„Bruder Sonne, Schwester Mond“

Inhalt: Auf Einladung der Kolpinggruppe Mölln (Herzogtum Lauenburg) ist hier die Spiritualität des Sonnengesangs von Franz von Assisi (1181/82-1226) erläutert. Zugänge über Hermann Hesse und Milan Kundera wurden gewählt, um die Plausibilität dieser Spiritualität auch im nicht-christlichen Raum aufzuzeigen. Die Entstehungsgeschichte wird dokumentiert, dabei wird der Sonnengesang eher dem Verfügungs- als dem Orientierungswissen zugeordnet. Er ruft auf, alles Geschöpfliche auf den dahinterstehenden Schöpfer zu „durchblicken“, diesen Schöpfer in allem, was dem Menschen „zufällt“, zu erahnen und am Glauben an das Gutsein des Schöpfers auch in Schwerem festzuhalten.

Den Gesamttext des Vortrages können Sie am Ende des Artikels , daneben diene die Architektur des Sonnengesanges nach P. Helmut Schlegel OFM und ein Thesenblatt zum Strukturieren des Artikels.

Einleitung: Sich mit Franziskus beschäftigen – wie z.B. Hermann Hesse

Erlauben Sie mir einen „Anlauf“ auf Franziskus über Hermann Hesse: Als Hermann Hesse 1904 mit 27 Jahren seinen ersten Roman „Peter Camenzind“ veröffentlichte, hatte er eine sehr bewegte und schwere Kindheit, Jugend und Adoleszenz hinter sich. Seine Eltern waren beide in der Mission tätig, der Vater, Johannes, kam in der Basler Mission aus Indien zurück, um in Calw im Nordschwarzwald eine Missionszeitung der reformierten pietistischen Landeskirche zu editieren. Seine Mutter, Marie Gundert, war in Indien geboren, ihr Vater Hermann Gundert war dort als Missionar tätig und gab u.a. ein Wörterbuch Malayalam – Deutsch heraus, das bis heute noch Gültigkeit hat. Hermann Gundert gründete das Calwer Verlagshaus, in dem dann die schon erwähnte Missionszeitschrift unter Federführung seines Schwiegersohnes erscheinen sollte. In der Begegnung mit dem Christentum in pietistischer Phänomenologie war Hesse, seiner Herkunft geschuldet, ebenso zu Hause wie in den indischen Göttersagen, den Veden und in den Erzählungen der hinduistischen Religion. Schnell wurde ihm das Christentum, dessen Ethik und dessen Ethos zu eng. Mit 15 Jahren und aufgrund seines „Eigensinnes“ erst ins Internat im Kloster Maulbronn und danach in eine Nervenheilanstalt in Stetten abgeschoben, schrieb er – wohlgemerkt: mit 15 Jahren – einen Brief an seinen Vater, dass er Dichter werde oder gar nichts. Innerlich und äußerlich trennte er sich mit diesem Brief von seinem Vater, drohte mit Selbstmord und betonte den „Eigensinn“ als die Tugend, der er sich mehr widmen möchte – man muss dieses Wort vom „Eigensinn“ tief in sich hineinlassen, um Hesse in all seinen Schriften zu verstehen.

Ich stelle den jungen Hesse an den Anfang, weil ihn (1) der Bruch mit dem Vater, (2) das Ablegen der Werte, die dem Vater so wichtig waren, und (3) der „Eigensinn“, sein Leben ganz aus sich allein heraus im Blick auf das, was ihm widerfährt in ganz enger Weise mit Franz von Assisi verbinden.

Waren es bei Franziskus die schulische Lehre in Schreiben, Rechnen und etwas Latein, später die Ausbildung zum Kaufmann, machte Hesse sehr unter Druck der Eltern eine Lehre zunächst als Uhrmacher in Calw, dann als Buchhändler in Tübingen, ab 1899 arbeitete er dann in Basel. Hier entstand 1904 sein erster Roman „Peter Camenzind“, und 1906 der Roman „Unterm Rad“. Beide Romane sind – wie alle Romane Hesses – sehr biographisch geprägt. Immer wieder versucht Hesse sein eigenes Leben in quasi-fiktiven Figuren und Geschehnissen zu verarbeiten und zu deuten.

Im ersten Roman, in „Peter Camenzind“, schildert Hesse die Begegnung seines Helden, seine „zweiten Ich“ mit einem verwachsenen Menschen namens Boppi. Camenzind ist aus einem Schweizer Bergdorf, aus der Enge der Bauernfamilie ausgebrochen, das Studium in der Stadt und die Inhalte fliegen ihm zu, das Lernen geht ihm gut von der Hand, und des Abends zieht er mit Mitstudenten und auf der Suche nach einem Freund durch die Straßen, in die Kneipen. Als der verkrüppelte Boppi ihnen entgegenkommt, lachen ihn die anderen au und verhöhnen ihn. Das lässt den Peter Camenzind, das lässt den Hermann Hesse nicht los. Hesse schreibt:

„Bei diesem unbedachten Wort sah ich plötzlich den armen Lahmen vor mir, flehend und leidend, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden trachteten und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und traurig in der dämmernden Stube saß. Es fiel mir ein, dass es nun bald zu dunkeln beginnen müsse und dass er nicht imstande sein würde, Licht zu machen oder dem Fenster näher zu rücken. Also würde er das Buch weglegen und im Halbdunkel allein sitzen müssen ohne Gespräch oder Zeitvertreib, indes wir hier Wein tranken, lachten und uns vergnügten. Und es fiel mir ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzählt hatte und wie ich geflunkert hatte, er hätte mich gelehrt, alle Menschen liebzuhaben. Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf umbrischen Hügeln gesucht, wenn nun ein armer und hilfloser Mensch dalag und leiden musste, während ich davon wusste und ihn trösten konnte?“[1]

Nochmal der letzte Absatz: „Und es fiel mir ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzählt hatte und wie ich geflunkert hatte, er hätte mich gelehrt, alle Menschen liebzuhaben. Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf umbrischen Hügeln besucht, wenn nun ein armer und hilfloser Mensch dalag und leiden musste, während ich davon wusste und ihn trösten konnte?“[2]

» Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf umbrischen Hügeln besucht, wenn nun ein armer und hilfloser Mensch dalag und leiden musste, während ich davon wusste und ihn trösten konnte? «
Hesse, Hermann (1996): Peter Camenzind, Reihe „Die großen Romane und Erzählungen, Bd.1., 129.

Das ist letztlich die Frage an unsere Runde hier und heute Abend: Was ist es, das uns am Leben und an der Botschaft des heiligen Franziskus so berührt, dass wir sein Leben studieren, seine Wirkungsorte mit Faszination besuchen und seinen Gesang der Liebe, den Sonnengesang, wenn schon nicht auswendig lernen, so doch irgendwie uns von ihm anrühren lassen? Und was machen wir mit dem, was uns an Franz fasziniert? Was macht Franz von Assisi mit uns?

Und es ist, bevor wir zum Sonnengesang kommen, schon eine erste These wert, die nachher unser Gespräch bestimmen kann. Die erste These lautet: Sich mit dem Leben und der Botschaft des heiligen Franz beschäftigen, generiert in jedem Fall und zuerst ein „Orientierungswissen“[3]; Ziel des heiligen Franz ist es jedoch, es zum „Verfügungswissen“ werden zu lassen, das unser Handeln bestimmt. Es geht dem Heiligen aus Assisi um einen Durchblick des Geschaffenen und um daraus folgenden Durchbruch zum Handeln.

» Da Franziskus krank zu St. Damian lag und von der heiligen Klara gepflegt ward, litt er grob Qualen und verspürte des Todes Schatten über sich. Dennoch war er freudigen Mutes und sprach: 'Ein kleiner Sonnenstrahl ist mächtig genug, um gar viel Finsternis zu erhellen.' Er sang und dichtete bei Tage und bei Nacht, denn er gedachte an alle Schönheit der Erde und an alle Tröstung und Gnaden, womit ihn sein gute Gott gesegnet, an seinen vielen Brüder und an die Berge und Täler der Einsamkeit wo er Gott geschaut hatte, auch an die Flüsse und Fluren, woran er seine Freude und Erquickung gehabt. «
Hesse, Hermann (1988): Franz von Assisi, Frankfurt/Main, 63.

Zur Entstehung des Sonnengesangs des hl. Franziskus

Im Leben des heiligen Franz waren es vor allem drei Begegnungen, die in ihm seinen buchstäblich franziskanischen „Eigensinn“ anstießen und groß werden ließen.

Die erste Begegnung war die Begegnung mit dem Aussätzigen irgendwann wischen 1204 und 1206, nachdem er als reicher Sohn und Ritter im Kampf gegen Perugia verletzt, krank und zutiefst innerlich erschüttert zurückkehrte. Die väterlichen Werte galten ihm danach nichts mehr. Franz brach mit seinem Vater, seinem Freundeskreis und suchte die Einsamkeit. Bekannt ist die Szene, in der Franz auf dem Marktplatz von Assisi im Beisein des Bischofs seine Kleider seinem Vater zurückgibt, um sich ganz dem Vater im Himmel zu überlassen und sich ihm zu übergeben.

Die zweite Begegnung ist die Begegnung mit Jesus Christus, in der Kirchenruine von San Damiano und der Vision vom Wort Jesu an ihn: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“ Franz begann, die kleine Kirche aufzubauen, da er das Wort Jesu auf diese Kirche bezog. Er wird es später anders verstehen.  Und im Gebet suchte er immer wieder die Begegnung mit dem Auferstandenen.

Die dritte Begegnung ist die mit dem Sultan von Ägypten im Jahre 1219 während des Albingenserkreuzzuges (1209-1229). Drei Ziele hatte Franziskus: Er wollte den Sultan zum Christentum bekehren, er hatte eine Bereitschaft, in Ägypten als Märtyrer zu sterben, und er wollte versuchen, Frieden zwischen den kämpfenden Muslimen und Christen zu stiften. Der Sultan war beeindruckt vom Bettelmönch aus Assisi, schenkte ihm ein Signalhorn, aber keines der drei Ziele konnte Franziskus erreichen.

Aus diesen drei Begegnungen des Franziskus entstand ein dreifaches Orientierungs- und Verfügungswissen, dass die Franziskaner bis heute als Orden prägt. Die Männer des Ordens der „Fratres minores“, die Minderbrüder suchen und lernen in/aus der Begegnung mit den Armen, aus der Begegnung mit dem Wort Gottes und sind innerlich offen für die Begegnung mit Gottes Geist in anderen Religionen und Kulturen. Diese Haltungen prägen sie als Personen, und sie prägen ihr Tun und ihren Einsatz.

Jetzt der Sonnengesang. Er hat seinen Ursprung in einer vierten Begegnung des heiligen Franz. Überraschenderweise geht es um die Begegnung des Franziskus mit seinem eigenen nahen Tod. P. Helmut Schlegel OFM schreibt in seinen „Exerzitien zum Alltag“ auf der Grundlage des Sonnengesanges:

„Die Quellen erzählen, dass Franziskus zwei Jahre vor seinem Tode sehr gequält war von einem Augenleiden und in einer kleinen Binsenhütte auf dem Krankenbett lag, das er mit einer Menge Mäusen teilen musste. Er bat Gott um Hilfe und Unterstützung, damit er seine Leiden tragen könne. Im Geiste hörte er eine Stimme, die ihn fragte: „‘Bruder, wenn dir einer für deine Gebrechen und Trübsale einen so großen Schatz gäbe, dass dir über dem Schatz die ganze Welt für nichts erschiene, auch wenn sie aus lauter Gold bestünde und wenn alle Steine Edelsteine und alle Wasser Balsam wären – würdest du dich nicht gar sehr darüber freuen?‘ Da sagte der heilige Franz: ‚Also muss ich jubeln in meinen Gebrechen und Trübsalen und will im Herrn mich aufraffen und allzeit Dank sagen Gott dem Vater und seinem eigeborenen Sohn, unserm Herrn Jesus Christus und dem Heiligen Geist, für die große Gnade, die der Herr mir erwiesen hat, da er mich, seinen unwürdigen Knecht, seines Himmelreichs gewiss gemacht hat, während ich noch im Fleische lebe‘ […] Und während er da saß, dachte er eine Weile nach und begann: ‚Altissimo. Omnipotente, bon Signore.‘ Und er dichtete darüber einen Gesang und lehrte seine Gefährten, wie sie ihn sprechen und singen sollten. Denn jetzt war sein Geist so voll des Trostes und der Süße, dass er daran dachte, den Bruder Pacificus aus Frankreich kommen zu lassen, der einst in der Welt ‚König der Verse‘ genannt wurde und ein Meister des höfischen Liedes war: ihm dachte er einige Brüder mitzugeben, und sie sollten miteinander durch die Welt ziehen und Loblieder auf den Herrn singen. Nach den Liedern sollte der Prediger dem Volk erklären: ‚Wir sind Spielleute Gottes und ihr sollt uns dadurch belohnen, dass ihr in wahrer Lebensbesserung beharret. – ‚Denn was sind die Knechte Gottes‘, so erklärte Franz, ‚was sind sie anders als Spielleute des Herrn, die an die Herzen der Menschen rühren sollen, um ihnen heilige Freude zu bringen?‘ Das sagte er besonders im Hinblick auf die Minderbrüder, die dem Volke zu seinem Heil gegeben seien. Ihnen legte er die ‚Lobpreisungen des Herrn‘, die er verfasst hatte, nämlich das Lied zum ‚Höchsten, mächtigen, guten Herrn‘ besonders ans Herz. Er nannte es den ‚Gesang von der Schwester Sonne‘, weil sie vor allem in der Schöpfung schön und Gott vergleichbar sei.“[4]

Der Sonnengesang, Franziskus‘ Lob der Schöpfung, hat seinen Ursprung nicht (wie gerne vermutet) im Staunen über die Vielfalt und die Schönheit der Schöpfung, auch nicht (wie gerne ökologisch genutzt) im Ziel, der Schöpfung von Seiten der Menschen geschwisterlich zu begegnen, sondern umgekehrt in der Erfahrung der eigenen Vergänglichkeit mit dem Ziel, Trost durch die geschaffenen Dinge und letztlich durch den Schöpfer selbst zu erfahren. Er wurde in einer Zeit der inneren Anfechtung und der Dunkelheit von Franziskus erdichtet und verfasst. Um mit dem Bild der „Blickrichtung“ zu arbeiten: es scheint weniger darum zu gehen, die Schönheit der Schöpfung wahrzunehmen, ihre Vielfalt anzuerkennen und zu sehen, wie alles zum Ruhme Gottes wächst, sondern umgekehrt sich von der Schöpfung ansehen zu lassen, sein Leben von der Schöpfung und den Geschöpfen her deuten zu lassen und uns auch in dunklen Zeiten von den Geschöpfen und vom Schöpfer selbst tragen zu lassen. Mit den Begriffen von Jürgen Mittelstraß kann gesagt in einer zweiten These werden: Der Sonnengesang fordert uns nicht so sehr auf, ein Verfügungswissen zum Schutze der Schöpfung zu entwickeln, sondern liefert umgekehrt ein Orientierungswissen für den Menschen, sich einzuordnen in ein Gesamt der Schöpfung, einzustimmen in das Lob der Geschöpfe und sich zurückzugeben in die Hand des Schöpfers. Mit anderen Worten: Es geht Franziskus im Sonnengesang um ein Gebet zum Lobe Gottes und zugleich zum Trost des Menschen.

» Wenn er müde war, mit Menschen zu reden, ging er zu den Wiesen, Wäldern und Tälern und vernahm in Quellen und Winden und Vogelgesang die süße, mächtige Sprache des Paradieses. «
Hesse, Hermann (1988): Franz von Assisi, Frankfurt/Main, 46.

Der Sonnengesang – eine Spiritualität des Durchblick(en)s auf die Gegenwart und das Gutsein Gottes in den Geschöpfen

In unseren Gottesdiensten ist der Sonnengesang durch das Lied „Laudato si“ präsent und bekannt; das „Sei gepriesen“ leitet jede Zeile einer Strophe ein, und jede Strophe endet mit dem „…denn Du bist wunderbar, Herr“ – und damit drückt das Lied maximal leider nur 50 % dessen aus, was Franziskus in den Sonnengesang hineingelegt hat.

Die einzelnen Strophen des Sonnengesangs haben immer neben der theologischen Aussage („… denn du bist wunderbar, Herr“) auch eine anthropologische, eine Aussage über den Menschen, die das Lied nicht vorhält.[5]  In der ersten Strophe „Höchster, allmächtiger und guter Herr, Dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen“ steht als theologische Aussage und zugleich als anthropologische Aussage, dass Gott des Menschen Maß und Mitte ist. Wie gesagt, Franziskus schreibt dies angesichts des nahen Todes. Wenn Franziskus weiter unten das Lob der Schwester Erde singt, die den Menschen ernährt, lenkt, Frucht, Blumen und Kräuter hervorbringt, ist theologisch die Rede vom Lobe Gottes durch die Schöpfung, durch Blumen, Kräuter und Getreide, die ihrer Bestimmung gemäß wachsen und Frucht bringen und darin den Schöpfer loben; anthropologisch ist die Rede vom Menschen, der sich eingliedert in den Rhythmus vom Werden, Wachsen, Frucht bringen und Vergehen – nicht nur auf den Tod hin, sondern in vielen alltäglichen Erfahrungen.

Eine dritte These fasst diese Beobachtungen zusammen: In der Rede von Bruder Sonne, Schwester Mond, Bruder Wind, Mutter Erde geht Franziskus über die Geschwisterlichkeit des Menschen zu den übrigen Geschöpfen hinaus. Er entwickelt eine „Spiritualität des Durchblick(en)s, indem er zunächst alles Geschaffene in eine geschwisterliche Beziehung untereinander setzt und dann dieses geschwisterliche Miteinander und die Frucht, die daraus erwächst, als Zeichen der Gegenwart und des Gut-seins Gottes durchblicken lässt.

» Seine Predigt war anders als der Priester Predigten, denn er hatte als Lehrmeister und Vorbilder nicht Bücher, Kirchenlehrer und Wortweise oder Rhetoren, sondern lediglich sein brennendes Herz und die Vögel des Himmels und die Lieder der vagierenden Sänger. «
Hesse, Hermann (1988): Franz von Assisi, Frankfurt/Main, 36.

Der Sonnengesang – eine Spiritualität des Gegenwärtigen und des Zufallenden

Diese dritte These hat etwas, was sich der heilige Franz eigens von Papst Innozenz III.1204 hat bestätigen lassen: Die Lebensregel für seinen Orden – nicht viel mehr als einige Sätze aus dem Neuen Testament, und die besondere Beachtung der Armut. Monastisches Leben war durch die Benediktiner und ihre Reformorden, z.B. die Zisterzienser bekannt; die Bettelmönche, später die Bettelorden – es kamen. Den Bettelorden nahe Gruppierungen wie die Waldenser und die Katharer wurden als ketzerisch verurteilt. Im kirchlichen und geistlich-spirituellen Leben waren diese Gruppen im wahrsten Sinne des Wortes verrückt, d.h. sie fielen aus der Ordnung, sowohl was die Weise des klösterlich-gemeinsamen Lebens angeht, als auch, was ihre Weise des Betens und der Verehrung Gottes betrifft.

In der Literatur macht das der tschechische Autor Milan Kundera sehr schön deutlich. Im Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ beschreibt er die Liebe zwischen Teresa und Thomasz zur Zeit des Prager Frühlings. Teresa ist in der Wahl ihres Geliebten anspruchsvoll. Er muss die Musik mögen, die sie auch mag, und in der Literatur da zu Hause sein, wo sie selbst Heimat gefunden hat. Als sie in einem Café kellnert, kommt Thomasz herein, mit einer Ausgabe von Tolstois „Anna Karenina“ in der Hand, und im Radio läuft eine Beethoven-Sonate, die er, der Gast, mit Freude zur Kenntnis nimmt. Und Teresa weiß: Da ist er, das ist er, das muss er sein, der Ersehnte. Und dann schreibt Kundera:

„Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll die Liebe unvergesslich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.“[6]

Kundera hat Franziskus verstanden. Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist für ihn voller Zauber. Franziskus beschreibt im Sonnengesang eine Spiritualität des Gegenwärtigen und des Zufallenden. Spiritualität meint einen Geist, der auch das Alltägliche bestimmt; eine dialogische Form, die Antwort gibt, wenn ich nach meiner Spiritualität gefragt werde und die Antworten formuliert auf Anfragen der Zeit; einen Geist, der ausgerichtet ist auf ein Mehr an Liebes- und an Leidensfähigkeit; einen Geist, der – als christliche Spiritualität – Maß nimmt an Jesus Christus.[7] Die benediktinische Spiritualität lebt in und von klaren Strukturen für Gebetszeiten, Gottesdienste und für liturgische Ordnungen, für Zeiten des Schweigens und der Rekreation, des Fastens und des Feierns. Die Spiritualität, die Franziskus im Sonnengesang entwickelt ist eine, die vom Geschöpflichen ausgeht und den Menschen in diese Schöpfungsordnung hineinstellt – daher „Bruder Sonne, Schwester Mond“ usw. Aber im Gegensatz zur benediktinischen Spiritualität lebt sie ganz aus der gegenwärtigen Begegnung mit dem, was ihr „zufällt“. Das gilt im Sonnengesang für alles Leichte, Schöne, Anrührende der Schöpfung, das geht aber auch darüber hinaus bis hin zum „zweiten Tod“, der letztlich kein Leid antun kann, wenn auch er „durchblickt“ wird auf den Schöpfer, auf Gott hin. Diesen Blick nicht zu haben, aus der Angst vor dem Tod zu leben – mitten im Leben – das scheint es zu sein, was Franziskus mit dem „ersten Tod“ meint.

So komme ich zu meiner vierten These: Im Gegensatz zu einer organisierten, festgelegten und festlegenden strukturierten Spiritualität (z.B. benediktinischer Prägung) ist die Spiritualität des Sonnengesangs eine Spiritualität des Gegenwärtigen und des Zufallenden, des Zufalls. Das, was jetzt ist, warum auch immer, soll angeschaut und durchblickt werden auf den Schöpfer, der dahintersteht.[8]

» Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll die Liebe unvergesslich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.«
Kundera, Mila (1987): Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Frankfurt/Main, 50.

Der Sonnengesang – ein Gebet im Präsenz

Ein Letztes. Wenn wir im „Laudato si`“ die Strophe singen, z.B. das „Sei gepriesen, du hast die Welt geschaffen…“, dann singen wir im Perfekt: „… du hast die Welt geschaffen.“ Das Lied ruft zum Lobpreis auf, weil der Schöpfer etwas getan hat. Das Gebet hat Franziskus aber im Präsenz geschrieben – durchgängig in der Gegenwart. Das ist wieder zutiefst franziskanische Spiritualität, die dann auch Ignatius in seinen Exerzitienspiritualität aufgenommen hat: Wir singen Gott unseren Lobpreis, weil er gegenwärtig am Werk ist! Das erklärt noch einmal das Durchblicken auf den Schöpfergott (in der dritten These) und das Annehmen der Gegenwart und des Zufälligen, des Zufallenden (in der vierten These). Es macht für das Leben der Kirche und des einzelnen Christen einen großen Unterschied, ob wir in der Vergangenheit verhaftet sind und uns auf ein Handeln Gottes berufen, das Tag für Tag weiter weg von uns liegt, oder ob wir uns ausrichten am Handeln Gottes, das dir und mir heute begegnet und uns lockt. Richard Rohr, amerikanischer Franziskaner, schreibt über diese Erfahrung des Lockens, des Hörens und des Suchens Gottes im eigenen Leben:

„Das Traurige an der Mystik ist die Tatsache, dass das Wort selbst so sehr mystifiziert worden ist. Als wäre Mystik nur etwas für ganz wenig Auserwählte. Für mich bedeutet das Wort einfach ‚experimentelles Wissen spiritueller Dinge‘, im Gegensatz zum Wissen aus Büchern, aus zweiter Hand oder aus einem Lexikon.“[9]

Dieses Zitat von Richard Rohr soll meine fünfte These bilden. Sie lädt ein zu dem, um was es dem heiligen Franzskus im Sonnengesang ging: Die Dinge, die mir gegenwärtig sind und zufallen, als „spirituelle Dinge“ zu sehen, besser: als Geschöpfe des Schöpfer, der auch mich geschaffen hat; und dann mit ihnen „experimentell“ umzugehen, in er Weise, dass sie mir helfen, „durchzublicken“ auf den Schöpfer, der dahinter steht. Und in all dem nicht zu vergessen, in welcher Situation Franziskus dieses Gebet, diesen Sonnengesang geschrieben hat, nämlich im Angesicht des Todes, um Trost und Dankbarkeit zu erlangen durch den Lobgesang der Schöpfung, und um am Ende seines Lebens selbst in diesen Trost und diese Dankbarkeit einzustimmen.

Zum Ende  – noch einmal Hesse

Sie erinnern sich an den Abschnitt aus Hermann Hesses „Peter Camenzind“, den ich als Einstieg zitiert habe. Hesse fragt in der Person des Peter Camenzind, warum er das Leben des Franziskus studiert und seinen Sonnengesang gelernt habe, wenn er jetzt um den lahmen Boppi wusste und ihm jetzt nicht half. Ich möchte ihnen gerne sagen, wie die Geschichte weiterging. Hesses Alter Ego, Peter Camenzind, nimmt den verkrüppelten Boppi bei sich auf, sie sorgen füreinander in der Weise, wie es ihnen möglich ist und wie es dem anderen gut tut, bis Boppi sehr getröstet im Hause Camenzinds stirbt. Und Hesse schreibt über diese gemeinsame Zeit die Worte, mit denen ich schließen möchte:

„In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das frühere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut, die das Herz jung hält und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz gelegentlich an Winterabenden die Finger wärmen darf. Seit vollends Boppi mir nahestand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein beständiges, ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein Stück Jugend und Poesie in mir leben lassen.“[10]

Es gibt eine Liebe, die vergleicht Hesse hier mit einem anspruchsvollen Feuerwerk – und eine, die einer guten und dauerhaften Glut gleicht, die das Herz jung hält und die wärmt. Peter Camenzind weiß sich durch Boppi, Franziskus vom Schöpfergott von einem beständigen, ehrlichen Geliebtsein umgeben. Und das nimmt dem Leben die Gefahr, hält es in spiritueller Jugend und kommt der Poesie nah. Um dieses beständige, ehrliche Geliebtsein geht im dem Sonnengesang – im geschwisterlichen Umgang mit allem Geschaffenen, im Durchblick auf den dahinterstehenden Schöpfer und dessen „Zufälle“.

Mölln/Lauenburg, im September 2020
Harald Klein

[1] aus: Hesse, Hermann <1996>: Peter Camenzind, Reihe „Die großen Romane und Erzählungen, Bd.1., 129.

[2] Im gleichen Jahr 1904 erzählte Hermann Hesse die Biographie und einige Legenden über den hl. Franziskus nach: Hesse, Hermann (1988): Franz von Assisi, Frankfurt/Main. In diesen Band ist auch Fritz Wagners Aufsatz „Franz von Assisi und Hermann Hesse“ aufgenommen (S. 98-128).

[3] „Sach- und Verfügungswissen ist ein Wissen um Ursachen, Wirkung und Mittel, Orientierungswissen ist ein Wissen um gerechtfertigte Zwecke und Ziele. Sach- und Verfügungswissen ist ein positives Wissen, Orientierungswissen ist ein regulatives Wissen.“ (Vgl. Mittelstraß, Jürgen (2001): Für und Wider eine Wissensethik, in: ders.: Wissen und Grenzen. Philosophische Studien, Frankfurt/Main, 75f.

[4] Schlegel, Helmut (2001): Der Sonnengesang. Exerzitien im Alltag mit Franz und Clara von Assisi, Würzburg, 13. – Schlegel zitiert hier: o.A. (1953): Der Spiegel der Vollkommenheit – Der Bericht über das Leben des heiligen Franz von Assisi. Nachwort von Romano Guardini, München, 100.

[5] Vgl. dazu Schlegel, Helmut (2001): Der Sonnengesang. Exerzitien im Alltag mit Franz und Clara von Assisi, Würzburg, 11-19.

[6] Kundera, Mila (1987): Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Frankfurt/Main, 50.

[7] Ich beziehe mich hier auf Schütz, Christian (1988): Christliche Spiritualität, in: ders.: (Hrsg.): Praktisches Lexikon zur Spiritualität, Freiburg, 1070-1179.

[8] Es sei nur in einer Fußnote angemerkt, dass diese Weise der Spiritualität zum einen für Unordnung sorgen kann, weil sie ein anarchisches Moment in sich hat, zum anderen aber einer postmodernen Form von Kirche und Glauben angemessen ist, weil sie beim Geschehen ansetzt, nicht bei der vorgegebenen Ordnung. Das Geschehen und das Erleben werden zum Gegenstand der Spiritualität, nicht die vorgegebene Ordnung.

[9] Rohr, Richard (2014): Die Liebe leben. Was Franz von Assisi anders machte, Freiburg, 18.

[10]  Hesse, Hermann <1996>: Peter Camenzind, Reihe „Die großen Romane und Erzählungen“, Bd.1., 139.

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