Ostersonntag: Hören auf das Anfangswort

Die Anfangsworte Jesu

Ich gehe davon aus, dass Sie sehr schnell eine Vorstellung, eine Fantasie davon bekommen, was ich meine, wenn ich von Anfangsworten rede. Ich meine nicht die ersten Worte eines kleinen Kindes, ich meine auch nicht die Auskunft der Verkäuferin auf die Frage, was das Brot kostet, oder auf das erste Wort nach dem Aufstehen zu denen bzw. von denen, mit denen man zusammen lebt. Ich meine Worte, die, einmal und zum ersten Mal ausgesprochen – einen Anfang setzen, einen Anfang, um wieder einmal Hermann Hesse zu bemühen, „dem ein Zauber innewohnt und der uns hilft zu leben.“[1]

Der Begriff „Anfangswort“ ist ein Kunstwort, ein lyrisches Wort, es ist einem Gedicht von Rose Ausländer (1901-1988) entnommen, das den Titel „April II“[2] trägt und in den späten 1970er Jahren entstanden ist:

„Auf meinem Fenster
steht ein fremder Vogel
bringt mir April auf Flügeln
Hinter der Scheibe
atmen die Bäume
Ich unterstütze sie
mit meinem Atem
Wir sind Freunde
Die ersten Gräser winken
ich kann nicht kommen
aber ich liebe sie und
die sie schön beleuchtet
Mutter Sonne

Ich warte auf das
Anfangswort“

Was wird das für ein Anfangswort sein, das Rose Ausländer erwartet? Was soll, was kann dieses Anfangswort bewirken? Anfangsworte – so scheint es der Begriff zu sagen – setzen einen Anfang, geben der Geschichte eine Wendung, bringen etwas in Gang, zeigen Wirkung. Man könnte beinahe sagen, es ist ausgesprochen wirkungsvoll, ausgesprochen schön, ausgesprochen tief im Erleben und in der Wirkung, mit Anfangsworten angesprochen zu werden.

Erinnern Sie die Angangsworte Jesu in den Evangelien? Bei Matthäus ist es das Zusammenkommen mit Johannes dem Täufer, dessen Verwunderung „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ und die Entgegnung, das Anfangswort Jesu: „Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen“ (vgl. Mt 3,14f). Bei Markus ist Jesu Anfangswort der Begegnung mit Johannes dem Täufer, der Taufe und der Versuchung nachgeordnet. Nachdem Johannes ins Gefängnis geworfen wurde, geht Jesus nach Galiläa und verkündet das Evangelium Gottes. Sein Anfangswort hier ist: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe! Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (vgl. Mk 1,14f). Bei Lukas ist es die Geschichte des verloren geglaubten Jesus, seine Eltern suchen ihn in Jerusalem und finden ihn unter den Lehrern im Tempel. Jesu Anfangswort hier: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? (Lk 2,49). Und bei Johannes? Da folgen ihm zwei Jünger des Johannes, Jesus wendet sich um und fragt: „Was wollt ihr?“ Die Jünger fragen: „Rabbi, wo wohnst Du?“ Und Jesus antwortet. „Kommt und seht!“ (Joh 1,38f). Dass wir heute hier zusammenkommen und Ostern feiern, ist Folge dieser Anfangsworte, die gar nicht an uns, sondern an Johannes den Täufer, an die Menschen in Galiläa, an Maria und Josef und an zwei der Jünger des Johannes gerichtet waren.

Jesu Anfangsworte gelten uns

Aber das stimmt ja so nicht. Es handelt sich nicht um ein einmalig ausgesprochenes Wort, die nur einem bestimmten Menschen gelten und etwas in genau diesem Menschen bewirken. Wir sind Christen, weil wir glauben, dass diese Worte uns ganz persönlich gelten, uns als Gemeinschaft der Kirche und einem jeden von uns persönlich. Wie ist das mit dem „Warum hast du, warum habt ihr mich gesucht?“ Wie ist das mit dem „Kehre um und glaube an das Evangelium!“ Mit dem „Lass es nur zu!“ und mit dem „Komm und sieh!“ Das sind Anfangsworte, die schon viel in Bewegung gesetzt haben in Ihrem und unserm Leben – und die immer wieder den Charakter von „Anfangen“ haben, weil sie uns immer von Jesus wieder neu gesagt werden.

Gehen Sie dem doch einmal nach, was die Anfangsworte Jesu in Ihrem Leben bewirkt haben. Und spüren Sie der Kraft, der Vollmacht, der Initiation nach, die in manchen Worten liegt. Ist das „Nehmt und esst“ und das „Nehmt und trinkt“ nicht auch so ein Anfangswort, und darf man nicht nach Wahrheit und Wirkung des Wortes „Der Herr ist auferstanden“ fragen?

Österliche Anfangsworte

Das war jetzt ein langer Vorspann auf das Osterevangelium hin, aber dafür wird es um so verständlicher. Ich möchte Ihnen auf unserer Suche nach Gott in diesen Ostertagen anbieten, die Worte des Auferstandenen im heutigen Evangelium einmal genauso als Anfangsworte zu deuten wie die ersten Worte Jesu von Nazareth.

Maria beugt sich ins Grab, sie geht nicht hinein, wie vorher Petrus und der andere Jünger. Sie sieht zwei Engel dort sitzen, am Kopf- und am Fußende und wendet sich ihnen zu. Sie hört zuerst das Wort der beiden Engel: „Frau, warum weinst du?“ Sie sind vielleicht zu verstehen als „Was ist der Grund deiner Traurigkeit? Wen oder was vermisst du schmerzlich?“ Suchen Sie es sich aus, oder besser noch: Fühlen Sie sich angesprochen, gefragt: „Du, warum weinst du?“ oder auch „Worum weinst du?“ – „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Und dann wendet sie sich ein erste Mal um, hat das Grab im Rücken, hat es hinter sich gelassen. Das Weinen kann lähmen, es kann aber auch zu einem Ausdruck der Befreiung und zum Entschluss eines neuen Aufbrechens werden.

Da sieht sie vor dem Grab den, von dem sie glaubt, es sei der Gärtner. Er wiederholt die Frage „Frau, warum weinst du?“ und hängt an: „Wen suchst du?“ Diese Frage hat Sprengkraft! Wer wirklich sucht, hört nicht vorschnell auf, sondern bleibt dran. „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen.“ Es ist eine gute geistliche Wahrheit, dass nur der wirklich finden kann, der weiß, was er sucht – die Alternative ist, dass er gefunden wird oder sich finden lässt. Und das geschieht jetzt.

Das dritte Wort des Auferstandenen: „Maria!“ Es hat den Charakter eines Anfangswortes. Wenn man in Krisenzeiten liebend beim Namen angesprochen wird, dann kann sich was verändern. U d es geschieht etwas Verrücktes: Als Jesus sie beim Namen nennt, wendet sie sich wiederum um, wendet ihm jetzt den Rücken zu, schaut in das leere Grab und sagt ins leere Grab hinein: „Rabbuni!, das heißt Meister. Und darauf folgt Jesu „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinausgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Man könnte meinen, Jesus stärke Maria den Rücken, während sie das leere Grab schaut, und damit sie den Weg in die Welt gehen kann. Jesus im Rücken habend, geht Maria zu den Jüngern und verkündet ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen.“

Österliche Anfangsworte: Warum/worum weinst du? – Wen suchst du? – und dann „Maria“, das Nennen des Namens, deines, Ihres, meines Namens, und der Name steht für jeden einzelnen Namen hier in der Kirche, in der Gemeinde in der Welt. Was würde geschehen, wenn Sie sich klar machten, warum, worum Sie letztlich weinen? Wen Sie suchten? Wenn Sie sich vom Auferstandenen beim Namen nennen oder rufen lassen würden? Das wäre eine Weiterführung des ersten Ostern, weil dann das Leben den Tod besiegen würde.

Was hindert uns? Was macht uns träge? Keine Ahnung, aber was hilft, wird deutlich: die Erfahrung der Maria von Magdala: „Ich habe den Herrn gesehen“, als ein Anfangswort verstanden. Bald darauf werden sie sagen: „Der Herr ist auferstanden!“ – als Anfangswort! Rose Ausländer sagt: „Ich warte auf das Anfangswort.“ Halten wir die Augen offen für die Gegenwart des Auferstandenen, halten wir die Ohren offen für Anfangsworte, die Leben verheißen, über den Tod hinaus, aber halten wir nicht den Mund, solche Anfangsworte zu verschenken.

Amen.

Köln, 11.04.2020
Harald Klein

[1] vgl. [online] https://hhesse.de/gedichte/stufen/ 10.04.2020]

[2] Braun, Helmut (Hrsg.) (1988): Rose Ausländer. Gesammelte Werke in sieben Bänden, Frankfurt/Main, 223.

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