23. Sonntag im Jahreskreis – Wache Wächter!

Wächter sein – mit dem Blick nach „außen“

„Du Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israel als Wächter gegeben“ – so beginnt die erste Lesung aus dem Propheten Ezechiel. Ich sehe vor mir alte Ritterfilme, in denen ausgesuchte Ritter auf der Brüstung des Turmes nach den Feinden Ausschau halten; oder eine Karl-May-Verfilmung, in der in zweistündigem Wechsel sich die Menschen in der Prairie nachts abwechseln im Wachen. Die Blickrichtung der Wächter, der Wachen, ist hier klar: sie geht natürlich nach außen! Bedrohungen, die zum einen den Menschen in der Burg, zum anderen den Prairie-Gefährten von außenangehen könnten, sollen im Vorfeld entdeckt werden. Überaschende Angriffe von außen sollen verhindert werden.

Wächter sein – mit dem Blick nach „innen“

Bei Ezechiel ist das anders. Der Blick geht nicht nach außen, sondern nach innen. Der hier genannte „Menschensohn“, gemeint ist der Prophet selbst, ist dem Haus Israel als Wächter gegeben. Der Blick nach innen: Es sind Gefängnisfilme, die mir dazu einfallen. Die Gefangenen werden observiert, auf welche Weise und mit wieviel Gewalt auch immer. Der Ausbruch der Insassen nach außen soll verhindert werden, nicht der Einbruch derer, die von außen kommen.

Zugegeben, das außen und innen spielt in Israel keine große Rolle, der Wächter, der Prophet hat die Aufgabe der Rettung der Gemeinschaft und die Rettung des einzelnen in der Gemeinschaft. Es geht bei Ezechiel zunächst einmal um Bestandsbewahrung. Wenn er, der Prophet, die Stimme Gottes höre möge er den Schuldigen in den eigene. Reihen, also „innen“, warnen, damit er umkehre und sein Leben rette. Wenn der Schuldiggewordene das Wort hört und umkehrt, hat er sein Leben gerettet, wenn nicht, wird er seiner Sünde wegen sterben, der Prophet, der Wächter aber habe sein Leben gerettet. Und der Bestand ist gesichert.

» Nicht unser Geist richtet sich demnach nach den Gesetzen der Dinge, sondern die Dinge nach den Gesetzen unseres Geistes. «
Eilenberger, Wolfram (2018): Zeit der Zauber, Stuttgart, 129.

Bewachen und Bewahren

Egal, ob der Blick des Wächters nach innen oder nach außen geht, beide Male geht es um den Bestand, das Bewachen und das Bewahren. Es möge sich am Status quo nichts ändern! Beim wachenden Blick nach außen geht es um den Zustand, der von außen bedroht werden kann, bei wachenden Blick nach innen um den Zustand, der von innen bedroht werden kann. Ziel des Wächteramtes ist der Erhalt des Status quo, der Erhalt dessen, was ist.

Ob es überzogen ist zu sagen, dass es in unserer Kirche auch ein solches Wächteramt gibt, und dass man beide Arten der Wächter auch in der Kirche findet, die mit dem Blick nach außen wie auch die mit dem Blick nach innen? Ist der „Synodale Weg“ nicht so etwas wie eine Versammlung von „Wächtern“? Gibt es da nicht diejenigen, die den Blick vor allem nach innen richten und denen es um Bestandsbewahrung und um das Bewahren dessen, was (geschichtlich gewachsen und geworden) ist, geht? Und gibt es da nicht diejenigen, die wachend auf das schauen, was von außen kommt – oft eher feindlich gewertet und als den Status quo angreifend gedeutet. Und über allem ein Gesetz, das, wie bei Ezechiel, als Stimme Gottes gedeutet wird, die den Sünder identifiziert und warnen lässt, auf dass er sein Leben nicht verspiele oder das der Gemeinschaft nicht bedrohe.

»Unsere Grundsätze und Strukturen sollen helfen, uns das zu eigen zu machen, was Jesus Christus am Herzen liegt.«
nach "Allgemeine Grundsätze der GCL", AG 1

Wache Wächter

Ich möchte dieses Bild, dieses Erleben gerne kritisch hinterfragen. Mit Dualismen kam man in der Epoche der Moderne noch ein Stück voran, in der Postmoderne haben sie ihre Gültigkeit oft verloren. Es stimmt nicht mehr „Blick nach innen“ vs. „Blick nach außen“, es stimmt nicht mehr Leben retten“ vs. „Leben verlieren“, es stimmt nicht mehr „Angriff“ vs. „Verteidigung“. Es sind nicht lineare, geradlinige Denk- oder Lebensprozesse, die geschehen, sondern Zyklen und zyklische Prozesse. Es braucht wirklich wache Wächter, die unterscheiden und entscheiden müssen, was „jetzt“ dem Leben dient, was man lässt, was man hineinnimmt allemal ins eigene Leben oder in das Leben derer, die mir anvertraut sind – es braucht auch die wachen Wächter, die der Kirche und in der Kirche diesen Dienst tun.

In der 2. Lesung aus dem Römerbrief heißt es: „Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe!“ Das wäre so ein Kriterium für die Wachen, für die Wächter, für die wachen Wächter: Was dient der Liebe zueinander, untereinander, was dient der Liebe zu Christus. Die Antwort findet sich sowohl im Blick nach innen wie im Blick nach außen. Sie sei, so sagt Paulus, die Erfüllung des Gesetzes.

Mir ist das die Kernbotschaft der Texte dieses Sonntags: Ich darf mich Wächter sein über mein Leben, mit dem Blick nach innen wie mit dem Blick nach außen. Ich darf mir „Mit-Wachende“ suchen, die mit mir auf mein Leben schauen. Ich darf ganz wach wahrnehmen, was um mich herum vorgeht, die und dem Raum geben und in mein Leben lassen, was mir dient, die und das ausschließen, was mir schadet. Zyklisch, widerkehrend und abflauend, nicht linear. In aller Klarheit. Und in aller Liebe – und zu ihr gehört neben manchem froh geteilten Ja dann auch schon mal ein waches und klares Nein, nach innen wie nach außen.

Amen.

Mölln/Lauenburg, 06.09.2020
Harald Klein

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