Macht und Ohnmacht bei Paulus

Paulus in Philippi

„Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt (Phil 4,13)“. Damit diese (und die beiden folgenden) Gebetshilfen dem Ziel dienen für das sie geschrieben sind, ist es hilfreich, einmal die vier Kapitel des Briefes an die Philipper als Ganzes gelesen zu haben. Paulus wendet sich von der Gefangenschaft in Ephesus aus an eine Gemeinde, die ihm besonders lieb war; dies zeigt sich unter anderem darin, dass sie allein das Privileg hatte, ihn auch finanziell zu unterstützen, von ihr konnte er „annehmen“. So teilt er sich auch – deutlicher als in den großen Lehrbriefen 1./2. Kor, Röm, Gal – mit seinem persönlichen Denken und Wünschen, mit seinen persönlichen Hoffnungen und Wünschen und mit seinen persönlichen Herzensanliegen den Christen in Philippi mit; um Paulus „persönlich“ zu begegnen, eignet sich dieser Brief besonders als Grundlage. – In der Gruppe kann er bei einem Treffen so gelesen werden, dass er reihum entsprechend der Aufteilung in der Einheitsübersetzung laut vorgetragen wird, während die anderen leise mitlesen; nach jedem Sinnabsatz kann ein Moment Stille bleiben, und dann notieren sich die einzelnen in der Gruppe die Verse, in denen die Anliegen, die Überzeugungen, die Wünsche und Hoffnungen des Paulus gehört haben. Nach der Lektüre kann ein Anhörkreis folgen, jeder aus der Gruppe liest die beiden Verse, die ihn am ehesten angesprochen haben, danach kann ein Austausch folgen. Dies mag genügen, um einen ersten Blick in die Person des Paulus zu tun, so wie sie sich uns im Phil erschließt und wie sie uns beim Beten helfen kann.

Von der „Saulus-Macht“

Er hat sie kennen gelernt, lange bevor er zum Paulus wurde. Er konnte sich – in seiner „Saulus-Macht“ – auf irdische Vorzüge berufen, wurde er doch am achten Tag beschnitten, war er doch aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte er doch als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte er doch voll Eifer die Kirche und war er doch untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt (vgl. Phil 3,5f). Er konnte sich sehen lassen, und vor seiner Macht zitterten die Christen, wurde ihm doch das Gewand des „Protomartyrers“ Stephanus zu Füßen gelegt, und war er doch mit dem Mord an ihm einverstanden, wie Apg 7,8 und Apg 8,1a ausdrücklich betonen. Paulus – besser: Saulus – kannte die Macht, die über Leichen geht, und er beherrschte ihr Instrumentarium. Was mag er von sich selbst gedacht haben, wie sich selbst gesehen? Und welche Rolle spielten die um ihn herum für ihn? Wer war für sie dieser Saulus?

Man kann ermessen, welche Rolle das Damaskus-Erlebnis, die Erscheinung des Auferstandenen, die Zeit der Blindheit, der Angewiesenheit und des Erleidens, ohnmächtig geführt zu werden, für einen solchen Menschen „saulinischen Wesens“ bedeuten muss. Der Boden, auf dem er bisher stand, wird ihm völlig entzogen. Die Sicherheiten, die er erworben oder sich selbst geschaffen hat, sind dahin. Was mag in ihm, was in den Menschen um ihn herum –Freunden wie Gegnern – vorgegangen sein?

… zur Paulus-Macht

Doch aus Saulus wird durch diese Erfahrung der Ohnmacht Paulus. Mit seinem Namen ändert sich Wesen, sein Selbstverständnis, seine Berufung, sein Lebenswerk und sein Lebensziel. Er lässt – mit dem Herrn – die Erfahrung der Ohnmacht in sein Leben einziehen: „Ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden, Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrungen.“ Und dann kommt die Begründung für diese Haltung: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.“ (Phil 3,11-13). Paulus lässt das Planen, er ist vom Redenden und Befehlenden zum Hörenden und Ausführenden geworden. Und wichtiger noch: zum Empfangenden. Macht heißt nicht mehr zuerst „Macht ausüben“, sondern „Macht empfangen“, Vollmacht vom Herrn her. „In alles bin ich eingeweiht“ – in allem kann ich Gott finden: Zielsatz ignatianischer Spiritualität! Macht, das heißt jetzt: in allem und jedem, in jeder Situation und in jeder Begegnung in der Verbundenheit mit dem Herrn nachsinnen, urteilen, reden, handeln. Alles vermag Paulus durch den, in dem, mit dem, der ihm Macht, Vollmacht gibt. Welche Kraft liegt nun in diesem Menschen, welche Ausstrahlung – und wessen Ausstrahlung – mag ein solcher Mensch nach außen haben?

Kaum zu glauben, dass Paulus diese Zeilen aus dem Gefängnis schreibt. Er nimmt die Bedrängnis schon ernst, erlaubt er doch den Schwestern und Brüder in Philippi, an seiner „Bedrängnis“ teilzuhaben (Phil 4,14), er lässt sich helfen durch Gaben und Geschenke. Und er weiß wohin mit seiner Ohnmacht: „Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nicht, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,5b-7). In der Erfahrung der Ohnmacht festhalten an der Gemeinschaft mit Christus Jesus, der nahe ist. Wie viel gläubige Gelassenheit in der Trauer spricht aus diesen Worten?

Für das Gebet und das Gespräch in der Gruppe

Für das Gebet des einzelnen oder das Gespräch in der Gruppe können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Der „Saulus-Macht“ in mir nachgehen, der Macht, die mich über Leichen gehen lässt? Sie um mich herum wahrnehmen, und bitten …
  • Zeiten eigener Ohnmacht sehen, in denen mir selbstgemachte Sicherheiten, in denen mir der Boden unter den Füßen entzogen wurde, und bitten und danken …
  • Begegnungen mit Menschen vergegenwärtigen, in denen „Paulus-Macht“ = „Vollmacht“ für mich spürbar war und ist, und danken …
  • Erfahrungen und Erlebnisse verkosten, in denen Menschen durch ihre Gottverbundenheit ihre Ohnmacht ertragen und gestalten, und bitten und danken …

 

Harald Klein, Königstein

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