Warum das und nichts anderes? (in max. 1000 Zeichen)
Kästner erzählt von der scheinbaren Selbstverständlichkeit der Wandlungen im Jahreslauf („ist schon ein halbes Jahr herum“), von Wandlung („aus Gras wird Heu, aus Obst Kompott“), und fast wunderbar zusammen: „Es wird und war. Es war und wird“ – und bedient sich dabei seiner frivol scheinenden „Berliner Schnauze“: „aus Küssen werden Kinder“.
In der letzten Strophe, im Text ist vom „letztenTage“ die Rede, steht diese Selbstverständlichkeit der Entwicklung aus. Wenn weiter oben aus Gras Heu, aus Obst Kompott, aus Küssen Kinder werden, ist hier vom Streit zwischen dem Heiden und dem Frommen die Rede. Dass es keine wunderbare, selbstverständliche Entwicklung vom „Heiden“ zum „Frommen“ gibt, haben selbst missionseifrige Gruppierungen aller Kirchen verstehen müssen. Sie mögen dran verzweifeln.
Leider ist es in der Sprache veraltet, aber „frommen“ heißt soviel wie „nützen“ oder helfen“. „Fromm“ kann man niemanden „machen“, fromm sein, nützlich und hilfsbereit allen gegen über „wird“ man. Wie das Heu aus Gras, der Kompott aus Obst und die Kinder aus Küssen „werden“. Erich Kästners Antwort darauf ist eher gelassen: „Und nächstens wird es Sommer.“ Es wird! Versprochen!
Köln, 01.06.2026
Harald Klein
Erich Kästner – Der Juni
Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.
Kaum schrieb man sechs Gedichte,
ist schon ein halbes Jahr herum
und fühlt sich als Geschichte.
Die Kirschen werden reif und rot,
die süßen wie die sauern.
Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,
so sehr wir es bedauern.
Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.
Es wird und war. Es war und wird.
Aus Kälbern werden Rinder
und, weil’s zur Jahreszeit gehört,
aus Küssen kleine Kinder.
Die Vögel füttern ihre Brut
und singen nur noch selten.
So ist’s bestellt in unsrer Welt,
der besten aller Welten.
Spät tritt der Abend in den Park,
mit Sternen auf der Weste.
Glühwürmchen ziehn mit Lampions
zu einem Gartenfeste.
Dort wird getrunken und gelacht.
In vorgerückter Stunde
tanzt dann der Abend mit der Nacht
die kurze Ehrenrunde.
Am letzten Tage streiten sich
ein Heide und ein Frommer,
ob’s Wunder oder keine gibt.
Und nächstens wird es Sommer.
aus: Kästner, Erich (1955): Die 13 Monate, Zürich, o.S.