Palmsonntag: „… ob der Novize wirklich Gott sucht.“ (RB 58,7)

Gott suchen – wie ein Novize, eine Novizin

„Kommt einer neu und will das klösterliche Leben beginnen, werde ihm der Eintritt nicht leicht gewährt. […] Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst hat, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen.“ Als fr. Jean-Tristan und ich an einem Dienstag vormittags vor einigen Wochen beisammensaßen und gemeinsam auf die Predigten in dieser Heiligen Woche schauten, kamen wir in ganz anderen Zusammenhängen auf diesen Vers aus dem 58. Kapitel der Benediktsregel.

Und dennoch: Mit diesem Vers möchten wir in die Heilige Woche gehen, und dabei möchten wir Sie gerne mitnehmen: Wie einen Novizen, wie eine Novizin, die sich aufmacht, eifrig – so sagt es die Regel – Gott zu suchen, Gott zu entdecken. Gott zu finden, so, wie er sich zeigt, und dem zu gehorchen – so sagt es die Regel -, was wir da vernehmen. Und in all dem die Widerwärtigkeiten zu sehen und auszuhalten, die uns auf diesem Weg begegnen werden. Führen sollen uns dabei an jedem Gottesdienst einer oder eine, von dem, von der im Evangelium die Rede ist.

» Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht. «
aus der Regel des Hl. Benedikt, 58,7

Zwei Fragezeichen: Wen suchen? Und wo suchen?

Zwei große Fragezeichen gibt es da an diesem Palmsonntag, wenn es darum geht, wie ein Novize, wie eine Novizin wirklich Gott zu suchen. Das eine Fragezeichen gilt dem Gegenstand, gilt Gott. Ich kann mein Portemonnaie suchen, meinen Autoschlüssel, weil ich eine Ahnung, eine Kenntnis habe, wie beides aussieht. Aber Gott suchen?

„Gottsuche ist nicht wie das Aufsuchen eines bislang Unbekannten, von dessen Existenz man zwar durch andere gehört haben mag, dem man aber selbst noch nie begegnet ist. Wer Gott sucht, sucht nach dem, der bereits im voraus beim Suchenden war, der ihn nie verlassen hat, der den Suchenden immer schon gefunden hat“, schreibt der Fundamentaltheologe Heinrich Döring zum Stichwort „Gottsuche“ im Praktischen Lexikon der Spiritualität[1].

Das erste Fragezeichen, das hinter „Gott suchen“ steht, wird zum Ausrufezeichen. Wir suchen – heute, neu – nach dem, der bereits im Voraus bei uns Suchenden war, der schon lange eingezogen ist in unser Leben. Nichts anderes wird uns heute bildlich vor Augen geführt, im Einzug Jesu nach Jerusalem: In Jesus Christus zieht Gott selbst in unser Leben, in unsere Stadt, in unser Jerusalem ein. Und wir können uns aufmachen, wie die Menschen damals in Jerusalem, ihn zu entdecken, hoffentlich, um ihn zu verstehen und ihm nachzufolgen. Mit denen am Wegrand können wir zusehen, wie Christus selbst Einzug hält in unser Leben und unsere Lebenswelt.

Das kann ein wenig an Weihnachten erinnern. Hier feiern wir die Menschwerdung Gottes, und es macht für mich einen Unterschied, mich über die Wahrheit eines Dogmas zu freuen – Weihnachten – oder wirklich anzunehmen, dass Jesus Christus in mein Leben Einzug hält, in mein Jerusalem. Das hat etwas Privates. Geht es an Weihnachten primär um Gott und die Welt, so geht es Palmsonntag primär um Jesus und mich, um Jesus und Sie, um Jesus und den, der da am Straßenrand von Jerusalem steht, oder der von der Zinne des Tempels das Ganze beobachtet.

Das zweite Fragezeichen: Es gilt dem Ort, es geht dabei um die Frage, wo ich in der Haltung des Novizen Gott suchen soll. Es kann eine Suche im Außen sein – ich schaue mir die Welt an, und darin die Wirkungen, die Menschen in Christi Geist hinterlassen, oder die Kirche in ihren guten Seiten, um Gott zu finden. „Jerusalem“ wird dann zum Ort, zur Welt, zur Kirche, in die hinein Gott in Jesus Christus zieht. Es kann aber auch eine Suche im Innen sein – ich schaue in mein Leben, sehe die vielen Teile meiner Persönlichkeit und entdecke da viel von dem und von denen wieder, die im Evangelium auftauchen. Wenn Jesus in das Jerusalem meines inneren Lebens Einzug hält, kann jede Teilpersönlichkeit, kann jede innere Stimme oder jeder Teil meines Inneren Teams von diesem Jesus Christus angesprochen und herausgefordert werden, darf sich aber auch angeschaut und angenommen wissen. Jeder Teil meiner Persönlichkeit steht da am Rand der Straße in Jerusalem und schaut dem einziehenden Christus entgegen.

Gott suchen wie ein Novize – wen suche ich dann? Den, der sich mir schon lange gezeigt hat und der Einzug genommen hat in mein Leben. Und wo suche ich da? Ich kann mich entscheiden: eher mehr im Außen oder eher mehr im Innen; in beidem ist er zu finden.

» Man kann geneigt sein, diesen Satz 'Der Herr braucht ihn' auf sich selbst zu beziehen. Wir Christen sind diejenigen, die von Jesus gebraucht werden. «
aus: Te Deum. Das Stundengebet im Alltag, April 2020, Maria Lasch, 62.

Ein Ausrufezeichen: Die Stunden der Entscheidung!

Neben den beiden Fragezeichen gibt es aber auch ein Ausrufezeichen! Die Zeit vom Einzug Jesu nach Jerusalem bis zu seiner Kreuzigung wird in Mt 21-27 beschrieben; für die kurze Zeit innerhalb seines dreijährigen öffentlichen Wirkens wird ein Viertel des Evangelienbuches gebraucht. In Jerusalem geht es ums Ganze, hier spitzt sich alles zu. Jerusalem – das ist anders als Galiläa. Da ist nichts mehr mit galiläischem Frühling, mit Hinschauen, mit Staunen aus sicherer Distanz. Es passieren keine Berufungen und keine Heilungen mehr in diesen Kapiteln. Jerusalem – das äußere wie das innere – ist der Ort der Entscheidung, der Konsequenz, der Ort des Ja oder des Nein für den Novizen oder die Novizin. Was passiert da zwischen dem Einzug Jesu, dem Palmsonntag, und seinem Tod, der Kreuzigung?

Ein Erstes: Jesus zeigt, wer und wie er ist. Das geschieht in starken Taten, etwa in der Vertreibung der Händler aus dem Tempel und in der Verfluchung des Feigenbaums. Stellen Sie sich vor, Sie stünden am Straßenrand und schauten dem Geschehen im Tempel oder dem verdorrenden Feigenbaum zu. – Das geschieht im Vorstellen von Gleichnissen, die alle zur Entscheidung aufrufen: Das Gleichnis von den zwei Söhnen, von den bösen Winzern, vom Hochzeitsmahl, von der Steuer, vom treuen und vom untreuen Knecht, von den zehn Jungfrauen, von den Talenten und in der Rede vom Weltgericht. Stellen Sie sich vor, Sie säßen dabei und hörten diese Gleichnisse. – Und es geschieht in der Lehre, die Jesus bietet: Das größte Gebot, die Rede über den Messias, die Heuchelei der Schriftgelehrten und Pharisäer samt der Weh-Rufe; die Rede von der Drangsal, von Verbrechen und Strafe und der Aufruf zur Wachsamkeit. Stellen Sie sich vor, die Rufe und die Reden gelten Ihnen.

Und ein Zweites, die Kehrseite: Die Welt, die Menschen in Jerusalem auf der Suche nach Gott – und Sie mittendrin – können sehen (in Mt 26-27), wie die Mächtigen auf Jesus von Nazareth reagieren und wie diese Welt vielleicht auch heute auf Jesus den Christus zu reagieren versucht ist: der Todesbeschluss, der Verrat und der Tod des Judas, die Einsetzung der Eucharistie, die Ölbergszene, die Gefangennahme und die Verhöre Jesu vor dem Hohen Rat und vor Pilatus, dazu die Verleugnung des Petrus, Kreuzweg und Kreuzigung Jesu, sein Begräbnis und die Bewachung des Grabes. Stellen Sie sich in die Reihe auf der Straße, seien Sie stiller Beobachter am Ölberg.

Die Heilige Woche: Zeit, um Gott zu suchen

Sie erinnern noch den Anfang der Predigt aus der Regel des Hl. Benedikt: „Kommt einer neu und will das klösterliche Leben beginnen, werde ihm der Eintritt nicht leicht gewährt. […] Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst hat, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen.“

Die Heilige Woche eignet sich wie keine andere, wie ein Novize, eine Novizin Gott zu suchen. Er zieht ein in unser Jerusalem, außen wie innen. Es geht jetzt aber nicht mehr um ein Kennenlernen wie im galiläischen Frühling. Es geht um Ihre, es geht um meine Entscheidung. Sehe ich die, die Geschäfte machen mit dem Glauben, und braucht es vielleicht auch in mir eine Reinigung, damit ich mehr auf ihn vertraue? Finde ich mich in einem der beiden Söhne, von denen der eine Ja sagt und Nein lebt – und umgekehrt? Und finde ich um mich Menschen, die so sind? Höre ich Jesu Weh-Rufe über mein Leben und über das Leben anderer, auch in der Kirche? Steh ich dabei, an den Straßen meines Jerusalems, und schaue zu, wie die Liebe ans Kreuz geschlagen wird – und passiert so etwas auch in mir? Durch mich? Mit mir? „Ob der Novize wirklich Gott sucht“, heißt es in der Regel, und dann: „ob er Eifer für den Gottesdienst hat, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen.“

Das mag unser Eifer für den Gottesdienst sein, betend unser Jerusalem – innen wie außen – zu betrachten, Hörende zu sein auf das, was Jesus in Jerusalem zu sagen hat, und in den Widerwärtigkeiten, die uns dann begegnen, nicht wegzulaufen, sondern stehen zu bleiben, auszuhalten, um das zu erhoffen und zu erwarten, was nach Golgota kommt.

Amen.

 

Köln, 05.04.2020
Harald Klein

[1] Döring, Heinrich (1988): Gottsuche/Gottverlassenheit, in: Schütz, Christian (Hrsg.): Praktisches Lexikon zur Spiritualität, Freiburg, 565-568.

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