Die „Anführungszeichen“ im Galaterbrief – und das Nihil obstat in Sankt Georgen

Das 2. Kapitel im Galaterbrief…

Ein Baustein der Spiritualität der diözesanen Priester und der sog. Laien ist es sicher, betend mit den Texten umzugehen, die für die tägliche Feier der Gottesdienste vorgesehen sind. Das hat auch seinen eigenen Humor.

Es ist mir noch nie aufgefallen, dass die Einheitsübersetzung und damit auch die Lektionare für den Gottesdienst im Galaterbrief zwei Worte in Anführungszeichen setzen, und das an prominenter Stelle. Paulus zieht 14 Jahre nach seinem ersten Kontakt mit Petrus noch einmal nach Jerusalem hinauf, um dort mit Jakobus, Kephas und Johannes – man beachte die Reihenfolge! – über seine Heidenmission zu verhandeln und sie sich von ihnen anerkennen zu lassen. Heute würde man sagen, er bittet um das „Nihil obstat“. Und da heißt es im deutschen Text, er legte der Gemeinde und im Besonderen den „Angesehenen“ das Evangelium vor, das er unter den Heiden verkündigte. Gemeint sind eben Jakobus, Kephas und Johannes. Und die Gemeinde samt den dreien, die als „Säulen“ Ansehen genießen, erkannten die Gnade, die dem Paulus verliehen ist.

Im griechischen Urtext ist an beiden Stellen das Partizip δοκουσιν verwendet, das nach dem Rienecker und seinem sprachlichen Schlüssel zum Neuen Testament soviel wie „dem Anschein nach“ meint. Dem Anschein nach sind Jakobus, Kephas und Johannes die „Angesehenen“ und die „Säulen“. Und am Ende des Lesungstextes wird deutlich, wie schnell dieser Anschein verspielt werden kann – Paulus kritisiert den Kephas, der mit den Heiden zu essen pflegte, sich aber von ihnen zurückzieht, als er die Leute des Jakobus ankommen sieht, weil er die Beschnittenen fürchtet.

… und das Ringen um ein „Nihil obstat“ für einen Hochschulrektor

Die Zeichenhandlungen, die in dieser kleinen Perikope beschrieben werden, würde ich mir für das Ringen um das „Nihil obstat“ im Blick auf die Rektorenstelle in Sankt Georgen wünschen: den dem Anschein nach „Angesehenen“ und „Säulen“ würde ich wünschen, dass sie sich das Evangelium anhören, das dort verkündigt wird. Das „sich die Hände reichen“ – die „Angesehen“ und die „Säulen“ reichen Paulus und Barnabas die Hände zum Zeichen der Gemeinschaft und im Erkennen, dass die Gnade größer ist und nicht  nur den Beschnittenen gilt, für die diese „Angesehenen“ und die „Säulen“ eintreten. Ein weiteres Zeichen ist das „gemeinsame Mahl“ des Kephas mit den Heiden – und zwar in der furchtlosen Variante, ohne unaufrichtig wegzulaufen, wenn die wohl scheinbar dem Anschein nach rechtgläubigen Leute des Jakobus kommen. Und wenn ich das Evangelium des Tages dazu nehme, ist es das gemeinsame Gebet, das Vaterunser, das dann die „Angesehenen“ bzw. die „Säulen“ mit Paulus und Barnabas verbinden könnte.

Besonders spannend in der Auseinandersetzung um das „Nihil obstat“ scheint mir der Vorwurf des Paulus an den Kephas zu sein: Wenn du als Jude nach Art der Heiden lebst, wie kannst Du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?“ Ich überlasse es Ihrer Fantasie, auf dieser Folie die Auseinandersetzung in Sankt Georgen zu lesen und zu deuten.

»Mir begegnet es immer wieder, dass Menschen eher an Wiederbelebung denn auf Auferstehung setzen. Man träumt davon, die alte Herrlichkeit würde wieder erstehen, als Kirche gewissermaßen unangefochten in der Mitte der Gesellschaft behaupten könne. Auferstehung meint aber nicht das Wiederbeleben des Vergangenen. Denn das Vergangene liegt hinter uns."
Bischof Franz Jung in seiner Predigt zur Amtseinführung am 10.06.2018

Es geht darum, dass die „Angesehen“ bzw. die „Säulen“ ihren Anschein nicht verspielen. Es geht, um die Worte des neuen Würzburger Bischofs Franz Jung aus seiner Antrittspredigt zu zitieren, in den strittigen Fragen um eine Hoffnung, die aber nicht Wiederbeleben, sondern Auferstehung meint.

Wie gesagt: Manchmal sind die Lesungen eines Tages eine Hilfe, die Auseinandersetzungen der ganz kurzen Gegenwart zu deuten. Und mich freuen die Anführungszeichen im Lektionar!

Köln, 10.10.2018

Harald Klein

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