Um was es geht
In einer kleinen Glaubensgruppe, die sich ca. alle 4-6 Wochen zu einem Austausch über Zoom trifft, kam die Frage nach der Möglichkeit des Beeinflussens des Willens und Handelns Gottes durch das Tun der Glaubenden auf. Im nicht-religiösen Erleben ist diese Frage verwandt mit der nach einem Beeinflussen oder auch dem versuchten Lenken des Schicksals.
Der Begriff der „Selbsttranszendenz“ spielt hier eine wichtige Rolle. Die Erfahrung und Hoffnung eines Über-sich-hinaus mag Pate stehen. Im Gespräch derer, die aus einem christlichen Gottesglauben heraus reden, denken, handeln, mit denen, die andere Orientierungspunkte – ebenso im Gespräch innerhalb der eigenen Gruppe – gehe ich von der Sehnsucht und der Möglichkeit der Selbsttranszendenz auf etwas „Höheres“ und von spezifischen Möglichkeiten, diesen Ausgriff zu tun, aus.
Vier Zitate für den Austausch
- „Menschen, die auf die eine oder andere Weise fromm sind, versuchen im Einklang mit Ordnungen, Instanzen, Kräften oder Mächten zu leben, die unabhängig von ihrem Einfluss bestehen. Sie leitet der Glaube an ein höheres Walten, das ihr Begreifen übersteigt, an dessen Wirken sie aber durch Ritual oder Andacht partizipieren können.“ (148)
- „Um über sich hinauszugehen aber, muss man gar nicht in religiöser Hinsicht fromm sein. Die Bereitschaft zur Selbsttranszendenz wurzelt in der Fähigkeit, sich bestimmen zu lassen durch etwas, das das bloß subjektive Bestreben übersteigt, mit sich etwas geschehen zu lassen, das einen auf unabsehbare Weise bereichert, und also: etwas aus sich werden zu lassen, das man alleine nicht vollbringen kann.“ (148f)
- „Diese Bereitschaft (erg.: zur Selbsttranszendenz, H.K.) ist kein Privileg der Religionen und der ihr zugehörigen Lebensformen. Allein schon die Wahrnehmung der Weite des Wirklichen kann ein hinreichendes Maß an Ehrfurcht vor den außermenschlichen Seiten der menschlichen Angelegenheiten erzeugen. Zu ihr gehört eine unbefangene Begegnung mit der Fülle, Veränderlichkeit und Verschiedenheit des Seienden, die nur zu einem geringen Teil vom Menschen gemacht ist (was immer Menschen sich einbilden mögen). Zu ihr gehört ein spirituelles Hinausgehen über die gedeutete Welt, das darauf verzichtet, sich auf alles und jedes einen Reim zu machen. Zu ihr gehört der Mut, das Unerklärliche unerklärt zu lassen. Dabei sehen manche in einem Verzicht auf die Annahme eines transzendenten Sinns sogar die radikalere Überschreitung einer Fixierung des Menschen nur auf sich selbst. Für ihren Geschmack enthalten viele Formen religiöser Andacht ein Zuwenig an Demut gegenüber den Grenzen des menschlichen Wollens und deren Reichweite ihres Könnens. Die Kontingenzbewältigung solcher Personen kommt ohne Heilserwartung und Heilsversprechen aus.“ (149)
- „Wenn jemand so viel Weltfrömmigkeit aufbringen kann, ist es beinahe gleichgültig, ob er zusätzlich seinen Göttern huldigt und welche es sind. Menschen, die ihren Sinn für die Farbe der Welt – gerade angesichts der Schwärze, mit der sie fortwährend prunkt – nicht haben verkümmern lassen, behalten einen Glauben an die menschlichen Möglichkeiten, der gegenüber einer religiösen oder nichtreligiösen Grundierung weitgehend unabhängig ist.“ (149f)
Die Zitate sind entnommen aus: Seel, Martin (2012): 111 Tugenden. 111 Laster. Eine philosophische Revue, Frankfurt. In Klammern sind am Ende der Zitate die Seitenzahlen notiert.
Impulse für einen Austausch
- Ankommrunde: Wie bin ich da? Was möchte ich den anderen mitteilen? – Liegt etwas obenauf, das wir gemeinsam besprechen sollten?
- Mit Hilfe von Zitat (1): Erinnere ich mich an frühe „Zugriffe auf das Göttliche“ in der Kindheitsgeschichte mit „Ritual(en)“ und im weitesten Sinne mit Formen von „Andacht“ i.S.v. Sammlung und Konzentration, um höhere Mächte zu beeinflussen?
- Mit Hilfe von Zitat (2): Wie fülle ich den Begriff „fromm sein“ in religiöser Hinsicht – Gott ergreifen, von Gott ergriffen sein – allein in der Menge, mitten in der Menge, allein… ? Kann ich hierzu Erfahrungen, Erlebnisse, Enttäuschungen aus meiner Lebensgeschichte mitteilen?
- Mit Hilfe von Zitat (3): Wie steht es um meine „Wahrnehmung der Weite des Wirklichen“ hat sie eher einen deskriptiven Charakter? Eher einen normativen Charakter? Oder eher einen religiös-spirituellen Charakter? Vor allem: Hat sie eine Geschichte, eine Entwicklung?
- Mit Hilfe von Zitat (4): „Weltfrömmigkeit vs. Gott/den Göttern huldigen?“ Sind das wirkliche Gegensätze, ist das ein In-eins-Fall? Wie steht es um meine religiöse bzw. nichtreligiöse „Grundierung“ in Sachen Frömmigkeit und/oder Spiritualität? Welche „Rituale“ oder „Formen von Andacht“ sind mir heute hilfreich, und für was? Was praktiziere ich wie? Und warum?
- Anhörrunde am Ende: Was aus unserem Austausch klingt bei mir jetzt nach? Was erweckt Freude, was vielleicht auch Trauer und Schmerz? Lockt mich etwas zum Ausprobieren – oder gibt es etwas, was ich jetzt lassen möchte?
Köln, 11.03.2025
Harald Klein