Zweiter Fastensonntag: Nur Gipfel ist auch nicht gesund

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Eine erste Gipfelerfahrung

Der Evangelist Markus spielt mit den Orten. Sie sind eher „theologische“, nicht „geographische“ Orte. Vergangenen Sonntag hörtest Du von der Wüste, in der Jesus mit den wilden Tieren lebte, in der er vom Satan in Versuchung geführt wurde und wo die Engel ihm dienten. Du würdest diesen „Ort“ auf der Landkarte Galiläas wohl nicht finden; Du kennst diesen „Ort“ aber auf Deiner eigenen inneren Landkarte, Deiner inneren Landschaft, da bin ich mir sicher.

Heute geht es um einen anderen „theologischen Ort“, um den Berg und vielleicht sogar, zumindest in der Fantasie, um den Gipfel des Bergs. Die Lesung stellt Dir heute – und dann wieder in der Osternacht – die Aufforderung Gottes an Abraham vor Augen, seinen Sohn Isaak zu Opfer, genauer: zu schlachten; seine Bereitschaft drückt seine Gottesfurcht aus – und als das klar ist, hindert der Engel des Herrn Abraham daran, die Tat auszuführen. Du kannst die Geschichte mit dem „Ohr der Gotteskritik“ hören, dann bleibt Dir nur das Kopfschütteln über diese Forderung Gottes: „Das ist doch die Höhe, das ist doch der Gipfel!“, könntest Du sagen; und Du hättest Recht: was ist das für ein Gott, was soll das?

 Oder Du hörst sie mit dem „Ohr der Gottesfurcht“. Da bleibt Dir auch nur das Kopfschütteln über die Bereitschaft des Abraham, aber dabei bleibt die Geschichte nicht stehen. Zielpunkt der Geschichte ist nicht das Beinahe-Menschenopfer, Zielpunkt ist die Frage nach dem Gottvertrauen des Abraham – ein schöneres Wort als Gottesfurcht, beides meint aber das Gleiche – des Abraham. Abrahams Gottvertrauen, das ist die Höhe, das ist der Gipfel!

Hast Du ein Gespür dafür, in welcher Stimmung Vater und Sohn den Berg hinab und in welcher Stimmung, in welchem Gestimmtsein, sie den Berg hinunter gegangen sind? Kannst Du Dich in den einen, in den anderen, in beide hineinversetzen?

Ein erster Merkpunkt: Die Gipfelerfahrung des Abraham wie des Isaak könnte im Abwägen liegen, künftig mehr auf die eigene Vernunft als auf die vermeintliche Botschaft Gottes zu hören, und der Vernunft mehr zu vertrauen als der Meinung. Dreihundert Jahre nach Kants Aufklärung – dem Appell, das eigene Denken zu wagen – sollte man doch meinen, die Welt wäre so weit – die gesellschaftliche und politische Gegenwart lehrt uns leider gerade das Gegenteil!

» Vergessen Sie niemals, dass ich der Einsamkeit gehöre, dass ich niemanden brauchen darf, dass mir all meine Kraft aus der Ungebundenheit entsteht, und ich versichere Sie, Mimi, ich flehe jene an, die mich lieben, meine Einsamkeit zu lieben, andernfalls müsste ich mich vor ihren Augen, vor ihren Händen verbergen, wie ein wildes Tier sich vor der Nachstellung durch seine Feinde verbirgt. «
Rilke, Rainer Maria (2011): Briefe an eine venezianische Freundin. Aus dem Französischen von Margret Millischer, Leipzig, 69 – zitiert in Decker, Gunnar (2023): Rilke – der ferne Magier. Eine Biographie, München, 282.

Eine zweite Gipfelerfahrung

Ganz anders die zweite Gipfelerfahrung, die das Evangelium schildert. Nicht auf den Befehl Gottes, sondern aus dem eigenen Wunsch, eine Zeit mit dreien seiner ersten Jünger allein zu sein, führt Jesus Petrus, Jakobus und Johannes auf einen hohen Berg. Auch diesen „theologischen Ort“ kennst Du hoffentlich, nein: sicher auf Deiner inneren Landkarte, Deiner inneren Landschaft.

Den Wunsch nach diesem Alleinsein, nach dieser Form der Einsamkeit, die Jesus mit den Dreien teilen möchte, kennt auch Rainer Maria Rilke, mein Gewährsmann in dieser Fastenzeit, dass die Jesu Erfahrungen und Jesu Erleben auch vom heutigen Menschen erfahren und erlebt werden können. Rilke schreibt an Mimi, eine Freundin aus Venedig:

„Vergessen Sie niemals, dass ich der Einsamkeit gehöre, dass ich niemanden brauchen darf, dass mir all meine Kraft aus der Ungebundenheit entsteht, und ich versichere Sie, Mimi, ich flehe jene an, die mich lieben, meine Einsamkeit zu lieben, andernfalls müsste ich mich vor ihren Augen, vor ihren Händen verbergen, wie ein wildes Tier sich vor der Nachstellung durch seine Feinde verbirgt.“[1]

Es braucht viel guten Willen, dem Wort „Einsamkeit“ hier die Angst, das Dunkel und das Verlassensein zu nehmen, das schnell mitschwingt, um zu verstehen, was Rilke meinen könnte und um seine Aussage retten zu können – aber dann sind es Worte, die auch Worte Jesu an Maria Magdalena, an seine engsten Freundinnen und Freunde gerichtet sein könnten.

Auch hier setzt die später beschriebene Aufklärung Kants und der Gebrauch des Verstandes aus – in dem Moment, wo die Vision der strahlend weißen Kleider und der Erscheinung von Mose und Elija von Petrus wahrgenommen wird. An diesem Ort, in diesem Moment hat das sprichwörtliche „Lass uns hier drei Hütten bauen“ seinen Ursprung. Bleiben, Festhalten, Genießen, solange es irgend geht – das ist die Hoffnung bzw. die Folge des Gipfelerlebnisses, auf die Petrus setzt, in seiner Furcht übrigens; Markus erzählt, alle drei Jünger waren vor Furcht wie benommen, lässt aber offen, wovor sie sich fürchten. Dass es das Unbekannte, Überwältigende diesen im wahrsten Sinne des Wortes hellen Momentes war, liegt zwar auf der Hand, es kann aber auch sein, dass sie das Aufhören dieses Zustandes, dieses Erlebens fürchten, das „Zurück“ in den schwierigeren Alltag.

Wieder die Frage: Hast Du ein Gespür dafür, in welcher Stimmung Jesus und die drei Jünger den Berg hinab und in welcher Stimmung, in welchem Gestimmtsein, sie den Berg hinunter gegangen sind? Auf dem Weg das Redeverbot: „Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen , niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen“ (Mk 9,10). “ Kannst Du Dich in Jesus oder in Petrus, Jakobus und Johannes hineinversetzen?

» Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
dann will ich gern zugrunde gehn! «
Goethe, Johann Wolfgang (o.J.): Faust. Der Tragödie erster Teil, Leipzig und Wien, hrsg. von Karl Heinemann, 81 (vv. 1699-1702)

Verklärung – eine Versuchungsgeschichte der anderen Art

Mir ist noch nie so deutlich aufgegangen, dass die Erzählung von der Verklärung Jesu auf dem Berg auch eine Versuchungsgeschichte ist. Nur sind es diesmal nicht die wilden Tiere in Dir oder um Dich herum, nun sind es nicht teuflischen Genüsse, die sich Dir anbieten oder die Dir Macht aller Art verheißen. Das genaue Gegenteil ist der Fall! Versuchung zeigt sich hier einem Bleiben, Festhalten Genießen wollen dessen, was gerade ist, zeigt sich im Versuch des Ausschlusses des Sich-entziehens – und zwar grenzenlos und ausschließlich. Das Faust’sche „Verweile doch, Du bist so schön“ schwingt hier mit, und Du erinnerst Dich: Wenn Faust das wünscht, ist seine Seele dem Mephisto, sie ist des Teufels! Versuchung im Modus des Bleibens, Festhaltens, Genießens.

Mir fällt die Sehnsucht nach einer solchen „Verklärungs-Versuchung“ in einem Rilke-Gedicht ein. Rilke schreibt am 22.09.1899 in seiner Wohnung in Berlin-Schmargendorf:

„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –:

Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken
bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.“
[2]

Das Verstummen, das Fehlen aller störenden Nachbarn, die beinahe meditativ empfundene Stille in Dir selbst, der Moment des Wachseins, des Wachens – hier – auf Gott hin, um IHN zu besitzen, bei IHM zu bleiben, IHN festzuhalten und IHN zu behalten, und wenn es nur für einen Moment währte. Und dann kommt der „Abstieg“ vom Gipfel: „… um Dich an alles Leben zu verschenken / wie einen Dank.

Mir scheint, ein bewusstes, waches Leben und Erleben gleicht einem Angezogensein von Versuchung zu Versuchung, von Wüste zu Gipfel – nicht, um ihnen nachzugeben, nicht, um kleben zu bleiben, oder anzuhaften (um einen Begriff aus der buddhistischen Spiritualität zu gebrauchen), sondern einmal, um in diesem Rahmen (sowohl in der Wüste als auch auf dem Gipfel) sowohl Deine „Flucht“-Punkte zu entdecken und identifizieren zu können. Bis hierhin und nicht weiter!

Und dann zum anderen, um dann in aller Freiheit aus dem heraus zu leben und mit dem zu wuchern, was Du an diesen „Flucht“-Punkten erfahren hast: Du lebst in der Wüste mit den wilden Tieren und nicht gegen sie an; Du erfährst in der Wüste die Dienste, die die Engel Dir tun, und während der Gipfelerlebnisse kann es Dir die Sprache verschlagen durch das, was Du erfährst oder erlebst. Das ist eine Kraftquelle, die Du nicht bewahren oder bestaunen kannst, wenn Du bleibst. Nur Gipfel ist auch nicht gesund.

Zu Abraham sagt Gott: „Weil Du Deinen Sohn, Deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, will ich Dir Segen schenken in Fülle“ (Gen 22,16f). Ich stelle es mir so vor, dass er zu Dir oder mir oder uns auf dem Gipfel des Berges der Verklärung sagt: „Weil Du all das nicht für Dich behalten, sondern an alles Leben verschenken willst wie einen Dank, soll Dir Segen in Fülle zuteil werden.“

Gut, dass es solche „theologischen“ Orte gibt, in den Evangelien, aber auch – pars pro toto – bei Rainer Maria ‚Rilke, oder noch einfacher: bei Dir und mir, für mich und Dich.

Amen.

Köln, 22.02.2024
Harald Klein

[1] Rilke, Rainer Maria (2011): Briefe an eine venezianische Freundin. Aus dem Französischen von Margret Millischer, Leipzig, 69 – zitiert in Decker, Gunnar (2023): Rilke – der ferne Magier. Eine Biographie, München, 282.

[2] Zitiert auf [online] https://www.deutschelyrik.de/wenn-es-nur-einmal-so-ganz-stille-waere.html ]22.02.2024]