Wie ich Ich geworden bin …

  • Anstößig - Darüber lohnt es zu reden
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Vier Zitate von Rüdiger Safranski

Vier Zitate, die die Weite des „Themenschirms“ aufspannen wollen – es geht weniger um ein diskursives Sprechen über das, was Rüdiger Safranskis schreibt, sondern vielmehr um das Wahrnehmen dessen, was die kürzeren und längeren Zitate in dir auslösen, was an Bildern, Erinnerungen, Erlebnissen und Erfahrungen in dir aufsteigt. Dem widmet sich dann nach der Ankommrunde die erste Frage.

„Individualisierung ist selbst ein gesellschaftlicher Prozess. Sie steht nicht in einem Gegensatz zur Gesellschaft, sondern ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Differenzierung, die es dem Einzelnen erlaubt, sich für bedeutungsvoll zu halten.“ (Safranski, Rüdiger <2021>: Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung, München, 12)

„Wo ist man eigentlich, wenn man bei sich ist?“ (a.a.O., 48)
„Wohin kommt man, wenn man zu sich kommt?“ (a.a.O., 68)

Kierkegaard „unterscheidet zwei Arten von Religion. Der einen liegt das Prinzip der Identität zugrunde, der anderen ein Dualismus.
Eine Religion der Identität ist eine, die keine Offenbarung nötig hat. Eine vertiefte Erfahrung, ein vertieftes Denken entdeckt das Göttliche in der Welt und in sich selbst. Zwischen der Welt und der Transzendenz gibt es keinen Abgrund, der überwunden werden müsste. Das sind in neuerer Zeit die Vernunftreligionen, die letztlich das Göttliche als gesteigerte, aber diesseitige Moralität deuten, die am Ende das Göttliche überflüssig machen. Das sind aber auch, mehr im Gefühl begründet, die mystischen Einheitserfahrungen. Das sind also Religionen der Identität.
Eine Religion des Dualismus indes kennt den Abgrund, der nur durch ein Eingreifen des Göttlichen überbrückt werden kann, beispielsweise das Erscheinen des Christus, des Sohnes Gottes. Kierkegaard bekennt sich zu diesem Typus von Religion, deshalb ist bei ihm der Glaube ein Sprung. Man muss in die Gleichzeitigkeit mit Christus zurückspringen. Das bedeutet Nachfolge.“ (a.a.O., 116f)

Für den Austausch

  1. Ankommrunde: Wie bist du/sind wir da? Was sollten die anderen von dir aus der Zeit zwischen dem letzten Treffen und heute wissen? (Vielleicht auch: Was hat an deiner Identität gekratzt/was hat sie gestärkt, geformt?)
  2. Individualisierung als „Ergebnis gesellschaftlicher Differenzierung“ – hier können Bilder, Begegnungen, Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen geteilt werden. Mitgeteilt und geteilt wird in verschiedenen Runden: meine Kindheit, Jugend und Pubertät, junge Erwachsenenzeit, Zeit in Beruf und in Familie bis heute; wie viel und wozu dann der Austausch stattfinden wird, ist im Geschehen selbst zu klären;
  3. Der Beitrag der Religion (incl. des Glaubens, der Kirche, der Spiritualität) – ein zweites Mal Bilder, Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen an ein / aus einer Religion der Identität und/oder aus einer Religion des Dualismus. Der Austausch geschieht wie bei zweiten Impuls.
  4. Zum Abschluss: Und jetzt…

Köln, 10.02.2026
Harald Klein