Zweiter Adventssonntag:
Vorlaufende und Entgegenkommende

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Der Vorläufer – Johannes der Täufer verweist auf Jesus

Schon ist die erste Woche des Advents vorbei, und an manchen Adventskränzen muss die erste Kerze ausgetauscht werden, ist sie doch abgebrannt. Vielleicht ein wenig plump, dieser Übergang, stellt doch das Evangelium dieses Sonntags Johannes den Täufer in den Mittelpunkt, der „brennt“ für den Hinweis auf den, der nach ihm käme, der stärker sei als er, der mit Feuer und Heiligem Geist taufe und dem die Sandalen auszuziehen er nicht wert sei.

Ein wenig wie die erste Kerze am Adventskranz: Vorläufer ist Johannes, vorläufig seine Botschaft, vorläufig sein Ruf in die Nachfolge. Und doch – für diese Zeit gültig, solange, bis der, der stärker ist, kommt, um den Weizen von der Spreu zu trennen.

Und doch: Alles stimmt, wenigstens jetzt, und solange, bis das Bessere, das ja der „Feind des Guten“ ist, dieses Gute ablöst, übersteigt, „transformiert“ würde man vielleicht heute sagen. Bei Johannes scheinen Botschaft und Person kongruent zu sein, und soch steht er mit beidem mit beidem für einen ganz Anderen.[1] Kein Wunder also, dass die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zu ihm hinausziehen, ihre Sünden bekennen und sich im Jordan von ihm taufen lassen (vgl. Mt 3,5f). Es geht ums Leben, oder besser: um ein „Mehr“ an Leben und an Lebendigkeit, zumindest „vorläufig“.

» Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes dem Täufer,
um sich von ihm taufen zu lassen.
Johannes aber wollte es nicht zulassen
und sagte zu ihm:
Ich müsste von dir getauft werden,
und du kommst zu mir?
Jesus antwortete ihm:
Lass es nur zu! «
Mt 3,13-15

Der Entgegenkommende – Jesus kommt zu Johannes

Johannes ruft zu einer Umkehr zum Leben auf, zu einem Leben, das Frucht bringt, das auf jede Selbstgerechtigkeit verzichtet, die auf diese Weise dem Herrn den Weg bereiten.

Kannst du dir das Erstaunen des Johannes vorstellen, als der, für den er „Vorläufer“ ist, ihm „entgegenkommt“? Die Weihnachtszeit, die im Advent das „Vorlaufen“ auf die Menschwerdung Gottes im Blick hat, endet mit der „Taufe des Herrn“, mit dem Betrachten dessen, dass dieser Gott ein „entgegenkommender Gott“ ist. Die Vorläufigkeit des Johannes endet, es braucht keine Taufe, es braucht nicht die Umkehr oder den geraden Weg – Gott entscheidet ohne all das, aus eigenem Willen und eigenem Wollen, Mensch zu werden. In einer nicht kleinen Krise des Glaubens holte mich das Wort des Johannes in dieser Szene der Taufe einmal ab, und mehr noch die Antwort Jesu: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Jesus antwortete ihm: „Lass es nur zu!“ (Mt 3,13-17). Aber mehr dazu dann am entsprechenden Sonntag „Taufe des Herrn“.

» So wuchs er in einer Familie auf, welche die eigentlichen Erziehungsfaktoren nicht in der Schule sah, sondern in der tiefverwurzelten Verpflichtung, Hüter eines großen geschichtlichen Erbes und geistiger Überlieferung zu sein. Das hieß für Dietrich Bonhoeffer, verstehen und achten zu lernen, was ihm voraus gedacht und gelebt worden war. Das konnte aber auch gebieten, den eigenen Beitrag so zu leisten, dass man der Sache nach im Gegensatz zu den Vorfahren entschied – und sie gerade damit ehrte. Das konnte sogar heißen, einmal das unabwendbare Gericht über ihre Welt bereitwillig zu akzeptieren – und sich dennoch die Freude an ihren sympathischen Repräsentanten nicht verderben zu lassen. «
Bethge, Eberhard (1986): Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, 6. Aufl., München, 34.

Das Vorlaufende und das Entgegenkommende bei Dietrich Bonhoeffer

Ich möchte versuchen, dir und mir dieses Vorlaufende und das Entgegenkommende im Leben und in der Spiritualität Dietrich Bonhoeffers zu verdeutlichen. Das Geschehen am Jordan mag im Elternhaus, in der Schule, bei den Pfadfindern, im Studium und in den Stationen des Lebens Bonhoeffers abgespielt haben, in Rom, Berlin, Barcelona, Amerika, London, in den Predigerseminaren und Sammelvikariaten, auf seinen Reisen, und dann in Tegel und Flossenbürg. Aus all diesen Stationen ging Bonhoeffer verändert und gewachsen heraus. Und immer in der Gewissheit, dass ihm überall, wo er hingehe, etwas (oder jemand?) entgegenkomme, der ihm dasselbe entgegenhält, was Johannes der Täufer, der Vorläufer, den Menschen Israels entgegenhielt: es geht ums Leben, oder besser: um ein „Mehr“ an Leben und an Lebendigkeit, zumindest „vorläufig“. Kein numerisches „Multum“, sondern ein qualitatives „Magis“. Vielleicht wäre auch der Ausdruck „spirituelles Wachstum“ angebracht.

Eberhard Bethge belegt diese These bereits im (Rück-) Blick auf Bonhoeffers Kindheit und Jugend. Er schreibt:

„So wuchs er in einer Familie auf, welche die eigentlichen Erziehungsfaktoren nicht in der Schule sah, sondern in der tiefverwurzelten Verpflichtung, Hüter eines großen geschichtlichen Erbes und geistiger Überlieferung zu sein. Das hieß für Dietrich Bonhoeffer, verstehen und achten zu lernen, was ihm voraus gedacht und gelebt worden war. Das konnte aber auch gebieten, den eigenen Beitrag so zu leisten, dass man der Sache nach im Gegensatz zu den Vorfahren entschied – und sie gerade damit ehrte. Das konnte sogar heißen, einmal das unabwendbare Gericht über ihre Welt bereitwillig zu akzeptieren – und sich dennoch die Freude an ihren sympathischen Repräsentanten nicht verderben zu lassen.“[2]

» Für mich ist dies das Ende,
aber auch der Anfang. «
Dietrich Bonhoeffers letzte Worte vor seiner Ermordung am 09. April 1945, überliefert

Bonhoeffers letzter Advent

Die überlieferten letzten Worte von Dietrich Bonhoeffer, kurz vor seiner Hinrichtung am 09. April 1945, sind: „Für mich ist dies das Ende, aber auch der Anfang.“ Es ist, als ob er das Vorläufige beende und vom Entgegenkommenden in die Arme geschlossen werde, oder?

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 04.12.2025
Harald Klein

[1] Der Baseler Theologe Karl Barth (1886-1968) hat diese Attribution Gottes geprägt: Gott sei der Ganz Andere, und das sei immer anzuwenden und mitzubedenken, wenn theologische Aussagen über Gott gemacht werden – wie ein „ceterum censio“: Gott ist allmächtig – und auch darin der „Ganz Andere“. Dietrich Bonhoeffer kam 1931zu Barth und setzte sich mit dessen Theologie auseinander!

[2] Bethge, Eberhard (1986): Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, 6. Aufl., München, 34.