Dritter Fastensonntag: Wonach dürstet es dich – wirklich?

Wer bist du – wirklich?

In der Ausbildung zur Exerzitienbegleitung und Geistlichen Begleitung werden immer wieder Ausflüge und Einblicke in die Psychologie angeboten. Eine Übung aus der Psychosynthese, einer vor allem aus Italien kommenden Weiterentwicklung der Psychoanalyse, steckt mir immer noch in den Knochen. Da haben Sie jemanden im Gegenüber sitzen, der Sie anschaut, und Sie halten den Blick. Ihr Gegenüber fragt Sie: „Wer bist Du?“ – und Sie antworten, vielleicht mit Namen, mit Herkunft, mit Lebesstand und/oder Beruf. Nach einem kurzen Schweigen und Nachklingen fragt ihr Gegenüber wieder, jetzt mit einer kleinen Erweiterung: „Wer bist Du – wirklich?“ Geben Sie mal in Gedanken Ihre Antwort! Und wie es sich gehört, folgt eine kurze Stille, ein zweites Nachklingen, und dann die dritte Frage, die eine Wiederholung der zweiten Frage darstellt: „Wer bist du – wirklich?“ Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, mir wurde damals ganz anders bei dieser Befragung. Und dieses Gefühl hielt an, auch als wir die Rollen tauschten und ich der Fragesteller war.

Mose und Israel in der Wüste?

Diese Übung im Kopf, biete ich Ihnen an, die kleine Lesung auf dem Buch Exodus anzuschauen. Sie beginnt mit „In jenen Tagen dürstete das Volk nach Wasser und murrte gegen den Mose.“ Hätte Mose schon Roberto Assagioli gekannt, den geistigen Vater der Psychosynthese, so stelle ich mir vor, er hätte sich dem Volk zugewandt, wie das Gegenüber in der Übung, um das Volk zu fragen: „Wonach dürstet es dich?“ – und man kann Israel in der Wüste beinahe wörtlich hören: „Wasser!“ Und dann fragt Mose nach: „Wonach dürstet es dich – wirklich?“ Ich überlasse es Ihrer Fantasie, sich die Antworten des Volkes Israel in der Wüste vorzustellen. Nehmen Sie sich einmal einen Moment Zeit, sich in die Wüstenwanderer hineinzuversetzen. Wonach wird es sie dürsten – wirklich?

Wonach dürstet dich?

Und dann das Evangelium von der Frau am Jakobsbrunnen. Jesus geht nicht als Fragender, eher als Bittender oder Fordernder ins Gespräch: „Gib mir zu trinken!“

Ich kann mir das gut vorstellen, wie die beiden am Brunnenrand sitzen und Jesus fragt: „Wonach dürstet dich?“ und dann „Wonach dürstet dich – wirklich?“ Ich stelle mir die Atmosphäre des Gespräches vor und höre da hinein die Sätze Jesu, wie er die Frau auf ihren wirklichen Durst hinweist, auf den Durst nach dem lebendigen Wasser, das in denen, die es trinken, zur sprudelnden Quelle wird, deren Wasser ewiges Leben schenkt. „Gott ist Geist, und alle die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten!“ – Mich dürstet, nach diesem Wasser des Lebens, mich dürstet nach diesem Geist, mich dürstet nach dieser Wahrheit.

Ein doppeltes Innehalten

Wie wäre es an diesem Sonntag, einmal doppelt innezuhalten. Zum einen: Sie können sich mit der Frau auf den Rand des Jakobsbrunnen setzen und sich wie sie von Jesus fragen lassen: „Wonach dürstet es dich? Wonach dürstet es dich – wirklich?“ Und dann geben Sie Ihre Antwort, auch wenn sie für Sie vielleicht beschämend aussehen mag. Wonach dürstet es Sie wirklich?

Und zum zweiten: Hören Sie Jesus zu, wie er der Frau am Jakobsbrunnen vom lebendigen Wasser erzählt, das jeden Durst stillt und in mir zur sprudelnden Quelle werden will, deren Wasser mir ewiges Leben schenkt. Haben Sie den Geschmack dieses Wassers schon einmal wahrgenommen? Dürstet es Sie nach diesem Wasser – dürstet es Sie wirklich? Oder gibt es Vorbehalte irgendwelcher Art? Jetzt ist die Zeit, diese Vorbehalte Jesus gegenüber auszudrücken, Jesus gegenüber – im wahrsten Sinne des Wortes.

Was immer Ihnen zusammen mit den anderen des Volkes Israel und Mose gegenüber in der Wüste kommen mag, was immer sich Ihnen neben der Frau auf dem Jakobsbrunnen und Jesus gegenüber zeigen mag, seien Se gewiss: Es geht um einen tiefen Durst nach Leben, der gestillt werden will. Da hilft keine Probe und kein Streit wie in Meriba, da helfen keine Riten und Gebräuche oder Verbote wie in Samarien, da hilft nur die ehrliche Antwort Jesus gegenüber: „Wonach dürstet dich – wirklich?“

Amen.

Köln, 14.03.2020
Harald Klein

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