22. Sonntag im Jahreskreis – Die Überlieferung der Alten

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„Dat dat dat daff? – „Dat daff dat!“

Im Rheinland ist diese Sprachwendung kein Witz oder witzig, man redet hier so. Die Übersetzung im Kontext für die nicht-rheinländischen Menschen: Im Eisenbahnabteil sitzen vier Menschen, am Fenster eine Großmutter mit ihrer kleinen Enkelin gegenüber; neben den beiden ein älteres Ehepaar. Das Kind hat die Schuhe aus und tritt immer wieder in einem eigenen Rhythmus der Großmutter ans Bein. Der neben dem Kind sitzende ältere Herr schaut die Großmutter an und sagt: „Dat dat dat daf?“ – und die Großmutter antwortet: „Dat daf dat!“ im Hochdeutschen etwa: „Das dieses Kind das darf…?“ – „Sie darf das!“

Das heutige Evangelium spielt nicht im Eisenbahnabteil, nicht der Ort dient der Brücke zu dieser Eisenbahngeschichte. Nicht der Ort, aber die Verwunderung der Pharisäer und der Schriftgelehrten, der oberen Glaubenskaste, den „Klerikern“ des Judentums, wenn man so will. Nicht der Ort, sondern das Verhalten der Jünger, der „Laien“, und die Verwunderung der Pharisäer und Schriftgelehrten, wenn man so will.

» Die Engstirnigen müssen erst einmal lernen, dass es möglich ist, im eigenen Geist Raum zu schaffen, Raum für das Undenkbare, für das Miteinander von Gegensätzen, für Zwischentöne und den Blick über den eigenen Tellerrand. Und wie wohltuend ist es, wenn man Jahre später feststellen kann, dass sich ein verbohrter Geist wirklich zu ändern vermag.«
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 156.

Zu Gast bei Jesus

Schauen Sie, was da im Evangelium geschieht: Da sind Pharisäer und Schriftgelehrte bei Jesus zu Besuch. Und sie nehmen wahr, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit „unreinen“, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen – wie alle Juden – nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben.  Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. So halten sie an der Überlieferung der Alten fest, zumindest schildert es uns so der Beginn des heutigen Evangeliums.

Rheinisch müsste es jetzt nicht „dat dat dat daf?“ heißen, sondern „dat he dat daf?“ – „Das er das darf?“ Die Vornehmheit der Pharisäer und Schriftgelehrten führen zu ein er vornehmeren Frage: „Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten?“

Hier geht es scheinbar nur ums Essen, um das Waschen der Hände, das Spülen der Schüsseln und Kessel. Aber loten Sie doch die Frage der Pharisäer und Schriftgelehrten mal in ihrer ganzen Tiefe auf die Gegenwart des Judentums und dann des Christentums aus: „Warum halten sich Deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten?“

» Es gibt ein Verfallsdatum, ab dem Sie Ihre Eltern nicht mehr beschuldigen können, Sie in die falsche Richtung bugsiert zu haben; in dem Moment, da Sie alt genug sind, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen, liegt die Verantwortung bei Ihnen. «
Rowling, J.K. (2017): Was wichtig ist. Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie, Hamburg, 20.

Die „Überlieferung der Alten“ – das Dilemma der Frage

Hinter der „Überlieferung der Alten“ verbirgt sich einerseits die Lehre, die ausbuchstabierte Religion, und andererseits alle Riten und Gebräuche, aller Ausdruck der Frömmigkeit, dessen Vollzug das Dazugehören vollzieht und bestätigt. Es geht also nicht um Hygiene, wenn die Pharisäer und Schriftgelehrten die Frage nach dem Händewaschen vor dem Essen stellen.

Das Dilemma der Frage liegt darin, dass es nur der einen Seite erlaubt ist, dass nur die eine Seite sich (scheinbar) herausnehmend darf, diese Frage zu stellen. Pharisäer und Schriftgelehrte gelten im Judentum als Inkarnation, als Fleisch angenommene Lehre, Fleisch gewordene Riten und Fleisch gewordene Gebräuche. Welcher einfache Jude käme auf die Idee, die Frage herumzudrehen und aus dem heraus, was er oder sie von Gott verstanden hat, sie den Pharisäern und Schriftgelehrten zu stellen. Und welcher einfache Christ würde z.B. im Rahmen einer bischöflichen Visitation mit dem gleichen Ernst der Pharisäer und Schriftgelehrten einen Bischof fragen. „Wieso hältst du dich nicht an die Überlieferung der Alten?“ Das geht anscheinend nur im Synodalen Weg – oder eben auch nicht.

Gott aller Barmherzigkeit,
du versenkst unsere Vergangenheit in Christi Herz
und nimmst dich unserer Zukunft an.
Wir danken dir,
heute und immer.
Amen.
Fr. Roger Schutz, Taizé

Die „Überlieferung der Alten“ nicht allein den Alten überlassen

Die „Überlieferung der Alten“: Am 16. August 2005 wurde ein Alter gewaltsam getötet, der aber mehr ein Weiser war, ich denke an Frère Roger Schütz, den Gründer der Kommunität von Taizé. Am Osterfest 1970 kündigte er ein Konzil der Jugend an, ein Jugendforum, das zum Ziel hatte, die „Überlieferung der Alten“ für die Heutigen, vor allem für die Jugend zu übersetzen. Da ging es um Lehre, um Riten, um einen Geist zum Handeln. Den Glauben selbst in die Hand nehmen, das vom Evangelium leben, was man selbst verstanden hatte, Christus bitten, die eigene Vergangenheit in seinem Herzen zu versenken und zu hoffen, dass er sich der eigenen Zukunft annehme – Taizè stand und steht für einen Glauben, der nach Aufbruch riecht; Aufbruch, was Lehre angeht, Aufbruch, was Riten und Gebräuche angeht, Aufbruch, der die eigene Vergangenheit in Christi Herz versenkt und sich mit Christi Geist der Zukunft annimmt. In der ersten Lesung heute heiß es „Hört, und ihr werdet leben“ (Dtn 4,1), und nicht: Gehorcht, und ihr werdet leben. Beurteilen Sie selbst, wie sehr der Weg von fr. Roger für einzelne, für Gemeinden und Gemeinschaften, für das Gesamt der Kirche hilfreich war.

» Veränderung beginnt immer zuerst mit der Bereitschaft, althergebrachte Überzeugungen zu lockern und Neues zu denken.«
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 156.

Noch einmal „Dat dat dat daf?“

Ich stelle ich mir einen gelungenen Besuch bei Jesus ein wenig wie einen Besuch in Taizè vor. Ich staune über die Vielfalt an Menschen, an Sprachen, an Riten und Gebäruchen, ich staune über das, was die anderen da machen, und ich meine nicht nur das Gehen zu Tisch ohne gewaschene Hände, und ich gebe meinem Staunen Ausdruck: „Dat dat dat daf?“ Und Jesus lacht und antwortet: „Dat daf dat – un du och!“ Lassen Sie uns den Überlieferungen trauen, die einen Platz in unseren Herzen verdienen, und lassen Sie uns die Gebräuche und Überlieferungen der Alten ruhig kritisch hinterfragen. „Dat dafs du!“

Amen.

Köln 26.08.2021
Harald Klein