Vierter Adventssonntag:
(In) Gottes Traum leben

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Gottes Traum – als gen.subj. und gen.obj.

Du kennst diesen Spleen von mir wahrscheinlich schon – ich liebe es, Genitivwendungen daraufhin zu betrachten, wie sie sich verändern, je nachdem sie „Subjektgenitive“ sind, bei denen das Genitivwort das Subjekt der Handlung ausdrückt – bei „Gottes Traum“ liegt der „Subjektgenitiv“ vor, wenn es um einen Traum geht, den Gott höchstpersönlichhat.

Oder ob sie „Objektgenitive“ sind, bei denen das Genitivwort sich auf ein Objekt bezieht, zu dem du dich verhalten kannst und das auch ausgetauscht werden kann – bei „Gottes Traum“ steht dann der Traum im Zentrum, es könnte aber auch Gottes Wohnung, Gottes Handeln, Gottes Barmherzigkeit, Gottes Zorn usw. in einer solchen genitivischen Wendung angeschaut werden.

Zwischen diesen beiden Betrachtungen einer Genitivwendung können Welten liegen, oder Wege, die sie verbinden. Das Evangelium vom Engel des Herrn, der dem schlafenden Josef im Traume erscheint, gibt Zeugnis davon.

» Christus steht vor der Tür, er lebt in Gestalt des Menschen unter uns, willst du ihm die Tür verschließen oder öffnen? «
Bonhoeffer, Dietrich (2015): Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931, DBW Bd. 10, Gütersloh, 533.

Gottes Traum vom Menschen

Als Voraussetzung oder Grundlage für diese Gedanken zum vierten Advent und seinem Evangelium setze ich an bei „Gottes Traum“, den er (gen.subj.) vom Menschen hat. Es ist meine Version des Menschentraums Gottes, eine Version, die ich verstanden zu haben glaube und die sich von deiner Version unterscheiden mag – und ich mache die Version dieses Traumes fest an zwei Zeugnissen der Träume Gottes in der Heiligen Schrift.

Zunächst: Gott träumt in der Genesis, dem ersten Buch der Bibel, von einem von ihm geschaffenen Menschen, von der Erde genommen. Diesem geformten und geschaffenen Menschen bläst er den Lebensatem in die Nase und überlässt ihm den Garten Eden, das Paradies. Er erschafft ihm eine Hilfe, die ihm, dem geschaffenen Menschen, entspricht und zeigt die Grenze auf, die zu überschreiten ihm nicht guttut (Gen 2,5-25). Im ersten, den jüngeren, Schöpfungsbericht wird der Traum noch „ausgemalt“. Gott hat hier den Traum vom Menschen, der als Mann und als Frau geschaffen und sein, Gottes, Abbild ist. Schlussendlich verdeutlich sich hier die Richtung, auf die Gottes Traum hinzielt. Dieser geschaffene Mensch ist partnerschaftliches Gegenüber und Gefährten seines Schöpfers. Ihm übergibt Gott in seinem Traum das Gesamt der Schöpfung, damit alles in dieser Schöpfung dem geschaffenen Menschen helfe, selbst fruchtbar zu sein und sich zu vermehren, selbst die Erde zu bevölkern, und selbst über alles zu herrschen, was sich auf der Erde, im Meer, in den Himmeln regt und all das an Gottes Statt. Gott ist „Versorger“ des Menschen, der Mensch „Verwalter“ der Gaben Gottes.

Dann: In einer viel späteren Erzählung im Buch der Sprichwörter träumt Gott, dass seine eigene Weisheit, wenn nicht Mensch, so doch Geschöpf geworden sei. In diesem Teil des Traumes Gottes spricht diese Weisheit und sagt von sich, wie sie sich selbst vor den Augen ihres Schöpfers sieht. In Spr 8,22-29 nimmt die Weisheit Bezug auf den ersten Teil des Traumes, auf die Schöpfungsgeschichte, und sie endet mit der Deutung ihrer Selbst: „Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag, und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein“ (Spr 8,30f).

Das wäre es, was ich dir anbieten kann und wie ich mir vorstelle, dass Gott so vom Menschen träumt, sich den Menschen träumt – oder wie der wache Mensch sich vor Gott „tagträumt“.

» Sonderbar mag es uns vorkommen, in so nahem Antlitz Christus zu sehen, aber er hat’s gesagt, wer sich diesem Wirklichkeitsernst der Adventsbotschaft entzieht, kann auch vom Kommen Christi in sein Herz nicht reden.«
Bonhoeffer, Dietrich (2015): Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931, DBW Bd. 10, Gütersloh, 533.

Die eine Hälfte der Medaille: Josefs Traum von Gott[1]

Weiter im Evangelium: Es ist im Evangelium nicht Gott selbst, der Josef im Traum anspricht, es ist sein Bote, ein Engel des Herrn, der Josef seine und Mariens Gegenwart deutet.[2] In vier langen Versen geschieht dieser Blick in die Zukunft, und kein einziger dieser Verse ist von sich aus verständlich, verstehbar, auf der Hand liegend: Josef möge bei der schwangeren Maria bleiben, sie nicht verstoßen; das Kind, das sie trägt, sei vom Heiligen Geist; einen Sohn werde sie gebären, der den Namen Jesus bekommen soll und der sein Volk von den Sünden erlösen werde. Die Propheten hätten genau dies vorausgesagt, und jetzt käme der „Gott mit uns zur Welt“.

» Adventszeit ist Wartezeit, unser ganzes Leben aber ist Advents- das heißt Wartezeit auf’s letzte, auf die Zeit, da ein neuer Himmel und eine neue Erde sein wird. «
Bonhoeffer, Dietrich (2015): Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931, DBW Bd. 10, Gütersloh, 533.

Die andere Hälfte der Medaille: (In) Gottes Traum leben

Für heute und für diese Gedanken zum vierten Advent ist der Inhalt des Traumes beinahe unwichtig – wichtig ist das letzte Wort, der letzte Satz, der das Evangelium abschließt: „Als Josef erwachte, tat er, was den Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich“ (Mt 1,24). Mit diesem Vers und einem kleinen Zusatz, in dem es um die Namensgebung des Kindes, das nicht von ihm war, geht, endet das erste Kapitel des Matthäusevangeliums. Das mag das erste Zwischenergebnis dieser Gedanken sein: Wenn der „Josef in dir oder mir“ oder die „Maria in dir oder mir“ beginnt oder sogar beide in uns beginnen, Gottes Traum zu leben, ihm Fleisch und Gestalt zu geben, beginnt für diesen „Josef“ oder für diese „Maria“, beginnt für dich und mich immer ein neues Kapitel! Da wird das Innere, dass Innen ins Äußere, ins Außen gekehrt. Geschichte geschieht nicht dadurch, dass Menschen Träume haben, sondern dass sie sie leben. Gottes Wort und Gottes Träume sind oft gen.subj., aber sie gelten in aller Regel von ihrem Inhalt her anderen, dir, mir, uns; uns sind sie gegeben, damit wir sie und damit wir in ihnen leben.

Das Wunder Gottes (gen.subj. und gen.obj. In eins) ereignet sich dann, wenn Gottes Traum für Josef, für Maria, für dich oder für mich (gen.obj.) aufgegriffen und in der Weise gelebt wird, wie er sich in Gottes Traum (gen.subj.), in sein Bild von Schöpfung, sein Bild vom Menschen und vom Miteinander einpasst.

Bei dem einen, bei Traum und Inhalt, geht es um Josefs, um Mariens, um dein oder um mein Deuten dessen, was sich zeigt, was entgegenkommt, was gestaltet sei will. Meinen liebsten Deutungshorizont habe ich weiter oben schon geschrieben: „Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag, und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein“ (Spr 8,30f). Auf diesem Hintergrund möchte ich Gottes Träume für mich deuten – ich glaube, Josef macht es sehr ähnlich im Evangelium, was uns heute vorgelegt wird.

Be dem anderen, bei dem, der den Traum schickt, kommt der andere Deutungshintergrund dazu. Josef, Maria, du und ich, wir dürfen uns als Partner auf Augenhöhe Gottes sehen, als sein Abbild: von ihm geformt und geschaffen, mit seinem Lebensatem belebt, um einander wirkmächtige Hilfe zu sein, das Leben zu gestalten, vielleicht auch zu bestehen. „Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe mache, die ihm entspricht“ (Gen 2,18). Das war Eva für Adam, und das ist der menschgewordene Gott in Jesus Christus für uns heute. Was seit Adam und Eva versucht wurde, hat dieser Jesus Christus gut gemacht[3]: er hat, wie Josef auch, nicht nur Gottes Traum gelebt oder Gottes Traum gelebt, er hat das alles sogar in Gottes Traum gelebt!

Mir scheint, so kurz vor Weihnachten: Der eine Traum Gottes verliert seine Kraft, wenn er nicht im anderen Traum Gottes gelebt wird. Und nochmal anders: Wenn du deinen und ich meinen Traum Gottes, den er für dich und für mich hat, nur für uns behalten, uns nur im Stillen freuen oder wundern, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Welt gottlos oder sogar Gott los wird. Aber da sei Gott vor!

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 19.11.2025
Harald Klein

[1] Kleiner Exkurs: Du kannst diese Überschrift lesen, als sei „Gott“ der Inhalt des Traumes, oder als sei er der, der den Traum ins Rennen gebracht hat! Und wieder wird durch diese „Annahme“ der Inhalt des Traums verändert.

[2] Von daher völlig eindeutig „Gottes Traum“, vermittelt durch den Engel, im gen. obj.

[3] auch ein doppeldeutiges Wort!