinnt.“ (25)

„Wenn ich gelegentlich die Worte von Jesus oder Buddha aus ‚Ein Kurs in Wundern‘ oder aus anderen Lehren zitiere, dann tue ich das nicht, um zu vergleichen, sondern um deine Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass es in Essenz immer nur eine Lehre gibt und gegeben hat, obwohl sie in mehreren Formen erscheint. Einige dieser Formen, wie z.B. die alten Religionen, sind so überlagert mit fremden Inhalten, dass ihre spirituelle Essenz fast vollkommen verdeckt ist. Ihre tiefere Bedeutung ist dadurch fast nicht mehr zu erkennen und sie haben ihre transformative Kraft verloren.“ (26)

„Das Wort Erleuchtung lässt an eine Art übermenschlicher Fähigkeit denken und das Ego möchte daran festhalten. Doch Erleuchtung ist ganz einfach dein natürlicher Zustand von empfundener Einheit mit dem Sein. In diesem Zustand bist du mit etwas Unermesslichen und Unzerstörbaren verbunden, mit etwas, das paradoxerweise du selbst bist und das zugleich etwas viel Größeres ist als du. Es geht um das Entdecken deiner wahren Natur jenseits von Name und Form.“ (30)

„Das Sein ist jetzt zugänglich für dich, ist dein eigenes tiefstes Selbst, deine wahre Natur. Aber versuche nicht, es mit dem Verstand zu erfassen. Du erfährst es nur, wenn der Verstand still ist. Wenn du gegenwärtig bist, wenn deine Aufmerksamkeit voll und ganz auf das jetzt gerichtet ist, dann wird das Sein spürbar, aber es entzieht sich dem Begreifen des Verstandes. Die Bewusstheit des Seins wiederzuerlangen und in den Zustand von ‚fühlendem Erkennen‘ zu verbleiben, das ist Erleuchtung.“ (31)

„Der Verstand ist ein hervorragendes Instrument, wenn er richtig benutzt wird. Bei falschem Gebrauch kann er allerdings sehr destruktiv werden. Genauer gesagt ist es nicht so, dass du deinen Verstand falsch gebrauchst – du gebrauchst ihn normalerweise überhaupt nicht. Er gebraucht dich. Das ist die Krankheit. Du hältst dich für deinen Verstand. Das ist die Wahnidee. Das Instrument hat die Macht über dich gewonnen.“ (34)

„Sobald du beginnst, den Denker zu beobachten, wird eine höhere Bewusstseinsebene aktiviert. Dann beginnst du zu erkennen, dass es einen enormen Bereich von Intelligenz jenseits des Denkens gibt, dass dein Denken nur einen winzig kleinen Aspekt dieser Intelligenz ausmacht. Du erkennst auch, dass alles, was dem Leben wahren Wert verleiht – Schönheit, Liebe, Kreativität, Freude, innerer Friede – weinen Ursprung jenseits des Verstandes hat. Du beginnst zu erwachen.“ (34f)

„Der größte Teil menschlichen Schmerzes ist unnötig. Solange der unbeobachtete Verstand dein Leben regiert, erschaffst du den Schmerz selbst.“ (53)

„Sage immer ‚Ja‘ zum gegenwärtigen Moment. Was könnte sinnloser, wahnsinniger sein als inneren Widerstand gegen etwas aufzubauen, das bereits da ist?“ (55)

„Der Schmerzkörper will leben wie alles andere in der Existenz auch, und das kann er nur, wenn er dich dazu bringt, dich unbewusst mit ihm zu identifizieren. Er kann dann aufstehen, sich deiner bemächtigen, ‚du werden‘ und durch dich leben. Er muss seine ‚Nahrung‘ durch dich bekommen.“ (58)

„Schmerz wäre dir lieber – es wäre dir lieber, der Schmerzkörper zu sein, als einen Sprung ins Unbekannte zu wagen und damit zu riskieren, das vertraute unglückliche Selbst zu verlieren.“ (63)

„Du hast den Grundmechanismus des unbewussten Zustandes schon verstanden: Identifikation mit dem Verstand, durch die ein falsches Selbst, das Ego, als Ersatz für das wahre, im Sein verwurzelte Selbst erschaffen wird. Du wirst zu einer ‚vom Weinstock abgeschnittenen Rebe‘, wie Jesus es ausdrückt.“ (69)

„Entferne die Zeit vom Verstand und er hält an – bist du dich entscheidest, ihn zu benutzen.“ (71)

„Nichts ist je in der Vergangenheit geschehen, es geschah im Jetzt. Nichts wird je in der Zukunft geschehen, es wird im Jetzt geschehen.“ (72)

„Der Verstand kann den Baum nicht kennen. Er kann nur Tatsachen oder Informationen über den Baum kennen. Mein Verstand kann dich nicht kennen, nur Bezeichnungen, Urteile, Tatsachen und Meinungen über dich. Tiefstes Wissen und unmittelbare Erkenntnis sind untrennbar vom Sein.“ (76)

„Normalerweise ist die Zukunft eine Wiederholung der Gegenwart. Oberflächliche Änderungen sind möglich, aber wirkliche Verwandlung ist selten und hängt davon ab, ob du gegenwärtig genug sein kannst, um die Vergangenheit durch den Zugang zur Kraft der Gegenwart aufzulösen.“ (83)

„Der einzige Ort, an dem wahre Veränderung stattfinden kann, an dem die Veränderung aufgelöst werden kann, ist das Jetzt.“ (84)

 

» Rituale sind symbolische Handlungen. Sie tradieren und repräsentieren jene Werte und Ordnungen, die eine Gemeinschaft tragen. Sie bringen eine Gemeinschaft ohne Kommunikation hervor, während heute eine Kommunikation ohne Gemeinschaft vorherrscht. Konstitutiv für die Rituale ist die symbolische Wahrnehmung. «
Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart, 2. Aufl., Berlin, 9.

verwertet im Juli 2022: Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart, 2. Aufl., Berlin

Ein Freund aus dem Gefährtenkreis schenkte mir ein kleines Reclam-Bändchen, nach wie vor gelb und handlich. Er praktiziert Zen, oft sind wir im Gespräch über diese Sichtweise auf das Leben, auf das Einüben des Menschseins, auf den Menschen, auf sich selbst und die Welt. Der Autor dieser „Philosophie des Zen-Buddhismus“ ist Byung-Chul Han. Völlig unbekümmert ordnete ich den Autoren in die Reihen der buddhistischen Theologen ein – bis ich ihn als scharfsinnigen und mit der Sprache herrlich spielenden Soziologen sowohl in Hartmut Rosas „Resonanz“ als auch in Harald Welzers „Nachruf auf mich selbst“ mit scharf ausformulierten Zitaten zur Lage der Welt, der Gesellschaft, der Menschen wiederfand.

Drei kleine Schriften, keine mehr als 120 Seiten lang, in Essayform gehalten, nahm ich aus der Zentralbibliothek mit: „Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute“ (2016), „Agonie des Eros“ (2012) und „Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart“ (2. Aufl., 2019). Mit dem dritten Buch fing ich an, und war vom Feuerwerk der Sprache regelrecht erschlagen. „Topologie“ meint in der Philosophie eine Beschreibung von Orten und Feldern im Raum und deren Sphäre als Außenwelt. Topologien haben einen phänomenologischen Hintergrund. Die „Außenwelt“ die Byung-Chul Han topologisch / phänomenologisch beschreibt, soll dem Titel nach die „Gegenwart“ sein. Und das, was er beschreibt, sind Rituale in den verschiedensten Feldern, mehr noch: sind das Verschwinden der Rituale, die Konsequenzen, die er daraus beobachtet und das, was sich an die Stelle der Rituale setzt. Es sei vor allem der „Zwang zur Produktion“ (1. Kapitel) und der „Zwang zur Authentizität“ (2. Kapitel), die Rituale und Formen verdrängen. Und es sei das Übermaß an Produktion und das Diktat zur Authentizität, die eine Gesellschaft krank macht.

Byung-Chul Hans kurze Kapitel haben eine sehr verdichtete Sprache. Die hier vorgestellten Zitate sind oft nur im Kontext verständlich, glänzen aber in ihrer Sprache. Ich wünsche sehr, dass sie Neugier erwecken auf den Essay vom Verschwinden der Rituale.

Die Seitenzahlen (in Klammern nach den folgenden Zitaten) beziehen sich auf das oben angegebene Buch. Diesen Beitrag zu „verw:ortet im Juli 2022“ können Sie hier herunterladen.

„Rituale sind symbolische Handlungen. Sie tradieren und repräsentieren jene Werte und Ordnungen, die eine Gemeinschaft tragen. Sie bringen eine Gemeinschaft ohne Kommunikation hervor, während heute eine Kommunikation ohne Gemeinschaft vorherrscht. Konstitutiv für die Rituale ist die symbolische Wahrnehmung.“ (9)

„Rituale lassen sich als symbolische Techniken der Einhausung definieren. Sie verwandeln das In-der-Welt-sein in ein Zu-Hause-sein. Sie machen aus der Welt einen verlässlichen Ort. Sie sind in der Zeit das, was im Raum eine Wohnung ist. Sie machen die Zeit bewohnbar. Ja, sie machen sie begehbar wie ein Haus. Sie ordnen die Zeit, richten sie ein.“ (10)

„Es sind rituelle Formen, die wie Höflichkeit nicht nur einen schönen zwischenmenschlichen Umgang, sondern auch einen schönen, schonenden Umgang mit den Dingen möglich machen. Im rituellen Rahmen werden die Dinge nicht konsumiert oder verbraucht, sondern gebraucht. So können sie auch alt werden. Unter dem Zwang der Produktion aber verhalten wir uns gegenüber den Dingen, ja gegenüber der Welt verbrauchend statt gebrauchend. Im Gegenzug verbrauchen sie uns. Rücksichtsloses Verbrauchen umgibt uns mit dem Verschwinden, was das Leben destabilisiert.“ (12)

„Die symbolische Wahrnehmung verschwindet heute immer mehr zugunsten serieller Wahrnehmung, die nicht zur Erfahrung der Dauer fähig ist. Die serielle Wahrnehmung als fortgesetzte Kenntnisnahme des Neuen verweilt nicht. Vielmehr eilt sie von einer Information zur nächsten, von einem Erlebnis zum nächsten, von einer Sensation zur nächsten, ohne je zum Abschluss zu kommen. Serien sind heute wohl deshalb so beliebt, weil sie der Gewohnheit der seriellen Wahrnehmung entsprechen.“ (15)

„Die Gesellschaft der Authentizität ist eine Performancegesellschaft. Jeder performt sich. Jeder produziert sich. Jeder huldigt dem Kult, dem Gottesdienst des selbst, in dem man der Priester seiner selbst ist.“ (25)

„Die Authentizität (erg.: erweist sich) als Widersacherin der Gemeinschaft. Aufgrund ihrer narzisstischen Verfasstheit wirkt sie der Gemeinschaftsbildung entgegen. Entscheidend für ihren Inhalt ist nicht ihr Bezug zur Gemeinschaft oder zu einer anderen höheren Ordnung, sondern ihr Marktwert, der alle anderen Werte aushebelt.“ (26)

„Der Authentizitätskult ist ein unübersehbares Zeichen für den Verfall des Sozialen.“ (27)

„Der narzisstische Authentizitätskult macht uns blind gegenüber der symbolischen Kraft der Formen, die einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Gefühle und Gedanken ausübt. Denkbar ist eine rituelle Wende, in der wieder der Vorrang der Formen gilt. Sie kehrt das Verhältnis von Innen und Außen, von Geist und Körper um. Körper bewegt Geist und nicht umgekehrt. Nicht Körper folgt Geist, sondern Geist folgt Körper. Man könnte auch sagen: Medium erzeugt Botschaft. Darin besteht die Kraft der Rituale. Äußere Formen führen zu inneren Veränderungen.“ (31)

„Im Exzess des Öffnens und des Entgrenzens, der die Gegenwart beherrscht, verlernen wir die Fähigkeit des Schließens. Dadurch wird das Leben bloß additiv. Das Sterben setzt voraus, dass das Leben eigens abgeschlossen wird. Wird dem Leben jede Möglichkeit des Abschlusses genommen, wird es zur Unzeit beendet. Selbst die Wahrnehmung ist heute unfähig zum Schluss, denn sie eilt von einer Sensation zur nächsten. Nur ein kontemplatives Verweilen ist fähig zum Schluss.“ (37)

„Der Exzess des Öffnens und des Entgrenzens setzt sich auf allen Ebenen der Gesellschaft fort. Er ist der Imperativ des Neoliberalismus. Auch die Globalisierung löst alle geschlossenen Strukturen auf, um den Kreislauf von Kapital, Waren und Informationen zu beschleunigen. Sie entgrenzt, ent-ortet die Welt zu einem globalen Markt. Der Ort ist eine Schlussform. Der globale Markt ist ein Un-Ort.“ (39)

„Die Erzählung ist eine Schlussform. Sie hat Anfang und Ende. Eine geschlossene Ordnung zeichnet sie aus. Informationen sind dagegen additiv und nicht narrativ. Sie schließen sich nicht zu einer Geschichte, zu einem Gesang zusammen, der Sinn und Identität stiftet. Sie lassen nur eine endlose Kumulation zu.“ (41)

„Gott segnet und heiligt den siebten Tag. Die Sabbatruhe verleiht dem Schöpfungswerk eine göttliche Weihe. Sie ist keine bloße Untätigkeit. Vielmehr bildet sie einen wesentlichen Teil der Schöpfung. […] Die Sabbatruhe folgt nicht auf die Schöpfung. Vielmehr bringt sie die Schöpfung erst zum Abschluss. Ohne sie ist die Schöpfung unvollendet. Am siebten Tag ruht sich Gott nicht bloß von der getanen Arbeit aus. Die Ruhe ist vielmehr sein Wesen. Sie vollendet die Schöpfung. Sie ist die Essenz der Schöpfung. So verfehlen wir das Göttliche, wenn wir die Ruhe der Arbeit unterordnen.“ (47)

„Der heutige Zwang der Kommunikation führt dazu, dass wir weder die Augen noch den Mund schließen können. Er entweiht das Leben. Stille und Schweigen haben keinen Platz im digitalen Netz, das eine flache Aufmerksamkeitsstruktur hat. Sie setzen eine vertikale Ordnung voraus. Die digitale Kommunikation ist horizontal. Nichts ragt dort. Nichts vertieft sich. Sie ist nicht intensiv, sondern extensiv, was dazu führt, dass der Kommunikationslärm steigt.“ (48f)

„Im Gegensatz zum Fest bringen Events auch keine Gemeinschaft hervor. Festivals sind Massenveranstaltungen. Massen bilden keine Gemeinschaften.“ (54)

„Das Heilige vereinigt jene Dinge und Werte, die eine Gemeinschaft beleben. Die Vergemeinschaftung ist sein Wesenszug. Der Kapitalismus hingegen nivelliert jene Unterscheidung, indem er das Profane totalisiert. Er macht alles vergleichbar und dadurch gleich. Er bringt die Hölle des Gleichen hervor.“ (55)

„Leben heißt heute nichts anderes als Produzieren. Alles verlagert sich von der Sphäre des Spiels in die der Produktion. Wir sind alle Arbeiter und keine Spieler mehr. Das Spiel selbst wird zur Freizeitbeschäftigung abgeschwächt. Nur das schwache Spiel ist geduldet. Es bildet ein Funktionselement innerhalb der Produktion. Der heilige Ernst des Spiels ist gänzlich dem profanen Ernst der Arbeit und Produktion gewichen. Das Leben, das sich dem Diktat der Gesundheit, Optimierung und Leistung unterwirft, gleicht einem Überleben. Ihm fehlt jeder Glanz, jede Souveränität, jede Intensität.“ (67)

„Unter dem Zwang der Arbeit und Produktion verlernen wir immer mehr die Fähigkeit zu spielen. Auch von der Sprache machen wir selten einen spielerischen Gebrauch. Wir lassen sie nur noch arbeiten. Sie wird dazu verpflichtet, Informationen zu vermitteln oder Sinn zu produzieren. Dadurch haben wir keinen Zugang zu Formen, die für sich glänzen. Die Sprache als Informationsmedium hat keinen Glanz.“ (75)

„Es wird heute unentwegt und unablässig moralisiert. Gleichzeitig verroht aber die Gesellschaft. Höflichkeiten verschwinden. Der Kult der Authentizität missachtet sie. Immer seltener werden schöne Umgangsformen. Auch in dieser Hinsicht sind wir feindlich gegenüber Formen. Die Moral schließt offenbar die Verrohung der Gesellschaft nicht aus. Die Moral ist ohne Form. Die moralische Innerlichkeit kommt ohne Form aus. Man könnte sogar sagen: Je moralisierender eine Gesellschaft ist, desto unhöflicher ist sie. Gegen diese formlose Moral ist eine Ethik der schönen Formen zu verteidigen.“ (83f)

„Der entscheidende Paradigmenwechsel in der abendländischen Wissensvermittlung ist der Übergang vom Mythos zur Wahrheit, der mit dem Übergang vom Spiel zur Arbeit zusammenfällt. Auf dem Weg zur Arbeit entfernt sich das Denken immer mehr von seinem Ursprung als Spiel.“ (96)

„Algorithmen zählen, aber sie erzählen nicht.“ (100)

„Das Denken ist erotischer als das Rechnen.“ (100)

„Ohne Eros verkommen Denkschritte zu Rechenschritten, das heißt, zu Arbeitsschritten. Das Rechnen ist nackt, ist pornografisch. Das Denken kleidet sich in Figuren. Es ist nicht selten verschnörkelt. Das Rechnen hingegen folgt einer linearen Bahn.“ (109)

„Das Übermaß an Positivität macht die Pathologie der gegenwärtigen Gesellschaft aus. Nicht Zuwenig, sondern Zuviel macht sie krank.“ (109)

» Eine höchst eigentümliche Reaktionsbildung auf die Dissonanz, die daraus entsteht, dass man um jeden Preis ein Kulturmodell fortsetzen möchte, obwohl es auf objektive Grenzen, also auf die Tatsache der Endlichkeit stößt, ist diese: Man ersetzt Handlungen durch Ziele. Nur dann ist das 1,5-Grad-Ziel ‚systemkonform‘: Indem man das Problem von der Gegenwart in die Zukunft verschiebt, kann man Konferenzen veranstalten, Unterziele vereinbaren, die Autoindustrie fördern, Kohleausstieg 15 Jahre später oder auch früher vereinbaren usw. usf.«
Welzer, Harald (2021): Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens, 6. Aufl., Frankfurt/Main, 68.

Verw:ortet im Juni 2022: Welzer, Harald (2021): Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens, 6. Aufl., Frankfurt/Main

Ein mir lieber Freund sprach mich vor zwei Monaten auf das Buch und auf Harald Welzer an, den ich bislang nicht kannte. Weniger wegen des Stilmittels eines „Nachrufes auf mich selbst“ als wegen des im Untertitel aufgeführten Begriffs der „Kultur des Aufhörens“ griff ich zum Buch.

Kein Wunder, dass der 28jährige Freund mir dieses Buch empfahl: In der Generation der 20-30jährigen zeichnet sich nicht nur ab, dass Vertagen, Konferieren, Versuche einer Beschlussfassung nicht mehr in der Lage sind, die bedrängenden Fragen der Zeit zu beantworten, geschweigen denn, sie zu lösen. Es gilt in Vielem, einfach aufzuhören – was eben nicht „einfach“ ist. Diese Generation beginnt es meiner Generation vorzumachen – und irgendwo zwischen Ansporn zum Mitmachen und schamhaftem Belächeln ordne ich mich ein, haben wir uns einzuordnen.

Es war ein Herzinfarkt und die damit verbundene Neudeutung des Faktischen, dass den 1958 geborenen Soziologen, Sozialpsychologen und Publizisten Harald Welzer nach einer „Kultur des Aufhörens“ fragen ließ. Mit dem Mittel eines „Nachrufs auf sich selbst“ stellte er die grammatisch schwierige Frage nach einem Entwurf dessen, wie man sich entwickelt haben werden wollen. Dieser „Nachruf auf sich selbst“ bildet eine Rückschau aus einer imaginierten Zukunft – und bricht so die Diktatur der Gegenwart.

Eine ausführliche Rezension des „Nachruf auf mich selbst“ von Harald Welzer finden Sie hier. Seine „Zwölf Merksätze zur Beantwortung der Frage: Wer will ich gewesen sein?“ finden Sie ebenfalls in der Rezension. – Die Seitenzahlen (in Klammern nach den folgenden Zitaten) beziehen sich auf das oben angegebene Buch.

„Menschen existieren nicht nur in einer natürlichen Umwelt, sondern immer auch in einer selbst erschaffenen. Das nennen wir Kultur.“ (14)

„Wir sind ja nicht nur Gestalterinnen und Gestalter dieser Lebensform, sondern gleichzeitig von ihr gestaltet, und diese Gestaltung erfolgt nicht bewusst, sondern durch die Praxis.“ (14)

„Das alles bedeutet nur, dass Normalitätserwartungen extrem veränderlich sind, wie wir gerade im Zuge der Coronapandemie selbst erlebt haben, und mit ihnen die Verhaltensnormen und ihre emotionalen Entsprechungen.“ (36)

„Eine höchst eigentümliche Reaktionsbildung auf die Dissonanz, die daraus entsteht, dass man um jeden Preis ein Kulturmodell fortsetzen möchte, obwohl es auf objektive Grenzen, also auf die Tatsache der Endlichkeit stößt, ist diese: Man ersetzt Handlungen durch Ziele. Nur dann ist das 1,5-Grad-Ziel ‚systemkonform‘: Indem man das Problem von der Gegenwart in die Zukunft verschiebt, kann man Konferenzen veranstalten, Unterziele vereinbaren, die Autoindustrie fördern, Kohleausstieg 15 Jahre später oder auch früher vereinbaren usw. usf.“ (68)

„Moralische Überzeugungen sind nicht handlungsleitend, sondern geben uns eine Richtschnur dafür, welche Begründung dafür geeignet ist, eine falsche Handlung mit einem richtigen Bewusstsein in Deckung zu bringen. Das universelle Scharnierwort dafür heißt ‚eigentlich‘. Die Existenz dieses seltsamen Wortes selbst weist ja schon darauf hin, dass der Widerspruch zwischen Anspruch und Handlung etwas ganz Alltägliches ist.“ (81)

„Es wäre […] dringend an der Zeit, mit dem Mahnen und Warnen aufzuhören. Nicht nur, weil es habituell und biographisch bei jenen längst eingespeist ist, die seit mehreren Jahrzehnten, oft also lebenslang denselben Mahnungen und Warnungen (‚Es ist 5 vor 12!‘) ausgesetzt sind, ohne dass sich am wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Betriebssystem in der Entwicklungsrichtung auch nur das Geringste getan hätte. Sondern auch, weil der Wille zum Weltverbrauch mit der Intensität der Mahnungen und Warnungen offensichtlich nicht ab-, sondern zunimmt.“ (84)

„Angst ist das Signal zum Aufhören. Dort wo man die Situation nicht mehr beherrscht, hört man auf, wenn man bei Verstand ist.“ (146)

„Ich glaube, am Ende geht es nicht um die ars moriendi, also die Kunst zu sterben, sondern die ist lediglich die Voraussetzung, um gut leben zu können.“ (190f)

„Der beste Weg, Enttäuschungen zu vermeiden, ist, sie für realistisch zu halten. Das Leben ist bitter nur für die, die es sich süß vorstellen.“ (199)

„Nicht nur Aufhören muss man lernen, sondern auch die Fähigkeit, nicht jede verfügbare Zeiteinheit unter Nutzungskriterien zu betrachten.“ (212)

„Mitgefühl ist kostenlos, nützt aber nichts, wenn es ohne Handlungsfolgen bleibt. Erst Engagement verändert die Dinge.“ (234)

„Meine Fragen zielen auf unser Kulturmodell: Wie wollen wir leben? Wie bauen wir unser zivilisatorisches Projekt weiter? Wie garantieren wir Freiheit? Wenn man solche Fragen stellt, rückt die Technik an die Stelle, an die sie gehört: Sie dient zur und hilft bei der Realisierung einer Antwort, aber sie kann nie selbst die Antwort sein. Das ist nicht technikfeindlich, nur menschenfreundlich.“ (259)

» Die größte Lebenslüge überhaupt ist es, nicht im Hier und Jetzt zu leben. In die Vergangenheit und die Zukunft zu blicken, ein trübes Licht auf sein ganzes Leben zu werfen und zu glauben, dass man etwas sehen könnte. [...] Legen Sie also die Lebenslüge ab und strahlen Sie das Hier und Jetzt mit einem hellen Scheinwerfer an. Das können Sie tun. «
Kichimi, Ichiro/Koga, Fumitake (2019): Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegen, Reinbek, 287.

Verw:ortet im Mai 2022: Kichimi, Ichiro / Koga, Fumitake (2019): Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegen, Reinbek (Zweiter Teil)

Wie es zur Wahl des Buches kam, ist bereits im „ersten Teil“ der Zitate unter April 2022 beschrieben. Jetzt im Mai sind einige Zitate aus den drei letzten „Abenden“ (= Kapiteln) ausgewählt. Die Auswahl fällt nicht leicht, weil die Denk- und Argumentationszusammenhänge komplex sind. So werden hier einigen Zitate in voller Länge abgedruckt, die aber im Slider auf der Startseite nur teilweise wiedergegeben werden. Die Titel der letzten drei „Abende“ sind „Die Aufgaben der anderen abweisen“, „Wo der Mittelpunkt der Welt ist“ und „Bewusst im Hier und Jetzt leben.“ Auffällig ist, dass die Psychologie Alfred Adlers ein Ausprobieren voraussetzt, das sich über Belastendes aus der Vergangenheit und über Befürchtetes in der Zukunft hinwegsetzt. Letztlich geht es um ein „So tun, als ob“, das sich dann durch das Tun als ein kleiner und wachsender Habitus einstellen kann.  Einleitung und Zitate vom Mai 2022 können Sie hier herunterladen. Die Seitenzahlen (in Klammern nach den Zitaten) beziehen sich auf das oben angegebene Buch.

„Wenn man Bestätigung von anderen sucht und nur darum besorgt ist, wie die anderen einen bewerten, lebt man am Ende das Leben anderer Menschen.“ (139f)

„Alles, was man in Hinsicht auf sein eigenes Leben tun kann, ist, den besten Weg zu wählen, an den man glaubt. Welches Urteil andere Menschen über diesen Weg fällen, steht auf einem anderen Blatt. Das ist deren Aufgabe – und Sie haben keinen Einfluss darauf.“ (153)

„Bevor ich mir Sorgen darum machen, was andere von mir denken, möchte ich mein eigenes Leben verwirklichen. Das soll heißen, ich möchte in Freiheit leben.“ (172)

„Es geht nicht darum: Was wird mir dieser Mensch geben?, sondern eher darum: Was kann ich diesem Menschen geben? Das bedeutet Engagement für die Gemeinschaft.“ (198)

„Was das Thema des Gemeinschaftsgefühls betrifft, da gab es einmal jemand, der Adler eine ähnliche Frage gestellt hat. Adlers Antwort lautet: ‚Einer muss anfangen. Andere mögen nicht kooperativ sein, aber das hat nichts mit Ihnen zu tun. Mein Rat ist: Sie sollten beginnen. Unabhängig davon, ob andere kooperativ sind oder nicht.‘ Mein Rat ist genau der gleiche.“ (223)

„Das Alter spielt in der Freundschaft und in der Liebe keine Rolle. Sicher ist es so, dass die Aufgaben der Freundschaft einen festen Mut erfordern, Was Ihre Beziehung zu mir betrifft, wäre es schön, die Distanz nach und nach ein wenig zu reduzieren – bis zu einem Maß, in dem wir in einem zu engen Kontakt stehen, aber trotzdem mit ausgestrecktem Arm das Gesicht des anderen berühren können – sozusagen.“ (229)

„Ich habe kein Selbstvertrauen, und daher bin ich übermäßig befangen.“ (234)

„Anders gesagt, hat Engagement für andere weniger damit zu tun, das ‚Ich‘ loszuwerden und für jemand anderen von Nutzen zu sein, als vielmehr damit, etwas zu tun, um sich des Wertes des ‚Ich‘ wirklich bewusst zu werden.“ (249)

„Für einen Menschen ist es das größte Unglück, nicht fähig zu sein, sich selbst zu lieben. Adler lieferte eine sehr einfache Antwort für dieses Problem – nämlich, dass das Gefühl, der Gesellschaft von Nutzen zu sein, das Einzige ist, was einem ein echtes Bewusstsein seines eigenen Wertes verschaffen kann.“ (263)

„Warum muss man unbedingt etwas Besonderes sein? Wahrscheinlich, weil man sein normales Selbst nicht annehmen kann.“ (272)

„Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf der Bühne eines Theaters. Wenn die Lichter im Saal an sind, können Sie wahrscheinlich den ganzen Raum bis zum Ende sehen. Doch wenn Sie unter einem hellen Scheinwerfer stehen, können Sie nicht einmal die vorderste Reihe erkennen. Genauso ist es mit unserem Leben. Weil wir ein schwaches Licht auf unser ganzes Leben werfen, können wir die Vergangenheit und die Zukunft sehen. Aber wenn man einen hellen Scheinwerfer auf das Hier und Jetzt richtet, kann man die Vergangenheit und die Zukunft nicht mehr sehen.“ (282f)

„Die größte Lebenslüge überhaupt ist es, nicht im Hier und Jetzt zu leben. In die Vergangenheit und die Zukunft zu blicken, ein trübes Licht auf sein ganzes Leben zu werfen und zu glauben, dass man etwas sehen könnte. […] Legen Sie also die Lebenslüge ab und strahlen Sie das Hier und Jetzt mit einem hellen Scheinwerfer an. Das können Sie tun.“ (287)

„Adler fährt nach seiner Behauptung, ‚das Leben im Allgemeinen hat keine Bedeutung‘ dann fort: ‚Welche Bedeutung das Leben hat, muss jeder Einzelne bestimmen.‘“ (290)

„Wenn ‚Ich‘ mich verändere, wird sich die Welt verändern. Das heißt, dass die Welt sich nur durch mich und niemand anderen für mich ändert.“ (293)

Ichiro Kishimi: „Es ist merkwürdig, dass Philosophie etwas sein sollte, worüber mit Worten gesprochen wird, die nur Spezialisten verstehen. Denn in seiner ursprünglichen Bedeutung bezeichnet Philosophie nicht die ‚Weisheit‘ selbst, sondern die ‚Liebe zur Weisheit‘, und wichtig ist eben dieser Prozess, bei dem man lernt, was man nicht weiß, und schließlich zur Weisheit gelangt. Ob man am Ende wirklich Weisheit erreicht oder nicht, ist nicht von Bedeutung.“ (301)

» Die Freud’sche Psychoanalyse ist eine Psychologie des Besitzes und mündet schließlich in den Determinismus. Die Adler’sche Psychologie andererseits ist eine Psychologie der Anwendung, und Sie sind es, der darüber entscheidet. «
Kichimi, Ichiro/Koga, Fumitake (2019): Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegen, Reinbek, 127.

Verw:ortet im April 2022: Kichimi, Ichiro / Koga, Fumitake (2019): Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegen, Reinbek

Am Ende der lit.cologne ist dieses Buch zweier japanischer Autoren so etwas wie eine literarische Fortsetzung des Festivals. Kichimi, 1950 geboren, studierte klassische westliche Philosophie mit dem Schwerpunkt auf Platon. Sein zweites Interesse galt der Individualpsychologie Alfred Adlers. Koga, 1973 geboren, ist Autor mehrere Sachbücher. Sein Interesse an Alfred Adlers Psychologie – oder ist es eher eine Philosophie? – führte ihn zu Kichimi. In ihren Gesprächen machte sich Koga einige Notizen, die schließlich zum Inhalt des Buches führten.

Unterteilt ist das Buch in fünf Abende, zur Lektüre angeboten werden die Dialoge zwischen einem fiktiven „Jungen Mann“ und einem älteren „Philosophen“ – unschwer erkennt man die Gesprächssituation zwischen Kichmi und Koga. Die Titel der fünf „Abende“ sind „Dem Trauma begegnen“, „Alle Probleme sind zwischenmenschliche Beziehungsprobleme“, „Die Aufgaben der anderen abweisen“, „Wo der Mittelpunkt der Welt ist“ und „Bewusst im Hier und Jetzt leben.“

Mich faszinierte (neben dem Titel und der Zusage des Buches auf dem Deckblatt) sehr schnell die Unterscheidung zwischen der „Psychologie des Besitzes“ – Freuds und Jungs „Ich“, „Überich“ und „Es“, die zum Menschen gehören und sein Verhalten quasi von der Vergangenheit her beeinflussen – und der „Psychologie der Anwendung“ – Adlers verschiedene Denk- und Handlungsangebote, die von der erwünschten, erhofften oder angestrebten Zukunft her einwirken und ihre Kraft haben.

Die Zitate sind wegen ihrer „Sprengkraft“ ausgewählt, oder weil sie wirkliche Reibungsflächen für einen mutigen Blick nach vorn darstellen. Sie sind aus Zusammenhängen im Gespräch herausgelöst und von daher oft nicht einfach verstehbar. Es genügt, wenn sie neugierig aufs Buch – und aufs Ausprobieren – machen. Im April werden Zitate aus den ersten beiden „Abende“ angeboten, im Mai folgen die Zitate der anderen drei „Abende“. Die Seitenzahlen (in Klammern nach den Zitaten) beziehen sich auf das oben angegebene Buch. Einleitung und Zitate vom April 2022 können Sie hier herunterladen.

„Es gibt kein Entkommen vor der eigenen Subjektivität. […] Es geht nicht darum, wie die Welt ist, sondern darum, wie Sie sind.“ (15)

„In der Adler’schen Psychologie denken wir nicht an zurückliegende ‚Ursachen‘, sondern mehr an gegenwärtige ’Ziele‘.“ (27)

„Wir leiden nicht unter dem Schock unseres Erlebens – dem sogenannten Trauma -, sondern wir machen aus ihm genau das, was unserm Zweck dient. Wir werden nicht durch unsere Erfahrung bestimmt, sondern die Bedeutung, die wir ihnen geben, stellt diese Bestimmung her.“ (30)

„Dein Leben ist nichts, was dir jemand gibt, sondern etwas, was du selbst wählst – und du bist derjenige, der entscheidet, wie du lebst.“ (30f)

„In der Adler’schen Psychologie beschreiben wir Persönlichkeit und Anlagen mit dem Wort ‚Lebensstil‘. […] Lebensstil bedeutet die Ausrichtung des Denkens und Handelns im Leben. […] Wie jemand die Welt sieht. Und wie es sich selbst sieht.“ (50)

„Wenn man sich für einen neuen Lebensstil entscheidet, kann niemand vorhersagen, was mit dem neuen Ich passieren wird, oder sich vorstellen, wie man dann auf kommende Ereignisse reagiert. […] Die Menschen beklagen sich über verschiedene Dinge, aber es ist einfacher und sicherer, so zu bleiben wie man ist.“ (54)

„Sie bemerken nur Ihre Mängel, weil Sie beschlossen haben, sich nicht zu mögen. Um sich nicht selbst zu mögen, sehen Sie Ihre Stärken nicht und konzentrieren sich nur auf Ihre Mängel.“ (63)

„Es ist nicht das Alleinsein, was das Gefühl der Einsamkeit hervorruft. Einsamkeit heißt, andere Menschen, Gemeinschaften und eine ganze Gesellschaft um sich herum zu haben und tief im Innern zu fühlen, dass man von ihnen ausgeschlossen ist.“ (71)

„Adler sagt, dass das Streben nach Überlegenheit und das Minderwertigkeitsgefühlkeine krankhaften Zustände sind, sondern Anreize für ein normales, gesundes Streben nach Wachstum.“ (82)

„Ein gesundes Minderwertigkeitsgefühl entsteht nicht aus dem Vergleich mit anderen, sondern aus dem Vergleich mit seinem Ideal von einem selbst.“ (95)

„Adler schuf drei Kategorien von zwischenmenschlichen Beziehungen, die aus diesen Prozessen heraus entstehen. Er nannte sie ‚Aufgaben der Arbeit‘, ‚Aufgaben der Freundschaft‘ und ‚Aufgaben der Liebe‘ und alle zusammen die ‚Lebensaufgaben‘.“ (114f)

„Wie Adler sagt: ‚Wenn zwei Menschen auf einer guten Basis zusammenleben wollen, müssen sie sich gegenseitig als gleichwertige Persönlichkeiten behandeln.‘“ (121)

„Adler hat darauf aufmerksam gemacht, dass man alle möglichen Vorwände benutzt, um den Lebensaufgaben auszuweichen, und nannte dies die ‚Lebenslüge‘.“ (124)

„Selbst, wenn Sie Ihren Lebensaufgaben ausweichen und an Ihren Lebenslügen festhalten, liegt das nicht daran, dass Sie abgrundtief böse sind. Es ist nichts, was von einem moralischen Standpunkt zu verurteilen wäre. Es ist eine Frage des Mutes.“ (126)

„Die Freud’sche Psychoanalyse ist eine Psychologie des Besitzes und mündet schließlich in den Determinismus. Die Adler’sche Psychologie andererseits ist eine Psychologie der Anwendung, und Sie sind es, der darüber entscheidet.“ (127)

» Der Buddha sprach vom 'Zusammensein mit weisen und reifen Menschen'. Als Ananda einmal zu ihm sagte: 'Herr, ein guter Freund ist das halbe spirituelle Leben', antwortete dieser. 'Sage das nicht, Ananda. Ein guter Freund ist das ganze spirituelle Leben.' «
Khema, Ayya (2014): Nicht so viel denken, mehr lieben, Buddha und Jesus im Dialog, Uttenbühl, 4. Aufl., 81.

Verw:ortet im März 2022:Khema, Ayya (2014): Nicht so viel denken, mehr lieben. Buddha und Jesus im Dialog, 4. Aufl., Uttenbühl

Es ist ein kleines Buch, 124 Seiten beinahe im Postkartenformat, in dem die Autorin eine Zusammenschau von einer der bekanntesten Lehrreden Buddhas – die Rede über die Liebende Güte – mit einer der bekanntesten Predigten Jesu – der Bergpredigt – anbietet. Ayya Khema wurde 1923 in Berlin als Kind jüdischer Eltern geboren (ihr bürgerlicher Name war Ilse Kussel), floh bei einem Kindertransport der Nazis nach Schottland, dann nach Shanghai, in die USA und nach Australien. In Asien kam sie mit dem Buddhismus in Berührung und ließ sich mit 56 Jahren zur buddhistischen Nonne ordinieren. Auf ihre Initiative hin wurde 1989 in Oy-Mittelberg das Buddha-Haus, 1990 der Jhana-Verlag und 1997 ein Waldkloster Metta Vihara in der Theravada-Tradition (buddhistische Waldmönche) gegründet. Ayya Khema starb 1997 im Buddha-Haus. Sie wird in der buddhistischen Gemeinschaft als eine der größten Mystikerinnen des letzten Jahrhunderts verehrt.

Hier soll es nicht um die Zusammenschau von Rede und Predigt gehen. Stattdessen wird versucht, In Zitaten eine prägnante Aussage zu einer von 15 ausgesuchten Haltungen wiederzugeben. Die Lehrrede des Buddha über die Liebende Güte, die Sie hier auch herunterladen können, benennt nämlich 15 Bedingungen oder Haltungen, die es einzuüben gilt, wenn man den Frieden des Geistes als sein Lebensziel anstreben möchte – das ist der Ausgangspunkt und das Ziel der Rede.

Man sei, so der Buddha, fähig, aufrecht, freimütig, ohne Stolz, zugänglich und leicht ansprechbar, sanftmütig, leicht befriedigt, zufrieden, nicht zu geschäftig, genügsam, stillen Sinnes, klar im Verstand, nicht dreist, nicht gierig nach Verstehen, unschuldig.

Sie können die Zitate wie einen Kalender auf die Österliche Bußzeit lesen, wie einen verlockenden Antrieb, der Sie zu dem führen will, was hinter dieser Haltung steckt oder als eine Verlockung auf das, was auch möglich ist, und was dem Frieden dient. Denn „es ist wichtig, sich darüber klar zu sein, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, auf den wir wirklich Einfluss ausüben können, und dieser Mensch sind wir selbst.“ (a.a.O., 13f)

  1. Bedingung: Man sei fähig – „Der Buddha nennt […] unsere ‚fünf spirituellen Fähigkeiten‘, bestehend aus Achtsamkeit, Vertrauen, Weisheit, Willenskraft und Konzentration. Diese sind uns innewohnende Fähigkeiten, die es uns ermöglichen, das Weltliche zu transzendieren und unsere spirituelle Natur zum Höchsten zu entfalten.“ (22)
  2. Bedingung: Man sei aufrecht – „Ein aufrechter Mensch wäre ein solcher Freund, der uns nicht nur unterstützt, sondern auch in der Lage ist, uns zu helfen, unsere eigenen Fehler zu erkennen.“ (25)
  3. Bedingung: Man sei freimütig – „Weil wir nicht sicher sind, wie wir offen und direkt sein können, sprechen wir oft auf einem solch oberflächlichen Niveau miteinander, dass unsere Gespräche mehr eitlem Geschwätz gleichen. Wenn wir lernen, uns selbst gegenüber ehrlich zu sein, dann wird dies häufig dieselbe Ehrlichkeit auch in anderen hervorrufen, und die Gespräche können an Bedeutung gewinnen.“ (29)
  4. Bedingung: Man sei ohne Stolz – „Stolz macht es unmöglich, Demut zu empfinden, die eine wichtige Eigenschaft für die spirituelle Praxis ist. […] Die rechte Art, uns ohne Stolz anzuschauen, ist, uns selbst gegenüber die Haltung einzunehmen: ‚Ich bin ein Teil dieser Schöpfung, und ich bemühe mich, diesen kleinen Teil nach besten Kräften zu nutzen. Ich will mein Bestes geben.‘“ (35)
  5. Bedingung: Man sei zugänglich und leicht ansprechbar – „Viele Erwachsene sind unfähig, mit Kritik umzugehen. Ihre Egos revoltieren. Wenn wir diese Fähigkeit jedoch nicht lernen, versperren wir uns den spirituellen Pfad, und unser Fortschritt kommt zum Stillstand. Wir müssen lernen, das ‚Ich‘ lange genug zurücktreten zu lassen, sodass wir keine Unruhe mehr verspüren und wirklich in uns aufnehmen können, was zu uns gesagt wird. Jede innere Unruhe geht vom Ego aus. […] Es ist unmöglich, ein liebevolles Herz in uns zu entfalten, wenn wir damit beschäftigt sind, unser Ego zu verteidigen.“ (41-43)
  6. Bedingung: Man sei sanftmütig „Der Buddha lehrte, dass in jedem Menschen sechs geistige Zustände vorhanden sind, genannt die sechs Wurzeln. Drei von ihnen sind heilsamer Art: Freigebigkeit, Liebe und Weisheit. Und drei von ihnen sind unheilsamer Art: Gier, Hass und Verblendung. Es erfordert unsere unablässige Bemühung, das Unheilsame mit dem Heilsamen zu ersetzen, und es braucht auch durchgreifende Einsicht.“ (44)
  7. Bedingung: Man sei leicht befriedigt – „Wenn wir […] ein tiefes Stadium der Meditation erreicht haben, stellen wir fest, dass Zufriedenheit völlig von unserer Wunschlosigkeit abhängt. Wie logisch dies doch ist und wie schwer zu verwirklichen!“ (49)
  8. Bedingung: Man sei zufrieden – „Unzufrieden zu sein bedeutet, dass uns etwas fehlt. Natürlich stimmt das, aber das sollte kein Grund sein, um unglücklich zu werden. Vielmehr sollte es uns zum Üben anspornen. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem praktizierenden und einem nicht praktizierenden Menschen.“ (53)
  9. Bedingung: Man sei nicht zu geschäftig – „Es ist völlig ausgeschlossen, dass wir den Herzensfrieden in uns verwirklichen, wenn wir in solch einen Wirbelsturm der Aktivitäten verwickelt sind. […] Die Qualität unseres Lebens verringert sich, wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, nach innen zu schauen. Wir brauchen dafür täglich mindestens eine Stunde, ganz für uns selbst oder zweimal eine halbe Stunde, je nachdem, was wir einrichten können. Die Innenschau versorgt uns mit spiritueller Nahrung.“ (57f)
  10. Bedingung: Man sei genügsam – „Genügsamkeit ist nicht gleichzusetzen mit Knauserigkeit. Genügsam zu sein bedeutet zum Beispiel, dass wir vor dem Respekt haben, was andere produziert und angefertigt haben. […] Genügsamkeit ist ein Weg, alles, was wir benutzen, mit Achtsamkeit zu begleiten.“ (60; 62)
  11. Bedingung: Man habe die Sinne still – „Die meisten Menschen betrachten ihre Sinne als Eintrittskarte ins Glück, während sie in Wirklichkeit nur unsere Mittel zum Überleben sind. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn ohne dies begriffen zu haben, werden wir weiter glauben, dass Sinnesbefriedigung uns Zufriedenheit bringen kann, und der innere Frieden wird sich uns weiter entziehen.“ (63f)
  12. Bedingung: Man habe den Verstand klar – „Klarer Verstand […], ein kluger Geist ist ein Geist, der Verbindungen herzustellen vermag. Es geht darum, dass wir unsere eigenen Handlungen verstehen, wie sie entstehen; die Beziehung zwischen unserem Verhalten und den zugrunde liegenden Tendenzen erkennen, das ist Intelligenz. Ohne unseren Verstand würden wir in einem Zustand blinder Identifikationen mit unseren Instinkten verharren.“ (68f)
  13. Bedingung: Man sei nicht dreist – „‘Dreist zu sein‘ bedeutet, unverfroren und selbstbehauptend zu sein, statt sich anzupassen und hingeben zu können. […] Der beste Schutz aber, den wir haben können, ist, uns nicht zu widersetzen, sondern einfach loszulassen. Widerstand ist immer schmerzhaft. […] ‚Nicht dreist‘ ist sowohl eine innere Haltung als auch eine Handlungsweise.“ (71-73)
  14. Bedingung: Man sei nicht gierig im Verhalten – „‘Gierig‘ sein ist ein Zustand, in dem man ständig nach etwas verlangt, was man nicht hat. […] Immer wieder erwähnte er (i.e. der Buddha, H.K.) dieses wunderbare Geschenk eines menschlichen Lebens mit intakten Gliedern und Sinnen und der Möglichkeit, das wahre Dhamma (i.e. Lehre, H.K.) zu üben. Wenn wir diese Gelegenheit nicht am Schopf ergreifen, vergeuden wir ein kostbares Menschenleben.“ (74f)
  15. Bedingung: Man sei unschuldig – Man gebe auch im Kleinsten keinen Anlass, wofür uns Weise tadeln könnten – „Die fünf buddhistischen Tugendregeln“: statt zu töten, Liebende Güte und Mitgefühl zu üben; statt zu nehmen, was uns nicht gehört, Freigebigkeit und Großzügigkeit üben; statt sexuellem Fehlverhalten Treue, Zuverlässigkeit und Verantwortungsbereitschaft üben; statt falscher Rede und Lügen das rechte Reden üben; statt Alkohol und Drogen Achtsamkeit, dass Frieden und Freude in uns warten. (vgl. 78-80)
» Ob Leben gelingt oder misslingt, hängt davon ab,
auf welche Weise Welt (passiv) erfahren
und (aktiv) angeeignet oder anverwandelt wird
oder werden kann. «
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Aufl., Berlin, 53.

Verw:ortet im Februar 2022: Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (Teil I), 2. Aufl., Berlin

Sie mögen das Gefühl kennen, mit jemandem, mit sich selbst oder mit etwas „in Resonanz“ zu sein. Wenn Sie Hartmut Rosas wort- und wissensgewaltige Untersuchung zum Begriff der Resonanz als einer Art der Weltbeziehung und der Weltaneignung studiert haben, wissen Sie: Sie kennen zwar ein Gefühl, das sich wie „Resonanz“ anfühlt, deswegen aber immer noch lange nicht „Resonanz“ ist. So gut belegt und beschrieben, wie es im 800-Seiten-Werk des in Jena dozierenden Soziologen ist, werden Sie nicht anders können als Ihr Gefühl zu revidieren – Resonanz, so Rosa, sei eine Weise, Welt zu erfahren oder sich anzuverwandeln. Sie bezeichne einen Grad der Verbundenheit mit bzw. einen Grad der Offenheit gegenüber anderen Menschen und Dingen.

Auf den ersten 300 Seiten seines Werkes untersucht Hartmut Rosa Grundelement menschlicher Weltbeziehungen. Aus diesem ersten Teil seines Werkes sind hier einige Zitate gesammelt, die hoffentlich Lust auf die Lektüre des Buches machen. Die Seitenzahlen (in Klammern nach den Zitaten) beziehen sich auf das oben angegebene Buch.

„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. Das ist die auf die kürzest mögliche Formel gebrachte Kernthese dieses Buches.“ (13)

„Ob Leben gelingt oder misslingt, hängt […] einerseits von den soziokulturellen (Welt-) Verhältnissen insgesamt, andererseits aber natürlich auch vom Passungsverhältnis zwischen den individuellen Dispositionen und jenen Verhältnissen ab.“ (34)

In der Moderne gelten die drei „G“ (Geld, Gesundheit und Gemeinschaft im Sinne belastbarer und stabiler Beziehungen) als grundlegende Ressourcen, welche die Voraussetzungen für ein gutes Leben bilden – und dann unter der Hand zu den Merkmalen des guten Lebens selbst werden. (vgl. 46)

Es geht um den Grad an Verbundenheit mit und die Offenheit gegenüber anderen Menschen (und Dingen). (vgl. 53)

„Worauf es mir an dieser Stelle aber ankommt, ist die Erkenntnis, dass Resonanzbeziehungen – oder ein letztes Mal neurobiologisch gesprochen: das Feuern der Spiegelneuronen – nicht auf interpersonale Beziehungen beschränkt bleiben.“ (261)

„Resonanz […] bezeichnet ein wechselseitiges Antwortverhältnis, bei dem die Subjekte sich nicht nur berühren lassen, sondern ihrerseits zugleich zu berühren, das heißt handelnd Welt zu erreichen vermögen.“ (270)

„Subjekte wollen Resonanzen gleichermaßen erzeugen wie erfahren.“ (270)

„Resonanz ist keine Echo-, sondern eine Antwortbeziehung; sie setzt voraus, dass beide Seiten mit eigener Stimme sprechen, und dies ist nur dort möglich, wo starke Wertungen berührt werden. Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit.“ (298)

„Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus.“ (298)

„Resonanz entsteht […] niemals dort, wo alles ‚reine Harmonie‘ ist, und auch nicht aus der Abwesenheit von Entfremdung, sondern sie ist vielleicht gerade umgekehrt das Aufblitzen der Hoffnung auf Anverwandlung und Antwort in einer schweigenden Welt.“ (322)

» Eine praktische, alltagstaugliche Mystik, die jedem wahrhaft Suchenden zur Verfügung stand, war eine erschreckend radikale Vorstellung für jene extrem hierarchisch strukturierte Gesellschaft, in der Eckhart lebte. Die Vorstellung, dass diese Mystik zudem kaum äußerer Rituale oder Handlungen bedurfte, war sogar noch revolutionärer.«
Harrington, Joel F. (2018): Meister Eckhart. Der Mönch, der die Kirche herausforderte und seinen eigenen Weg zu Gott fand, München, 324.

Verw:ortet im Januar 2022: Harrington, Joel F. (2018): Meister Eckhart. Der Mönch, der die Kirche herausforderte und seinen eigenen Weg zu Gott fand, München

Meister Eckart, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Thüringen geboren, wird in der Biografie von Joel F. Harrington, Professor für Europäische Geschichte an der Vanderbilt University in Nordamerika, als ein Herausforderer für die Kirche bewertet. Gleichzeitig sei die Mystik des Meister Eckhart ein eigener Weg zu Gott, den zu gehen es keiner kirchlichen Vermittlung bedarf. Was für unsere heutigen Ohren eher selbstverständlich klingt, war im 14. Jahrhundert ein Angriff auf die Kirche, die den Theologen nicht verschonte. Den Ausgang der Untersuchung seiner Lehre durch die römische Inquisition erlebte Meister Eckart nicht mehr. Nach seinem Tode wurden einige seiner Lehren kirchlich verworfen.

Das Buch zu lesen, gibt Einblick in die Zeit des Zusammenkommens von Kirche und Universität. Zeitgenossen des Meister Eckart sind Albertis Magnus und Thomas von Aquin. Die herausragende Rolle des Dominikanerordens, dem alle drei angehören, kommt gut zur Geltung. Die Quellenlage und die Weise der Vorstellung der Texte von Meister Eckart wird in einer guten Kontinuität dargestellt, sodass das Lesen ein inneres Mitgehen und Verstehen ermöglicht.

Das neue Jahr soll den Entdeckungen und Aufdeckungen des Meisters der spirituellen Theologie des 14. Jahrhunderts gelten. Die Seitenzahlen nach den Zitaten beziehen sich auf das oben angegebene Buch.

„Alle Menschen sind von Natur aus mit dem gesegnet, was Eckart später einen ‚göttlichen Funken‘ nennen sollte, und haben zumindest das Potential, wahre spirituelle Vornehmheit zu erlangen. Ihre Gedanken und Handlungen als Wesen aus Fleisch und Blut werden als mehr oder weniger vornehm erachtet, je nachdem, ob sie einen Menschen dem Gegenstand der Liebe, also Gott, näherbringen – oder nicht.“ (71)

„Die wenigsten Gebete waren – zumindest laut Aussage des erwachsenen Meister Eckarts -völlig selbstlos, und eben darin lag in seinen Augen das grundsätzliche Problem.“ (85)

„Das Geld wie einen Gott zu behandeln, war schon schlimm genug; aber Gott wie Geld zu behandeln […] drohte die eigentliche Essenz wahrer Religion zu untergraben. […] Wie der Prozess, die Natur oder die Zeit (durch die Erhebung von Zinsen) zu Waren zu machen, so reduzierte auch die kommerzielle Herangehensweise an das Göttliche jede Interaktion mit Gott auf instrumentalistische Bedingungen: Was kann ich Gott geben, damit ich bekomme, was ich will?“ (91f)

„Gott solle überhaupt nicht gesucht werden, entschied Eckhart nun. Das Loslassen aller Begierden, selbst des Wunsches nach Gott, sei der einzig wahre Weg, um sich auf die Erfahrung Gottes vorzubereiten.“ Meister Eckhart: Deutsche Predigten in: Die deutschen Werke (1936-2007), Bd. 1, S. 450, – (319)

„Eine praktische, alltagstaugliche Mystik, die jedem wahrhaft Suchenden zur Verfügung stand, war eine erschreckend radikale Vorstellung für jene extrem hierarchisch strukturierte Gesellschaft, in der Eckhart lebte. Die Vorstellung, dass diese Mystik zudem kaum äußerer Rituale oder Handlungen bedurfte, war sogar noch revolutionärer.“ (324)

„Ihn kümmerte nur, was sie brauchten, um Gott direkt zu erfahren.“ (338)

„Der Weg zu Gott, den Eckhart predigte, verunglimpfte das aktive (äußere) Leben nicht, sondern erhob es vielmehr zum ultimativen Ziel aller Kontemplation. Gerechte Menschen taten gute Werke, nicht etwa um Gottes Gunst zu erlangen, sondern weil sie in ihren Seelen die Gottesgeburt erfahren hatten und durch die Vereinigung mit Gott gar nicht mehr anders konnten. Das war der Sinn des ‚Lebens ohne Warum‘.“ (388)

„Religiös schöpferisch ist nur der Mystiker. Diesen Leuten verdankt die Menschheit ihr Bestes.“  (Jung, Carl Gustav <1984>: Gesammelte Werke, Bd. 14.s Mysterium coniunctionis, Freiburg, S. 137f.)

„Erstens plädiert Eckart dafür, dass jedes Streben nach einer höheren Erkenntnis des Seins in Demut beginnen muss – mit der Anerkennung unserer eigenen, extrem beschränkten Kenntnisse und Verstandeskräfte angesichts eines unendlichen Universums. In seinem eigenen Leben lehnte er am Ende die Versuche seiner Mit-Scholastiker ab, Gott mit rationalen Formulierungen und Worten zu fassen.“ (480)

„Zweitens liefert Meister Eckart eine raffinierte Verteidigung der Intuition, die demnach eine nützliche Ergänzung zu unserer unzulänglichen rationalen Erkenntnis bietet.“ (480)

„Die dritte wertvolle Erkenntnis Eckharts für heutige spirituell Suchende aller Couleur betrifft die Konsequenzen dessen, was er die menschliche Vergöttlichung nennt. […] Ein tiefes Eintauchen in sich selbst und ein diensteifriges Zugehen auf die Welt waren für ihn zwei Seiten derselben Münze, keine Entweder-oder-Entscheidung. […] Der gerechte Mensch, der wirklich die ‚Gottesgeburt‘, die direkte, intuitive Begegnung mit der Einheit des Seins erlebt hat, zieht sich nicht aus der Gesellschaft zurück, da er von jeglicher Verpflichtung gegenüber seinen Mitmenschen frei ist. Vielmehr heißt, Gott zu erfahren, mit Gott eins zu werden und somit zu handeln, wie Gott handelt – womit Eckhart ein aktives Leben der Liebe und des Dienstes ‚ohne ein Warum‘ oder einen anderen Gedanken der Rechtfertigung oder Kompensation meint.“ (482f)

„Akte der persönlichen Nächstenliebe oder Beiträge zu sozialer Gerechtigkeit sind keine Mittel, spirituelle Erleuchtung oder Erlösung zu erlangen, aber natürliche Effekte der inneren Erfahrung, die Meister Eckart (und manch andere religiöse Persönlichkeit) predigte.“ (483)

» Der Glaube, den ich meine, ist nicht leicht in Worte zu bringen. Man könnte ihn etwa so ausdrücken: Ich glaube, dass trotz des offensichtlichen Unsinns das Leben dennoch einen Sinn hat. Ich ergebe mich darein, diesen letzten Sinn mit dem Verstand nicht erfassen zu können, bin aber bereit, ihm zu dienen, auch wenn ich mich dabei opfern muss. Die Stimme dieses Sinnes höre ich in mir selbst, in den Augenblicken, wo ich wirklich und ganz lebendig und wach bin. Was in diesen Augenblicken das Leben von mir verlangt, will ich versuchen zu verwirklichen, auch wenn es gegen die üblichen Moden und Gesetze geht. Diesen Glauben kann man nicht befehlen und sich nicht zu ihm zwingen. Man kann ihn nur erleben. «
in: Hesse, Hermann (1971): Mein Glaube, Frankfurt/Main, 98.

Verw:ortet im Dezember 2021: Hermann Hesse (1971) Mein Glaube, hrsg. von Siegfried Unseld, Frankfurt/Main

„Ich glaube an den Menschen.“ Hermann Hesse war weder Theologe noch ein „Spezialist in Lebensrätseln“, doch seine Urteile über den Glauben sind dezidiert und nicht ohne politische Relevanz. Am Beispiel der christlichen und asiatischen Traditionen macht er die Gemeinsamkeiten der Weltreligionen bewusst. Unter Frömmigkeit versteht Hesse nicht ein Pflegen von feierlichen Gefühlen, „sondern die Achtung des Einzelnen vor dem Ganzen der Welt, vor der Natur, vor dem Mitmenschen, das Gefühl des Einbezogenseins und Mitverantwortlichseins“. Neben den beiden grundlegenden Betrachtungen „Mein Glaube“ und „Ein Stückchen Theologie“ stellt Siegfried Unseld in diesem Band veröffentlichte und unveröffentlichte Texte Hermann Hesses.

Die genauen Quellen können im Buch nachgelesen werden, in Klammer steht nach jedem Zitat die Seitenangabe aus Hesses „Mein Glaube“ in der Ausgabe von 1971.

Quelle: [online] https://www.suhrkamp.de/buch/hermann-hesse-mein-glaube-t-9783518240359 [16.11.2021]

„Der Mensch, den ich mit Furcht, mit Hoffnung, mit Begehrlichkeit, mit Absichten, mit Forderungen ansehe, ist nicht Mensch, er ist nur ein trüber Spiegel meines Wollens.“ (11)

„Nicht zum Kinde, zum primitiven zurück sollen wir, sondern weiter, vorwärts, zu Persönlichkeit, Verantwortlichkeit, Freiheit.“ (14)

„Es fehlt unserem Leben durchgehends an Sitte, an einer traditionell überkommenen, geheiligten, ungeschriebenen Übereinkunft über das, was zwischen Menschen schicklich und geziemend sei.“ (24)

„Ein Kaiser trifft mit dem Urpatiacharchen Bodhidharma zusammen. Mit der Wichtigtuerei und der Ahnungslosigkeit eines Laien und Weltmanns fragt er ihn: ‚Welches ist der höchste Sinn der heiligen Wahrheit?‘ Der Patriarch antwortete: ‚Offene Weite – nichts von heilig.‘“ (60)

„Ich habe nie ohne Religion gelebt, und könnte keinen Tag ohne sie leben, aber ich bin mein Leben lang ohne Kirche ausgekommen.“ (62)

„Das Einzige und Herrliche an Gandhi ist nicht ein Wissen um fromme Geheimnisse oder eine besondere Gabe im Formulieren religiöser Begriffe, sondern die Tapferkeit und unbedingte Opferbereitschaft, mit der er seine Person in den Dienst der Wahrheit und des Guten stellte.“ (101)

„Ich glaube, eine Religion ist ungefähr so gut wie die andre Es gibt keine, in der man nicht ein weiser werden könnte, und keine, die man nicht auch als dümmsten Götzendienst betreiben könnte.“ (111)

„Jenes Wort ‚Pfaffe‘ ist ein Kampfwort, eine Bezeichnung jener Priester (und auch Nichtpriester), die das dogmatische Gewand ihres Glaubens höher stellen als den lebendigen Gehalt.“ (111)

„Ich vermeide es, Angehörige einer Kirche und Religionsgemeinschaft in ihrem Glauben irre zu machen. Für die Mehrzahl der Menschen ist es sehr gut, einer Kirche und einem Glauben anzugehören. Wer sich davon löst, der geht zunächst einer Einsamkeit entgegen, aus der sich mancher bald wieder in die frühe Gemeinschaft zurücksehnt. Er wird erst am Ende seines Weges entdecken, dass er in eine neue große, aber unsichtbare Gemeinschaft eingetreten ist, die alle Völker und Religionen umfasst. Er wird ärmer um das dogmatische und alles Nationale, und wird reicher durch die Brüderschaft mit Geistern aller Zeiten und Nationen und Sprachen.“ (124f)

» Wir sind im letzten Kapitel angekommen, und da stehst du im inneren Mittelpunkt der Felder Alpha, Beta, Gamma und Delta. Denn was sich in diesen vier Feldern der Lebenserfüllung abspielt, hat viel damit zu tun, was du für ein Mensch bist: welche Sehnsüchte und Träume, welche Wünsche du an dein Leben hast (Alpha), zu welchem Sinnbeitrag du talentiert und motiviert bist; was du als deine Berufung empfindest (Beta); welche Lebensbahn du einschlägst und was dir dabei schicksalsmäßig widerfährt – denn dein Charakter ist dein Schicksal, wenn auch nur zum Teil (Gamma); und wie Du dein Dasein auf dieser Welt erlebst und welchen Reim du dir auf die Fragen machst: Woher komme ich, was soll ich hier, welche Bedeutung hat es, am Leben zu sein? «
Schulz von Thun, Friedemann (2021) Erfülltes Leben. Ein kleine Modell für eine große Idee, München, 149f.

Verw:ortet im November 2021: Schulz von Thun, Friedemann (2021): Erfülltes Leben. Ein kleines Modell für eine große Idee

Mit den vielen biographischen Andeutungen und anschaulichen Erlebnissen ist dieses Buch mit dem kleinen Modell für ein große Idee – es geht um die Idee des erfüllten Lebens – für mich fast wie ein Abschiedsgeschenk des 1944 geborenen Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun zu lesen -und hoffentlich irre ich mich hier!

Die „vier Ohren“ aus der Kommunikationslehre sind vielen bekannt. Einen Satz wie „Die Ampel ist rot“, vom Beifahrer gesagt, kann der oder die Fahrende vierfach verstehen und darauf reagieren – es kann eine Selbstaussage, eine Beziehungsaussage, eine Sachaussage und ein Appell sein.Das Bild und die Anwendung des Inneren Teams geht zumindest für mich auch auf Schulz von Thun zurück.

Im neuen Buch zum erfüllten Leben sind es nicht vier, sondern 4+1 Felder. Schulz von Thun inspiriert dazu, mein Leben  als „erfüllt“ anhand der vier Felder der Wunsch-, der Sinn-, der biographischen und der Daseinserfüllung. Das fehlende eine Feld der Selbsterfüllung liegt dann obenauf und bedient sich der anderen Felder.

Einen Impuls zum tieferen Verständnis finden Sie hier, ansonsten ist das Buch mit dem kleinen Modell für eine große Idee mit seinen knapp 200 Seiten zwar schnell gelesen, gibt aber um so mehr und für längere Zeit genug zum Nachdenken, zum Entdecken und zum neuen Bewerten.

Alle Texte auf der Seite „verw:ortet“und im Spider sind entnommen aus Schulz von Thun, Friedemann (2021): Erfülltes Leben. Ein kleines Modell für eine große Idee, München. Die Seitenzahl ist in Klammern angegeben.

Alle Texte sind entnommen aus Schulz von Thun, Friedemann (2021): Erfülltes Leben. Ein kleines Modell für eine große Idee, München. Die Seitenzahl ist in Klammern angegeben.

„Wer in mir hat einen Wunsch – und was sagen die anderen dazu?“ (28)

„Die Botschaft dieses Kapitels ist nun klar: Du lebst auch um deiner selbst willen, und du stehst in der Selbstfürsorgepflicht, es dir nach Möglichkeit gut gehen zu lassen und Bedingungen zu schaffen, unter denen du aufblühen kannst!“ (38)

„Der Mensch steht in der doppelten Dienstpflicht: zum Gelingen des Ganzen beizutragen, von dem der ein Teil ist, und zum Gelingen des Ganzen beizutragen, das er selbst ist.“ (49)

„Mein bisher gelebtes Leben kann eine reiche Quelle der Kraft, der menschlichen Substanz, der Weisheit sein, kann also zu einem wahren Schatz werden, wenn (und nur wenn) ich meine existenziellen Schlüsselerfahrungen nicht nur erinnert, sondern auch verstanden und emotional verarbeitet habe.“ (83)

„Aus der Wunde ein Wunder zu machen: Das ist die Chance auf ein ‚posttraumatisches Wachstum‘, auf eine persönliche Entwicklung, dem Leben mit mehr Reife und Tiefe zu begegnen, mit einem großen Blick dafür, was wirklich wesentlich ist und zählt.“ (88)

„Hesses Goldmund wusste nichts davon, dass auch die Geisteswelt für das Menschenleben eine aufregende Wonne entfalten kann. Alles, was mein eigenes Leben an Dramatik vermissen lässt, finde ich vielleicht umso mehr in Büchern und Filmen.“ (108)

„Wie du dich vorfindest, was dir widerfährt und was du selbstwirksam erreichst – diese drei Fäden verweben sich unaufhörlich zu deinem Schicksalsteppich.“ (121)

„Authentizität auf dieser Ebene erweist sich dort, wo mein Reden durch mein Sein beglaubigt wird.“ (152)

„Das Humane ist dem Menschen nicht gegeben, sondern aufgegeben.“ (157)

„Immer nur friedlich und höflich – das wird friedhöflich!“ (163)

„‘Will ich so leben, wie ich lebe?‘ – Ich möchte drei Dimensionen der Selbstfindung unterscheiden: (1) Wie ich mich vorfinde (2) Wie ich mich finde (3) Wie ich mich erfinde.“ (177)

 

» Wir ignorieren Sokrates‘ Rat- ‚Erkenne Dich selbst‘ – und merken oft sehr spät, wie gefährlich das war, wenn wir plötzlich aufwachen, ohne uns je zuvor folgende Fragen gestellt zu haben: Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Was mag ich? Was brauche ich? «
Holiday, Ryan / Hanselman, Stephen (2021): Der tägliche Stoiker, 10. Aufl., München, 381.

Verw:ortet im Oktober 2021: Holiday, Ryan/Hanselman, Stephen: Der tägliche Stoiker – Die Disziplin des Willens

Ein drittes und letztes Mal: Eine Hinführung zu „Der tägliche Stoiker“ der beiden Autoren Ryan Holiday und Stephen Hanselman finden Sie unter „August 2021“. Nach den Zitaten zur „Disziplin der Wahrnehmung“ und zur „Kategorie des Handelns“ folgen in diesem Monat Zitate der Stoiker und der beiden Autoren zum Stichwort „Die Disziplin des Willens“.

Alle Texte sind entnommen aus Holiday, Ryan/Hanselmann, Stephen (102021): Der tägliche Stoiker, München. Die Seitenzahl ist in Klammern angegeben.

„Nach all dem, was du bisher gelesen hast, magst du jetzt vielleicht denken: Die Sache ist großartig. Ich hab’s verstanden. Ich bin ein Stoiker. Aber so einfach ist das nicht. Nur weil du mit dieser Philosophie übereinstimmst, bedeutet das nicht, dass die Wurzeln bereits in deinem Verstand verankert sind.“ (285)

„Sich zu ändern und anzupassen ist keine Schwäche. Flexibilität ist ein Zeichen von Stärke. Tatsächlich ist es eine Kombination aus Flexibilität und innerer Stärke, was uns widerstandsfähig und unaufhaltbar macht.“ (289)

„Ein ehrlicher und aufrichtiger Mann sollte wie eine streng riechende Ziege sein – du weißt sofort, mit wem du in einem Raum bist.“ (Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 11.15, zit. in 312)

„Denke daran, dass das Verhalten immer ein besseres Beispiel ist als der Vortrag.“ (317)

„Wir sollen nicht unsere Ambitionen, in irgendwas besser zu werden, mit dem Ziel, ein besserer Mensch zu sein, verwechseln. Letzteres hat Priorität.“ (323)

„Das Gute ist nicht etwas, was mit der Post zugestellt wird. Du musst tief in deiner Seele graben. Du findest es in deinen Überlegungen und erzeugst es durch deine Taten.“ (325)

„Akzeptiere, was geschehen ist, und hör auf zu wünschen, dass es nicht passiert wäre. Im Stoizismus wird dies als ‚Kunst der Fügung‘ bezeichnet – etwas in Kauf nehmen anstatt gegen jede Kleinigkeit anzukämpfen.“ (334)

„Denke daran: Ereignisse sind neutral. Erst unsere Meinung über sie sagt etwas darüber aus, ob sie gut oder schlecht sind (und ob sie es wert sind, gegen oder für sie zu kämpfen).“ (337)

„Wir dürfen Akzeptanz nicht mit Passivität verwechseln.“ (344)

„Wenn wir Stoiker sind, können wir uns einer Sache ganz sicher sein: Was auch passiert, wir werden darüber hinwegkommen.“ (362)

„Fröhliche Akzeptanz oder schroffe Verweigerung? Am Ende kommt es auf dasselbe heraus.“ (363)

Zu Sokrates‘ „Erkenne Dich selbst!“: „Wir ignorieren Sokrates‘ Rat- ‚Erkenne Dich selbst‘ – und merken oft sehr spät, wie gefährlich das war, wenn wir plötzlich aufwachen, ohne uns je zuvor folgende Fragen gestellt zu haben: Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Was mag ich? Was brauche ich?“ (381)

„Du kannst jeder schwierigen Situation die Wucht nehmen, wenn Du ihr mit Gelassenheit begegnest. Indem Du Dir die Situation schon vorher ausmalst und darüber nachdenkst.“ (394)

» Wenn man Dingen mehr Zeit und Mühe widmet, als sie es wert sind,
dann sind sie nicht länger eine Kleinigkeit.
Du machst sie wichtig – dadurch, dass Du ihnen
Zeit von Deinem Leben schenkst.
Und leider bedeutet das meistens,
dass Du dem, was wirklich wichtig ist
– Deiner Familie, Deiner Gesundheit, Deinen wahren Anliegen –
weniger Beachtung schenkst, weil Du sie
für etwas anderes verschwendet hast. «
Holiday, Ryan / Hanselman, Stephen (2021): Der tägliche Stoiker, 10. Aufl., München, 259.

Verw:ortet im September 2021: Holiday, Ryan/Hanselman, Stephen: Der tägliche Stoiker – Die Kategorie des Handelns

Eine Hinführung zu „Der tägliche Stoiker“ der beiden Autoren Ryan Holiday und Stephen Hanselman finden Sie unter „August 2021“. Nach den Zitaten zur „Disziplin der Wahrnehmung“ folgen in diesem Monat Zitate der Stoiker und der beiden Autoren zum Stichwort „Die Kategorie des Handelns“.

Alle Texte sind entnommen aus Holiday, Ryan/Hanselmann, Stephen (102021): Der tägliche Stoiker, München. Die Seitenzahl ist in Klammern angegeben.

„Der Mönch kleidet sich in seine Kutte. Der Priester legt sein Gewand an. Ein Bankier trägt einen dunklen Anzug und hat einen Aktenkoffer bei sich. Ein Stoiker hat keine Uniform und erfüllt keine Stereotypen. Er ist nicht an seinem Aussehen zu erkennen. Das Einzige, woran man ihn erkennt? An seinem Charakter.“ (143)

„So kannst Du Dir einen guten Tag garantieren: Tue Gutes. Jede andere Quelle der Freude steht außerhalb Deiner Macht oder ist nicht erneuerbar. Aber gute Taten stehen ganz in Deiner Macht, immer, unbegrenzt. Es ist die höchste Form der Eigenständigkeit.“ (149)

„Rege Dich nicht auf. Tue das Richtige. Das ist alles.“ (170)

„Beurteile, was Du tust, warum Du es tust und was genau Du damit erreichen willst. Wenn Du keine gute Antwort findest, hör auf damit.“ (172)

„Was ist Deine Berufung? Ein guter Mensch zu sein.“ (Marc Aurel, Selbstbetrachtungen 11.5., zit. in 173)

„Wir sagen immer, dass wir unsere Eltern nicht aussuchen können, dass der Zufall sie uns zugeteilt hat – doch tatsächlich haben wir die Wahl, wessen Kinder wir gerne wären.“ (Seneca, Über die Kürze des Lebens, 15.3a, zit. in 181)

„Charakter […], also die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, ist die Quelle, aus der die Selbstachtung entspringt.“ (213 – Holiday zitiert hier Joan Didion ohne weiter Angabe)

„Du musst nicht das Richtige machen, ebenso wenig wie Du Deiner Pflicht nachkommen musst. Du hast die Gelegenheit. Du willst es.“ (222)

„Du hast zahllose Mühsal ertragen – alles nur, weil Du Deine Entscheidungsgewalt nicht genutzt hast, wofür sie geschaffen ist – es reicht jetzt!“ (Marc Aurel, Selbstbetrachtungen 9.26 – zit. in: 250)

„Wenn man Dingen mehr Zeit und Mühe widmet, als sie es wert sind, dann sind sie nicht länger eine Kleinigkeit. Du machst sie wichtig – dadurch, dass Du ihnen Zeit von Deinem Leben schenkst. Und leider bedeutet das meistens, dass Du dem, was wirklich wichtig ist – Deiner Familie, Deiner Gesundheit, Deinen wahren Anliegen – weniger Beachtung schenkst, weil Du sie für etwas anderes verschwendet hast.“ (259)

» Was deine Ziele begrifft und das, was du erreichen willst, frage dich: Kontrolliere ich sie oder kontrollieren sie mich? «
Holiday, Ryan / Hanselman, Stephen (2021): Der tägliche Stoiker, 10. Aufl., München, 69.

Verw:ortet im August 2021: Holiday, Ryan/Hanselman, Stephen: Der tägliche Stoiker – Die Disziplin der Wahrnehmung

Ryan Holiday ist ein 1987 geborener amerikanischer Autor. Er besitzt einen Buchladen und verantwortet den Blog „The Daily Stoic“. Bevor er sich auf diese Arbeiten zurückziehen konnte, leitete er eine große Firma in Los Angeles. Seit seinem Studium beschäftigt er sich mit den Themen und Lehren der Stoa.

Stephen Hanselman ist ebenfalls Buchhändler und beschäftigt sich seit mehr als dreißig Jahren mit der Übersetzung der Texte stoischer Philosophen.

„Der tägliche Stoiker“ sammelt 366 kurze Texte der stoischen Philosophen wie Seneca, Epiktet und Marc Aurel. Gesammelt wurden die Zitate in drei Themenblöcken: „Die Disziplin der Wahrnehmung“ (untergliedert in die Stichworte Erkenntnis / Leidenschaft und Gefühle /  Aufmerksamkeit / Denken ohne Vorurteile), „Die Kategorie des Handelns“ (untergliedert in die Stichworte Richtiges Handeln / Problemlösung / Pflicht / Pragmatismus) und „Die Disziplin des Willens“  (untergliedert in die Stichworte Innere Stärke und Belastbarkeit / Tugend und Freundlichkeit / Akzeptanz und Amor fati / Betrachtungen über die Sterblichkeit). Jedem Zitat folgt ein kurzer Impulse zur Übertragung der jeweiligen Sentenz in die Gegenwart.

Das Besondere dabei: Es geht den Autoren um eine alltägliche Übersetzung und Übertragung, sie deuten die Texte der Stoa so, als seien sie für den heutigen postmodernen Menschen geschrieben. So werden vorwiegend die Übertragungen wiedergegeben, die Originalzitate, auf die sie sich beziehen, habe ich aus Platzgründen weggelassen.

Im August sind die Zitate dem ersten Themenblock „Die Disziplin der Wahrnehmung“ entnommen. Die beiden anderen Themenblöcke folgen in den Monaten September und Oktober.

Alle Texte sind entnommen aus Holiday, Ryan/Hanselmann, Stephen (102021): Der tägliche Stoiker, München. Die Seitenzahl ist in Klammern angegeben.

„Wissen – besonders Selbsterkenntnis – ist Freiheit.“ (18)

„Steuere deine Wahrnehmung. Führe deine Handlungen angemessen aus. Akzeptiere bereitwillig, was außerhalb deiner Macht steht. Das ist alles, was wir tun müssen.“ (20)

„Wir denken, wir hätten alles unter Kontrolle – aber haben wir das wirklich? Ein Abhängiger hat es einmal so beschrieben: Abhängigkeit ist ‚der Verlust der Freiheit, verzichten zu können‘. Lasst uns diese Freiheit zurückerobern.“ (24)

„Je mehr Dinge wir uns wünschen und je mehr wir tun müssen, um diese zu verdienen oder zu erreichen, desto weniger genießen wir tatsächlich unser Leben – und desto unfreier sind wir.“ (41)

„Was deine Ziele begrifft und das, was du erreichen willst, frage dich: Kontrolliere ich sie oder kontrollieren sie mich?“ (69)

„Selbstwahrnehmung ist die Fähigkeit, sich selbst objektiv zu betrachten. Es ist die Fähigkeit, unsere eigenen Instinkte, Verhaltensmuster und Annahmen infrage zu stellen.“ (85)

„Es gibt zwei Wege zum Wohlstand: Alles zu bekommen, was man sich wünscht, oder sich alles zu wünschen, was du hast.“ (103)

„Werfe Deine eingebildeten Ansichten über Bord, denn es ist für einen Menschen unmöglich, etwas zu lernen, von dem er meint, dass er es schon weiß.“ (Epiktet, Lehrgespräche, 2.17.1, zit. in: 121)

„Wenn wir heute Vernunft walten lassen wollen, müssen wir nur drei Dinge tun: Zunächst in uns hineinschauen. Dann uns ganz genau prüfen. Schließlich unsere eigenen Entscheidungen treffen – unbefangen und unbeeinflusst von allgemeinen Auffassungen.“ (132)

» Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein. «
Rilke, Rainer Maria (o.J.): Briefe an einen Jungen Dichter [online] http://inyaz-surgut.ru/d/926228/d/rilke-briefe-an-einen-jungen-dichter.pdf [07.06.2021], 6.

Verw:ortet im Juli 2021: Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter

1883 in Temesvàr geboren, musste der junge Franz Xaver Kappus auf Wunsch des Vaters zunächst eine Kadettenschule und dann die Militärakademie besuchen. Er suchte ein Gegengewicht in der Poesie, und er begann 1902 einen Schriftwechsel mit dem von ihm hoch geschätzten Rainer Maria Rilke. In die Erfahrungen der Militärakademie, eines Lebens, das wie ein Krieg geführt wird, zeichnete Rilke in seinen Briefen an Kappus das Bild vom Leben als Kunstwerk. Gegen den Drill des Militärischen liest Kappus bei Rilke ganz andere Töne; Leben und Lebensführung kommt eher dem Dichten, der Poesie als dem Kriegsdienst gleich. – Man muss nicht auf einer Militärakademie sein, um das Leben als Kriegsdienst zu empfinden. Es hat gutgetan, die Rilke-Briefe so zu lesen, als seien sie mir, als seien sie uns geschrieben. Und der Austausch über die Aktualität der Bildsprache Rilkes öffnet neue Sichtweisen. Wo die einen Grenzen verteidigen, öffnet Rilke und die Seinen diese Grenzen, öffnet Tore und zieht aus ins Leben.

Die Zitate sind entnommen aus [online| Rilke, Rainer Maria (o.J.): Briefe an einen Jungen Dichter [online] http://inyaz-surgut.ru/d/926228/d/rilke-briefe-an-einen-jungen-dichter.pdf [07.06.2021], die Seitenzahlen sind in Klammer angegeben.

Aus dem Jahr 1902:

„Die Dinge sind alle nicht so fassbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.“ (2)

„Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand.“ (2)

Viareggio bei Pisa (Italien), 03. April 1903

„Im Grunde, und gerade in den tiefsten und wichtigsten Dingen, sind wir namenlos allein.“ (3)

z.Zt Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903

„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ (6)

Rom, am 23. Dezember 1903

„Fragen Sie sich, […] ob Sie Gott denn wirklich verloren haben. Ist es nicht vielmehr so, dass Sie ihn noch nie besessen haben?“ (9)

Rom, am 14. Mai 1904

„Auch zu lieben ist gut: denn Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.“ (11)

„Lieben ist zunächst nichts, was aufgehen, hingeben und sich mit einem Zweiten vereinen heißt (denn was wäre eine Vereinigung von Ungeklärtem und Unfertigem, noch Ungeordnetem?), es ist ein erhabener Anlass für den einzelnen, zu reifen, in sich etwas zu werden, Welt zu werden, Welt zu werden für sich um eines anderen willen, es ist ein großer, unbescheidener Anspruch an ihn, etwas, was ihn auserwählt und Weitem beruft.“ (11)

Borgeby gärd. Fladie, Schweden, am 12. August 1904

„Und wenn wir wieder von der Einsamkeit reden, so wird immer klarer, dass das im Grunde nichts ist, was man wählen oder lassen kann. Wir sind einsam.“ (14)

„Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muss darin möglich sein. Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann.“ (14)

Furuborg, Jonsered, in Schweden, am 04. November 1904

„Im übrigen lassen Sie sich das Leben geschehen. Glauben Sie mir, das Leben hat recht, auf alle Fälle. (15)

» Wer den Weg der Reife einmal betreten hat, der kann nicht mehr verlieren, nur gewinnen. Bis einmal auch ihm die Stunde kommt, wo er die Käfigtür offen findet und mit einem letzten Herzklopfen dem Unzugänglichen entgegenschlüpft.«
Hesse, Hermann (1916): Aus der Betrachtung „Zum Gedächtnis“, in: ders.:(2018): Vom Wert des Alters. Mit Fotografien des Dichters von Martin Hesse, 4. Aufl., Frankfurt/Main, 249.

Verw:ortet im Juni 2021: Hermann Hesse – Vom Wert des Alters, 4. Auflage

Den 60. Geburtstag zu feiern scheint mir eine besondere Aufgabe – und das im doppelten Sinne. Mir ist die 60 die Zahl, an die ein Auf- und Abgeben von Vielem gebunden ist, was nicht mehr geht, nicht mehr stimmt oder stimmig erscheint. Und gleichzeitig, wie bei einem Januskopf, geht der Blick auf das hin, was zum einen bleibt, was zum anderen aber – welch Wunder – noch einmal neu dazukommen will. Was wird das Gesicht des Sechzigjährigen ausstrahlen? Oder anders: Wird es (noch) strahlen? Ist Verbitterung wegen des Lassens und des Verlustes von so Vielem an den Augen abzulesen? Oder gibt es so etwas wie eine Neugier auf die Jahre, die (noch) bleiben, die (noch) kommen?

Wie so oft ist Hermann Hesse mir hier Lehrer. Nicht nur in Worten! Die Fotos, die sein Sohn Martin von ihm im Alter gemacht hat, und die eingeflossen sind in den einen wunderschönen Sammelband des Fischer-Verlages (Hesse, Hermann <42018>: Vom Wert des Alters. Mit Fotografien des Dichters von Martin Hesse, Frankfurt/Main) zeigen einen alten Mann, der von innen heraus strahlt. Hesses Altern, Hesses Rat und auch seine Ironie dem Leben gegenüber tut mir gut, kurz vor dem Sechzigsten. Eine kleine Auswahl möchte ich Ihnen in diesem Monat in „verw.ortet“ weitergeben, eben als Worte, die Grund sind, auf denen Sie stehen und bauen können, als Worte, die eben Grund sind. Alle Zitate sind diesem Buch entnommen, die Seitenzahlen sind in Klammern angegeben.

„Es ist so leicht geworden, Bescheid zu wissen, ohne lernen zu müssen.“ (31; Hesse zitiert aus einem Brief seines alten Lehrers.)

„Die Jugend ist entflohn
man ist nicht mehr gesund.
Es drängt die Reflexion
sich in den Vordergrund.“ (Scherzgedicht, 1956) (46)

„Der Tod ist weder dort noch hier,
er steht auf allen Pfaden.
Er ist in dir und ist in mir,
sobald wir das Leben verraten.“ (61)

„Weil alte Leute sonst nichts mehr können, als den Jungen weise Ratschläge zu geben, gebe auch ich Dir einen Rat und Wink, weil der 60. Geburtstag genau der rechte Augenblick dafür ist. In diesem Alter wird es Zeit, dass man ein wenig von seinem Männer- und Knabenstolz und Trotz aufgibt und mit dem Leben, das man bisher kommandiert hat, etwas sanfter und behutsamer umzugehen beginnt. Dazu gehört etwas Sorgfalt und Nachgiebigkeit den Schwächen und Krankheiten gegenüber; man sollte sie dann nicht mehr anknurren und gewaltsam zum Schweigen bringen, sondern ihnen etwas nachgeben und schöntun, sich pflegen und sowohl mit Arzt und Medizin wie auch mit mehr ausruhen, mehr Kursen und Zwischenpausen in der Arbeit ihnen Ehre erweisen, die ihnen gebührt, denn sie sind Sendboten der größten Macht, die es auf Erden gibt.“ (Aus einem Brief vom 24.8.1947 an Max Wassmer) (63)

„Geduld ist das Schwerste und das Einzige, was zu lernen sich lohnt. Alle Natur, alles Wachstum, aller Friede, alles Gedeihen und Schöne in der Welt beruht auf Geduld, braucht Zeit, braucht Stille, braucht den Glauben an langfristige Prozesse von viel längerer Dauer als ein einzelnes Leben dauert, die keiner Einsicht des Einzelnen ganz zugänglich sind und in ihrer Gänze nur von Völkern und Zeitaltern, nicht von Personen erlebbar sind.“ (69)

„Mit der Reife wird man immer jünger. Es geht auch mir so, obwohl das wenig sagen will, da ich das Lebensgefühl meiner Knabenjahre im Grunde stets beibehalten habe und mein Erwachsensein und Altern immer als eine Art Komödie empfand.“ (Aus einem Brief vom 14.1.1922 an Werner Schindler)(98)

„Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
lass es still geschehen,
lass vom Winde, der dich bricht,
dich nach Hause wehen.“ (Aus dem Gedicht „Welkes Blatt“) (108)

„… Und jetzt, heute, während ich bei sanfter windstiller Wärme bei meinem Feuer stand und Holz brach, sah ich es geschehen: es erhob sich ein leiser, sanfter Windhauch, ein Atemzug nur, und zu Hunderten und Tausenden wehten die so lang gesparten Blätter dahin, lautlos, leicht, willig, müde ihres Trotzes und ihrer Tapferkeit. Was fünf, sechs Monate festgehalten und Widerstand geleistet hatte, erlag in wenigen Minuten einem Nichts, einem Hauch, weil die Zeit gekommen, weil die bittere Ausdauer nicht mehr nötig war. Hinweg stob und flatterte es, ohne Kampf. Das Windchen war viel zu schwach, um die so leicht und dünn gewordenen kleinen Blätter weit weg zu treiben, wie ein leiser Regen rieselten sie nieder und bedeckten Weg und Gras zu Füßen des Bäumchens, von dessen Knospen ein paar wenige schon aufgebrochen und grün geworden waren. Was hatte sich mir nun in diesem überraschenden und rührenden Schauspiel offenbart? War es der Tod, der leicht und willig vollzogene Tod des Winterlaubes? War es das Leben, die drängende und jubelnde Jugend der Knospen, die sich mit plötzlich erwachtem Willen Raum geschaffen hatte? War es traurig, war es erheiternd? War es eine Mahnung an mich, den Alten, mich auch flattern und fallen zu lassen, eine Mahnung daran, dass ich vielleicht Jungen und Stärkeren den Raum wegnahm? Oder war es eine Aufforderung, es zu halten wie das Buchenlaub, mich so lang und zäh auf den Beinen zu halten wie nur möglich, mich zu stemmen und zu wehren, weil dann, im rechten Augenblick, der Abschied leicht und heiter sein werde? Nein, es war, wie jede Schauung, ein Sichtbarwerden des Großen und Ewigen, des Zusammenfalls der Gegensätze, ihres Zusammenschmelzens im Feuer der Wirklichkeit, es bedeutete nichts, mahnte zu nichts, vielmehr es bedeutete alles, es bedeutete das Geheimnis des Seins, war Geschenk und Fund für den Schauenden, wie es ein Ohr voll Bach, ein Auge voll Cézanne ist. Diese Namen und Deutungen waren nicht das Erlebnis, sie kamen erst nachher, das Erlebnis selbst war nur Erscheinung, Wunder, Geheimnis, so schön wie ernst, so hold wie unerbittlich.“ (Aus der Betrachtung „Aprilbrief“, 1952) (113f)

„Altsein ist eine ebenso schöne wie heilige Aufgabe wie Jungsein, Sterbenlernen und Sterben ist eine ebenso wertvolle Funktion wie jede andere – vorausgesetzt, dass mit Ehrfurcht vor dem Sinn und der Heiligkeit alles Lebens vollzogen wird.“ (Aus: Über das Alter, 1952) (123)

„Betrachtung: Betrachtung ist nicht Beobachtung, nicht Forschung, nicht Kritik; sie ist nichts als Liebe. Sie ist der höchste und wünschenswerteste Zustand unserer Seele: begierdelose Liebe.“ (137)

„Ich will Ihnen Kraft und Geduld wünschen im Kampf mit dem Altern, bei dem man auch im Unterliegen gewinnen kann.“ (Aus einer Postkarte um 1950 an Siegfried Seeger) (197)

„Von denen, für die ich diesen Bericht aufschreibe, sind nur sehr wenige so alt wie ich. Die meisten von ihnen wissen nicht, was für alte Leute, zumal wenn. Sie ihr Leben fern von den Räumen und Bildern ihres Jugendlebens verbracht haben, ein Gegenstand bedeuten kann, der ihnen die Wirklichkeit jener Jugendzeit bezeugt, ein altes Möbelstück, eine verbleichende Photographie, ein Brief, dessen Handschrift und Papier beim Wiederlesen ganze Schatzkammern vergangenen Lebens öffnet und beleuchtet und in dem wir Schernamen und familiäre Ausdrücke entdecken, die heute niemand mehr verstünde und deren Klang und Gehalt wir selber erst wieder mit einer kleinen angenehmen Anstrengung und klar machen müssen. Und viel mehr, sehr viel mehr als solche Dokumente aus ferner Zeit bedeutet die Wiederbegegnung mit einem lebendigen Menschen, der einst mit dir Knabe und Jüngling gewesen ist, der deine längst begrabenen Lehrer gekannt und Erinnerungen an sie aufbewahrt hat, die dir verloren gegangen sind. Wir sehen einander an, der Schulkamerad und ich, und jeder sieht am andern nicht nur den weißen Schopf und die müden Augen unter den faltig und etwas starr gewordenen Lidern, er sieht hinter dem Heute das Damals; es sprechen nicht nur zwei alte Männer miteinander, es spricht überdies der Seminarist Otto mit dem Seminaristen Hermann, und jeder sieht unter den vielen darüber geschichteten Jahren noch den vierzehnjährigen Kameraden, hört seine Knabenstimme von damals, sieht ihn in der Schulbank sitzen und Gesichter schneiden, sieht ihn Ball oder Wettrennen spielen, mit fliegenden Haaren und blitzenden Augen, sieht auf dem noch kindlichen Gesicht die ersten Morgenlichter der Begeisterung, der Rührung und der Andacht bei früheren Begegnungen mit dem Geist und mit dem Schönen.“ (Aus: Herbstliche Erlebnisse, 1952) (202-205)

„Heiterkeit: Heiterkeit ist eine Tugend der Heiligen und der Ritter; sie ist das Geheimnis des Schönen und die eigentliche Substanz jeder Kunst. Der Dichter, der das Herrliche und das Schreckliche im Tanzschritt seiner Worte preist, der Musiker, der es als reine Gegenwart erklingen lässt, ist Lichtbringer, Mehrer der Freude und Heiligkeit auf Erden, auch wenn er uns erst durch Tränen und schmerzliche Spannung führt.“ (210)

„Dieses Zusammensinken im Alter hat ein Gutes, es macht doppelt gleichgültig gegen außen, namentlich gegen die Weltgeschichte und die Aktiengesellschaften, von denen sie betrieben wird.“ (Aus einem Brief um 1950 an Otto Basler) (215)

„Der Blick des Wollens: Unrein und verzerrt ist der Blick des Wollens. Erst wo wir nichts begehren, erst wo unser Schauen reine Betrachtung wird, tut sich die Seele der Dinge auf: die Schönheit. Wenn ich einen Wald beschaue, den ich kaufen, den ich pachten, den ich abholzen, den ich mit einer Hypothek belasten will, dann sehe ich nicht den Wald, sondern nur seine Beziehungen zu meinem Wollen. Dann besteht er aus Holz, ist jung oder alt, gesund oder krank. Will ich aber nichts von ihm, blicke ich nur ‚gedankenlos‘ in seine grüne Tiefe, dann erst ist er Wald, ist Natur und Gewächs, ist schön.“ (219)

„Aufgabe der Jugend ist das Werden. Aufgabe des reifen Menschen ist das Sich-weggeben oder, wie die Mystiker es nannten, das ‚Entwerden‘.“ (225)

„Zum Eintritt in den neuen Lebensraum, den Vorhof des Alters, wünscht ein Alter Ihnen die Gaben, die uns das Leben auf dieser Stufe zu geben hat: vermehrte Unabhängigkeit vom Urteil anderer, vermehrte Unberührbarkeit durch die Leidenschaften, ungestörte Andacht vor dem Ewigen.“ (Albumblatt, 1950, an Hermann Ferdinand Schell) (226)

„Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt. Der Eigensinn macht Spaß und die Geduld gibt Ruhe.“ (Aus einem Brief vom 23.7.1950 an H.S.,) (241)

„Wer den Weg der Reife einmal betreten hat, der kann nicht mehr verlieren, nur gewinnen. Bis einmal auch ihm die Stunde kommt, wo er die Käfigtür offen findet und mit einem letzten Herzklopfen dem Unzugänglichen entgegenschlüpft.“ (Aus der Betrachtung „Zum Gedächtnis“, 1916) (249)

» Wer zum Wahrnehmen der Wirklichkeit erwacht ist, ist von den anderen unweigerlich geschieden. Dafür hat er die Gemeinschaft, die im 'Steppenwolf' 'Die Unsterblichen' heißt. «
Hesse, Hermann (1950): Aus einem Brief an H. Gaupp, zit. in: Michels, Volker (Hrsg.) (1987): Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/Main, 225.

Verw:ortet im Mai 2021: Hermann Hesse in seinen Briefen

Wenn die Inzidenzzahlen es zulassen, werde ich im Mai zum wiederholten Male einige Tage in Maulbronn und in seinem Kloster sein, um dort Hermann Hesse zu lesen, in seinen Briefen und in seinen Betrachtungen auf das Alter(n) hin. Hierhin hat sein Vater den einsinnigen Sohn im Alter von 15 Jahren in ein Internat verbannt, weil er ihm nicht mehr „Herr“ wurde.

Ihm geht ein wenig der Ruf voraus, man könne ihn nur im pubertären Alter lesen, weil er so eigensinnig lebte, den Eigensinn betonte und vom Eigensinn sagte, er mache ihm Spaß. Ich glaube, dass umgekehrt auch gilt: Hesse zu lesen fördert das Eigensinnige im eigenen Leben und weckt die Freude daran neu. Was Hesse „Eigensinn“ nennt, entdecke ich in Richard Rohrs Begriff von „Mystik“:

Von daher kann es ein Lese-Abenteuer sein, Hermann Hesse als Mystiker zu lesen und zu entdecken. Einige Zitate, die mir in der vorbereitenden Lektüre zusagten, will ich hier mit Ihnen teilen.

„Das erste und brennendste meiner Probleme war nie der Staat, die Gesellschaft oder die Kirche, sondern der einzelne Mensch, die Persönlichkeit, das einmalige, nicht normierte Individuum.“

Hesse, Hermann (1951): Aus einem Brief an französische Studenten, in: Michels, Volker (Hrsg.) (1987): Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/Main, 82.

„Die Weisheit, die uns nottut, steht bei Lao-Tse, und sie ist ins Europäische zu übersetzen, ist die einzige geistige Aufgabe, die wir zurzeit haben. […] Lao-Tse soll uns nicht das Neue Testament ersetzen, aber er soll uns zeigen, dass ähnliches auch unter anderem Himmel und früher schon gewachsen ist, und das soll unseren Glauben an die Internationalität der Kulturfähigkeit stärken.“

Hesse, Hermann (1913/1919): Aus Buchbesprechungen, zit. in: Michels, Volker (Hrsg.) (1987): Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/Main, 203.

„Der Tod von Gandhi war für mich kein Schrecken, er war die gewissermaßen legitime Antwort der Welt auf Gandhis Leben und Werk, so wie Golgatha die folgerichtige Antwort auf Jesus war.“

Hesse, Hermann (1948): Aus einem Brief an Pia Ludwig, zit. in: Michels, Volker (Hrsg.) (1987): Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/Main, 205.

„Wer zum Wahrnehmen der Wirklichkeit erwacht ist, ist von den anderen unweigerlich geschieden. Dafür hat er die Gemeinschaft, die im ‚Steppenwolf‘ ‚Die Unsterblichen‘ heißt.“

Hesse, Hermann (1950): Aus einem Brief an H. Gaupp, zit. in: Michels, Volker (Hrsg.) (1987): Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/Main, 225.

„Mir ist in meinem Kreise keine zweite so intensive, langdauernde, keine so treue und fruchtbare Lebenskameradschaft begegnet. […] Was hinter seiner Ironie und Virtuosität an Herz, an Treue, Verantwortlichkeit und Liebesfähigkeit stand, jahrzehntelang völlig unbegriffen vom großen deutschen Publikum, das wird sein Werk und Andenken weit über unsere verworrenen Zeiten hinaus lebendig erhalten.“

Hesse, Hermann (1955) Aus einem Brief an Katja Mann über seine Freundschaft zu Thomas Mann, zit. in: Michels, Volker (Hrsg.) (1987): Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/Main, 238.

» Man muss die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit finden, um als Mensch wirklich leben zu können. «
Drewermann, Eugen (1993): Auferstanden aus der Angst. Eugen Drewermann im Gespräch mit Eike Christian Hirsch, in: der. (Hrsg.): Wort des Heils - Wort der Heilung, Bd. 4, Düsseldorf, 177.

Verw:ortet im April 2021: Eugen Drewermann – Auferstanden aus der Angst

Neben der Lyrik von Rose Ausländer  war im Blick auf Ostern wenig Raum für andere „Auferstehungstexte“. Gut war es, wieder einmal bei Eugen Drewermann nachzuschauen, dessen Auferstehungsbegriff immer wieder die Angst des Menschen als „Worauf hin“ und „Wovon her“  nimmt. Eine der großen Fragen die mich zurzeit beschäftigen, ist, wie ein spiritueller Umgang mit Unsicherheiten aussehen kann – nicht nur mit den persönlichen, sondern auch mit den gesellschaftlichen und globalen Unsicherheiten. Auch hier hoffe ich auf einen „Grund“, der mich trägt, den Eugen Drewermann beschreiben kann.

Alle Zitate sind entnommen aus: Drewermann, Eugen (1993): Auferstanden aus der Angst. Eugen Drewermann im Gespräch mit Eike Christian Hirsch, in: der. (Hrsg.): Wort des Heils – Wort der Heilung, Bd. 4, Düsseldorf, 171-178. Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammern angegeben.

„Was Christus uns wirklich lehrt, ist nicht, dass Menschen unsterblich sind. Was er uns lehrt, ist, diesen Glauben so zu setzen, dass er die Todesangst überwindet und die Verkürzungen des Lebens hier auf Erden aufbricht.“ (172)

„Um es so zu sagen: Was Jesus vor sich hat, ist immer wieder, dass Menschen die eigene Schönheit oder die eigene Größe ihres Daseins gar nicht zu leben wagen. Sie verhocken sich bis zur Unwahrhaftigkeit, versauern sich bis zur Selbstdemütigung immer wieder aus Furcht vor dem, was andere sagen könnten, was andere ihnen antun könnten, und im Zentrum, im Hintergrund aller Angst lauert der Tod, die Sterblichkeit, die Krankheit unserer irdischen Existenz. Dagegen will Jesus gerade sagen: Wer auf Gott vertraut, was hat der zu verlieren?“ (172)

„Diese Frau aus Magdala, Miriam, redet Jesus an und sagt ihr: ‚Geh zu meinen Brüdern.‘ Das ist die ganze Auferstehung: Am Ende eine Perspektive zu gewinnen, die über diese Welt hinausgeht. Und dafür steht die Gestalt Jesu.“ (175)

„Ich glaube, dass ist die Erfahrung von Ostern, dass äußerlich sich eigentlich alles widerlegt. Und wer versucht, die objektive Wirklichkeit geltend zu machen, der erstickt jegliche Hoffnung. Das Entscheidende ist, von innen her zu sehen, wie sich Gräber öffnen können, und das ist ein Ereignis ganz aus innen.“ (177)

„Man muss die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit finden, um als Mensch wirklich leben zu können.“ (177)

„Der Osterglaube ist sensibel wie die Liebe. Man kann ihr Vertrauen schenken, wenn man den Worten der tiefsten Sehnsucht, der stärksten Leidenschaft, des intimsten Vertrauens folgt. Aber man verdirbt sie augenblicklich, wenn man misstrauisch wird und nach Beweisen forscht. Dann ist die Auferstehungsbotschaft wie der Horizont, der sich immer weiter entfernt, je mehr man auf ihn zugeht. Der Himmel auf Erden ist für denjenigen, der ihn in sich einlässt.“ (178)

» Sich für die Gnade der Kontemplation zu bereiten, besteht in der doppelten Wende: von außen nach innen und vom Denken und Tun zum Schauen. «
Jalics, Franz (2006): Der kontemplative Weg, Reihe Igntianische Impulse Bd.14, Würzburg, 46.

Verw:ortet im März 2021: Franz Jalics – Der kontemplative Weg

In meiner Beschäftigung mit der buddhistischen Spiritualität habe ich nach Parallelen zu Vollzügen und Haltungen im Christentum gesucht. Dass ich sie P. bei Franz Jalics SJ und seinen Kontemplativen Exerzitien finden werde, wusste und weiß ich aus eigener Erfahrung. Dieser Lehrer der christlichen Kontemplation ist im Februar 2021 verstorben, die Lektüre seines kleinen Bändchens „Der kontemplative Weg“, 2006 als Band 14 der Reihe „Ignatianische Impulse“ bei Echter, Würzburg erschienen, war für mich eine Möglichkeit, mich von ihm zu verabschieden. Alle Zitate sind aus diesem Buch genommen, die Seitenzahlen in Klammern angegeben.

„Im menschlichen Leben gibt es kontemplative Augenblicke. In ihnen leuchtet etwas auf, was der Mensch schon immer erwartet hat. Sie geben eine Ahnung davon, dass das Leben mehr zu bieten hat als das, was wir im grauen Alltag erleben. Sie überraschen uns und hinterlassen eine Sehnsucht, weiter in das Geheimnis des Lebens hineingeführt zu werden, denn sie geben ein Vorgefühl unserer eigentlichen Heimat. […] Es ist ein Innewerden von etwas, das immer da war, aber nie bemerkt wurde.“ (7)

„Der Glaube an Gott ist die Gewissheit, dass unser Ursprung in Gott ist, dass wir in unserem irdischen Leben in ihm sind und dass wir nach dieser irdischen Existenz für immer in die universale Liebe und in die ewige Glückseligkeit aufgenommen werden. Der Glaube ist also nicht die Erfahrung der Schau Gottes. Er gibt nur die Gewissheit, dass uns die Schau Gottes zuteil wird.“ (11)

Jalics zitiert aus einem Bericht: „Früher bemühte ich mich, zu den Menschen zu gehen, um Christus zu verkünden. Seit dieser Wende nach innen spüre ich immer mehr, dass die Menschen zu mir kommen, und sie spüren, dass ich mit mehr Kraft spreche. Das bemerke ich auch bei anderen Menschen, die aus der Stille leben. Sie wirken durch Ausstrahlung.“ (22)

„Wie können wir uns für die Schau Gottes bereiten? […] Sich unmittelbar für die Gnade der Kontemplation zu disponieren heißt, sich vom Denken und Tun zu verabschieden und im Schauen auf die Mitte zu verweilen.“ (44f)

„Sich für die Gnade der Kontemplation zu bereiten, besteht in der doppelten Wende: von außen nach innen und vom Denken und Tun zum Schauen.“ (46)

„Es gibt noch eine […] Stille. Eine schmerzhafte und heilende Stille. Es gibt ein Schweigen, in dem die Stille Ärztin und Therapeutin ist: Sie taucht in die Tiefe des Menschen hinab und kommt mit der unbekannten und bedrückenden Verwundung des Menschen wieder zur Oberfläche. Ihre Aufdeckung tut weh, aber Gott kann die Verwundung aufnehmen und heilen, denn die wahre Stille ist er selbst. Er kann die verborgenen und unerkannten Wunden zum Bewusstsein bringen und auskurieren. Der Mensch muss sie gar nicht aussprechen. Er muss sie nur bewusst werden lassen und vor dem liebenden Blick Gottes erleiden können.“ (48f)

„Die Erfahrung, dass man die Aktivitäten nicht selbst, sondern dass Gott sie vollbringt, bewirkt eine unglaubliche Freiheit. Der Mensch ist von den Sorgen seines Fortschritts befreit. Er wird unabhängig von den Ergebnissen seiner Bemühungen. Er kann aus seiner Mitte heraus auf das Wirken Gottes vertrauen, weil er es ständig erlebt.“ (53)

„Ich kenne keinen besseren Therapeuten als die Stille.“ (54)

» Du und ich - wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen. «
Mahatma Gandhi, in: Gandhi, Arun (2019): Sanftmut kann die Welt erschüttern, Köln, 88.

Verw:ortet im Februar 2021: Mahatma Gandhi – Aphorismen

Am 30. Januar 1948 wurde Mohandas Karamchand Gandhi, vom indischen Philosophen und Schriftsteller Rabindranath Tagore 1915 mit dem Beinamen Mahatma, „große Seele“ beschenkt und gewürdigt, von einem fanatischen nationalistischen Hindu erschossen. Sein Enkel Arun Maninal Gandhi (*1934), der einen Teil seiner Kindheit im Haus des Großvaters aufwuchs, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe von Mahatma Gandhi weiterzugeben.

In den vergangenen Jahren sind zwei Bücher von ihm in deutscher Sprache erschienen. In „Wut ist ein Geschenk“ (2017) beschreibt er seinen Umgang mit dem Großvater, seine Sichtweise auf dessen Person und dessen Wirken. In „Sanftmut kann die Welt erschüttern“ (2019) folgen auf ein Vorwort des Dalai Lama und einen Essay von Arun Gandhi über seinen Großvater 150 Aphorismen von Mahatma Gandhi, nach Stichworten gesammelt. Ein Essay von Arun Gandhi über Gewaltlosigkeit (Ahimsa) schließt das Buch ab.

Sowohl 2019 als auch 2020 konnte ich in New Delhi das Wohnhaus Mahatma Gandhis als auch die Stelle in seinem Garten besuchen, an der er ermordet wurde. Ich war überwältigt von der Kraft, die von diesen Orten ausgeht. Aus den 150 Aphorismen Gandhis habe ich einige für den Februar 2021 und für die Rubrik „verw:ortet“ ausgewählt.

Die Aphorismen sind entnommen aus Gandhi, Arun (2019): Sanftmut kann die Welt erschüttern, Köln. Die Seitenangaben sind in Klammern angehängt.

„Zivilisiert sein bedeutet nicht, Bedürfnisse zu mehren, sondern sie absichtsvoll und freiwillig zu reduzieren.“ (71)

„Freiheit lohnt sich nicht, wenn sie nicht die Freiheit zu irren einschließt.“ (79)

„Du und ich – wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“ (88)

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ (94)

„Es gibt zwei Arten von Macht. Die eine erlangt man durch Androhung von Strafe, die andere durch die Kraft der Liebe.“ (99)

„Ich lehne jede religiöse Glaubenslehre ab, die nicht an den Verstand appelliert und die sich der Moral widersetzt.“ (103)

„Der Mensch ist dort zu Hause, wo sein Herz ist, nicht dort, wo sein Körper ist.“ (111)

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ (111)

„Reich wird man erst durch die Dinge, die man nicht begehrt.“ (116)

„Auge um Auge – und die ganze Welt wird erblinden.“ (117)

» Wenn spirituelle Traditionen das Loslassen lehren, meinen sie damit nicht die Verachtung der weltlichen Dinge, sondern die Veränderung der Beziehung zu ihnen. Unser Besitz ist nicht problematisch, aber unsere von Anhaftung geprägte Verbundenheit mit ihm. «
Mannschatz, Marie (2019): Lieben und loslassen. Durch Meditation das Herz öffnen, Bielefeld., 209

Verw:ortet im Januar 2021: Marie Mannschatz – Lieben und loslassen. Durch Meditation das Herz öffnen

Nach zwei Reisen durch Indien in den vergangenen beiden Jahren hat mich der Einfluss der anderen Religionen auf das Christentum in Indien sehr fasziniert. Gerade in der Weltanschauung und im Menschenbild des Buddhismus  erlebe ich ohne dogmatischen Überbau einen guten und verlockenden Weg, eine Entwicklung hin zum liebenden Menschen zuzulassen. Eine besondere Hilfe stellen für mich die Bücher von Marie Mannschatz dar. In diesem Monat sind die Zitate für verw:ortet entnommen aus Mannschatz, Marie (2019): Lieben und loslassen. Durch Meditation das Herz öffnen, Bielefeld. Die Seitenzahlen sind in Klammern den Zitaten angehängt. 

„Wer sich gegen den Strom des Lebens stemmt, der leidet.“ (129)

„Unser Kontrollierenwollen verhindert, dass wir im friedlichen Einklang mit der Welt mitschwingen, immer wollen wir etwas anders als das, was gerade jetzt stattfindet.“ (129)

„Mitgefühl vereint Gebende und Empfangende, denn beide Seiten sind auf Mitgefühl angewiesen. Ohne Mitgefühl kann keiner leben.“ (134)

„Während im Mitgefühl eine uneingeschränkte und akzeptierende Resonanz mit Schmerz und Leid stattfindet, ist im Mitleid eine Abwehrbewegung enthalten. Der Mitfühlende kann seinen eigenen Schmerz akzeptieren, der Mitleidige hat Angst vor seinem Schmerz und will ihn schnell aus der Welt schaffen.“ (139)

„Mitfreude ist Ausdruck von Überfluss, Loslassen und Expansion. Das Gegenteil von Mitfreude – Missgunst – ist in Festhalten, Knappheit und Kontraktion begründet.“ (159)

„Wer unter Eifersucht leidet, sehnt sich nach Anerkennung und möchte gern als liebenswert erkannt werden.“ (161)

„Geübtes Loslassen äußert sich in körperlicher und geistiger Beweglichkeit.“ (205)

„Wer unter Eifersucht leidet, schickt Metta und Mitgefühl zu sich selbst und fragt sich. Was brauche ich, um wieder Frieden zu finden? Was braucht es, damit diese Situation akzeptiert werden kann?“ (163)

„Wenn spirituelle Traditionen das Loslassen lehren, meinen sie damit nicht die Verachtung der weltlichen Dinge, sondern die Veränderung der Beziehung zu ihnen. Unser Besitz ist nicht problematisch, aber unsere von Anhaftung geprägte Verbundenheit mit ihm.“ (209)

» Wer das Leben in engen Räumen vorzieht, bekommt gewissermaßen Platzangst, und diese birgt ihre ganz eigenen Schrecken. «
Rowling, J.K. (2017): Was wichtig ist. Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie, Hamburg, 60.

Verw:ortet im Dezember 2020: J.K. Rowling – Was wichtig ist

Als J.K. Rowling, die Autorin der Harry-Potter-Reihe, 2008 gebeten wurde, die Abschlussrede an der Harvard University zu halten, wählte sie dafür zwei Themen, die ihr sehr am Herzen liegen: den Nutzen des Scheiterns und die Kraft der Fantasie. Denn in ihren Augen ist der Mut zu scheitern genauso wichtig für ein erfülltes Leben wie konventionellere Wege zum Erfolg. Das gilt auch für die einzigartige menschliche Fähigkeit, sich mithilfe der Vorstellungskraft in andere hineinzuversetzen – vor allem in jene, die es schwerer haben als wir. Diese besondere Fähigkeit müssen wir uns unbedingt bewahren. Im Zugehen auf Weihnachten hält verwertet in diesem Monaten Zitate zur Kraft der Fantasie vor. Abgeseilt wird auf die Fantasie des Menschen auf Gott hin, aber auch auf die Fantasie Gottes auf den Menschen hin. Die Zitate sind entnommen aus Rowling, J.K. (2017): Was wichtig ist. Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie, Hamburg. Die Seitenzahlen sind in Klammern angegeben.

„Sie [i.e. die Fantasie, H.K.] ist nicht nur das einzigartige menschliche Vermögen, sich vorzustellen, was nicht ist, und daher der Ursprung aller Erfindung und Erneuerung; wahrhaft umwälzend und erhellend ist sie jedoch in ihrer Eigenschaft als jene Kraft, dank der wir uns in Menschen einzufühlen vermögen, die ganz andere Erfahrungen als wir selbst gemacht haben.“ (41)

„Im Gegensatz zu jedem anderen Geschöpf auf diesem Planeten können Menschen lernen und verstehen, ohne die Erfahrung selbst gemacht zu haben. Sie können sich in die Lage anderer hineinversetzen.“ (56)

„Und viele wollen ihre Fantasie gar nicht erst tätig werden lassen. Sie verharren lieber in den Grenzen ihrer eigenen Erfahrungen und geben sich nie die Mühe zu überlegen, wie es sich anfühlen würde, als jemand anderes geboren worden zu sein. Sie weigern sich womöglich, Schreie zu hören oder in Käfige zu schauen; sie können ihr Denken und ihr Herz abschotten gegen alles Leid, das sie nicht persönlich betrifft; sie können sich dem Wissen darum verschließen.“ (59)

„Wer das Leben in engen Räumen vorzieht, bekommt gewissermaßen Platzangst, und diese birgt ihre ganz eigenen Schrecken. Ich glaube, es sind gerade die willentlich Fantasielosen, die am meisten Ungeheuer sehen. Oft haben sie mehr Angst.“ (60f)

„Wer sich entscheidet, kein Mitgefühl zu haben, bereitet überdies den wirklichen Ungeheuern den Boden. Denn ohne je persönlich eine offen böse Tat zu begehen, spielen wir durch unsere eigene Gefühllosigkeit dem Bösen in die Hände.“ (61)

„Was wir innerlich erreichen, wird unsere Realität verändern.“ (Plutarch, zitiert auf 63)

„Wir brauchen keine Magie, um unsere Welt zu verwandeln; wir tragen alle Kraft, die wir brauchen, bereits in uns: Wir haben die Kraft, uns Besseres vorzustellen.“ (67)

„Mit dem Leben ist es wie mit einem Theaterstück: Es kommt nicht darauf an, wie lang es ist, sondern wie gut gespielt.“ (Seneca, zitiert auf 70)

Verw:ortet im November 2020: Papst Franziskus – Fratelli tutti: Über Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft

Am 03.10.2020, dem Vorabend des Gedenktages des hl. Franz von Assisi, hat Papst Franziskus eine Sozialenzyklika unterschrieben, die zur Haltung der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft aufruft – immer im Dreischritt „mit mir selbst“ – „mit Dir in der Begegnung“ – „zwischen Kulturen, Völkern, Nationen“.  In diesem Monat sollen einige der mir wichtigsten Zitate unter „verw:ortet“ auftauchen, Worte, die noch nicht Grund sind, aber Grund werden und Grund geben können. Zitiert wird nach den Nummern der Abschnitte, FT steht für „Fratelli tutti“.

„Mit Worten behauptet man bestimmte Dinge, aber die Entscheidungen und die Wirklichkeit schreien eine andere Botschaft heraus.“ (FT 23)

„Etwas ist wahr, solange es einem Mächtigen genehm ist, und ist es dann nicht mehr, wenn es seinen Nutzen für ihn verliert.“ (FT 25)

„Wer eine Mauer errichtet, wer eine Mauer baut, wird am Ende zum Sklaven innerhalb der Mauern, die er errichtet hat, ohne Horizonte.“ (FT 27)

„Denn es ist eine Sache, sich zum Zusammenleben gezwungen zu fühlen, und eine andere Sache, den Reichtum und die Schönheit der Samen des gemeinsamen Lebens wertzuschätzen, die gemeinsam gesucht und wertgeschätzt werden müssen.“ (FT 31)

„Die unveräußerliche Würde jedes Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion ist das höchste Gesetz der geschwisterlichen Liebe.“ (FT 39)

„Sich hinsetzen, um einem anderen zuzuhören, ist charakteristisch für eine menschliche Begegnung und stellt ein Paradigma einer aufnahmebereiten Haltung dar. Damit überwindet ein Mensch den Narzissmus; er heißt den anderen willkommen, schenkt ihm Aufmerksamkeit und nimmt ihn in der eigenen Gruppe auf.“ (FT 48)

„Einmal auf dem Weg, treffen wir unvermeidlich auf verletzte Menschen. […] Wir alle haben etwas vom verletzten Menschen, etwas von den Räubern, etwas von denen, die vorbeigehen, und etwas vom barmherzigen Samariter.“ (FT 69)

„Paradoxerweise können diejenigen, die sich für ungläubig halten, den Willen Gottes manchmal bessere erfüllen als die Glaubenden.“ (FT 74)

„Wir müssen aktiv Anteil haben beim Wiederaufbau und bei der Unterstützung der verwundeten Gesellschaft.“ (FT 77)

„Jesus ruft uns nicht auf , danach zu fragen, wer die sind, die uns nahe sind, sondern uns selbst zu nähern, selbst zum Nächsten zu werden.“ (FT 80)

„Liebe, die über alle Grenzen hinausreicht, ist die Grundlage dessen, was wir in jeder Stadt und in jedem Land ’soziale Freundschaft‘ nennen.“ (FT 99)

„Wir stellen fest: Je weniger Weite ein Mensch  in seinem Denken und Empfinden besitzt, desto weniger wird er in der Lage sein, die ihn unmittelbar umgebende Wirklichkeit zu deuten.“ (FT 147)

„Der soziale Friede erfordert harte Arbeit, Handarbeit.“ (FT 217)

Verw:ortet im Oktober 2020: Hermann Hesse – Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend

Nach der Verfilmung von Hesses „Narziß und Goldmund“ haben wir im Kreis der Gefährten noch einmal Hesse gelesen, natürlich „Narziß und Goldmund“, aber auch „Unterm Rad“ und „Demian“ und „Siddartha“. Sehr hilfreich zum Verstehen Hesses war der Band Michels, Volker (Hrsg.) (1987): Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/Main. Die Zitates   aus Demian, die uns beschäftigten, ins Nachdenken und in die Freude an allem Lebendigen brachten, bilden in diesem Monat die Zitate zu „verw:ortet“. Sie sind entnommen aus Hesse, Hermann (1996): Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend, Reihe „die Romane und großen Erzählungen“, Bd. 3, Frankfurt/Main. Die Seitenzahlen sind in Klammern angegeben.

„Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“ (8)

„Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin.“ (8)

„Man braucht vor niemand Angst zu haben. Wenn man jemand fürchtet, dann kommt es daher, dass man diesem Jemand Macht über sich eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Böses getan, und der andere weiß das – dann hat er Macht über dich. Du kapierst? Es ist doch klar, nicht?“ (39)

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte. Warum war das so schwer?“ (94)

„‘Halt‘, rief Pistorius. ‚Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß die Welt in sich tragen oder ob Sie das auch wissen!‘“ (104)

„Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben – die Herren für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum haben sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selbst nicht einig ist. Sie haben Angst, weil sie sich nie zu sich selbst bekannt haben. Eine Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber Angst haben.“ (131)

„‘Heim kommt man nie‘, sagte sie freundlich. ‚Aber wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus.‘“ (136)

„‘Liebe muss nicht bitten‘, sagte sie, ‚auch nicht fordern. Liebe muss die Kraft haben, in sich selbst zur Gewissheit zu kommen. Dann wird sie nicht mehr gezogen, sondern zieht.‘“ (144)

„Das Neue beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen, entsetzlich sein.“  (154)

Verw:ortet im September 2020: Verena Kast – Sisyphos. Altes loslassen und neue Wege gehen

Bei einer Wanderung im Kreis der Gefährten wurde die Notwendigkeit des Loslassens im Leben thematisiert. Gleichzeitig kam die Figur des Sisyphos in den Blick, der nicht aktiv loslässt, sondern dem sich „sein Stein“ immer und immer wieder entzieht. „Im griechischen Mythos von Sisyphos erkennen sich viele Menschen wieder – besonders in ihrem Arbeitsalltag: Sisyphos ist von den Göttern dazu verdammt, auf ewig einen schweren Stein den Berg hinaufzuwälzen. Kurz vor dem Gipfel rollt der Felsbrocken dann immer wieder hinunter, und alles beginnt von vorne – ein vergebliches Tun (scheinbar) ohne Sinn. Verena Kast ermutigt in diesem Buch dazu, sich mit Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Erwartung und Enttäuschung, Sinn und Sinnlosigkeit auseinanderzusetzen. Mit Hilfe von vielen Beispielen aus Lebensalltag, Psychotherapie und Werken der Literatur verdeutlicht die renommierte Jung’sche Analytikerin: Wenn etwas keinen Erfolg haben kann, muss es losgelassen werden – und auch im Scheitern kann letztlich ein Sinn verborgen sein.“

Quelle: [online] https://www.buecher.de/shop/buecher/sisyphos-altes-loslassen-und-neue-wege-gehen/kast-verena/products_products/detail/prod_id/54530294/ [24.08.2020]

Die Zitate für das verw:ortet im September 2020 sind entnommen aus Kast, Verena (2019): Sisyphos. Altes loslassen und neue Wege gehen, Ostfildern. Die Seitenzahlen stehen in Klammern am Ende des Zitates.

„Sinn verbinden wir mit Veränderung zu etwas Umfassenderen hin.“ (11)

„Sich selbst in seiner Eigenart zu tragen und zu ertragen, sich selbst in seinen mühsamen Seiten auszuhalten, das wird hier als Sisyphosarbeit bezeichnet.“ (24)

„Der Zwang zur Wiederholung ist die Herausforderung zur Kreativität innerhalb der Wiederholung. Wiederholung ist nur ein Strukturelement des Daseins, das den Tod kennt; was innerhalb der Wiederholung aufleuchtet, das ist das Wesentliche.“ (25)

„Zur Sisyphosarbeit scheint gewisse Arbeit dann zu werden, wenn wir zu viel wollen, wenn wir zu sehr dem Absoluten verpflichtet sind und das Endliche unserer Existenz zu wenig akzeptieren können. In der Dynamik von großen Erwartungen, die dann enttäuscht werden, erleben wir die Qualen des Sisyphos.“ (27)

„Zur Sisyphosarbeit wird eine gewisse Arbeit aber auch dann, wenn wir, einem linearen Denken verpflichtet, meinen, zu einem Ende kommen zu müssen mit Arbeiten, die nie zu Ende sein können, wenn es uns nicht gelingt, auch zyklisch zu denken.“ (27)

„Nun scheint es mir, müssen wir einen Aspekt beachten, der immer wieder bei der Auseinandersetzung mit diesem Mythos gestreift wurde: Es kommt nicht so sehr darauf an, dass wir das Ziel erreichen, sondern dass wir auf dem Weg sind. Selbstverständlich aber führt der Weg zu einem angestrebten Ziel. Nicht das Erreichen des Zieles ist wichtig, sondern der Einsatz auf dem Weg und der Mut, immer wieder auch von vorn beginnen zu können.“ (55)

„Wandlung ist aber nur möglich, wenn wir loslassen können, wenn wir Verluste akzeptieren können, also letztlich, wenn wir einsehen, dass Gewinnen und Verlieren zum Leben gehören, dass wir nicht nur ‚Meisterdiebe‘, sondern auch ‚Meisterverlierer‘ sein müssen, um ein Thema des Mythos wieder aufzunehmen.“ (80)

„Das Loslassenkönnen erfordert mehr Mut als das Festhaltenwollen. Wir wissen ja jeweils nicht, wie sich das Leben verändert, wenn wir loslassen. Der Mythos sagt uns nur, was geschieht, wenn wir über die Zeit hinaus festhalten. Loslassen könnte dann aber dazu führen, dass Wandlung stattfinden kann.“ (80)

„Der Zusammenstoß des Unmöglichen mit dem Möglichen hat dem Menschen seine Grenzen aufgezeigt, keine starren, sondern verschiebbare, aber keinesfalls mehr ins Unendliche verschiebbare Grenzen. Der Mensch lernt, dass er ein gewöhnlicher Mensch sein darf, aber auch sein muss.“ (100)

„Gewöhnlich sein zu dürfen und zu müssen bedeutet, dass wir von vielen Größenideen und übertriebenen Ansprüchen Abschied nehmen dürfen und müssen.“ (100)

„Damit ist einerseits ein ständiges Abschiednehmen verbunden, andererseits ein immer größerer Grad von Freiheit. Abschiednehmen ist auch Befreiung hin zu Ideen, Werten, Forderungen an uns und andere, die wirklich zu uns gehören.“ (100)

„Gewöhnlichsein eröffnet sehr viele gewöhnliche Lebensmöglichkeiten. So besteht hier die Möglichkeit, den eigenen Interessen zu folgen, und nicht das zu tun, von dem man denkt, dass es im Moment am meisten Ansehen gibt.“ (101)

„Den eigenen Interessen nachhaltig zu folgen, bringt eine große Belebung mit sich.“ (101)

„Weil wir Menschen sterblich sind, müssen wir am Leben festhalten, unser Leben kreativ gestalten, so viel wie möglich aus diesem einen Leben machen.“ (122)

„Weil wir Menschen sterblich sind, müssen wir aber auch immer loslassen. Die Zeit, der Tod, und damit die Vergänglichkeit geben unserem Leben den Rahmen, der nicht aufzuheben ist. Innerhalb dieses Rahmens können wir Leben gestalten.“ (122)

„Würde der Stein plötzlich wirklich oben bleiben – was dann?“ (123)

Verw:ortet im August 2020: Hermann Hesse – Unterm Rad

Nach der Verfilmung von Hesses „Narziß und Goldmund“ haben wir im Kreis der Gefährten noch einmal Hesse gelesen, natürlich „Narziß und Goldmund“, aber auch „Unterm Rad“ und „Demian“ und „Siddartha“.

Sehr hilfreich zum Verstehen Hesses war der Band Michels, Volker (Hrsg.) (1987): Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/Main. Die Sätze aus „Unterm Rad“, die uns beschäftigten, ins Nachdenken und in die Freude an allem Lebendigen brachten, bilden in diesem Monat die Zitate zu „verw:ortet“. Sie sind entnommen aus: Hesse, Hermann (1996): Unterm Rad, Reihe „Die Romane und großen Erzählungen, Band 1, Frankfurt/Main, 159-328. Am Ende jedes Zitates steht die Seitenzahl in Klammern.

Die vierseitige Zusammenstellung von Zitaten, mit denen wir über die eigene Bildungsgeschichte ins Gespräch kamen, können Sie hier  herunterladen.

„Beide sahen nun einander ins Gesicht, und wahrscheinlich sah jeder in diesem Augenblick des andern Gesicht zum ersten Male ernstlich an und versuchte sich vorzustellen, dass hinter diesen jünglingshaft glatten Zügen ein besonderes Menschenleben mit seinen Eigenarten und eine besondere, in ihrer Weise gezeichnete Seele wohne.“ (230)

„Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner.“ (250)

„‘Willst du mir versprechen, dir ordentlich Mühe zu geben?‘ Hans legte seine Hand in die ausgestreckte Rechte des Gewaltigen, der ihn mit ernster Milde anblickte. ‚So ist’s gut, so ist’s recht, mein Lieber. Nur nicht matt werden, sonst kommt man unters Rad.‘“ (252)

„Wohin er schließlich käme, war ihm einerlei; wenigstens war er nun dem verhassten Kloster entsprungen und hatte dem Ephorus gezeigt, dass sein Wille stärker war als Befehle und Verbote.“ (266)

„All diese ihrer Pflicht beflissenen Lehrer der Jugend, vom Ephorus bis auf den Papa Giebenrath, Professoren und Repetenten, sahen in Hans ein Hindernis ihrer Wünsche, etwas Verstocktes und Träges, das man zwingen und mit Gewalt auf gute Wege zurückbringen müsse. Keiner, außer vielleicht jenem mitleidigen Repetenten, sah hinter dem hilflosen Lächeln des schmalen Knabengesichts eine untergehende Seele leiden und im Ertrinken angstvoll und verzweifelnd um sich blicken.“ (269)

„Es war kein Wunder, dass alles nicht heilen wollte. Jedes gesunde Leben muss einen Inhalt und ein Ziel haben, und das war dem jungen Giebenrath verlorengegangen.“ (287)

„Sein leichtes Schifflein, knapp dem ersten Schiffbruch entronnen war nun in der Gewalt neuer Stürme und in die Nähe wartender Untiefen und halsbrechender Klippe geraten, durch welche auch die bestgeleitete Jugend keinen Führer hat, sondern aus eigenen Kräften Weg und Rettung finden muss.“ (295)

„So viel Plage, Fleiß und Schweiß, so viel hingegebene kleine Freuden, so viel Stolz und Ehrgeiz und hoffnungsfrohes Träumen, alles umsonst, alles nur, damit er jetzt, später als alle Kameraden und von allen ausgelacht, als kleinster Lehrbub in eine Werkstatt gehen konnte!“ (309)

„Es hatte das Ansehen, der Junge sei plötzlich in der Blüte gebrochen und aus einer freudigen Bahn gerissen, und auch der Vater erlag in seiner Müdigkeit und einsamen Trauer dieser lächelnden Täuschung.“ (328)

Verw:ortet im Juli 2020: Marie Mannschatz – Buddhas Anleitung zum Glücklichsein

Fünf Hindernisse sind es, so lehrte Buddha, die uns davon abhalten, glücklich zu sein: Zweifel, Unruhe, Trägheit, unstillbares Verlangen und Widerwille. In welcher Gestalt sie in unserem Leben auftauchen und wie wir sie überwinden können, zeigt Marie Mannschatz anhand zahlreicher praktischer Hinweise und Übungen. Buddhistische Psychologie wird hier ganz konkret auf den Alltag angewandt. Wer seine eigenen Muster erkannt und akzeptiert hat, der kann sie auch verändern. So werden aus Hindernissen Herausforderungen, die das Leben erst interessant machen.

Alle Zitate sind entnommen aus: Mannschatz, Marie (2. Auflage 2010): Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihr Leben verändern, München. Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammern angegeben.

Auf Verw:ortet sind nur eine Auswahl der notierten Zitate abgedruckt. Eine diese Auswahl übersteigende Sammlung finden Sie hier.

„Wenn man alles, was einem begegnet, als Möglichkeit zu innerem Wachstum ansieht, gewinnt man innere Stärke. <Milarepa, tibetischer Meditationsmeister (1052-1135)>“ (4)

„Gebt jedem Problem, jeder Erfahrung einen einfachen Namen. Benennt den Geist, der mit Freude gefüllt ist, und den Geist, der mit Ärger erfüllt ist, benennt das Auftauchen und das Entschwinden von Erfahrungen. So wird euer Verständnis auf natürliche Weise wachsen. <Buddha>“ (16)

„Ich glaube, dass Lebenskunst zum großen Teil darin besteht, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind. Zweifel ist da offensichtlich hinderlich. Deshalb üben wir, den Zweifel LOSZULASSEN. Mit ganz viel Achtsamkeit können wir ihn aufspüren und ihm zurufen: ‚Da bist du ja, dich kenne ich schon, du hast mir noch nie gutgetan. Ich schenke dir keine weitere Aufmerksamkeit. Jeder Gedanke, den ich auf dich verwende, ist vergeudet.“ (37)

„Bei meiner Arbeit als Psychotherapeutin habe ich oft die Frage gehört: ‚Was soll ich nur tun? Woran merke ich, ob es sinnvoll ist, in einer zweifelhaften Lage auszuharren oder einen Schlussstrich zu ziehen? Welche Heichen soll ich lesen lernen?‘ Nach ausführlichem gemeinsamem Abwägen der Situation entstand häufig der Eindruck, dass es vorrangig darum geht, wieder in BEWEGUNG ZUKOMMEN, dass es ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘ gar nicht gibt, da jegliche Bewegung in eine Richtung in festgefahrenen Lebenssituationen nur gut sein kann.“ (40)

„Wie alle Wasser in den großen Meeren nur einen einzigen Geschmack haben – den Geschmack von Salz -, so haben auch alle wahrhaftigen Lehren nur einen einzigen Geschmack – den Geschmack von Freiheit. <Buddha>“ (47)

„Trägheit ist […] die Beharrlichkeit, mit der ein Körper in Ruhe oder Beweglichkeit verbleibt, solange keine gegensätzlichen Kräfte auf ihn einwirken. Trägheit bedeutet: Es wird keine Ursache für eine NEUE BEWEGUNGSRICHTUNG geben.“ (75)

„Der träge Mensch lebt am liebsten unter der Bettdecke und vergeudet seine Energien mit Nebensächlichkeiten, die ihn von der Erfüllung vorrangigere Aufgaben abhalten. Auf der Gefühlsebene dominiert Lustlosigkeit, zuweilen auch ein dumpfer Trotz. Nichts macht Freude. Wozu Aufstehen, wenn es kein Entrinnen gibt aus dem selbst fabrizierten Labyrinth von Gewohnheiten? Das Neue, das Unbekannte wirkt so bedrohlich, dass es besser nicht wahrgenommen wird.“ (76)

„Nicht, weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig. <Seneca>“ (82)

„Großzügiges Geben steht bei allem, was Buddha lehrt, am Anfang. Da er die Ursache für menschliches Leiden im zwanghaften, gierigen Raffen und Festhalten sieht, liegt die Heilung vom Leiden logischerweise im LOSLASSEN. Buddha lehrt, dass wir keine Schwierigkeiten haben wegen der Reichtümer, die wir besitzen, sondern wegen der Beziehung, die wir zu diesen Reichtümern haben.“ (109f)

„Furcht zeigt sich auch in der Angst vor Veränderung, wenn wir allzu fest am Gewohnten haften. Im Geist bewirkt Furcht GEDANKENSCHLEIFEN mit bedrohlichen Bildern, Worten, Szenen, die wir immer wieder durchspielen.“ (130f)

„Furcht benebelt unsere Gedanken, sie vereitelt, dass wir erkennen, was uns wirklich hindert. Unter dem Einfluss von Furcht werden wir schnell nervös und übererregt. Zu viel Furcht macht uns müde oder gleichgültig, bewirkt sogar Apathie. Furcht zeigt sich auch in der Angst vor Veränderung, wenn wir allzu fest am Gewohnten haften. Im Geist bewirkt Furcht GEDANKENSCHLEIFEN mit bedrohlichen Bildern, Worten, Szenen, die wir immer wieder durchspielen.“ (130f)

„In der buddhistischen Psychologie wird zwischen MITLEID und MITGEFÜHL unterschieden. Im Mitleid ist eine Ablehnung des Schmerzes enthalten. Mitleid sagt unbewusst: ‚Du Arme! Ich gebe dir etwas, damit ich deinen Schmerz schnell wieder vergessen kann“. Und stellt sich innerlich über den Leidenden. Mitgefühl sagt: ‚Dein Schmerz ist auch mein Schmerz‘, es verbindet Gleich und Gleich. Mitgefühl entscheidet nicht zwischen ‚Richtig‘ und ‚Falsch‘. Mitgefühl hat nur ein Ziel: Leiden verringern.“ (147f)

Verw:ortet im Juni 2020: Olga Tokarczuk – Der liebevolle Erzähler / Wie Übersetzer die Welt retten

Alle Zitate sind entnommen aus: Tokarczuk, Olga (2020): Der liebevolle Erzähler. Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Mit einem Essay ‚Wie Übersetzer die Welt retten‘, Zürich. Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben. Ich bedanke mich bei Martin Berghane, Gelsenkirchen, für den guten Austausch und die gemeinsame Auswahl. An dieser Stelle sind nur einige Zitate aufgelistet. Unsere gemeinsam erstellte Sammlung finden Sie hier.

— aus: Der liebevolle Erzähler —

„Wenn man jemanden vermisst, bedeutet das, dieser Jemand ist schon da.“ (13)

„Die Welt ist ein Stoff, an dem wir täglich weben – auf großen Webstühlen verarbeiten wir die Fäden aus Nachrichten, Debatten, Filmen, Büchern, Klatsch und Tratsch, Anekdoten.“ (15)

„Wer an der Geschichte webt, hat die Macht.“ (15)

„Nimmt das Erzählte einen anderen Lauf, so ändert sich der Lauf der Welt. In diesem Sinne ist die Welt aus Worten geschaffen.“ (15)

„Seit die Lüge zu einer – wenngleich immer noch reichlich primitiven – Massenvernichtungswaffe geworden ist, hat sich das Vertrauen der Leser in die Fiktion verflüchtigt. Immer häufiger stellt man mir die Frage, die Ungläubigkeit schwingt darin mit: „Ist es denn wahr, was Sie da geschrieben haben?“ Und jedesmal habe ich das Gefühl, das Ende der Literatur sei nahe – klingt doch diese in der Wahrnehmung der Leser harmlose Frage für schriftstellerische Ohren wahrhaft apokalyptisch. Was soll ich darauf antworten? Wie lässt sich der ontologische Status eines Hans Castorp, einer Anna Karenina oder eines Pu der Bär erklären?“ (30f)

„Somit stellt Literatur Fragen, auf die Wikipedia keine Antworten bereithält – verlassen diese Fragen doch den Bereich der reinen Fakten und Ereignisse und knüpfen direkt an unsere Erfahrung an.“ (34)

„Unsere Spiritualität schwindet, oder sie wird oberflächlich und rituell. Oder aber wir werden zu Gefolgsleuten simpler Kräfte – physischer, gesellschaftlicher oder ökonomischer -, die uns lenken, als wären wir Zombies. Und in einer solchen Welt sind wir das tatsächlich: Zombies.“ (43)

„Eine Geschichte zu erzählen bedeutet, Leben zu verleihen und all die Bruchstücke der Welt – die menschlichen Erfahrungen, durchlebte Situationen, Erinnerungen – zur Existenz zu bringen.“ (58f)

Die liebevolle Zuneigung ist die bescheidenste Form der Liebe. Sie findet keine Erwähnung in der Heiligen Schrift oder in den Evangelien, niemand schwört bei ihr, niemand beruft sich auf sie. Sie besitzt keine Embleme, keine Symbole, sie bietet keinen Grund für Verbrechen oder Eifersucht. Stattdessen taucht sie überall dort auf, wo wir unseren Blick eingehend und behutsam auf ein anderes Sein richten, auf etwas, das nicht ‚Ich‘ ist.“ (59)

„Liebevolle Zuneigung ist spontan und selbstlos, sie geht weit über empathisches Mitfühlen hinaus. Vielmehr ist sie eine bewusste – bisweilen vielleicht etwas melancholische – Einfühlung in ein anderes Leben, ein anderes Schicksal.“ (59f)

„Der liebevolle Blick bedeutet, ein anderes Sein anzunehmen und aufzunehmen, in seiner Zerbrechlichkeit, seiner Einzigartigkeit, seiner Wehrlosigkeit gegen Leiden und das Wirken der Zeit.“ (60)

„In der zugeneigten Betrachtung entdecken wir Bande zwischen uns, Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen. Sie zeigt die Welt als lebend und lebendig, als ineinander verbunden, voneinander abhängig, zusammenwirkend.“ (60)

„Literatur gründet auf der liebevollen Zuneigung, die wir jedem anderen Sein entgegenbringen. Und das ist der entscheidende psychologische Mechanismus des Romans. Dem wunderbaren Instrument der liebevollen Zuneigung – der raffiniertesten Art menschlicher Kommunikation – ist es zu verdanken, dass unsere Erfahrung durch die Zeit reisen und jene erreichen kann, die noch nicht geboren sind, aber einmal das zur Hand nehmen werden, was wir über uns und unsere Welt erzählt haben.“ (60f)

— aus: Wie Übersetzer die Welt retten —

„Etwas falsch oder nicht zu verstehen bedeutet Einsamkeit und eine Distanz, die sich immer dann einstellt, wenn man als Einziger den Kontext nicht kennt.“ (68)

„Dies ist die eindringlichste und schamvollste Erfahrung von Introversion – wir schämen uns, wenn wir etwas nicht verstehen. Unsere Kultur erzieht uns dazu, alles verstehen zu wollen, und gibt uns so die Möglichkeit der Kontrolle über die Welt. Einem Menschen, der etwas nicht versteht, ist diese Möglichkeit genommen.“ (68f)

„Literatur beginnt also in jenem speziellen Moment, in dem unsere individuelle, einzigartige Sprache mit der Sprache anderer Menschen zusammentrifft. Literatur ist der Raum, in dem das Private öffentlich wird.“ (90)

„Jede Generation hat ihre eigene Sprache zur Beschreibung der Welt, ja, vielleicht hat heute sogar jedes Jahrzehnt seine eigene Sprache – und wir Sprecher sind uns häufig ihrer Kurzlebigkeit und Eingeschränktheit, ihrer ausschließlichen Fähigkeit zur Artikulierung dessen, was sich innerhalb ihrer Grenzen befindet, nicht einmal bewusst.“ (96)

„Es gibt keine schlimmere Krankheit als den Verlust der individuellen Sprache, wenn ein Mensch eine kollektive Sprache gänzlich zu seiner privaten macht. An dieser Krankheit leiden Beamte, Politiker, Akademiker und auch Geistliche.“ (96)

„Die einzig mögliche Therapie ist die Literatur – der Umgang mit der schöpferischen Sprache wirkt wie eine Impfung gegen eilends zusammengezimmerte und rein instrumental behandelte Weltsichten.“ (96f)

Verw:ortet im Mai 2020: Franz Gmainer-Pranzl – Alleine leben – andere begleiten

Alle Zitate sind entnommen aus: Gmainer-Pranzl, Franz (2011): Alleine leben – andere begleiten, in: ders. (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg. Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben.

Der Autor kritisiert die Unterteilung der Stände in der Kirche in verheiratet/nicht verheiratet. Er führt den Begriff der „Gefährtenschaft“ als dritte Lebensform neben der Lebensform der (exklusiven) Partnerschaft und der Lebensform der (inklusiven) Gemeinschaft als mögliche aus Glauben gewählte Lebensform ein. Sein Ziel ist die Beschreibung einer Theologie der Lebensformen, die er in sieben Thesen zusammenfasst. Im Blick auf die gewählte Lebensform sind der Selbststand und die Begleitung die Kennzeichen der Gefährtenschaft der allein lebenden Menschen neben den in exklusiver (Paarbeziehung) und inklusiver Gemeinschaft (z.B. Ordensgemeinschaften) lebenden Menschen.

„Was heißt es, aus christlicher Motivation heraus als Gefährte/Gefährtin zu leben? Was bedeutet es, den eigenen Weg alleine zu gehen und dabei auch andere Menschen zu begleiten?“ (72f)

„Eine Theologie christlicher Lebensformen […] leitet Menschen dazu an, den Fragen ihres Lebens und dem Anspruch ihrer Berufung gerecht zu werden.“ (73)

Erstens: […] Alleine zu leben […], und zwar bewusst und ohne ein kirchliches Amt, ist eine Lebensform, die immer wieder der Erklärung bedarf.“ (73)

Zweitens ist festzuhalten, dass es hier um eine bewusste Entscheidung geht, alleine, aber nicht beziehungslos zu leben.“ (74)

„Daraus ergibt sich drittens, dass eine positive Explikation der Lebensform der Gefährtenschaft gefragt ist. Es ist wenig attraktiv, immer nur zu erklären, was man im Gegensatz zu anderen ‚nicht darf‘; demgegenüber ist es viel spannender, Sinn und Ziel der Entscheidung, alleine zu leben, angeben zu können.“ (75)

„Nicht das Ausgrenzen von Sexualität, sondern das Dasein-Wollen für andere Menschen charakterisiert die Gefährtenschaft; nicht darum geht es, ‚besser‘ als andere sein zu wollen, sondern die allen geschenkte Berufung zum Christsein in einer bestimmten – zu Ehe und Gemeinschaft alternativen – Weise zu leben.“ (75f)

„Gefährtenschaft heißt […] nicht, isoliert oder asexuell zu leben, sondern das, was Menschsein und Christsein ausmacht, in einer anderen Lebenskonstellation zu verwirklichen.“ (76)

„Diese Lebenskonstellation – und das ist der vierte Punkt – möchte ich als partizipative Weggemeinschaft charakterisieren. Dieser Begriff meint, dass die Teilnahme an der ‚Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art‘, das Prinzip dieser Lebensform darstellt. Gefährtenschaft ist eine zutiefst partizipative Art und Weise zu leben.“ (76)

Fünftens: „Als Gefährte/Gefährtin zu leben bedeutet, geistig und geistlich auf dem Weg zu bleiben und von daher immer wieder aus Sicherheiten und Geborgenheit aufzubrechen. Die Gefährtenschaft ist die am wenigsten gesicherte Lebensform. Sie kennt weder eine exklusive (Partnerschaft) noch eine inklusive Bindung (Gemeinschaft), sondern versteht sich als partizipativ, als Wegbegleitung anderer durch Menschen, als selbst-ständige bzw. allein-stehende Form christlicher Existenz.“ (78)

„Die Fähigkeit, in einer guten Weise alleine zu leben, selbstständig und beziehungsfreudig zu sein und sich in allem eine echte innere Freiheit zu bewahren, stellt zweifellos das Schlüsselkriterium authentischer Gefährtenschaft dar.“ (78)

Sechstens: „Markiert das Leben in einer Beziehung vor allem das Verbundensein und das Leben in Gemeinschaft das Solidarischsein, bezeichnet die Gefährtenschaft das Unterwegssein. […] In der vielfältigen Vernetzung mit unterschiedlichen Menschen, in einer gewissen Distanz zu Traditionen und kulturellen/gesellschaftlichen/religiösen Plausibilitäten sowie in der Bereitschaft, immer wieder neu aufzubrechen, erschließen Gefährten und Gefährtinnen noch unentdeckt Lebens- und Glaubensräume.“ (80)

„Wenn das Christsein im Allgemeinen und die Gefährtenschaft im Besonderen zur bloßen Bestätigung des gesellschaftlich Selbstverständlichen wird, wenn Christen in der Weise ‚sesshaft‘ geworden sind, dass ihr Glaube nicht mehr ‚unterwegs‘, zu neuen Aufbrüchen fähig ist, dann ist etwas Entscheidendes verloren gegangen und die Gefährtenschaft zum Junggesellentum mutiert.“ (80)

Siebtens: „Was hier auf dem Spiel steht, […] ist jene innere Dynamik, die Christen zu ‚neuen Menschen‘ macht: die Freiheit, die Christus schenkt (2 Kor 3,17; Gal 5,1.13). Diese bestürzende und beglückende Erfahrung versetzt Menschen nicht in eine religiöse Sonderwelt, sondern befähigt sie zu einer ungeheuren Hoffnung: ‚Freiheit heißt sich an die Geschichte zu binden, um sie zu retten‘[1], wie Jon Sobrino SJ betont; und er unterstreicht: ‚Die christliche Freiheit ist im Letzten die Freiheit zu lieben.‘[2] (79f)

„Wenn die Lebensform der Gefährtenschaft diese christliche Freiheit nicht auf existenzielle Weise verkörpert, wenn Menschen, die als Gefährten/Gefährtinnen leben, nicht für die Radikalität einer größeren Hoffnung und Liebe stehen, ist es um das Zeugnis des Glaubens geschehen.“ (80)

[1] Sobrino, Jon (2008): Der Glaube an Jesus Christus. Eine Christologie aus der Perspektive der Opfer, Ostfildern 2008, 134.

[2] ebd.

Verw:ortet im April 2020 – nach Ostern: Hans Zollner – Psychologische und spirituelle Gedanken zum Charisma des Singles

Alle Zitate sind entnommen aus: Zollner, Hans (2011): Kundschafter des Glaubens. Psychologische und spirituelle Gedanken zum Charisma der Singles, in: Gmainer-Pranzl, Franz (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg.  Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben.

„Spiritualität ist der Weg, wie Menschen auf das Geheimnis des Lebens und die Offenbarung Gottes antworten, gebunden an die kulturellen und geschichtlichen Umstände der jeweiligen Zeit.“ (13)

„Der postmoderne Ich-Orientierte strebt leidenschaftlich danach, frei, spontan, unabhängig und ohne Begrenzungen durch Vor- und Maßgaben selbst bestimmen zu können. Das Selbst entwickelt sich so in einem steten Suchprozess, der nie abgeschlossen ist.“ (18)

„Was in einer traditionellen Gesellschaft durch Rolle, Schicht und Religion selbstverständlich vermittelt wurde, muss heute aktiv erworben werden, zumal alles irgendwie gleichwertig erscheint und so beliebig wird. Abwechslung und Aufregung als Dauerzustand ist jedoch nicht jedermanns Sache.“ (18)

„Einerseits wird das Selbst bzw. die Identität als etwas beschrieben, das zu keinem Zeitpunkt des Lebens ‚gegeben‘ oder ‚verwirklicht‘ ist. Statt einer festen Identität wird eine fragmentierte Persönlichkeit angenommen. Im ständigen Fluss von Wandel und Veränderung ist jeder Mensch herausgefordert, sich immer neu zu finden.“ (20)

„Andererseits wird die Idee des Selbst oder einer Identität keineswegs ganz aufgegeben. Das eigene Leben wird zwar als eine Abfolge von einzelnen Lebensprojekten erlebt. Wenn diese Einzelprojekte jedoch in einer Kontinuität zueinander stehen und zu einer authentischen Kohärenz führen, entsteht ein innerer Sinnzusammenhang. Dies eröffnet die Chance, dass es zu einer Selbst-Findung kommt, in der ich immer mehr in mein ‚Eigenes‘ komme und in der sich mein Sein immer mehr formt.“ (20)

„Innerhalb der Undurchschaubarkeit und Rätselhaftigkeit des Lebens ist jede und jeder gefordert, sich sein eigenes Leben zusammenzubasteln und gleichzeitig entweder die Frage nach dem Sinn von Zeit und Endlichkeit und dem Sinn des Lebens zu beantworten oder sie ‚erfolgreich‘ zu verdrängen. Beides ist auf unterschiedliche Weise anstrengend.“ (24f)

„Wenn die Umstände (der Gesellschaft wie diejenigen des einzelnen Lebens) sich ändern – und sie haben sich allgemeinem Empfinden radikal geändert -, dann muss sich auch die Weise ändern, wie wir Gott suchen. Dann müssen Glauben, Gebet und christliches Handeln ‚mitwachsen‘, Die Kirche muss sich neu inkarnieren in ihren Formen, ihrem Stil, ihren Adressaten.“ (31)

„In den Pfarrgemeinden mit ihrem Fokus auf Sakramentenpastoral und den verschiedenen Gruppen und Gremien bleibt kaum Zeit und Platz für Singles. Wie sollen denn spirituelle Nomaden dazu gebracht werden, sesshaft zu werden?“ (32)

„Die Exerzitien sind kein Weg, sich religiös zu bilden. Sie sollen uns helfen, zu erspüren, wie Gott mitten in unserem verwirrenden, aufregenden und herausfordernden Leben wirkt, und besser zu entscheiden, wie wir ihm näher folgen und ihm und den Menschen dienen können.“ (33)

„Gott muss nicht erfunden, sondern gefunden werden. Das ist aber nur möglich in einer intensiven und persönlichen Weise, Gott zu suchen.“ (34)

„Wenn es tatsächlich heute schwer ist, verbindlich Beziehungen zu leben, dann kann auch die Beziehung zu Jesus Christus keine Ausnahme bilden. Sich an einen persönlichen Gott, an Jesus von Nazareth zu binden, kann dann schwierig werden. Schwer wird es besonders dann, wenn ich wenig Vorbilder oder Weggefährten für diesen Weg habe und wenn ich meinen Alltagsweg alleine gehe oder gehen muss.“ (34f)

„Dann wäre dies das Charisma christlicher Singles: durch ihr ‚Dasein‘ und ihr ‚Dortsein‘, durch ihre Lebensweise und die Orte, an denen sie Gott suchen, den Gott Jesu Christus’ für sich, für andere und für die Kirche zu suchen und zu finden.“ (3.)

Verw:ortet im April 2020 – bis Ostern: Albert Camus – Die Pest

Alle Zitate sind entnommen aus: Camus, Albert (6. Aufl. 1989): Die Pest, Reinbek.  Die Quellenangaben sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben.

„Die Pest überließ sie auch dem Müßiggang, zwang sie, sich in der trüben Stadt im Kreis zu bewegen und Tag für Tag die Beute der enttäuschenden Spiele der Erinnerung zu werden.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 47.)

„So brachte die Pest unseren Mitbürgern als erstes die Verbannung. […] Denn das war wirklich das Gefühl der Verbannung, jene Leere, die wir unablässig in uns trugen, diese besondere innere Unruhe, der unvernünftige Wunsch, in die Vergangenheit zurückzukehren oder im Gegenteil die Zeit vorwärts zu treiben ,diese brennenden Pfeile der Erinnerung.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 47f.)

„In dieser äußersten Einsamkeit konnte niemand auf die Hilfe des Nachbarn zählen, und jeder blieb mit seinen Gedanken allein.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 50.)

„Viele hofften indessen, die Seuche werde aufhören und sie werde sie und die ihren verschonen. Infolgedessen fühlten sie sich noch zu nichts verpflichtet.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 62.)

„Hinsichtlich der Religion wie vieler anderer Probleme flößte die Pest ihnen eine merkwürdige Geisteshaltung ein, die weder Gleichgültigkeit noch Leidenschaft kannte und die sehr gut mit dem Wort ‚Unvoreingenommenheit‘ bezeichnet werden kann.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 62.)

„Alle schritten oder lebten an den Klagen vorbei, als wären sie die natürliche Sprache der Menschen.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 73.)

„Ich bin froh, dass er besser ist als seine Predigt.“ – „Alle Leute sind so“, antwortete Tarrou lächelnd und zwinkerte Rieux zu, „sie müssen nur die Gelegenheit dazu haben.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 99.)

„Mich interessiert nur noch, von dem zu leben und an dem zu sterben, was ich liebe.“ (108) (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 108.)

„Man muss es wohl aussprechen: die Pest hatte alle der Fähigkeit zur Liebe und sogar zur Freundschaft beraubt. Denn die Liebe verlangt ein wenig Zukunft, und für uns gab es nichts mehr als Augenblicke.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 120.)

„Rieux richtete sich auf und sagte mit fester Stimme […], man brauche sich nicht zu schämen, wenn man das Glück vorziehe. ‚Ja‘, sagte, Rambert, ‚aber man kann sich schämen, allein glücklich zu sein.'“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 136.)

„‘Vielleicht sollten wir lieben, was wir nicht begreifen können.‘ – ‚Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 142f.)

„Wir arbeiten miteinander für etwas, was uns jenseits von Lästerung und Gebet vereint. Das allein ist wichtig.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 143.)

„‚Eigentlich‘, sagte Tarrou schlicht, ‚möchte ich gerne wissen, wie man ein Heiliger wird.‘ – ‚Aber Sie glauben ja nicht an Gott.‘- ‚Eben. Kann man ohne Gott ein Heiliger sein, das ist das einzig wirkliche Problem, das ich heute kenne.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 167.)

„Ich glaube, dass ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 167.)

„Aber er, Rieux, was hatte er gewonnen? Sein einziger Gewinn war, dass er die Pest gekannt hatte und ihm die Erinnerung daran blieb, dass er die Freundschaft gekannt hatte, und ihm die Erinnerung daran blieb, dass er die innige Verbundenheit kannte und ihm eines Tages nur noch die Erinnerung daran bleiben würde.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 190.)

„Alles, was der Mensch im Spiel der Pest und des Lebens gewinnen konnte, waren Erkenntnisse und Erinnerung.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 190.)

„Wenn es etwas gibt, das man immer ersehnen und manchmal auch erhalten kann, so ist es die liebevolle Verbundenheit mit einem Menschen. Das wussten sie jetzt.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 197.)

„Er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 202.)

Verw:ortet im März 2020: Madeleine Delbrêl – Gott einen Ort sichern

Alle Zitate sind entnommen aus: Schleinzer, Annette (Hg.) (22010): Madeleine Delbrêl. Gott einen Ort sichern. Texte-Gedichte-Gebete, Ostfildern. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

„Manchmal heißt Schweigen, den Mund zu halten, immer aber heißt es Lauschen.“ (61)

„Wenn wir zusammenkommen, um das Evangelium miteinander zu lesen, tun wir das nicht, um Studien zu betreiben, sondern um bei ihm Zuflucht zu finden. Betend, suchend und aufmerksam hörend versammeln wir uns um die Person Jesu, um das, was er gesagt hat, um das, was er getan hat. Wir bringen unser Leben mit ihm in Kontakt, so, wie es ist – damit er es immer mehr zu dem werden lässt, was es sein soll.“ (44)

„Wenn der Tag so vollgestopft ist, dass Pausen unmöglich sind, wenn unsere Kinder, der Mann, das Haus, die Arbeit fast alles beanspruchen, dann fordert es so viel Glaube von uns und so viel Achtung, dass wir wissen: seine göttliche Kraft kann ihm (i. e. dem Wort Gottes, H.K.) stets Raum verschaffen. […] Denn das Wort hat seinen Platz gefunden: ein armes und warmes Menschenherz, das ihm Wohnung bietet.“ (46)

„Die Liebe ist das forschende Suchen nach den einzig absoluten Reichtümern, die Entdeckung der mächtigsten Energien, die belebendste Erfahrung des Lebens, die Erkundung einer Geschichte, in der alle Einzelschicksale zusammenlaufen und in die wir selbst hineinverwoben sind.“ (49)

Verw:ortet im Februar 2020: Ajahn Brahm – Der Elefant, der das Glück vergaß

Alle Zitate sind entnommen aus: Brahm, Ajahn (2014): Der Elefant, der das Glück vergaß. Buddhistische Geschichten, um Freude in jedem Moment zu finden, 23. Auflage, München. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammern angegeben.

„Es war in Thailand vor vielen Jahren, als Ajahn Chan eines Tages vor seinem allmorgendlichen Almosengang zurückkehrte, am Wegrand einen Stock aufhob und fragte: ‚Wie schwer ist dieser Stock?‘ Bevor noch irgendjemand antworten konnte, warf Ajahn Chan den Stock in die Büsche und sagte: ‚Schwer ist der Stock nur, solange ihr ihn festhaltet. Sobald ihr ihn wegwerft, ist sein Gewicht dahin.‘“ (30)

„Eines möchte ich den Eltern, die dieses Buch lesen, hinter die Ohren schreiben: Bitte sagt euren Kindern, dass ihr sie, wenn sie die Wahrheit sagen, nie bestrafen und ihnen auch keine Vorhaltungen machen werdet, was immer auch sie getan haben mögen.“ (119)

„Wo Strafe droht oder auch nur eine Rüge, wird nie die Wahrheit gesagt werden. Deshalb kennen wir im Buddhismus keine Strafen.“ (119)

„Nur wo es Vergebung gibt, kann es auch Wahrheit geben.“ (121)

„Jetzt wissen Sie auch, warum es uns Menschen so schwerfällt, zur Ruhe zu kommen. Denn die meisten von uns haben einen Affengeist, und das bedeutet: Ich erledige das nur noch kurz, dann setze ich mich ganz ruhig hin und meditiere.“ (125)

Verw:ortet im Januar 2020: Ilka Scheidgen – Hilde Domin. Dichterin des Dennoch

Alle Zitate sind entnommen aus: Scheidgen, Ilka (2018): Hilde Domin. Dichterin des Dennoch, 2. Auflage, Lahr. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

„Ganz wesentlich für mich ist, mit offenen Armen auf den anderen zugehen, an das Gute im Menschen zu glauben, an das Wunder zu glauben, weil man Vertrauen übt.“ (91)

„Es geht um das Begreifen, dass das Zuhause stets etwas Verlierbares ist. ‚Jedes Ausgestoßenwerden in Fremdes ist Geburt.‘ Es wird der Versuch einer Wiedereingliederung beschrieben, die sich dann als ‚zweites Paradies‘ erweisen könnte. ‚Das zweite Paradies, weißt Du. Es ist nicht weniger Paradies als das frühere. Wir müssen nur erst durch die Wirklichkeit hindurch.‘ Allerdings besteht ein gravierender Unterschied zum ersten Paradies, das einem geschenkt wurde. Das zweite muss aktiv erworben werden. […] ‚Das Zuhause sind wir. Die Fremde sind wir. Wir erwarten uns. Jeden Morgen. Wir wissen es und wir denken es. Mit Hoffnung. Auch mit Angst.‘“ (128)

„Erwachsensein ist Nicht-Bekommen, was man will. Und es wissen und den Mangel einbauen. […] Erwachsensein ist Sehen, wie das, was man in der Hand hält, etwas anderes wird. Und es nicht ändern können.“ (129)

„Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht; so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkür in den Worten. Das ist alles, worauf es ankommt.“ (151)

Verw:ortet im Dezember 2019: Eugen Drewermann – Die sieben Tugenden

Alle Zitate sind entnommen aus: Drewermann, Eugen (2012): Die sieben Tugenden, Ostfildern. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

„Menschen ändern sich in allem, doch sie können sich in allem nur ändern, wenn sie eine […] leise Stimme vernehmen, die ihnen sagt: Aber du bist doch mein Sohn, meine Tochter, – ein Wort, in dem Gott wie mütterlich, wie väterlich erscheint. Erst wenn dieses Wort gilt, fände es ein Ende damit, sich Gott verdienen zu müssen durch Opfer, durch Priestervermittlung, durch theologische Traktate der Orthodoxie; vielmehr wüchse eine kindliche Unmittelbarkeit heran, die Gott nicht mehr zutraut, über die Hilflosigkeit der Menschen den Stab zu brechen und Gerechtigkeit aus ihnen herauszuwürgen, nur um ein abstraktes Gesetz zu erfüllen.“ (21)

„Wir haben mit dem Begriff Glauben nichts weiter vor uns als einen an den Himmel geworfenen Gruppenegoismus, als einen planungsvollen Terror zur Einschüchterung von Menschen; nicht Freiheit, vielmehr der Kampf gegen die Freiheit ist ein solcher ‚Glaube‘; nicht Menschlichkeit, sondern der Ersatz der Person durch eine geistige, will sagen: ungeistige Behörde ist dieser ‚Glaube‘. Er ist ein Begriffsfetischismus von Redensarten, die in sich selbst wie magisch Gott herbeizaubern sollen. Ein solcher Glaube verwechselt dir Hörsamkeit gegenüber Gott mit Gehorsam gegenüber kirchlichen Institutionen. Von daher muss man die ersten drei Tugenden im Christentum insgesamt anders übersetzen, als sie klingen: Es geht nicht um Glauben, Hoffnung und Liebe, es geht: um Gehorsam, Treue und Pflicht.“ (25)

„Verstehen wir also, was im Namen dieses Mannes Glauben heißen müsste? Verstehen wir, wie sich das Leben von daher ändern würde? Wir hätten mit dem Wort Glauben eine Anwendungsformel zur Lösung so gut wie aller peinigenden Lebensumstände. Sie lautet in etwa: ‚Lass sie doch machen, was sie wollen! Tu das, was du innerlich im Angesicht der Not anderer Menschen für richtig findest. Niemand kann dich daran hindern, es sei denn, du selber nimmst das, was die anderen wollen, unter dem Druck der Angst als Befehl in dich auf. Aber das muss nicht sein. Bleib bei dem, was du selber am deutlichsten fühlst.'“ (32)

„Das Furchtbare ist, dass wir genau wüssten, was richtig ist, aber dann kommt so etwas wie Angst daher und bringt alles durcheinander!. Deshalb muss man vielleicht, um zu glauben, ein bisschen schon doch ‚wissen‘. Man muss zum Beispiel die Geschichte des JESUS VON NAZARETH erzählen. Es war ein einziges Mal in der Geschichte der Menschheit, dass jemand wie der Mann aus Nazareth versuchte, ob’s nicht anders ging. Und das wird nun die alles entscheidende Frage: ob wir es mit ihm für möglich halten, dass es tatsächlich anders ginge, denn anders ist kein Leben! An Fragen dieser Art entscheidet sich’s.“ (34)

Verw:ortet im November 2019: Richard Rohr – Die Liebe leben. Was Franz von Assisi anders machte

Alle Zitate sind entnommen aus: Rohr, Richard (2014): Die Liebe leben. Was Franz von Assisi anders machte, Freiburg. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

» Das Evangelium ist keine Feuerversicherung für die nächste, sondern eine Lebensversicherung für diese Welt.« (17)

» Das Traurige an der Mystik ist die Tatsache, dass das Wort selbst so sehr mystifiziert worden ist. Als wäre Mystik nur etwas für ganz wenige Auserwählte. Für mich bedeutet das Wort einfach ‚experimentelles Wissen spiritueller Dinge‘, im Gegensatz zum Wissen aus Büchern, aus zweiter Hand oder aus der kirchlichen Lehre. « (18)

» Die häufigste Versuchung für uns alle besteht darin, dass wir die Zugehörigkeit zur richtigen Gruppe und das Praktizieren der richtigen Rituale als Ersatz für jede persönliche, lebensverändernde Begegnung mit dem Göttlichen benutzen. « (21f)

Verw:ortet im Oktober 2019: Yuval Harari – 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Alle Zitate sind entnommen aus dem Kapitel „Religion“ in: Harari, Yuval Noah (2018): 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, München. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

» In den eifernd-geifernden Predigten mancher evangelikaler Pastoren in den USA ist vom Widerstand gegen Umweltgesetze die Rede, während Papst Franziskus im Namen Jesu Christi gegen den Klimawandel mobil macht (wie sich seiner zweiten Enzyklika Laudato si‘ entnehmen lässt). Insofern wird im Jahr 2070 der Hauptunterschied in Umweltfragen vielleicht nur darin bestehen, ob man evangelikaler oder katholischer Christ ist. Selbstverständlich werden Evangelikale gegen jede Einschränkung der Co2-Emissionen sein, während Katholiken der Überzeugung sein werden, dass schon Jesus den Umweltschutz gepredigt hat. « (215f)

» Und so werden Religionen im 21. Jahrhundert keinen Regen bringen und keine Krankheiten heilen, keine Bomben bauen – aber sie werden weiter darüber bestimmen, wer ‚wir‘ sind und wer ’sie‘ sind, wen wir heilen und wen wir bombardieren sollen. « (217)

» Religionen, Riten und Rituale werden so lange wichtig bleiben, wie die Macht der Menschheit auf massenhafter Kooperation beruht und massenhafte Kooperation auf dem Glauben an gemeinsamen Fiktionen basiert. « (222)

» Wir sitzen also ziemlich in der Klemme. Die Menschheit bildet heute eine einzige Zivilisation, und Probleme wie der Atomkrieg, der ökologische Kollaps und die technische Disruption lassen sich nur auf globaler Ebene lösen. Andererseits spalten Nationalismus und Religion unsere menschliche Zivilisation noch immer in verschiedene und oftmals feindliche Lager. « (223)