Ein paar Informationen (I) – für Newcomer in Sachen „geprägte Zeiten“!
Es gibt „geprägte Zeiten“ in deinem Leben. Die Tasche für den Besuch in den Thermen packt sich praktisch von selbst. Der Kurzbesuch im Münsterland, der Wandertag im Gefährtenkreis – da wird nicht lange überlegt, was mitmuss.
Kirchlich gesehen denke ich an die Frage, wie denn der Heilige Abend verändert, verändernd, angepasst zu gestalten sei, oder, falls das christliche Brauchtum bei dir noch gepflegt wird, wie du die Fastentage an Aschermittwoch und Karfreitag gestalten willst. Oder der Verzicht auf Fleisch am Freitag und das tägliche „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast…“, bei dem leider übersehen wird, dass wir doch bei ihm zu Gast sind, mitten in diesem Leben.
So macht man das halt – Gewohnheiten werden zu stilgebenden Routinen und Traditionen, die es beinahe verbieten, es anders zu machen. Und doch: Der Besuch am Weihnachtsmarkt hat den der Christmette abgelöst. Und über Ostern ans Meer nach Holland zieht stärker als zur Osternachtsfeier, geschweige denn zur Karfreitagsliturgie. Was hat mir eine mehr schlecht als recht vorgetragene Leidensgeschichte von sagen wir mal 20 min Dauer und dann die zehn großen Fürbitten mit dem „Beuget die Knie – erhebet euch“ mir zu sagen, zu geben? Entweder zu oft gehört – ich kann nichts mehr in/aus ihnen hören. Oder sie zum ersten Mal hören – und sich wundern, wie der lange und monotone Vortrag mit anschließender Bank-Gymnastik mich von der Fasten- in die Osterzeit bringen will.
Die „Prägung“, die ein Kirchenjahr dem Lebensjahr gibt, ist m.E. weitgehend aufgehoben oder verloren gegangen. Die „geprägten Zeiten“ sind die Advent- und Weihnachtswochen und jetzt eben die Wochen von Aschermittwoch über Ostern bis Pfingsten. Die theologischen Fachleute sprechen vom Weihnachts- und vom Osterfestkreis mit einer Vorbereitungszeit (Advent/Fastenzeit), einem großen Fest (Weihnachten/Ostern) im Mittelpunkt und einer Nachbereitungszeit, in der sich das Geschehen des Festes an Menschen zu verwirklichen beginnt (Oster-/Weihnachtszeit). Diese letzte Zeit wird mit einem Festtag (Taufe des Herrn/Pfingsten) abgeschlossen.
Ein paar Informationen (II) – für die, die es schon kennen!
Den „geprägten Zeiten“ sind im Gottesdienst Evangelien zugeordnet, die halt eben Jahr für Jahr wiederkehren. In einem zeitlich begrenzten Raum hörst du Geschichten aus dem Neuen Testament, die du eben immer wieder hörst. Sie bilden einen Rahmen, aber genügt das, um Leben zu finden und leben zu können in diesem Rahmen? Die Tasche für die Therme packen führt ja auch noch nicht in die Entspannung!
In der Fastenzeit, die eigentlich Österliche Bußzeit heißt, wird die Geschichte der Versuchung Jesu und die von seiner Verklärung vorgetragen. Oder dann Palmsonntag mit dem Einzug in Jerusalem, die Fußwaschung, die Passionsgeschichte und dann die Osterzeit – da ist vielleicht die Erzählung von den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus die bekannteste. All das kennst du, davon gehe ich mal aus. Das Schöne ist der Rahmen, die Lieder, die Texte. Aber: Das Schöne ist auch das Schwierige. Du kennst es, du kannst es – und vielleicht gilt auch: es kann dich mal! Weil Leben fehlt! Ich habe mich für diesen Osterfestkreis, der an Aschermittwoch beginnt und am Pfingsttag endet, entschieden, die Evangelien und das, was da erzählt wird, mit neuen Augen zu sehen und mit neuen Ohren zu hören, um sie neu in mein Leben und mein Leben neu in diese Texte einzubinden.
Geprägte Zeiten mit neuen Augen und neuen Ohren
Den Januar hindurch habe ich eine „philosophische Revue“ des Frankfurter Philosophen und Hochschullehrers Martin Seel durchgearbeitet. In 111 oft nur halbseitigen Darstellungen lässt er wie in den Revuen im Berliner Admiralspalast Tugenden und Laster „tanzen“, zeigt deren Profile, zeigt, wie sie zusammenhängen und kommt zu dem wunderbaren Schluss: „Tugenden sind Laster, die ihr Schlimmstes nicht ausleben; Laster sind Tugenden, die ihr Bestes versäumen. Man muss die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Tugenden und Lastern erkennen, wenn man den Konflikt zwischen ihnen verstehen will.“[1]
„Tugend“ und „Laster“ nicht als zwei verschiedene Handlungsmuster im Menschen zu sehen, sondern als eine Disposition im Menschen, die sich und die ich entfalten kann. Martin Seel reicht mir mit den beiden Begriffen in der einen Disposition den Schlüssel für die Erschließung der Texte der Evangelien in der Fasten- und in der Osterzeit. Ich möchte sie lesen mit der Frage, welche Tugendbzw. welches Laster im jeweiligen Text „tanzt“, und wie sie „zusammen tanzen“, zusammenhängen. Ich möchte Martin Seel selbst zu Wort kommen lassen und fragen, welche „Verwandtschaftsbeziehungen“ zwischen Tugend und Laster im sonntäglichen Evangelium auftauchen.
Und dann in gut ignatianischer Tradition mit der Frage oder dem Impuls enden, den Ignatius von Loyola in seinen Geistlichen Übungen so oft an eine Betrachtung des Evangeliums anfügt: „Und danach sich zurückbesinnen, um irgendeinen Nutzen aus einem jedem dieser Dinge zu ziehen.“[2]
Martin Seel schlägt mir den Humor als Weggefährten vor. „Ihn zu haben ist eine elementare Form der Unbefangenheit, und vielleicht ihre radikalste. Wer ihn zeigt, weiß vor allem über sich selbst zu lachen. Wer ihn zulässt, versetzt sich durch eine spontane Regung in eine Distanz zu sich selbst. In solchem Humor meldet sich ein unwillkürliches Bewusstsein davon, dass das, was man für unbezweifelbar hält, doch bezweifelbar ist, dass es da, wo man selbst steht, keinen sicheren Stand gibt. Doch es lässt sich davon die Laune nicht verderben; es nimmt die Unwucht der eigenen Lage an. Die Weisheit dieses Humors besteht darin, den eigenen Widerspruch nicht nur zu bekämpfen, sondern bejahen zu können, wie es für ein gelungenes Selbstverhältnis unvermeidlich ist. In ihr meldet sich die Breitschaft, die eigene Position zur Disposition zu stellen. Freilich: Man muss eine Position haben, um sie zur Disposition stellen zu können.“[3]
Wenn du mir dem Humor und mit mir mitkommen willst zu dieser „Revue“, auf diesen Weg durch die „geprägte Zeit“ zwischen Aschermittwoch und Pfingsten, du bist mir als Gefährtin und Gefährte auf Ostern zu herzlich willkommen. Mal sehen, wer sich sehen lässt. Und mal sehen, wo wir landen!
Köln, 16.02.2026
Harald Klein
[1] Seel, Martin (2015): 111 Tugenden. 111 Laster. Eine philosophische Revue, Frankfurt/Main, 235.
[2] Knauer, Peter (1999): Ignatius von Loyola. Geistliche Übungen. Nach dem spanischen Urtext, 2. Aufl., EB 108, Würzburg, 66 u.ö.
[3] Seel, Martin (2015), a.a.O., 36f.