Vom Umgang mit Irritationen
Da streiken in Köln – und sicher nicht nur dort – seit einigen Tagen die Mitarbeitenden der Unikliniken, an manchen Orten auch die der Hochschulen, und am Montag legen die Mitarbeitenden der Kölner Verkehrsbetriebe und anderer kommunalen Nahverkehrsbetriebe ihre Arbeit nieder – und damit noch einen drauf.
Die, die glauben, in ihren gewohnten „Komfortzonen“ müsste es zu aller Zeit und um ihretwillen immer wie gewohnt weitergehen, haben jetzt genau zwei Möglichkeiten: Sie kapseln sich schmollend in ihren „Komfortzonen“ ein, bleiben in ihrem „Nest“ und verfluchen säuselnd oder laut die, die ihnen diesen Stress machen: „Das ist doch die Höhe, dass ‚die‘ schon wieder streiken, denken ‚die‘ denn nicht mal an die, die ‚sie‘ damit treffen?“
Oder sie verlassen ihre „Komfortzone“, brechen sie aus, brechen selbst auf und tasten sich hinein in Richtung „Lernzone“. Hier wird dem Stress eine Lernerfahrung oder Lernmöglichkeit entgegengesetzt: „Aus welchen Gründen wird hier die Arbeit niedergelegt? Kann ich das nachvollziehen? Bin ich, sind meine Gewohnheiten und Erwartungen gar Teil des Problems? Wie bewerte die die Forderungen oder die angebotenen Lösungsmöglichkeiten?“
Solltest du z.B. am Montag nicht wegkommen von zu Hause, bietet es sich doch an, bei einer Tasse Tee diese Möglichkeiten des Gewinnes in der „Lernzone“ anzustreben, statt im Groll über den Verlust in der „Komfortzone“ zu verharren.
Jesu Bergpredigt – Aufruf zum Auszug aus der Komfortzone
Komm doch mal 2000 Jahre mit mir zurück und folge mir nach Galiläa. Matthäus erzählt im vierten Kapitel vom Berg der Versuchung, auf dem Jesus seine innere „Komfortzone“ ausloten musste, wo er sich seiner Ausrichtung, seiner Sendung, seines Rufes und seiner Berufung klar werden konnte. Dann wählt er den Weg in den „galiläischen Frühling“ nach Kafarnaum. Er baut seine „‘Komfortzone“ aus mit der Berufung der ersten vier Jünger, Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, mit ersten Heilungen und deren Folge, die der letzte Satz des 4. Kapitels im Matthäusevangelium als Abschluss nimmt: „Scharen von Menschen aus Galiläa, der Dekapolis, aus Judäa und aus dem Gebiet jenseits des Jordans folgten ihm.“ (Mt 4,24) – Da sind zwar auch „Scharen von Menschen“ auf den Straßen unterwegs, aber dennoch ist das doch irgendwie das Gegenteil von Streik, oder?
Ab hier startet Jesu Weg in und durch seine „Lernzone“. Das heutige Evangelium beginnt mit „Als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf den Berg.“[1] (Mt 5,1) Ich kann es mir nur so vorstellen, dass nach den Erfahrungen der Zuwendung, des Trostes, der Heilungen, auch der Wunder alle hinter ihm her waren, um „mehr vom Gleichen“ von Jesus zu bekommen. Sie folgen ihm, hoch hinaus wollen sie. Aber was soll er ihnen sagen?
Es ist, als hätte Jesus Paul Watzlawick und sein „Mehr-vom-Gleichen“-Phänomen gekannt, dass Watzlawick beschreibt. Was steckt dahinter? In deinen Problemlagen – z.B. angesichts des KVB-Streik – behältst du immer die gleiche Strategie, verstärkst sie sogar, obwohl sie nicht zu einem positiven Ergebnis führt. Die Ursachen liegen in der „Komfortzone“: Gewohnheit, mangelnde Kreativität, Angst vor Veränderungen und der Wunsch nach Sicherheit. Du ziehst dich immer wieder zurück auf vertraute, aber unproduktive Muster. Was hilft, ist das Verlassen der „Komfortzone“, ist der Einstieg die „Lernzone“. Es braucht einen Rahmenwechsel (Reframing), es braucht ein Innehalten, um neue Perspektiven zu suchen, statt stur an den alten Lösungen festzuhalten.[2] Und das vollzieht Jesus am Berg der Seligpreisungen. Er schließt sich selbst und den Menschen, die ihm folgen, die Tür zur „Lernzone“ auf.
Jesus will hoch hinaus – und verweist ins Offene
Wenn du die Parallelstelle der Seligpreisungen der Bergpredigt im Lukas-Evangelium in der Feldrede (Lk 6,20-26) anschaust, kannst du feststellen, dass Jesus hier zuerst seine Augen auf seine Jünger richtet und mit ähnlichen Seligpreisungen beginnt (Lk 6,20); kurze Zeit später spricht er alle an mit „Euch, die ihr mir zuhört, sage ich …“ (Lk 6,27ff). Ganz anders Matthäus: Er spricht weder die Jünger noch die Jünger oder die Zuhörenden direkt an, sondern macht Setzungen, die allgemeine Gültigkeit haben, z.B. „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.“ (Mt 5,6). Jesus will hoch hinaus. Die Seligpreisungen sind keine Eintrittskarten in das Reich Gottes, das du dir verdienen und in das du dich einkaufen musst, oder das nur denen gilt, die Jesus nachfolgen – sie sind Bilder des Reiches Gottes, die erklommen werden müssen wie der Gipfel, auf dem Jesus spricht. Es geht um Offenbarung, um Entscheidung, um Begegnung mit Gott und mit den Menschen.
Jesus zeichnet – ich wage das zu behaupten: für sich selbst und – für die Menschen, die ihm zuhören ein Bild dessen, was seine Vision und seine Mission zugleich ist. Ein Bild des Reiches Gottes. Er weckt die Sehnsucht danach – in sich selbst und in den Menschen, die ihm zuhören, nicht nur in einem solchen Reich zu leben, es anzunehmen, sondern es zu stiften, es zu beginnen. In der Bergpredigt lehrt Jesus die Menschen die Sehnsucht nach dem Reich Gottes.
Jesus – ein Verwandter Friedrich Hölderlins (1770-1843)
Und wieder zwei Möglichkeiten: Die, die in ihrer „Komfortzone“ bleiben wollen, werden auf der Höhe des Berges verstört feststellen: „Das ist doch die Höhe!“ Und weißt du was? Sie haben recht! Einen „höheres“ Bild vom Menschsein als das, was die Seligpreisungen beschreiben, kenne ich – zumindest noch – nicht.
Die zweite Möglichkeit: die Menschen am Berg lassen sich von Jesus die Tür zur „Lernzone“ öffnen. Ich kann nur leise erahnen, was sich da in mir rührt, ist einer der schönsten Sätze der romantischen Literatur, der Feder Friedrich Hölderlins entsprungen.
Es geht um den Beginn einer unvollendeten Elegie, die Friedrich Hölderlin 1801 an seinen Freund Landauer schreibt. Sie trägt den Titel „Der Gang aufs Land. An Landauer“ und beginnt mit den Worten „Komm! Ins Offene, Freund!“ Ich bringe diese Worte absolut in eins mit denen der Seligpreisungen, wissend, es geht hier um „Lernzone“, nicht um „Komfortzone“. Ich kann nichts einklagen von dem, was verheißen wird, selbst dann nicht, wenn ich bereit bin, danach zu leben.
„Komm! Ins Offene, Freund!“ Mit diesem Wagnis will ich aber lernen umzugehen, und das geht nur im Verlassen der alten oder im Erweitern der neuen „Komfortzone“. Das berührt auch die, die am Montag den Streik erleiden – ebenso wie die, die streiken.
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 31.01.2026
Harald Klein
[1] Nebenbei sei erwähnt, dass der „Berg“ im Neuen Testament immer ein besonderer Ort der Offenbarung, der Entscheidung, der Begegnung mit Gott ist. Den „Berg der Versuchung“ hat Matthäus schon genannt. Der „Berg der Seligpreisungen“ ist heute dran. Der „Berg der Verklärung“ begegnet dir in der Fastenzeit. Und der „Ölberg“ samt seinem Nachbarn, dem „Berg Golgatha“ werden wir dann kurz vor Ostern begegnen. Berge sind im Neuen Testament keine „Komfortzonen“, sondern „Lernzonen“, wenn nicht sogar „Panikzonen“; es geht um Offenbarung, Entscheidung, Begegnung mit Gott!
[2] Danke an Google und seine zusammenfassende KI-Hinweise beim Stichwort „Mehr vom Gleichen“.