Siebter Sonntag der Osterzeit: Weder Fisch noch Fleisch

  • Predigten
  • –   
  • –   

Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten

Kaum ein Sonntag deutet sich selbst so sehr wie der zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. „Himmelfahrt“ steht für die Leerstelle, die Jesus in seinem – nennen wir es – Heimgang zum Vater hinterlassen hat. Diese „Himmelfahrt“ hat ein Vakuum zur Folge, das an „Pfingsten“ gefüllt wird, und zwar – nennen wir es – mit dem Geist dessen, der in den Himmel aufgefahren ist.

Die Frage dieses Sonntags, der kaum eine andere Aussage oder Antwort hat, sondern eben nur diese Frage, ist: „Du, kennst Du dieses Vakuum? Ihr, kennt Ihr dieses Vakuum? Wie lebt ihr damit, wie haltet ihr es aus? Dauert es an, heute noch? Oder hat Jesu Geist dieses Vakuum schon gefüllt? Vielleicht so, dass Du – zumindest in Ansätzen – daraus lebst?“

Dieses „Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten“ wird so zu keiner temporären, keiner zeitlichen Bestimmung. Es beschreibt vielmehr einen geistigen Zustand, der zwischen innerer schmerzhafter Leere und freudiger Erfüllung hin- und herschwingt. Umgangssprachlich magst Dir die Redewendung von „weder Fisch noch Fleisch“ helfen, denn vermutlich gibt es keinen der beiden Pole auf die Dauer in Reinform. Es wäre nicht auszuhalten, dauernd in dieser Form eines spirituellen Vakuums zu leben. Und es wäre genauso schwierig, ohne klug abzuwägen und auszuwählen, allen Impulsen des Geistes zu folgen. Es gibt so etwas wie eine spirituelle Pendelbewegung, die von einem Pol („Fisch“) zum anderen Pol („Fleisch“) und wieder zurückzugehen vermag.

» Wenn einige die Welt verlassen müssen,
um sie zu finden,
so müssen andre in die Welt hineintauchen,
um sich emporzuschwingen
mit ihr
zum gleichen Himmel. «
aus: Madeleine Delbrêl: Die Liturgie der Außenseiter, in: dies.: Gott einen Ort sichern, hg. von Annette Schlenker, Kevelaer 2007, 134ff.

In der Welt, nicht von der Welt

Allen drei Schriftlesungen heute ist es eigen, diese Pendelbewegung bzw. ihre Folgen zu beschreiben. Die Apostelgeschichte erzählt die Wahl des Matthias, der durch Los an die Stelle des Judas rückte, damit die Zwölferzahl bei den Aposteln wieder erreicht wird. Die Elf wollen den Schmerz des Vakuums – ihr Herr ist weg, einer der ihren ebenso – nicht weiter aushalten und kommen ins Tun. Sie vergewissern sich über die Hl. Schrift, was jetzt „dran“ sei, halten gemeinsam eine Zeit des Gebetes, stellen zwei Männer zur Wahl und lassen das Los entscheiden. Die Kriterien für ein Tun im Geist in der Apostelgeschichte: Die Hl. Schrift, das Gebet, eine Alternative statt einer bloßen Festlegung, eine Losentscheidung in aller Freiheit.

Die Lesung aus dem ersten Johannesbrief ist zeitlich schon ein bisschen weiter fortgeschritten als die ältere Apostelgeschichte. Es geht um das Kriterium dessen, an dem erkennbar ist, dass jemand vielleicht doch eher „Fleisch“ als „Fisch“ ist. Als wolle Johannes den Pendelschlag zwischen „Vakuum“ und „Geistgabe“ aufheben, mahnt er, dass die, die zu Gott gehören, „in ihm bleiben“ (Du weißt, „bleiben“ ist ein absolut aktivischer Begriff). Gott habe, so Johannes, uns von seinem Geist gegeben. Und er schließt diesen Text mit den Worten: „Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ Man könnte den Eindruck gewinnen, Johannes leugne hier mit seinem doppelten „Bleiben“ die Pendelbewegung zwischen „Fisch“ und „Fleisch“. Ich glaube nicht, dass er es so meint. Was er aber sagt, ist, dass Du, dass ich, das wir (als Kirche) wissen, wo wir hingehören. Auch wenn Du wieder in Richtung „Fisch“ ins Vakuum zu pendeln drohst oder schon dort bist, Du darfst glauben, dass Gott in Dir bleibt und Dich „zurückpendeln“ lässt, zum „Fleisch“, zum Geist.

Das ist für mich eine schlüssige Erklärung dessen, was Jesus im Evangelium meint, wenn er so deutlich zwischen „in der Welt sein“ und „nicht von der Welt kommen“ spricht. Diese „Zugkraft des Heiligen Geistes“, die Dich aus dem Vakuum zu ziehen vermag, ist in der Welt, aber sie wurzelt in einer Hoffnung, in einer Zusage, die die Welt übersteigt, sie ist nicht von der Welt. Nicht, dass es in der Welt keine Zugkraft gäbe, die von der Welt ist, das Gegenteil ist der Fall. Aber die Zugkräfte der Welt haben – wir erleben es gerade schmerzlich – oft anderes als Ziel, denn zum „Geist“ zu führen. Und umgekehrt: In der Welt gibt es einiges an Kräften, die zum „Geist“ führen und die sogar ihre Wurzeln in der „Welt“ haben. Doch diese Kräfte korrespondieren mit denen, die nicht von der Welt sind. Da gibt es letztlich keine Konkurrenz, denn es geht ums Leben, es geht darum, in der Liebe zu bleiben. Jede Kraft, die einen Zug dahin hat, wurzelt für den glaubenden Menschen in Gott.

„Da hat jemand einen starken Willen zur Transzendenz, dem Überschreiten-Wollen des bloß Diesseitigen, aber gleichzeitig eine Scheu vor dem Jenseits. Darum ist das von Rilke gemeinte Jenseits ebenso ein Diesseitiges. Transzendenz und Immanenz durchdringen einander – entscheidend ist der Impuls des Überschreiten-Wollens. «
Decker, Gunnar (2023): Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 229.

Der Impuls des Überschreiten-Wollens

Die Versuchung ist groß, gnostisch oder dualistisch von der „Welt “ und dem „Diesseits“ als „Fisch“ und vom „Himmel“ und dem „Jenseits“ als Fleisch“ zu sprechen oder das Pendel so zu denken. Da sei Gott vor. Um Gottes Willen: im Christentum und in der Nachfolge Jesu geht es um die Welt. Der Clou dieses Sonntags ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass das “Fleisch“, dass das „Jenseits“ bereits im „Fisch“, im „Diesseits“ zu finden ist. Deine Weise, wie Du die Welt und das Weltgeschehen siehst, ist der Baukasten, mit dessen Hilfe Du das „Diesseits“, die „Welt“ und alles, was dazu gehört, wahrnimmst (oder auch „für wahr nimmst“). All das ist „in der Welt“. Deine Spiritualität, der Geist, in dem Du all das deutest oder deuten kannst, ist eben „jenseitig“, gehört in die Sphäre Jesu, die Sphäre des Heiligen Geistes – aber sie löst sich nicht von der Welt! Es geht um eine jenseitige Deutung (von der „Fleisch“-Seite her) des diesseitigenGeschehens (auf der „Fisch-Seite).

Gunnar Decker kennt in seiner Rilke-Biografie[1] sowohl den Pendelschlag als auch diesen Zusammenhang von Diesseits und Jenseits, für den dieser Sonntag besonders steht. Decker schreibt über die ersten Gedichte Rilkes im „Stundenbuch“: „Da hat jemand einen starken Willen zur Transzendenz, dem Überschreiten-Wollen des bloß Diesseitigen, aber gleichzeitig eine Scheu vor dem Jenseits. Darum ist das von Rilke gemeinte Jenseits ebenso ein Diesseitiges. Transzendenz und Immanenz durchdringen einander – entscheidend ist der Impuls des Überschreiten-Wollens.“[2]

Darum ist das von Rilke gemeinte Jenseits ebenso ein Diesseitiges. Umgekehrt mag gelten: Darum ist das Diesseitige ebenso ein Jenseitiges. Es ist eine Deutungssache, es ist Deine Deutungssache. Und aus dem „Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ wird bei Rilke (nach Decker): „Entscheidend ist der Impuls des Überschreiten-Wollens“, und die Deutung, dass Transzendenz und Immanenz sich durchdringen.

Wenn es auf Pfingsten geht, dann lass uns doch auf die Impulse des Überschreiten-Wollens der Immanenz auf die Transzendenz hin hoffen.

Amen.

Köln, 08.05.2024
Harald Klein

[1] Decker, Gunnar (2023): Rilke. Der ferne Magier. Eine Biografie, München.

[2] a.a.O., 229.