Barmherzigkeit, Vergebung und Versöhnung

 „Ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,32)

Ein schönes Bild, das vom ein-Herz-und-eine-Seele-sein. Für die, die meiner Generation angehören, und für die, die ein wenig älter sind, können da ganz andere Erinnerungen kommen: Sie kennen sicher noch Alfred Tetzlaff, genannt „Ekel Alfred“ und seine Frau Else. Zwischen 1973 und 1976 hat diese bitterböse Satire gezeigt, was „Ein Herz und eine Seele“ gerade nicht ist – das war ein ewig wiederkehrender Ehe- und Familienkrieg zwischen Alfred und Else, zwischen ihrer Tochter Rita und dem Schwiegersohn Michael. Ich glaube, der Erfolg dieser Serie – ähnlich wie später bei „Heinz Becker“ – lag vor allem darin, dass man sich und seinen Alltag in so vielem wiedererkennen konnte.

Der Sonntag der Barmherzigkeit

Der Sonntag acht Tage nach Ostern wird nicht nur als „Weißer Sonntag“, sondern auch als „Sonntag der Barmherzigkeit“ begangen. Papst Johannes Paul II. hat ihn bei der Heiligsprechung von Sr. Faustyna im Heiligen Jahr 2000 für die katholische Kirche festgelegt. Im Beten und im Beichten soll besonders die göttliche Barmherzigkeit betrachtet werden, und sie soll als Geschenk Gottes an die Menschen empfangen werden.

Barmherzigkeit: Die hätten Alfred und Else Tetzlaff bitter nötig gehabt, die hätten Heinz, Hilde und Stefan Becker nötig gehabt, die hatte Thomas, der Zweifler, im Evangelium nötig, und die hätte ich, die hätten Sie bitter nötig, davon bin ich überzeugt.

Vergebung und Versöhnung als Ausdruck von Barmherzigkeit

Stellen Sie sich vor, Sie sollten auf einem Blatt Papier, auf einer Flipchart Begriffe aufschreiben, die Ihnen zum Stichwort „Barmherzigkeit“ einfallen. Was käme Ihnen in den Sinn? Zwei Worte sind es, die mir zuerst einfallen: einmal „Vergebung“, und dann „Versöhnung“. Und dann kommt sofort die Frage: „Barmherzigkeit – wem gegenüber?“ – „Versöhnung – mit wem?“ – „Vergebung – wem gegenüber?“ Und vor allem: „Barmherzig sein, vergeben, versöhnen – wie geht das?“ Kommen Ihnen Situationen, kommen Ihnen Menschen in den Sinn? Gut! – Ich möchte Ihnen gerne drei kleine Merkmale von Barmherzigkeit als Vergebung und Versöhnung aufzeigen.

Barmherzigkeit – Einwilligen in die Armut des Herzens

Da ist zuerst einmal das Wort „Barmherzigkeit“. Lateinisch heißt es „misericordias“ – und da stecken die Worte „miser“ im Sinne von „arm“ oder „unglücklich „und „cordis“ im Sinne von „Herz“ drin. Barmherzigkeit ist eine Herzenssache, die auch einmal gegen alle Vernunft gehen kann. Sie hat immer etwas mit Armut, mit Unglück, mit einer Misere zu tun. Das Spannende: der Ruf zur Barmherzigkeit gilt nicht nur den anderen gegenüber, er gilt auch mir selbst gegenüber. Wenn Gott sich mir gegenüber als der Barmherzige erweist, dann kann ich dieses Geschenk doch nur dann annehmen, wenn ich mir selbst gegenüber barmherzig bin. Wirklich aufrichtig, aufrecht, richtig vor Gott kann ich nur stehen, wenn ich mir seine Barmherzigkeit schenken lasse – und wenn seine Barmherzigkeit sich in mir so auswirkt, dass ich mir selbst gegenüber barmherzig bin. Klingt leicht, ist es aber nicht. Mit allen Bruchstücken meines Lebens, mit Scherben, die ich geschlagen habe, mit dem Schutt, den ich produziert habe im Leben, mir selbst gegenüber barmherzig zu sein – versuchen Sie das einmal.

»Barmherzigkeit: Das lateinische >misericordias< meint, der Armut oder dem Armen das Herz zuzuwenden.«
entsprechend der lat. Wortbedeutung

Vergebung – Das Herz zurückgeben

Im Begriff „Vergebung“ steckt drin, wie das geht, barmherzig zu sein zu anderen, und zuerst mit mir selbst. Vergeben heißt im Lateinischen „recordare“ – „re“ für „zurück“, „cor“ für „Herz“ und „dare“ für „geben. Da brauche ich nichts mehr dazu zu sagen, das spricht für sich. Der ist barmherzig, der anderen das Herz wieder zurückgibt, wieder zuwendet, trotz allem – und der ist barmherzig sich gegenüber, der sich selbst vollen Herzens annimmt und sich seiner freut. Nicht, weil er so toll wäre, sondern weil Gott sich seiner freut. Der sich und der anderen vergebende Mensch gibt sich und anderen sein Herz zurück – da stimmt er ein in die Herzensgabe Jesu, und genau das zeigt ja das Meditationsbild der Schwester Faustyna, das vor allem im polnischen Katholizismus sehr verehrt wird. Vergebung – das ist zunächst einmal meine Sache, mir gegenüber und anderen gegenüber. Das ist eine Haltung, in der ich mir selbst, anderen, dem Geschehen in der Welt begegnen kann.

»Vergebung: Das lateinische >recordare< meint, das Herz zurückzugeben.«
entsprechend der lat. Wortbedeutung

Versöhnung – Vergebung von zwei Seiten

Anders die Versöhnung. Das lateinische Wort „reconciliare“ meint „re“ im Sinne von „wieder“ oder „zurück“ und „conciliare“ im Sinne von „zusammenbringen“. „Versöhnung“ meint immer mindestens zwei! Da scheint ein wichtiger Unterschied zwischen „Vergebung“ und „Versöhnung“ zu sein. Aber Achtung: wenn ich mit mir versöhnt bin, dann reicht der, der auf der hellen Seite meiner Biografie steht, dem, der in den Schattenseiten wohnt, die Hand. Mit sich versöhnt sein, heißt in Gemeinschaft mit meinen dunklen Seiten leben.

»Versöhnung: Das lateinische >reconciliare< meint, jemanden wieder in die Gemeinschaft zurückzuholen.«
entsprechend der lat. Wortbedeutung

Der Zusammenhang zwischen Vergebung, Versöhnung und Barmherzigkeit

Mir ist der Zusammenhang zwischen Barmherzigkeit, Vergebung und Versöhnung wichtig. Ich kann nicht in einer Art Automatismus Barmherzigkeit als Haltung ausdrücken, nicht in der Spende an den bettelnden Menschen, nicht im „Ein-Auge-zudrücken“ und auch nicht im Versprechen, wieder und noch einmal neu anzufangen. So herum funktioniert es nicht, barmherzig zu sein. Das kann schnell in Überheblichkeit führen, im Sinne von „Schließlich bin ich es, der Dir gegenüber barmherzig ist…“

Anders herum scheint mir dem Evangelium gemäßer. Ich schaue auf mich in aller Größe, aber auch in aller Armut und Bedürftigkeit. Allein das kostet schon Mut. Und den kann ich bekommen durch den Zuspruch der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes.

Die Folge ist, dass ich mir selbst vergeben und mich mit mir selbst versöhnen kann.

Und in dieser Haltung lebe ich barmherzig, gebe ich die Barmherzigkeit Gottes weiter an die um mich herum.

Barmherzigkeit setzt Aufrichtigkeit voraus, den klaren Blick auf mich selbst und auf die anderen, und setzt voraus, dass ich Gottes Angebot der Vergebung und der Versöhnung mit ihm annehme – und weitergebe, im ganz einfachen, praktischen Leben.

Spielen Sie diesen Gedankengang einmal durch, auf Sie selbst hin, auf den oder die hin, die Ihre Barmherzigkeit, Ihre Vergebung und Versöhnung brauchen, und auf die hin, deren Barmherzigkeit, Vergebung und Versöhnung Sie sich wünschen, die Ihnen aber vielleicht verweigert wird.

Ich kann Ihnen versprechen, der Weg ist nicht einfach, aber er ist ehrlich, er ist wahrhaftig – und er schenkt eine unglaublich große Freiheit mir selbst, den anderen, Gott gegenüber.

Amen.

Harald Klein, Köln

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere