31. Sonntag im Jahreskreis / Allerheiligen – oder: Freut Euch!

Reden im Genitiv: Das Fest aller Heiligen

Liturgisch „verdrängt“ ein Hochfest einen Sonntag – ja, so heißt das in der liturgischen Sprache. Stellen Sie es sich bildlich vor: da ringt der einfache Sonntag mit dem Hochfest aller Heiligen (im Genitiv und klein geschrieben), und schon allein die Zahl der Heiligen ist ja in der Lage, den einfachen kleinen 31. Sonntag im Jahreskreis zu verdrängen, oder anders gesagt: ihn schlicht aus dem liturgischen Kalender 2020 rauszuwerfen. Schauen Sie sich die ringenden Kämpferinnen und Kämpfer in Sachen Heiligkeit einmal an. Vielleicht ist der eine oder die andere dabei, der oder die Ihnen nahe ist, aus welchem Grund auch immer. Eine oder einen, die oder den Sie sich als Weggefährten auf Ihrem Glaubensweg gesucht haben, dessen Bild in Ihrem Gesangbuch oder dessen Figur sogar in Ihrer Wohnung Platz hat. Es ist nicht das Schlechteste, einen Heiligen zum Weggefährten, eine Heilige zur Weggefährtin zu haben.

» Die Nächte werden kalt sagst du
Wärme geht von dir aus «
Hartung, Harald (2010): Wintermalereien. Gedichte. Göttingen, 71.

Die Heiligen im Akkusativ: Reden von den Heiligen

Etwas mühsam und ernüchternd wird es, wenn ich mir über die Schrifttexte des Hochfestes ein Bild von den Heiligen machen will. Lassen Sie uns mal im Akkusativ über die Heiligen nachdenken, lassen Sie uns von den Heiligen reden. Der Seher Johannes schildert seine Sicht von den Heiligen in der Offenbarung, die seinen Namen trägt. Da ist die Rede von 144.000 Gestalten, aus allen Stämmen der Söhne Israels, die „das Siegel“ tragen. Heilige sind also „Abgestempelte,“ tragen weiße Kleider und Palmzweige in der Hand, kennen und kommen aus einer großen Bedrängnis, werfen sich anbetend nieder und sprechen: „Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserm Gott in alle Ewigkeit. Amen.“ – Können Sie sich das bildlich vorstellen, diese 144.000 niederfallenden und in Sprechchören redenden Menschen? Meine Assoziationen dazu sind fatal: Ich habe Nürnberg in dunkler Zeit vor Augen, oder – für die jüngeren – die „Tribute von Panem“ und die Hungerspiele: Mögen die Spiele beginnen! Heiligendarstellungen triefen oft vor Blut, oder zeigen umgekehrt eher blutleere Menschen, und die Freude des Franziskus ist in den Heiligenlegenden eher die Ausnahme neben Opfer, Martyrium oder innerem und äußerem Ringen mit einer dem Christentum gegenüberstehenden feindlichen Staatsmacht oder mit einer Christus verhöhnenden Kirchenmacht. Aus heutiger Sicht sprechen wir oft von „komischen Heiligen“. Da hätte ich keine Lust, ein Heiliger zu werden, erst recht kein „komischer“.

» Paradoxerweise können diejenigen, die sich für ungläubig halten, den Willen Gottes manchmal besser erfüllen als die Glaubenden. «
Papst Franziskus (2020): Enzyklika Fratelli tutti, Nr. 74.

Das Heilige im Dativ: Reden von dem Heiligen

Lassen Sie uns mal auf das Heilige im Dativ schauen und reden von „dem Heiligen“. Was da alles mitschwingen kann: Säulenheiligen, die monatelang auf einer Säule lebten und von dort aus beteten und Rat gaben, in der frühen Kirche; das stille (eher monastische) und das kämpferische (eher ritterliche) Eintreten für Christus, dann für die Kirche, im frühen Mittelalter; die Heiligung des Tages, der Arbeit und des Gebetes im klösterlichen Leben in bendiktinischer Tradition; das Lob der Schöpfung und das Leben in Geschwisterlichkeit in der franziskanischen Tradition; in der Neuzeit mit der Entdeckung des Individuums das Betonen der je eigenen Spiritualität, des je eigenen Weges zu Gott, in der karmelitischen oder der ignatianischen Tradition; die Sorge um die Menschen am Rande, die so etwas wie der Ausschuss der Moderne waren, im 19. Jahrhundert und in den vielen caritativen Bewegungen und Gemeinschaften. Eines scheint klar – Heiligkeit nährt sich nicht nur aus der Heiligen Schrift, sondern auch aus dem gesellschaftlichen Umfeld. Heiligkeit erweist sich nicht nur in der Frage der Passung auf das Christliche, erst recht nicht in der Frage nach dem Kirchlichen, sondern mindestens genauso in einem Antwortgeschehen auf die Zeichen der Zeit. Nur wer aus Glauben an Christus heraus und im Blick auf das, was um ihn, was um sie herum geschieht, eine Antwort zu geben vermag, die entweder von Christus her kommt und zum Menschen hin führt, oder vom Menschen herkommt und sich an Christus ausrichtet, entgeht der Gefahr, für einen „‘komischen Heiligen“ gehalten zu werden.

» Menschen begleiten heißt,
sie zu tragen,
wenn ihre Flügel versagen,
wachsam zugegen zu sein,
wenn ihnen der Auftrieb fehlt,
die eigene Stärke anzubieten,
wenn Furcht sie ergreift,
In ihnen das Vertrauen zu wecken
für die Botschaft
des unendlichen Windes. «
Maus, Edeltrud (2018): Dem Leben trauen. Gedanken und Meditationen in Wort und Bild, Mauritius, 36.

Der Heilige im Nominativ: Reden von mir selbst

Und jetzt der Blick auf mich, der Blick auf Sie selbst – das Reden vom Heiligen im Nominativ: Ich, heilig? Jetzt gilt es, das oben Gesagte mit Fleisch zu füllen: da stehe ich, da stehen Sie – und zusammen schauen wir auf Christus, und von ihm her, mit ihm, mit seinen Augen auf die Welt um uns herum. Oder umgekehrt: da stehe ich, da stehen Sie – und zusammen schauen wir auf die Welt um uns herum, und schauen von da, mit all dem, auf Christus. Was mag da kommen? Welcher – Achtung: großes Wort – „Impuls zur Heiligkeit“ mag sich da zeigen? Ich mache zwei Anleihen bei Papst Franziskus und seiner jüngsten Enzyklika: „Lebe geschwisterlich“ heißt die erste Anleihe, entdecke alle Seiten in Dir, und nimm sie wohlwollend an, auch wenn sie manchmal schwer sind; eindecke die anderen, und nimm sie wohlwollend an, trotz aller Unterschiede; Unterschiede können schwer auszuhalten sein, manchmal bereichernd sein, selten sind sie trennend, sie unterscheiden nur; setz Dich ein für eine geschwisterliche Welt, in der Weise des Konsums, der politischen und gesellschaftlichen Aktivität, damit kein Land abgehängt wird im eigenen streben, groß rauszukommen. „Geschwisterlich leben“ ist ein Weg zur Heiligkeit, den Papst Franziskus vorschlägt. Ein zweiter heißt „soziale Freundschaft“: Wiederum auf der persönlichen Ebene in Freundschaft leben mit dem, was alles, wirklich alles zu mir gehört. Dann im Blick auf andere, im Zusammensein mit anderen kein Oben und Unten herzustellen, sondern Brücken zu schlagen, Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Mann und Frau und alles, was dazwischen liegt, zu verbinden, indem ich die offene Hand hinhalte und versuche, das Herz ebenso offen zu halten. Die Tür ist offen, mehr noch das Herz. Und dann: informiert zu sein über Ungleichheiten, über Abhängigkeiten oder Unrechtsstrategien in anderen Ländern, Nationen, Völkern und Kulturen. Gibt es da einen Ort, politisch, gesellschaftlich tätig sein zu können?

» Die einzige Weise, mit Sicherheit zu erkennen, wie wir zu Gott stehen, liegt darin, alle unsere menschlichen Beziehungen zusammenzunehmen und anzuschauen. Was in diesen Beziehungen vorhanden ist, das ist auch in unserer Beziehung zu Gott vorhanden. «
Franz Jalics

Dankbarkeit an Stelle von Seligkeit

Wie die Emmausjünger zum Ostermontag und der Stephanus zum 2. Weihnachtstag gehören die Seligpreisungen zum Allerheiligenfest. Vielleicht muss man das Wort „Selig“ ein wenig anders übersetzen, damit die Jesu Seligpreisungen der Bergpredigt heruntergebrochen werden können auf mein und Ihr alltägliches Leben. Im Lied „Selig seid ihr“ mögen sie schön zu singen sein, im alltäglichen Leben sind sie schwer einzuholen. Andreas Knapp, Ordensmann und geistlicher Schriftsteller in Leipzig, hat in seinem Buch zur Eucharistie Das „Selig“ und die, die selig genannt werden“ ein wenig umgedreht. Aus dem „Selig“ wurde ein „Seid dankbar“, und aus den Personen, den Trauernden, den Barmherzigen, wurde ein Tun, eine Handlung, die mich – beinahe widersprüchlich – in Schwerem auch in Dankbarkeit versetzen kann. Für mich ist dadurch eine gute Umschreibung dessen geworden, was für mich Heiligkeit hier und heute ausmachen kann und was einen Heiligen umschreibt. Mit dieser Haltung der Dankbarkeit, mit diesen Zusagen lassen Sie und das Reden über Heiligkeit im Akkusativ, im Dativ und im Nominativ beenden:

Seid dankbar, wenn Ihr arm seid vor Gott; denn Euch gehört das Himmelreich.
Seid dankbar, wenn Ihr trauert, denn Ihr werdet getröstet werden.
Seid dankbar, wenn Ihr sanftmütig seid, denn Ihr werdet das Land erben.
Seid dankbar, wenn Ihr hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn Ihr werdet gesättigt werden.
Seid dankbar, wenn Ihr barmherzig seid, denn Ihr werden Erbarmen finden.
Seid dankbar, wenn Ihr rein im Herzen seid, denn Ihr werdet Gott schauen.
Seid dankbar, wenn Ihr Frieden stiftet, denn Ihr werdet Kinder Gottes genannt werden.
Seid dankbar, wenn Ihr verfolgt werdet um der Gerechtigkeit willen, denn Euch gehört das Himmelreich.
Seid dankbar, wenn man Euch schmäht und verfolgt und alles Böse über Euch redet um meinetwillen.
Freut Euch und jubelt, denn Euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor Euch die Propheten verfolgt. (Mt 5,3-12)
Amen.

Köln, 31.10.2020
Harald Klein

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