Zeichnen oder bezeichnen von etwas, was von sich aus nicht sichtbar ist
Wenn Du Freude oder Lust an schematischer Darstellung hast, dann schau doch hier mal nach den vielen Darstellungen der Dreifaltigkeit, die seit der Zeit der Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten nach Christus entworfen wurden. Schau, ob du verstehst, was sie dir sagen wollen, und spüre nach, ob sie deinen Glauben, deine Suche, deine Spiritualität in irgendeiner Weise treffen. Meine Einstellung dazu wirst du kennen.
Es ist aber auch ein Ding der Unmöglichkeit: wie kann man etwas schematisch darstellen, das sich per se der Darstellung, dem „Sich-objektiv- zeigen“ oder dem objektiven Zugriff entzieht?
Schemata dieser Art sind Hilfsmittel, etwas zu bezeugen – sie stellen aber deswegen noch lange keine objektive Wahrheit dar! Die Konzilsväter von Trient haben z.B. festgehalten, dass die „Transsubstantiation“, die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, besonders geeignet („aptissime“) seien , um die Realpräsenz Christi in der Eucharistie exakt zu fassen – da ist einem Sein, von einem „so ist es und nicht anders“ keine Rede! Hilfsmittel sind „aptissime“ – besonders geeignet, etwas nicht Fassbares in Bildern und Begriffen zu fassen zu versuchen, wissend (!), dass das noch keine objektive Wahrheit, keine Beschreibung dessen, was wahrhaft ist, ausdrückt. Das gilt auch für die Bilder und die Bildreden von der „Dreifaltigkeit Gottes“.
Mein liebstes Beispiel zur Verdeutlichung: Du fährst auf der Straße mit dem Auto, kommst an eine Kreuzung – und dort ein Schild: weißes Quadrat, auf einer Spitze stehend, darin ebenfalls auf der Spitze stehend und in der Mitte zentriert, ein gelbes Quadrat. Entspannt fährst du einfach weiter, denn du weißt: du hast die Vorfahrt (und du hofft, dass das alle anderen auch so sehen). Du hast die Vorfahrt nicht gesehen, wie auch, sie entzieht sich der objektiven Wahrnehmung! Und doch – in einem Rechtsstreit wie im alltäglichen Fahren hast du sie, ist sie gegenwärtig, und weil sie wirkt – ist sie „wirk-lich“; und damit ist über eine Wirkweise alles, über die objektive Wahrheit oder Existenz nichts gesagt.
Ich – Du – Wir – eine zwischenmenschliche Dreifaltigkeit
Aber jetzt zu meinem Verständnis der (zwischenmenschlichen) Dreifaltigkeit, das ich dir gerne anbieten möchte. Der gute Theologe oder die gute Theologin würde von „interpersonaler Trinität“ reden, klingt auch gleich gebildeter. Er oder sie würden vielleicht nicht von Ich – Du – Wir reden, sondern von These (das sich selbst behauptende Ich) – Antithese (der/die widersprechende Andere <Widerspruch, weil er/sie eben nicht „Ich“ ist>) – Synthese (die Lösung, in der „Ich“ und „Du“ zum Wir“ wird). Lassen wir es einfach und einfacher bei der „zwischenmenschlichen Dreifaltigkeit“.
In einem stimmt diese wissenschaftliche Sprache: Damit Entwicklung und Wachstum geschehen kann, Fortschritt, auch geistlicher und spiritueller Art, braucht es drei „Mitspielende“: Das können „Ich – Du – Wir“ sein, das können allgemeiner gesprochen „These – Antithese – Synthese“ sein, oder, ganz banal: „Autofahrende – weitere Autofahrende an der Kreuzung – Vorfahrtsschild“ sein.
Aber jetzt: was meine ich mit der zwischenmenschlichen Dreifaltigkeit? Ich stelle mir dich als einen mir bekannten und mir lieben Menschen vor. Martin Buber (1878-1965), ein jüdischer Religionsphilosoph, hat den Satz geprägt, den du bestimmt kennst: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Ich erkenne mich in der Differenz zu dir.
Buber kennt das „Ich-Es-Verhältnis“, in dem die Welt oder der/die/das Gegenüber als bloßes Objekt betrachtet wird, das du bewertest, nutzt oder erfährst. Davon unterscheidet Buber das „Ich-Du-Verhältnis“, eine Begegnung der absoluten Gegenseitigkeit und Gegenwart. In dieser Art von Verhältnis begegnen sich Menschen auf Augenhöhe, ohne Hintergedanken, als ganze Person. Und: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, auch ein Buber-Satz. Begegnung geschieht auch im „Ich-Es-Verhältnis“, aber schlicht anders als im „Ich-Du-Verhältnis“, und ich lasse die Wertung bewusst draußen vor.
Gott – das Göttliche – der/das ganz Andere ist im „Zwischen“
Bubers zentraler Kern in seiner Dialogphilosophie ist aber ein dritter Punkt: Er betont das „Zwischen“ als realen, immateriellen Raum zwischen zwei Menschen, in dem wahre Begegnung (das „Ich – Du“) stattfindet. Im Austausch zwischen uns: In diesen Raum des „Zwischen“ nimm alles hinein, was dir zur Wahrnehmung und zum Für-wahr-nehmen meiner selbst hilft. Und traue mir, dass ich es dir gegenüber ebenso tue. Und dann lass uns reden.
Soweit „Du“, soweit „Ich“, da ist aber von Trinität, von Dreifaltigkeit noch keine Rede, könnte man meinen. Schau dir nochmal das Vorfahrtsschild an. Eine Stange, und ein quadratisch zweifarbiges Stück Blech. Es hat keinen Wert an sich, es bekommt Wert erst durch Beachtung, durch Anerkennung, durch Wertschätzung – und kann so Leben retten und Unglücke, Unfälle verhindern. Es spricht nur durch sein Dasein, es wirkt nur durch Beachtung. Der „Geist“, der vom Schild ausgeht, wirkt nur, wenn er als Geist und im Geist derer wirkend von „Ich“ und „Du“ erkannt wird.
Oder anders: Du hast ihn nicht, diesen Geist, ich habe ihn nicht, aber er ist da, wirkt in und auf uns, und wir werden füreinander so zu dem, was wir füreinander sein können.
Das im Kopf, liest sich das Evangelium in Joh 3,18 irgendwie anders. Jesus sagt den Seinen: „Wer an ihn, Gott, glaubt, wird nicht gerichtet…“ – er/sie ist in der Lage, seine/ihre „Richtung“ selbst oder im Dialog zu finden und zu gehen, wohin der Geist führt. Er findet seine Ausrichtung selbst, und er ist in der Lage, das eigene Tun zu richten, was auch immer du mit dem Wort jetzt verbindest.
Und er fährt fort: „…wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat“ – wer diese „Aus-Richtung“ auf den „Geist“ im „Zwischen“ vernachlässigt, bleibt im „Ich-Es-Verhältnis“ stehen, auch wenn sein Gegenüber ein „Du“ ist. Ich überlasse es deiner Fantasie, dir einen solchen Menschen auszumalen.
Gott findet sich nicht im „Es“, nicht im „Ich“, nicht im „Du“, er lässt sich nur im „Zwischen“ erahnen, in deiner Deutung dessen, was ist, und die dich und mich zu wandeln vermag. Ich finde Gott nicht in dir, nicht in mir, nicht im „Es“, sondern im „Zwischen“.
Und wenn du jetzt noch einmal die Symbole der Dreifaltigkeit anschaust, könnte es sein, dass sie dich anders ansprechen als zu Beginn.
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 28.05.2026
Harald Klein